Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit, geschrieben von dem Anthropogen David Graeber und dem Archäologen David Wengrow, hat große Wellen geschlagen. Kein Wunder, schließlich bieten sie eine neue Perspektive auf die Menschheitsgeschichte – und Aussichten auf herrschaftsfreie Gesellschaften.

  • Jule Govrin

    Jule Govrin ist Philosoph:in und forscht an der Schnittstelle von Politischer Theorie, Sozialphilosophie, Feministischer Philosophie und Ästhetik, aktuell arbeitet sie am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main zur politischen Dimension von Körpern und zu Verwundbarkeit als Modus der Gleichheit. Zu ihren Publikationen zählen "Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosphische Studie" (de Gryuter 2020) und „Politische Körper. Von Sorge und Solidarität“ ( Matthes & Seitz 2022). Neben ihrer Forschung ist sie als Redakteur:in bei Geschichte der Gegenwart tätig.
  • Philipp Sarasin

    Philipp Sarasin lehrte Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er publizierte kürzlich "1977. Eine kurze Geschiche der Gegenwart" (Suhrkamp 2021) und ist Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart.
  • Janosch Steuwer

    Janosch Steuwer ist Historiker. Er forscht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus sowie zur Geschichte des Umgangs mit der extremen Rechten in Europa seit den 1960er Jahren und ist Herausgeber von Geschichte der Gegen­wart.

Janosch Steuwer: Wir haben uns vorge­nommen, über ein Buch zu spre­chen, das inter­na­tional schon sehr viel Aufmerk­sam­keit bekommen hat: The Dawn of Ever­ything. A New History of Huma­nity, in dem der Anthro­po­loge David Graeber und der Archäo­loge David Wengrow auf über­ra­schende Weise von den Anfängen der Geschichte der Mensch­heit berichten. Das Buch beginnt in der Eiszeit und behan­delt dann vor allem stein- und bron­ze­zeit­liche Kulturen auf der ganzen Welt. Dabei bringen die beiden Autoren auf der einen Seite die Ergeb­nisse von zahl­rei­chen archäo­lo­gi­schen Diskus­sionen und Entde­ckungen der letzten Jahre einem allge­meinen Publikum nahe. Auf der anderen Seite ist Anfänge. Eine neue Geschichte der Mensch­heit, wie die deut­sche Über­set­zung heißt, aber auch ein eminent poli­ti­sches Buch, das aus der Betrach­tung der Vorge­schichte Erkennt­nisse für unsere Gegen­wart gewinnen will. Das ist für uns als Macher:innen von Geschichte der Gegen­wart natür­lich inter­es­sant und viel­leicht fangen wir unser Gespräch genau damit an. Inwie­fern ist das Buch ein politisches?

Jule Govrin: Es ist inso­fern poli­tisch, als es gegen die Vorstel­lung anschreibt, Menschen müssten unwei­ger­lich in Herr­schafts­ver­hält­nissen leben. Hierbei wollen die beiden nicht weniger als ein neues Verständnis von Mensch­sein und Verge­sell­schaf­tung eröffnen. Ihr Einsatz­punkt ist ja die Annä­he­rung an eine trans­epo­chale Geschichte jenseits der Alter­na­tiven eines Hobbes’schen, belli­zis­ti­schen und eines Rousseau’schen, roman­ti­schen Menschen­bildes. Wobei ich – um etwas vorzu­greifen – einräumen würde, dass sie mit ihrem Schwer­punkt auf Koope­ra­tion eine leicht Rous­seau zuge­neigte Schlag­seite beibe­halten. Doch dies nimmt ihrem Buch nicht die Wucht. Schließ­lich zeigen die beiden auf, dass andere, herr­schafts­freie Formen der Verge­sell­schaf­tung möglich waren. Menschen haben sich immer wieder anders orga­ni­siert, mit Herr­schaft, ohne Herr­schaft, gegen Herr­schaft. Und das wirft eben unsere gesamte Perspek­tive um – gerade inmitten eines Wirt­schafts­sys­tems, das sich als alter­na­tivlos anpreist. Wie Graeber und Wengrow offen­legen: Die Geschichte der Welt und ihre Herr­schafts­ver­hält­nisse sind nicht festgeschrieben.

Quelle: klett-cotta.de

Philipp Sarasin: Es ist wirk­lich ein erstaun­li­ches Buch, dessen selbst­er­klärte Ansprüche nicht höher sein könnten. Beson­ders spre­chend finde ich zum Beispiel die Bemer­kung in der Einlei­tung, sie wollten “nicht nur eine neue Geschichte der Mensch­heit vorlegen (!), sondern den Leser” – und die Leserin: die deut­sche Über­set­zung lässt leider zuweilen etwas zu wünschen übrig – “zu einer neuen Geschichts­wis­sen­schaft einladen, durch die unsere Vorfahren ihre volle Mensch­lich­keit zurück­er­halten”. Gemeint ist damit, wie Du, Jule, eben schon ange­deutet hast, dass Menschen seit dem ersten rekon­stru­ier­baren Auftreten von homo sapiens, spätes­tens aber seit etwa 30’000 Jahren, ihre poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­formen bezie­hungs­weise die Formen ihres Zusam­men­le­bens immer wieder frei und neu gestalten und verän­dern konnten, und zwar immer wieder in andere Rich­tungen. Die beiden Autoren stellen den Menschen als ein zoon poli­tikon, als “poli­ti­sches Tier” vor, wie Aris­to­teles sagte – aber natür­lich nicht erst seit den Griechen.

JS: Poli­tisch scheint mir das Buch aber auch noch auf einer zweiten Ebene: Es entwirft mit seiner Geschichte der Mensch­heit ein poli­ti­sches Argu­ment, über dessen Ziel­rich­tung wir sicher gleich noch weiter­spre­chen. Zugleich ist Anfänge ja aber auch ein empi­ri­sches Buch, das sich ausführ­lich mit einer Viel­zahl von archäo­lo­gi­schen Entde­ckungen der letzten Jahre beschäf­tigt und sein gegen­warts­be­zo­genes Argu­ment aus einer fach­li­chen Ausein­an­der­set­zung mit der Vergan­gen­heit entwi­ckelt. Und auch darin ist das Buch ja poli­tisch, weil es eine bestän­dige Refle­xion über die poli­ti­sche Dimen­sion von Archäo­logie anstellt. Dies betrifft ganz prak­ti­sche Fragen wie die, woran egali­täre und demo­kra­ti­sche Gesell­schaften der Vergan­gen­heit im archäo­lo­gi­schen Befund über­haupt iden­ti­fi­ziert werden können. Hier­ar­chi­sche Herr­schaft macht es einem mit ihren Herr­scher­grä­bern, Statuen und Palästen da sehr viel einfa­cher. Vor allem entwerfen Graeber und Wengrow aber ja eine histo­ri­sche Kritik der Archäo­logie bzw. ihres Denkens in Entwick­lungs­stufen, indem sie argu­men­tieren, dass dieses Denken bei seiner Entste­hung einen poli­ti­schen Zweck erfüllen sollte: die mit der Kolo­nia­li­sie­rung Amerikas aufkom­mende „indi­gene Kritik“ an der euro­päi­schen Lebens­weise zum Schweigen zu bringen.

PhS: Das ist in der Tat eine extrem span­nende Verbin­dung: Zum einen argu­men­tieren die beiden immer wieder, dass die poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­formen nicht von irgend­wel­chen Evolu­ti­ons­stufen, nicht von der Werk­zeug­ent­wick­lung oder sonst einer “Logik der Geschichte” bestimmt werden, und auch nicht von “Struk­turen”, die alle­samt die Menschen zu bloßen “Papp­fi­guren” degra­dieren würden. Also weder Darwin noch Marx noch Claude Lévy-Strauss und die Post­struk­tu­ra­listen. Ich finde diese pauschale Zurück­wei­sung aller struk­tu­rellen Ansätze zwar über­haupt nicht über­zeu­gend und ihre Behaup­tung, Menschen könnten sich und ihre Welt immer wieder, salopp gesagt, ganz frei neu erfinden, letzt­lich naiv. Das soll aber nicht heissen, dass ich ihre Kritik an Theo­rien nicht plau­sibel finde, die postu­lieren, dass die Entwick­lung von staat­li­chen Herr­schafts­formen unver­meid­lich sei, sobald die Kopf­zahl mensch­li­cher Gruppen eine gewisse Größe über­steigt – und die eben letzt­lich auf das west­liche Staats­mo­dell hinaus­laufen und es so recht­fer­tigen. Denn dazu gibt es, so zeigt das Buch ja eindrucks­voll, offen­kundig Alter­na­tiven, nämlich, so Graeber/Wengrow, verschie­dene Vari­anten indi­gener Lebens­weisen und Gesell­schafts­formen, deren nicht-hierarchische Orga­ni­sa­tion sich trotz der von Dir genannten Schwie­rig­keiten archäo­lo­gisch und ethno­gra­phisch nach­weisen lassen. Dazu kommt gleich zu Beginn des Buches ja auch ein rich­tiger Knaller: Nämlich die offenbar sehr gut begründ­bare These, dass die fran­zö­si­schen Aufklärer ihre Ideen von Gleich­heit und Frei­heit nicht selbst erfunden haben, sondern dass das Ideen waren, die niemand anderer als indi­gene Intel­lek­tu­elle und Staats­männer, wie Graeber/Wengrow sagen, über Kontakte mit Kolo­nisten und Missio­naren, zum Teil aber auch durch deren Reisen nach Frank­reich zu “uns” nach Europa brachten…!

JS: Genau. Und ein Knaller ist diese These, weil sie ebenso das bestehende Bild von der Aufklä­rung heraus­for­dert wie darauf gestützte poli­ti­sche Deutungen. Die lange Diskus­sion darum, ob Menschen­rechte ihrem Anspruch nach jetzt etwas Univer­selles oder etwas Parti­ku­lares, weil im aufge­klärten Europa Entstan­denes sind, könnte man auf dieser Basis nochmal anders führen. Zugleich ist diese Geschichte aber auch eine Parabel für das Kern­an­liegen des Buches: sich nicht länger wie die Euro­päer im 17. und 18. Jahr­hun­dert zu verhalten, sondern mit Hilfe der in den letzten Jahr­zehnten gewach­senen Erkennt­nisse von Archäo­logie und Ethno­logie heute ein intel­lek­tu­elles Gespräch mit Menschen aus “vormo­dernen Gesell­schaften” über Grund­fragen des Zusam­men­le­bens zu suchen.

JG: Es gibt ja zahl­reiche Ansätze post-und deko­lo­nialer Kritik, wie etwa von Susan Buck-Morss oder Serene Khader, die heraus­ar­beiten, dass Univer­sa­lismus kein Allein­stel­lungs­merkmal der euro­päi­schen Aufklä­rung ist, sondern dass univer­sa­lis­ti­sche Ideen quer durch alle Kulturen und Epochen auffindbar sind. Dennoch geben Graeber und Wengrow der Rekon­struk­tion der aufklä­re­ri­schen Univer­sa­lis­mus­ge­schichte einen neuen Dreh, denn sie enttarnen die euro­päi­sche Projek­ti­ons­leis­tung, durch die kriti­sches Wissen als per se euro­pä­isch markiert wird. Meist wurden ja die indi­genen Gesprächspartner*innen, die in der kolo­nialen Reise­li­te­ratur auftau­chen, als bloße Fiktionen erachtet, als euro­päi­sche Selbst­kritik über die Bande der Alterität. Graeber und Wengrow zeigen hingegen auf, dass es sich bei vielen Gesprächspartner*innen nicht um reine Fanta­sie­fi­guren euro­päi­scher Schrift­steller handelt, sondern um indi­gene Intel­lek­tu­elle, die in engem Dialog mit Europäer*innen standen und bisweilen selbst nach Europa reisten. Obwohl sie sicher­lich die natur­recht­li­chen Tradi­tionen und frühe antike Denk­spuren von Freiheit- und Gleich­heits­mo­dellen ein wenig in den Hinter­grund spielen, machen sie ein gutes Argu­ment: Woher sollten christ­lich habi­tua­li­sierte Menschen, deren höchster Ausdruck von Frei­heit vom Mittel­alter über die Frühe Neuzeit bis zum Beginn der Moderne auf den Ausnah­me­zu­stand des Karne­vals begrenzt war, von egali­tären, frei­heit­li­chen Prak­tiken wissen? Hingegen zeigen die beiden Autoren die basis­de­mo­kra­ti­schen Habi­tua­li­sie­rungen und Orga­ni­sa­ti­ons­prak­tiken in indi­genen Gesell­schaften auf, das heißt deren Kulturen des Disku­tie­rens und Argu­men­tie­rens, frei von Auto­ri­täts­gläu­big­keit. Ange­sichts dessen scheint es überaus schlüssig, dass Ideen von Gleich­heit und Frei­heit nicht allein aus den Gedan­ken­kreisen der euro­päi­schen Aufklä­rung entstanden.

JS: Und es ist schon ziem­lich clever von Graeber und Wengrow, das an den Anfang ihres Buches zu stellen, weil man danach die langen Ausflüge in die ferne Vergan­gen­heit der Mensch­heit tatsäch­lich anders liest: Nicht mehr vor allem mit einem Staunen darüber, zu welchen “kultu­rellen Leis­tungen” die Menschen “damals schon fähig” waren, einem Impuls, auf dem ja der gesamte Antiken-Tourismus gründet: “Seht her, die Pyra­miden! So groß und so alt!” Sondern man beginnt in den tastenden, weil am spär­li­chen Befund orien­tierten Erkun­dungen “vorzeit­li­cher” Gesell­schaften, andere Modelle gesell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tion zu erkennen. Da finde ich schon, dass der Anspruch gelingt, Menschen der “Vorzeit” tatsäch­lich als Menschen sichtbar zu machen, die über ähnliche Probleme nach­dachten wie wir, aber ganz andere Lösungen fanden, die unseren Denk­ho­ri­zont erwei­tern können.

PhS: Zugleich zeigen Graeber und Wengrow ja nicht nur die poli­ti­sche Bedeu­tung archäo­lo­gi­scher Befunde auf. Sie haben ohne Frage auch selbst ein poli­ti­sches Programm – es ist offen­kundig anarchistisch.

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David Wengrow und David Graeber, der kurz nach Abschluss der Arbeit an „Anfänge“ starb; Quelle: lithub.com

JG: Sie schließen direkt an den anti-autoritären Ansatz von anderen Anthropolog*innen wie Pierre Clastre an. In ähnli­cher Weise liegt ihr Angriffs­punkt bei der Büro­kratie. Durch die Forma­li­sie­rung, Insti­tu­tio­na­li­sie­rung und eben Büro­kra­ti­sie­rung von Gesell­schafts­struk­turen der Ungleich­heit werden diese sedi­men­tiert, sie verlieren den spie­le­ri­schen Charakter, der mensch­liche Sozia­li­sa­tion – trans­epo­chal betrachtet – ausweist, so das zentrale Argu­ment von Graeber und Wengrow. Daran richtet sich ihre Kritik an modernen Gleich­heits­ideen aus: Gleich­heit wird über Auto­rität vermit­telt, ob über Gott oder später in der säku­laren Moderne über das Gesetz und den Staat – so ihre Kern­kritik. Daher ist für sie die Forde­rung nach Gleich­heit fehl­ge­leitet, statt­dessen heben sie Frei­heit hervor. An dieser Stelle sehe ich poli­tisch, aber auch philo­so­phisch immense Schwie­rig­keiten. Zum einen heben die beiden Frei­heit hervor, in der Linie einer anarchistisch-libertären Ausrich­tung, wie sie in den USA beliebt ist. Zum anderen verwerfen sie vorschnell den Gedanken von Gleich­heit, die sie mit büro­kra­ti­scher Gleich­ma­chung in eins setzen. Auf diese Weise verschließen sie sich der Möglich­keit, Gleich­heit anders zu denken. Als Gleich­heit, die eben nicht von oben gewährt oder verwei­gert wird, sondern als Gleich­heit von unten, als egali­täre Praxis, die entsteht, wenn sich Menschen herr­schafts­frei orga­ni­sieren. Solch ein Gedanke einer Gleich­heit von unten, als brüchige, kontin­gente Praxis, würde meiner Einschät­zung nach ihre poli­ti­sche Perspek­tive entschei­dend erweitern.

PhS: Ich glaube, ich muss dir da wider­spre­chen. Die poli­ti­sche Perspek­tive von Graeber und Wengrow ist, wie du richtig sagst, eine anar­chis­ti­sche – daher die Ableh­nung aller marxis­ti­schen Vorstel­lungen von einem “notwen­digen” Gang der Welt­ge­schichte, von unver­än­der­li­chen “Struk­turen” etc. Aber das ist keine “liber­täre” Vorstel­lung von Frei­heit. Sie zeigen doch an unzäh­ligen bron­ze­zeit­li­chen Sied­lungen bis hin zu ganzen Städten, dass diese als selbst­re­gierte Gemein­schaften orga­ni­siert waren, in der die “Bürger”, wie sie sagen, in rela­tiver Gleich­heit zusam­men­leben und ihre gemein­samen Ange­le­gen­heiten regelten, was ganz offen­sicht­lich ihr Ideal mensch­li­chen Zusam­men­le­bens darstellt. Du hast sicher recht: Der Begriff der Frei­heit ist für sie der aller­wich­tigste, sie plädieren ständig dafür, in der Frei­heit des Menschen zur Selbst­or­ga­ni­sa­tion das eigent­lich “Mensch­liche” zu sehen. Aber weil diese Frei­heit für sie nicht nur die Frei­heit einiger weniger sein kann, kommt sie ohne die Gleich­heit nicht aus, viel­mehr ist die – rela­tive – Gleich­heit für sie gera­dezu das Krite­rium, an dem gleichsam das Gelingen der Frei­heit gemessen wird. Das ist doch das, was du monierst: Nicht von oben, sondern von unten orga­ni­sierte Gleich­heit, die aber eben deshalb, weil sie lokal und von unten kommt, nicht flächen­de­ckend und homogen “gleich” sein kann.

JG: Selbst­ver­ständ­lich zeigt ihre Analyse auf, wie sich Menschen mitein­ander orga­ni­sieren, meine Kritik zielt aller­dings auf ihren fehlenden Gedanken solch einer Gleich­heit ab, denn diese rela­tive Gleich­heit, wie Du sie nennst – ich würde sie als rela­tio­nale Gleich­heit bezeichnen –, wird zwar in ihren Beschrei­bungen sichtbar, doch sie arbeiten sie nicht konzep­tuell aus. Das Konzept, auf das sie sich affir­mativ berufen, ist Frei­heit. Wenn man sich die jüngere Geschichte des Anar­chismus in den USA anschaut, gibt es durchaus diese Tendenz, Frei­heit gegen­über Gleich­heit hervor­zu­heben. Und in diese aktu­elle Strö­mung würde ich sie einordnen. Sicher­lich denken die beiden Frei­heit als soziale, bedingte Frei­heit und nicht als libe­rale Fassung nega­tiver Frei­heit. Mein Einwand zielt darauf ab, dass ihre berech­tigte Kritik an modernen Gleich­heits­ideen die Gele­gen­heit verpasst, einen Gedanken von Gleich­heit einzu­bringen, der praxeo­lo­gisch und mate­ria­lis­tisch ist. Statt also allein auf den spie­le­ri­schen Charakter sozialer Rollen zu setzen – und Frei­heit der Gleich­heit vorzu­ziehen –, wäre hier ein guter Einsatz­punkt, um Gleich­heit in praxeo­lo­gi­scher Perspek­tive von unten zu denken, gerade im Blick auf die basis­de­mo­kra­ti­schen Prak­tiken indi­gener Gesell­schaften. Die Möglich­keiten, Gleich­heit in dieser praxeo­lo­gi­schen, prekären Form als Gleich­heit von unten zu denken, sind in ihrem anar­chis­ti­schen, mate­ria­lis­ti­schen Ansatz ange­legt, eben hier kann man meines Ermes­sens einhaken und ihren Ansatz erwei­tern, durch eine Konzep­tion rela­tio­naler Gleich­heit und egali­tärer Praktiken.

JS: Mir scheint hier eine prin­zi­pi­elle, auch diszi­pli­näre Frage berührt, nämlich wie das Buch eigent­lich seine poli­ti­schen Erkennt­nisse gewinnt und formu­liert: eben nicht, in dem die Autoren  die poli­ti­sche Pointe ihrer Über­le­gungen auf den Begriff bringen. Auch bei „Frei­heit“ kommen die beiden ja nicht zu einer Defi­ni­tion, sondern lösen den Begriff in drei „ursprüng­liche Frei­heiten“ auf: die Frei­heit, an einen anderen Ort zu ziehen, die Frei­heit, die Befehle anderer zu igno­rieren und die Frei­heit, soziale Ordnungen immer wieder zu verän­dern. Statt eigene Erkenntnis im Begriff zu aggre­gieren geht es darum, Begriffe hand­habbar zu machen, um mit ihnen empi­risch (und poli­tisch) agieren zu können. Ihre Ableh­nung des Gleich­heits­be­griffs habe ich inso­fern vor allem als Kritik am tradi­tio­nellen Voka­bular von Archäo­logie und Ethno­logie gelesen, das „Gleich­heit“ als Merkmal von Gesell­schaften behan­delt, wenn es zwischen „egali­tären“ und „komplexen Gesell­schaften“ trennt. Demge­gen­über beharren Graber und Wengrow darauf, dass Gesell­schaften niemals in jegli­cher Hinsicht gleich sind, die Wertung also beliebig ist, und vor allem mit der Fest­stel­lung etwa einer weit­ge­hend homo­genen mate­ri­ellen Kultur nichts über das Leben der Menschen gesagt ist. Verbrei­tete Kera­mik­stile zeigen ebenso wenig ungleiche Lebens­chancen an wie das Bestehen hier­ar­chi­scher Insti­tu­tionen ihnen in zwin­gender Weise wider­spre­chen müssen. Inso­fern würde ich ihren aufge­lösten Frei­heits­be­griff eigent­lich als Versuch verstehen, Gleich­heit praxeo­lo­gisch und mate­ria­lis­tisch zu konzi­pieren, zumal sie ihre drei Frei­heiten ja nicht nur als Recht begreifen, das jemanden zuge­standen wird, sondern als tatsäch­liche Möglich­keiten, die durch soziale Insti­tu­tionen abge­si­chert sein müssen.

David Wengrow; Quelle: twitter.com

JG: Ich sehe eben nicht, dass sie solch eine Gleich­heits­kon­zep­tion ausar­beiten oder anbieten. Ihr verengtes Gleich­heits­ver­ständnis wird so für die Analyse proble­ma­tisch. Mir scheint, dass es durchaus text­stra­te­gi­sche Gründe gibt, Gleich­heit als auto­ri­täres Verwal­tungs­prinzip abzutun. Sie gehen berech­tig­ter­weise davon aus, dass es keine voll­kommen egali­täre Gesell­schaft gibt, ohne jedoch einen Gegen­ent­wurf von Gleich­heit einzu­bringen, der diese als prekäre Praxis nicht als abso­lutes Ideal erfasst. Dies erlaubt ihnen, gewisse Ungleich­heiten nicht zu beachten oder ihnen zumin­dest Gewicht zu nehmen. Beson­ders deut­lich wird das in Bezug auf Geschlech­ter­po­li­tiken. Obwohl Graeber und Wengrow bemüht sind, Geschlech­ter­po­li­tiken mitzu­denken, hakt es da ganz ordent­lich. Zum einen scheinen sie mir den Anschluss an aktu­elle femi­nis­ti­sche Forschung verpasst zu haben. Zum anderen verweisen sie zwar auf ungleiche Geschlech­ter­rollen, doch mit ihrer Beto­nung des Spie­le­ri­schen bei gleich­zei­tiger Abwer­tung von Gleich­heit können sie die Geschlech­te­r­un­gleich­heit syste­ma­tisch herun­ter­spielen und diese Gemein­schaften dennoch als posi­tives poli­ti­sches Beispiel setzen. Kurzum, wenn sie Gleich­heit und Geschlech­ter­ver­hält­nisse grund­le­gender einbe­ziehen würden, wäre ihre Analyse anders ausge­fallen. Das betrifft sowohl die kriti­sche Rekon­struk­tion als auch mögliche Aussichten auf andere Verge­sell­schaf­tungs­formen, denn sie verschließen sich sowohl dem Gedanken einer Gleich­heit von unten als auch ökono­mi­schen Ansätzen, die Sorge anders orga­ni­sieren, wie in femi­nis­ti­scher Ökono­mie­kritik. Dahin­ge­hend finde ich Grae­bers Über­le­gungen in seinem Buch zu Schulden wesent­lich ausgereifter.

PhS: Ich kann dir da absolut folgen – die Arbeit an und mit Konzepten, gar „Theo­rien“ ist nicht die Stärke der Autoren. Sie versu­chen eher durch eine Fülle, man könnte auch sagen, Flut von empi­ri­schen Beispielen zu überzeugen.

JG: Genau darin liegt ja wiederum ihre Stärke – in dem mate­ria­lis­ti­schen Ansatz und ihrer Skepsis gegen­über abstrakter Theo­rie­bil­dung. Gerade deshalb lädt ihr Buch dazu ein, aus anderen Perspek­tiven weiter­zu­denken, ob aus geschichts­wis­sen­schaft­li­chen, philo­so­phi­schen oder anderen Perspektiven.

PhS: Wir haben hier nicht mehr den Raum, das alles näher zu bespre­chen. Ich würde aber doch sagen, dass es entschieden für dieses unge­mein anre­gende Buch spricht, dass wir über­haupt nicht mehr fertig würden, über seine Thesen zu disku­tieren. Inso­fern also: unbe­dingte Leseempfehlung!

JS: Ja! Und auch, weil das Buch einfach Spaß macht. Am Anfang bekennen Graeber und Wengrow, ihr größen­wahn­sin­niges Projekt auch einfach deshalb begonnen zu haben, weil bishe­rige Mensch­heits­ge­schichten „die Vergan­gen­heit lang­wei­liger als nötig“ darstellen würden. Und diese Lust an neuen, inter­es­santen Geschichten macht das Buch immer auch zu einer intel­lek­tu­ellen Aben­teu­er­reise, die die Leser:in an viele faszi­nie­rende Orten mitnimmt, und die, wie jedes Aben­teuer, aufre­gende und über­ra­schend bleibt, auch wenn man nicht alles mit Zustim­mung liest.

David Graeber/David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Mensch­heit, Stutt­gart: Klett-Cotta 2022.