Das gegenwärtige Vorgehen und die Rhetorik der Trump-Administration gegen obdachlose Menschen in der Bundeshauptstadt Washington D. C. scheint auf den ersten Blick beispiellos zu sein. Tatsächlich handelt es sich um eine neuartige Vermengung altbekannter historischer Kontinuitäten.

  • Ramon Wiederkehr

    Ramon Wiederkehr ist als Oberassistent am Historischen Seminar der Universität Luzern tätig und forscht zur Geschichte der Obdachlosigkeit in Nordamerika im Kontext der Deindustrialisierung der 1970er bis 1990er Jahre. Er promovierte 2025 an der Université de Neuchâtel mit einer Arbeit zur humanitären Verflechtungsgeschichte der Schweiz und dem internationalen Flüchtlingsregime zwischen 1943 und 1952.

„The Home­less have to move out, IMMEDIATELY“, verkün­dete US-Präsident Donald Trump am 10. August 2025 über sein soziales Netz­werk Truth Social, „We will give you places to stay, but FAR from the Capital.“ Nur einen Tag darauf rief er an einer Pres­se­kon­fe­renz im Weissen Haus einen Krimi­na­li­täts­not­stand im Bundes­di­strikt Washington D.C. aus. Zum vermeint­li­chen Schutz der öffent­li­chen Sicher­heit folgte die staat­liche Über­nahme des Poli­zei­ap­pa­rats und – wie zuvor in Los Angeles im Zuge der Anti-ICE-Proteste – der Einsatz der Natio­nal­garde. Drogen- und Alko­hol­miss­brauch auf der Strasse sollten schärfer bekämpft, obdach­lose Menschen wegge­wiesen, inhaf­tiert und ihre Sied­lungen geräumt werden. Diesem Kreuzzug gegen die Obdach­losen war die Execu­tive Order 14321 „Ending Crime and Disorder on America’s Streets“ vom 24. Juli 2025 voran­ge­gangen, die die Verschie­bung staat­li­cher Ressourcen zugunsten von repres­siven Gerichts­bar­keiten und Programmen im Umgang mit Obdach­losen vorsah.

Das Vorgehen in der Bundes­haupt­stadt entsprach weit­ge­hend einem zentralen Wahl­ver­spre­chen der zweiten Trump-Administration und vermochte somit nicht weiter über­ra­schen. Die öffent­liche Kritik daran war dennoch massiv: Stimmen aus Politik und Sozi­al­ar­beit, darunter das gemein­nüt­zige, nicht­staat­liche Inter­es­sens­netz­werk der National Coali­tion for the Home­less, betrach­teten die Mass­nahmen als nie dage­we­sene Eska­la­tion gegen­über Obdach­losen. Der demo­kra­ti­sche Attorney General Brian Schwalb bezeich­nete die Zwangs­ver­trei­bungen unlängst als „unpre­ce­dented, unneces­sary, and unlawful“. Nonprofit-Organisationen kriti­sierten das Ganze als kontra­pro­duk­tive Abkehr vom gängigen und über­par­tei­lich unter­stützten Housing-First-Modell, also der möglichst bedin­gungs­armen Vermitt­lung von Wohnungen im Kampf gegen Obdachlosigkeit.

Doch es wäre zu kurz­ge­griffen, die gegen­wär­tige Repres­sion als präze­denzlos einzu­ordnen, wie es diese Stimmen tun. Ein Blick in die Vergan­gen­heit der Verei­nigten Staaten zeigt, dass Obdach­lose immer wieder zur Ziel­scheibe behörd­li­cher Inter­ven­tionen wurden. Aller­dings verän­derten sich der Grad staat­li­cher Eingriffe und die Formen der (Zwangs-)Instrumente im Laufe des letzten Jahr­hun­derts. Die Ereig­nisse in der Bundes­haupt­stadt sind viel­mehr als Anknüp­fung an diese brutale Vergan­gen­heit zu lesen, die Teil der regres­siven Politik des „great again“ zu sein scheint. Zwei histo­ri­sche Konti­nui­täten mit unter­schied­li­chen Zeit­ho­ri­zonten helfen dabei, die gegen­wär­tigen behörd­li­chen Stra­te­gien besser einordnen zu können: die in der Longue durée des 20. Jahr­hun­derts erst zu- und dann abneh­mende Insti­tu­tio­na­li­sie­rung und die seit den 1990er Jahren aufkom­mende Zero Tole­rance.

Patho­lo­gi­sie­rung und (De-)Institutionalisierung

Obdach­lo­sig­keit trat erst­mals nach dem Ameri­ka­ni­schen Bürger­krieg als natio­nales Problem zutage. Der Ausbau des Eisen­bahn­netz­werks im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung zog soge­nannte „Tramps“ oder „Hobos“ an, meist junge und weisse Arbeits­mi­granten also, die ohne Obdach durchs Land zogen. Wie der Histo­riker Todd DePas­tino in seinem Pionier­werk Citizen Hobo gezeigt hat, bildeten sie eine in der Lite­ratur roman­ti­sierte und von Sozi­al­re­for­mern und Arbeit­ge­bern abge­lehnte Gegen­kultur, deren Arbeits­kraft für die Nach­bür­ger­kriegs­wirt­schaft dennoch uner­läss­lich war.

Auch wenn es bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­dert Versuche gab, obdach- oder arbeits­lose Menschen zu krimi­na­li­sieren (so etwa die Freedmen und -women in den Südstaaten), gilt gemeinhin das frühe 20. Jahr­hun­dert als Hoch­phase der soge­nannten „vagrancy laws“. Insbe­son­dere im Zuge der Great Depres­sion krimi­na­li­sierten verschie­dene Gesetze die umher­zie­henden, als „arbeits­scheu“ patho­lo­gi­sierten Menschen auf der Strasse, was gerade in urbanen Zentren nicht nur die sicht­baren, allein­ste­henden Männer, sondern auch Frauen und Fami­lien traf. Zwangs­mass­nahmen umfassten Geld­strafen, Arbeits­dienst und die Einwei­sung psychisch kranker (oder als solche ange­se­hene) Menschen in staat­liche Insti­tu­tionen. Obdach­lose, deren Lebens­um­stände durch sozio­lo­gi­sche und medi­zi­ni­sche Fach­leute als ange­boren und somit als unver­än­derbar diagnos­ti­ziert wurden, konnten bis in die 1960er Jahre in fürsor­ge­ri­schen Einrich­tungen fest­ge­halten, medi­ka­mentös behan­delt und isoliert werden.

Diese Einrich­tungen waren chro­nisch unter­fi­nan­ziert und unter­be­setzt, was sich in mangel­haften Zuständen äusserte. Die aufkom­mende Bürger­rechts­be­we­gung, neue anti­psy­cho­ti­schen Medi­ka­mente und eine wach­sende Ableh­nung auto­ri­tärer Behand­lungs­prak­tiken gipfelten in der soge­nannten „Deinsti­tu­tio­na­liza­tion“. Geschlos­sene Anstalten wurden geöffnet oder zumin­dest verklei­nert, Pati­en­tinnen und Pati­enten in kommu­nale Einrich­tungen über­wiesen, die auf nicht-stationäre Betreuung setzten. Diese teil­weise Deinsti­tu­tio­na­li­sie­rung entlas­tete den sich entwi­ckelten Wohl­fahrts­staat ab Mitte der 1970er Jahre auch finan­ziell und über­liess die Verant­wor­tung den Gemeinden.

Als sich die Obdach­lo­sig­keit in den Verei­nigten Staaten ab den 1980er Jahren zu einem Massen­phä­nomen entwi­ckelte, wandelte sich die Frage der (De-)institutionalisierung aber­mals zu einer kontro­versen Ange­le­gen­heit: Kritiker:innen sahen am gelo­ckerten kommu­nalen Fürsor­ge­system eine der Ursa­chen dafür, dass vermehrt verhal­tens­auf­fäl­lige oder süch­tige Menschen auf der Strasse landeten. Auch wenn diese Grund­satz­de­batte in der ameri­ka­ni­schen Politik einen gewissen Bestand hatte, setzte sich unter Fach­leuten und Behörden dennoch die Ansicht durch, Obdach­lo­sig­keit sei in erster Linie ein struk­tu­relles Problem, dessen Ursa­chen nicht durch Zwangs­ein­wei­sungen zu lösen war. Schon aus Kosten­gründen wurde eine Rein­sti­tu­tio­na­li­sie­rung auf staat­li­cher Ebene nie ernst­haft in Betracht gezogen – bis heute.

Zerbro­chene Fenster

Die frühen 1980er Jahre gelten als Beginn der modernen Ära der Obdach­lo­sig­keit in den USA. Das Ende des Nach­kriegs­booms und der Beginn der Deindus­tria­li­sie­rung, mangelnder Wohn­raum für einkom­mens­schwache Schichten, Kürzungen der staat­li­chen Sozi­al­hilfe, aber auch die HIV/AIDS-Epidemie gehörten alle­samt zu den Faktoren, welche zu einem rasanten Anstieg der Obdach­lo­sen­zahlen führten. Doch auch die sicht­bare Zusam­men­set­zung von Menschen, die auf der Strasse lebten, verän­derte sich damit. Anstatt allein­ste­hender, älterer und weisser Männer prägte nun ein diver­seres Bild aus Jugend­li­chen, Frauen, Fami­lien und schwarzen Menschen das Bild. Die neue Wahr­neh­mung des sozialen Problems äusserte sich in einem fürsor­ge­ri­schen und wissen­schaft­li­chen Inter­esse, das in einer noch nicht dage­we­senen Wissens­pro­duk­tion mündete. Diese Entwick­lung führte wiederum zu einer andau­ernden öffent­li­chen und poli­ti­schen Aufmerk­sam­keit gegen­über den soge­nannten „new home­less“, die nicht mehr nur in von der Mehr­heits­ge­sell­schaft entkop­pelten skid-rows, sondern auch in einkom­mens­starken Stadt­teilen auftraten.

Damit waren die Voraus­set­zungen für den zweiten histo­ri­schen Anknüp­fungs­punkt gegeben: der Zero-Tolerance-Politik. Das Konzept nahm in den Verei­nigten Staaten der 1970 Jahre in New York seinen Ausgang und meint das rigide Vorgehen der Poli­zei­be­hörden gegen Krimi­na­lität, bezie­hungs­weise gegen krimi­na­li­sierte Hand­lungen auf der Strasse. Popu­la­ri­siert wurde es durch einen Artikel des Poli­to­logen James Q. Wilson und des Krimi­no­logen George L. Kelling im The Atlantic Monthly von 1982. Darin sugge­rierten sie, dass eine Null­to­le­ranz­stra­tegie gegen­über Klein­kri­mi­na­lität (petty crimes) und gering­fü­gigen Ordnungs­stö­rungen eine über­pro­por­tio­nale Wirkung auf die Sicher­heit öffent­li­cher Räume haben würde:

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Consider a buil­ding with a few broken windows. If the windows are not repaired, the tendency is for vandals to break a few more windows. Even­tually, they may even break into the buil­ding, and if it’s unoc­cu­pied, perhaps become squat­ters or light fires inside.

Diese soge­nannte Broken-Windows-Theorie bildete einen der Grund­pfeiler der Zero-Tolerance-Politik, die zunächst unter dem New York-Bürgermeister (und späteren Trump-Berater) Rudy Giuliani und seinem Poli­zei­chef William Bratton prak­ti­ziert und bald von anderen ameri­ka­ni­schen und später euro­päi­schen Gross­städten über­nommen wurde. Die Haupt­ziel­scheibe einer ganzen Reihe neuer Verord­nungen waren Obdach­lose in öffent­li­chen Räumen, in Einkaufs­meilen und gentri­fi­zierten Nach­bar­schaften. In einer Radio­an­sprache vom November 1999 drohte Giuliani den Obdach­losen mit einer Fest­nahme, sollten sie die Unter­brin­gung in Notun­ter­künften verwei­gern: „Streets do not exist in civi­lized socie­ties for the purpose of people slee­ping there […]. [The right] doesn’t exist anywhere. The foun­ding fathers never put that in the Constitution.“

Die rigo­rose Haltung der repu­bli­ka­ni­schen Giuliani-Administration sollte aller­dings nicht darüber hinweg­täu­schen, dass auch demo­kra­ti­sche Regie­rungs­ver­tre­te­rinnen und Vertreter in New York mit repres­siven Mass­nahmen gegen Obdach­lose vorgingen. So wiesen Regie­rungs­be­amte unter dem Demo­kraten Ed Koch obdach­lose Menschen im Madison Square Garden weg, als dort 1980 die Demo­cratic National Conven­tion statt­finden sollte. Acht Jahre später folgte die Zwangs­räu­mung der Zelt­sied­lung auf dem Tomp­kins Square Park im East Village, die in einem blutigen Zusam­men­stoss der Polizei mit protes­tie­renden Zivilist:innen mündete. Wieder­auf­ge­baute Unter­künfte von Obdach­losen wurden in der Folge konse­quent abge­rissen. Zwangs­mass­nahmen gegen­über Obdach­losen haben in den USA also ebenso eine über­par­tei­liche Tradi­tion, wie die Unter­stüt­zung des Housing-First-Modell seit den 2000er Jahren. Keine der beiden Stra­te­gien haben Obdach­lo­sig­keit spürbar verrin­gert oder gar beseitigt.

Neue Inter­ven­tionen zwischen Vision und Realität

Zumin­dest kurz­fristig zeigte sich die Wirkungs­lo­sig­keit von Zwangs­mass­nahmen auch in Washington, D.C im Jahr 2025. Ende August waren fünfzig von den Obdach­losen selbst errich­teten Sied­lungen durch Bundes­be­amte geräumt worden. Zu Verhaf­tungen kam es kaum. Zwar rich­teten die Stadt­be­hörden gleich­zeitig neue Schlaf­plätze in Notun­ter­künften ein, die aufgrund unbe­liebter Zugangs­kon­trollen aber kaum Zulauf fanden. Statt­dessen versetzten die Betrof­fenen einfach ihren Schlaf­platz an neue Stellen oder kehrten nach wenigen Tagen wieder dorthin zurück, wo sie wegge­wiesen worden waren. Die Obdach­losen selbst bewer­teten das Vorgehen auf Nach­frage der Presse unauf­ge­regt als „just more of the same.“

Für viele der von den neuen Restrik­tionen Betrof­fenen waren die Mass­nahmen altbe­kannt: Bereits im Jahr 2021 hatte die demo­kra­ti­sche Bürger­meis­terin Muriel E. Bowser versucht, sicht­bare Formen von Obdach­lo­sig­keit aus der Washing­toner Innen­stadt zu verbannen, indem sie die grössten Obdach­lo­sen­lager räumen liess. Im Unter­schied zu Trump setzte Bowser hingegen bei den Räumungen auf die örtliche Polizei und nicht auf die Natio­nal­garde. Für die Obdach­losen machte dies aber kaum einen nennens­werten Unter­schied, denn die Natio­nal­gar­disten waren weder restrik­tiver als die orts­an­säs­sige Polizei noch wirkte ihr Enga­ge­ment nach­hal­tiger als Bowsers Interventionen.

Wäre es dabei­ge­blieben, könnte man tatsäch­lich von einem sich wieder­ho­lenden Muster spre­chen. Aller­dings verdichten sich momentan die Hinweise auf eine Zäsur im Umgang mit Obdach­losen. Im November 2025 verkün­dete das Depart­ment of Housing and Urban Deve­lo­p­ment, einen Gross­teil der Gelder, die bisher in Housing-First-Programme inves­tiert wurden, zugunsten von (unfrei­wil­ligen) Arbeits- und Entzugs­pro­grammen abzu­ziehen. In Utah nimmt die Vision bereits konkrete Formen an: Noch vor Trumps zweiter Amts­zeit trieb dort der repu­bli­ka­ni­sche Gouver­neur Spencer Cox die Planung eines „service campus“ in der Nähe von Salt Lake City voran. In der auf sech­zehn Hektaren geplante Anlage sollen bis zu 1’300 obdach­lose Menschen unter­kommen und zwangs­weise gegen Sucht und psychi­sche Erkran­kung behan­delt werden. Die Öffnung der Anstalt ist für das Jahr 2027 geplant.

Der Blick in die Vergan­gen­heit gibt in zwei­fa­cher Weise Aufschluss über die gegen­wär­tigen Entwick­lungen: Erstens reihen sie sich in eine histo­ri­sche Konti­nuität restrik­tiven Handelns gegen­über Obdach­losen ein, wobei sich ledig­lich die (Zwangs-)Instrumente im Laufe des 20. Jahr­hun­derts geän­dert haben. Der Wandel weg von der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung und hin zur Zero-Tolerance-Politik war insge­samt durch einen Rückzug staat­li­cher Zustän­dig­keiten geprägt. Das Umschwenken des Depart­ment of Housing and Urban Deve­lo­p­ment und die Bestre­bungen in Utah deuten jedoch, zwei­tens, auf eine neuar­tige Vermen­gung beider Aspekte hin; also die durch eine staat­liche Null­to­le­ranz­stra­tegie gestützte Rück­kehr zur Rein­sti­tu­tio­na­li­sie­rung. Ob sich diese in der Praxis auch durch­setzen lässt, bleibt abzu­warten. Aus histo­ri­scher Sicht scheint jedoch klar, dass sich Obdach­lo­sig­keit damit nicht effektiv beheben lässt, sondern nur erneut indi­vi­dua­li­siert wird. Bleiben die sozialen und wirt­schaft­li­chen Ursa­chen von Obdach­lo­sig­keit unbe­rück­sich­tigt, wird auch das Phänomen weiterbestehen.