„The Homeless have to move out, IMMEDIATELY“, verkündete US-Präsident Donald Trump am 10. August 2025 über sein soziales Netzwerk Truth Social, „We will give you places to stay, but FAR from the Capital.“ Nur einen Tag darauf rief er an einer Pressekonferenz im Weissen Haus einen Kriminalitätsnotstand im Bundesdistrikt Washington D.C. aus. Zum vermeintlichen Schutz der öffentlichen Sicherheit folgte die staatliche Übernahme des Polizeiapparats und – wie zuvor in Los Angeles im Zuge der Anti-ICE-Proteste – der Einsatz der Nationalgarde. Drogen- und Alkoholmissbrauch auf der Strasse sollten schärfer bekämpft, obdachlose Menschen weggewiesen, inhaftiert und ihre Siedlungen geräumt werden. Diesem Kreuzzug gegen die Obdachlosen war die Executive Order 14321 „Ending Crime and Disorder on America’s Streets“ vom 24. Juli 2025 vorangegangen, die die Verschiebung staatlicher Ressourcen zugunsten von repressiven Gerichtsbarkeiten und Programmen im Umgang mit Obdachlosen vorsah.
Das Vorgehen in der Bundeshauptstadt entsprach weitgehend einem zentralen Wahlversprechen der zweiten Trump-Administration und vermochte somit nicht weiter überraschen. Die öffentliche Kritik daran war dennoch massiv: Stimmen aus Politik und Sozialarbeit, darunter das gemeinnützige, nichtstaatliche Interessensnetzwerk der National Coalition for the Homeless, betrachteten die Massnahmen als nie dagewesene Eskalation gegenüber Obdachlosen. Der demokratische Attorney General Brian Schwalb bezeichnete die Zwangsvertreibungen unlängst als „unprecedented, unnecessary, and unlawful“. Nonprofit-Organisationen kritisierten das Ganze als kontraproduktive Abkehr vom gängigen und überparteilich unterstützten Housing-First-Modell, also der möglichst bedingungsarmen Vermittlung von Wohnungen im Kampf gegen Obdachlosigkeit.
Doch es wäre zu kurzgegriffen, die gegenwärtige Repression als präzedenzlos einzuordnen, wie es diese Stimmen tun. Ein Blick in die Vergangenheit der Vereinigten Staaten zeigt, dass Obdachlose immer wieder zur Zielscheibe behördlicher Interventionen wurden. Allerdings veränderten sich der Grad staatlicher Eingriffe und die Formen der (Zwangs-)Instrumente im Laufe des letzten Jahrhunderts. Die Ereignisse in der Bundeshauptstadt sind vielmehr als Anknüpfung an diese brutale Vergangenheit zu lesen, die Teil der regressiven Politik des „great again“ zu sein scheint. Zwei historische Kontinuitäten mit unterschiedlichen Zeithorizonten helfen dabei, die gegenwärtigen behördlichen Strategien besser einordnen zu können: die in der Longue durée des 20. Jahrhunderts erst zu- und dann abnehmende Institutionalisierung und die seit den 1990er Jahren aufkommende Zero Tolerance.
Pathologisierung und (De-)Institutionalisierung
Obdachlosigkeit trat erstmals nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg als nationales Problem zutage. Der Ausbau des Eisenbahnnetzwerks im Zuge der Industrialisierung zog sogenannte „Tramps“ oder „Hobos“ an, meist junge und weisse Arbeitsmigranten also, die ohne Obdach durchs Land zogen. Wie der Historiker Todd DePastino in seinem Pionierwerk Citizen Hobo gezeigt hat, bildeten sie eine in der Literatur romantisierte und von Sozialreformern und Arbeitgebern abgelehnte Gegenkultur, deren Arbeitskraft für die Nachbürgerkriegswirtschaft dennoch unerlässlich war.
Auch wenn es bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert Versuche gab, obdach- oder arbeitslose Menschen zu kriminalisieren (so etwa die Freedmen und -women in den Südstaaten), gilt gemeinhin das frühe 20. Jahrhundert als Hochphase der sogenannten „vagrancy laws“. Insbesondere im Zuge der Great Depression kriminalisierten verschiedene Gesetze die umherziehenden, als „arbeitsscheu“ pathologisierten Menschen auf der Strasse, was gerade in urbanen Zentren nicht nur die sichtbaren, alleinstehenden Männer, sondern auch Frauen und Familien traf. Zwangsmassnahmen umfassten Geldstrafen, Arbeitsdienst und die Einweisung psychisch kranker (oder als solche angesehene) Menschen in staatliche Institutionen. Obdachlose, deren Lebensumstände durch soziologische und medizinische Fachleute als angeboren und somit als unveränderbar diagnostiziert wurden, konnten bis in die 1960er Jahre in fürsorgerischen Einrichtungen festgehalten, medikamentös behandelt und isoliert werden.
Diese Einrichtungen waren chronisch unterfinanziert und unterbesetzt, was sich in mangelhaften Zuständen äusserte. Die aufkommende Bürgerrechtsbewegung, neue antipsychotischen Medikamente und eine wachsende Ablehnung autoritärer Behandlungspraktiken gipfelten in der sogenannten „Deinstitutionalization“. Geschlossene Anstalten wurden geöffnet oder zumindest verkleinert, Patientinnen und Patienten in kommunale Einrichtungen überwiesen, die auf nicht-stationäre Betreuung setzten. Diese teilweise Deinstitutionalisierung entlastete den sich entwickelten Wohlfahrtsstaat ab Mitte der 1970er Jahre auch finanziell und überliess die Verantwortung den Gemeinden.
Als sich die Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten ab den 1980er Jahren zu einem Massenphänomen entwickelte, wandelte sich die Frage der (De-)institutionalisierung abermals zu einer kontroversen Angelegenheit: Kritiker:innen sahen am gelockerten kommunalen Fürsorgesystem eine der Ursachen dafür, dass vermehrt verhaltensauffällige oder süchtige Menschen auf der Strasse landeten. Auch wenn diese Grundsatzdebatte in der amerikanischen Politik einen gewissen Bestand hatte, setzte sich unter Fachleuten und Behörden dennoch die Ansicht durch, Obdachlosigkeit sei in erster Linie ein strukturelles Problem, dessen Ursachen nicht durch Zwangseinweisungen zu lösen war. Schon aus Kostengründen wurde eine Reinstitutionalisierung auf staatlicher Ebene nie ernsthaft in Betracht gezogen – bis heute.
Zerbrochene Fenster
Die frühen 1980er Jahre gelten als Beginn der modernen Ära der Obdachlosigkeit in den USA. Das Ende des Nachkriegsbooms und der Beginn der Deindustrialisierung, mangelnder Wohnraum für einkommensschwache Schichten, Kürzungen der staatlichen Sozialhilfe, aber auch die HIV/AIDS-Epidemie gehörten allesamt zu den Faktoren, welche zu einem rasanten Anstieg der Obdachlosenzahlen führten. Doch auch die sichtbare Zusammensetzung von Menschen, die auf der Strasse lebten, veränderte sich damit. Anstatt alleinstehender, älterer und weisser Männer prägte nun ein diverseres Bild aus Jugendlichen, Frauen, Familien und schwarzen Menschen das Bild. Die neue Wahrnehmung des sozialen Problems äusserte sich in einem fürsorgerischen und wissenschaftlichen Interesse, das in einer noch nicht dagewesenen Wissensproduktion mündete. Diese Entwicklung führte wiederum zu einer andauernden öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit gegenüber den sogenannten „new homeless“, die nicht mehr nur in von der Mehrheitsgesellschaft entkoppelten skid-rows, sondern auch in einkommensstarken Stadtteilen auftraten.
Damit waren die Voraussetzungen für den zweiten historischen Anknüpfungspunkt gegeben: der Zero-Tolerance-Politik. Das Konzept nahm in den Vereinigten Staaten der 1970 Jahre in New York seinen Ausgang und meint das rigide Vorgehen der Polizeibehörden gegen Kriminalität, beziehungsweise gegen kriminalisierte Handlungen auf der Strasse. Popularisiert wurde es durch einen Artikel des Politologen James Q. Wilson und des Kriminologen George L. Kelling im The Atlantic Monthly von 1982. Darin suggerierten sie, dass eine Nulltoleranzstrategie gegenüber Kleinkriminalität (petty crimes) und geringfügigen Ordnungsstörungen eine überproportionale Wirkung auf die Sicherheit öffentlicher Räume haben würde:
Consider a building with a few broken windows. If the windows are not repaired, the tendency is for vandals to break a few more windows. Eventually, they may even break into the building, and if it’s unoccupied, perhaps become squatters or light fires inside.
Diese sogenannte Broken-Windows-Theorie bildete einen der Grundpfeiler der Zero-Tolerance-Politik, die zunächst unter dem New York-Bürgermeister (und späteren Trump-Berater) Rudy Giuliani und seinem Polizeichef William Bratton praktiziert und bald von anderen amerikanischen und später europäischen Grossstädten übernommen wurde. Die Hauptzielscheibe einer ganzen Reihe neuer Verordnungen waren Obdachlose in öffentlichen Räumen, in Einkaufsmeilen und gentrifizierten Nachbarschaften. In einer Radioansprache vom November 1999 drohte Giuliani den Obdachlosen mit einer Festnahme, sollten sie die Unterbringung in Notunterkünften verweigern: „Streets do not exist in civilized societies for the purpose of people sleeping there […]. [The right] doesn’t exist anywhere. The founding fathers never put that in the Constitution.“
Die rigorose Haltung der republikanischen Giuliani-Administration sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch demokratische Regierungsvertreterinnen und Vertreter in New York mit repressiven Massnahmen gegen Obdachlose vorgingen. So wiesen Regierungsbeamte unter dem Demokraten Ed Koch obdachlose Menschen im Madison Square Garden weg, als dort 1980 die Democratic National Convention stattfinden sollte. Acht Jahre später folgte die Zwangsräumung der Zeltsiedlung auf dem Tompkins Square Park im East Village, die in einem blutigen Zusammenstoss der Polizei mit protestierenden Zivilist:innen mündete. Wiederaufgebaute Unterkünfte von Obdachlosen wurden in der Folge konsequent abgerissen. Zwangsmassnahmen gegenüber Obdachlosen haben in den USA also ebenso eine überparteiliche Tradition, wie die Unterstützung des Housing-First-Modell seit den 2000er Jahren. Keine der beiden Strategien haben Obdachlosigkeit spürbar verringert oder gar beseitigt.
Neue Interventionen zwischen Vision und Realität
Zumindest kurzfristig zeigte sich die Wirkungslosigkeit von Zwangsmassnahmen auch in Washington, D.C im Jahr 2025. Ende August waren fünfzig von den Obdachlosen selbst errichteten Siedlungen durch Bundesbeamte geräumt worden. Zu Verhaftungen kam es kaum. Zwar richteten die Stadtbehörden gleichzeitig neue Schlafplätze in Notunterkünften ein, die aufgrund unbeliebter Zugangskontrollen aber kaum Zulauf fanden. Stattdessen versetzten die Betroffenen einfach ihren Schlafplatz an neue Stellen oder kehrten nach wenigen Tagen wieder dorthin zurück, wo sie weggewiesen worden waren. Die Obdachlosen selbst bewerteten das Vorgehen auf Nachfrage der Presse unaufgeregt als „just more of the same.“
Für viele der von den neuen Restriktionen Betroffenen waren die Massnahmen altbekannt: Bereits im Jahr 2021 hatte die demokratische Bürgermeisterin Muriel E. Bowser versucht, sichtbare Formen von Obdachlosigkeit aus der Washingtoner Innenstadt zu verbannen, indem sie die grössten Obdachlosenlager räumen liess. Im Unterschied zu Trump setzte Bowser hingegen bei den Räumungen auf die örtliche Polizei und nicht auf die Nationalgarde. Für die Obdachlosen machte dies aber kaum einen nennenswerten Unterschied, denn die Nationalgardisten waren weder restriktiver als die ortsansässige Polizei noch wirkte ihr Engagement nachhaltiger als Bowsers Interventionen.
Wäre es dabeigeblieben, könnte man tatsächlich von einem sich wiederholenden Muster sprechen. Allerdings verdichten sich momentan die Hinweise auf eine Zäsur im Umgang mit Obdachlosen. Im November 2025 verkündete das Department of Housing and Urban Development, einen Grossteil der Gelder, die bisher in Housing-First-Programme investiert wurden, zugunsten von (unfreiwilligen) Arbeits- und Entzugsprogrammen abzuziehen. In Utah nimmt die Vision bereits konkrete Formen an: Noch vor Trumps zweiter Amtszeit trieb dort der republikanische Gouverneur Spencer Cox die Planung eines „service campus“ in der Nähe von Salt Lake City voran. In der auf sechzehn Hektaren geplante Anlage sollen bis zu 1’300 obdachlose Menschen unterkommen und zwangsweise gegen Sucht und psychische Erkrankung behandelt werden. Die Öffnung der Anstalt ist für das Jahr 2027 geplant.
Der Blick in die Vergangenheit gibt in zweifacher Weise Aufschluss über die gegenwärtigen Entwicklungen: Erstens reihen sie sich in eine historische Kontinuität restriktiven Handelns gegenüber Obdachlosen ein, wobei sich lediglich die (Zwangs-)Instrumente im Laufe des 20. Jahrhunderts geändert haben. Der Wandel weg von der Institutionalisierung und hin zur Zero-Tolerance-Politik war insgesamt durch einen Rückzug staatlicher Zuständigkeiten geprägt. Das Umschwenken des Department of Housing and Urban Development und die Bestrebungen in Utah deuten jedoch, zweitens, auf eine neuartige Vermengung beider Aspekte hin; also die durch eine staatliche Nulltoleranzstrategie gestützte Rückkehr zur Reinstitutionalisierung. Ob sich diese in der Praxis auch durchsetzen lässt, bleibt abzuwarten. Aus historischer Sicht scheint jedoch klar, dass sich Obdachlosigkeit damit nicht effektiv beheben lässt, sondern nur erneut individualisiert wird. Bleiben die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen von Obdachlosigkeit unberücksichtigt, wird auch das Phänomen weiterbestehen.