Karol Nawrocki gilt vielen als wenig berechenbar. Nun überraschte das polnische Staatsoberhaupt damit, dass das ganze Land ihm beim Ausmisten des Präsidentenpalasts zuschauen durfte. Das repräsentative Gebäude in der Nähe der Warschauer Altstadt ist nicht nur Amtssitz, sondern auch Residenz des Präsidenten und seiner Familie. Die Nawrockis waren aufgrund von Renovierungsarbeiten erst im November in den Palast eingezogen. Irgendwann muss dem neuen Hausherrn aufgefallen sein, dass einer der historischen Säle im Palast ein wahrhaft symbolträchtiges Möbelstück beherbergt: Jenen legendären kreisförmigen Tisch, an dem sich 1989 das sozialistische Regime mit der demokratischen Opposition zu einem schrittweisen friedlichen Systemwechsel verständigt hatte. Das in Polen erprobte Runde-Tisch-Verfahren wurde danach in anderen Volksdemokratien übernommen und war ein Meilenstein des weitgehend gewaltfreien Umbruchs der Jahre 1989/90 in Ostmitteleuropa.
Die Demontage des Runden Tischs mit seinem neun Metern Durchmesser inszenierte Nawrocki am 18. Dezember 2025 als Akt der Befreiung. Während Mitarbeiter im Hintergrund die sperrigen Einzelteile aus eichenfurniertem Pressspan mitsamt der historischen Mikrofonanlage für den Abtransport ins Museum verpackten, stellte sich das Staatsoberhaupt breitbeinig vor die Szenerie und sprach in die Kameras: „Heute, verehrte Damen und Herren, ist in Polen der Postkommunismus zu Ende gegangen.“ Nawrockis medialer Coup kam im Selbstermächtigungsgestus eines durch die Deutungskämpfe der 1989er Generation unbelasteten Spätgeborenen daher. Die Inszenierung bringt einen ganzen Wald historischer Assoziationen, Bezüge und Symboliken zum Rauschen.
Symbol des friedlichen Übergangs – Stein politischen Anstoßes
Der Runde Tisch stand ursprünglich für den Kompromiss zwischen einer abgewirtschafteten, gewalttätigen Diktatur und einer nach Freiheit, Selbst- und Mitbestimmung strebenden Zivilgesellschaft. Während das Regime überzeugt war, mit den Verhandlungsergebnissen seinen Fortbestand gesichert zu haben, geschah etwas völlig anderes: Die den Kommunisten abgerungenen Zugeständnisse erwiesen sich als friedlicher Aufbruch in ein neues System. Ein Meilenstein waren die vereinbarten Parlamentswahlen vom 4. Juni 1989, bei denen 35% der Sitze durch freie Wahl vergeben wurden. Der Runde Tisch hatte somit eine Ereigniskette in Gang gesetzt, die am Ende die Berliner Mauer zu Fall brachte. Die Lehre aus den Verhandlungen am Runden Tisch war für alle gesellschaftlichen Gruppen, gleich ob Mitläufer, Apparatschiks, Oppositionelle oder die breite Bevölkerung, so einfach wie fundamental: Die Zukunft des Landes war nur friedlich und im Vertrauen auf ein Mindestmaß guten Willens der politischen Gegner gestaltbar.
Allerdings standen schon bald Millionen Menschen im Zuge der wirtschaftlichen Schocktherapie vor der Existenzfrage, während sie zusehen mussten, dass sich einige Wendehälse schamlos bereicherten und die Aufarbeitung der sozialistischen Diktatur ins Stocken kam. So gerieten auch die Verhandler des Runden Tischs auf der Oppositionsseite mit der Zeit in den Ruch, einen ebenso eigennützigen wie schmutzigen Deal auf Kosten der einfachen Menschen ausgehandelt zu haben. Die politischen Skandale jener Zeit verfestigten bei vielen Polinnen und Polen die Überzeugung, die gesamte Gesellschaft sei während der Umbruchsjahre und auch danach über den sprichwörtlichen – in diesem Falle runden – Tisch gezogen worden.
Lautsprecher der Transformationskritik waren über Jahre Jarosław Kaczyński und sein Zwillingsbruder Lech. Beide hatten an den Beratungen des Runden Tischs aufseiten der Opposition persönlich teilgenommen. In der ersten PiS-Regierung (2005-2007), flankiert durch die gleichzeitige Präsidentschaft Lech Kaczyńskis, war es vor allem Jarosław, der in Parteien, staatlichen Institutionen und Wirtschaft ein Netzwerk alter staatsozialistischer und neuer Solidarność-Eliten witterte. Es war auch diese Obsession, die PiS 2007 die Macht kostete.
Kaczyńskis späterer Gegenspieler Donald Tusk war einen anderen Weg gegangen: 1989 hatte er die Ideen des Runden Tischs noch als kompromisslerisch abgelehnt. Frustriert von der politischen und ökonomischen Wirklichkeit um die Jahrtausendwende, gründete er wie die Kaczynski-Brüder gemeinsam mit Weggefährten eine Partei, deren Ziel eine erneuerte Republik war, befreit von den korrumpierten Postkommunisten und Wendegewinnlern. Als Oppositionspolitiker und Regierungschef stellte er die historischen Leistungen der Solidarność von 1989 allerdings nie in Frage.
Politische Relevanz erlangte die Erzählung über die Verschwörung der alt-neuen Eliten abermals bei der Rückkehr der PiS an die Macht im Jahr 2015. Die Vergangenheit wurde erneut zum politischen Schlachtfeld, Polen war wieder gefangen in den Geschichtskämpfen der Generation Runder Tisch. Repräsentanten dieses Lagerkampfes waren Kaczynski und Tusk – und sind dies bis heute. Verändert haben sich nur ihre Rollen: Verhandlungsteilnehmer Kaczyński nahm eine immer negativere Position zum Runden Tisch ein, während der Kritiker Tusk die Leistungen der Vertragsparteien würdigte.
Karol Nawrocki wuchs in dieser instabilen Wirklichkeit der 1990er und 2000er Jahre auf: Aus nächster Nähe war er Augenzeuge der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in seiner Heimatstadt Danzig, der Herzkammer des polnischen Liberalismus, er erlebte die damalige Schwäche des Staats im Kampf gegen die organisierte Kriminalität und deren zynische Ausnutzung durch Kriminelle, Geschäftemacher und Politiker, der die einfachen Leute machtlos gegenüberstanden. Die Schriftstellerin Dorota Masłowska, wie Nawrocki Jahrgang 1983 und aufgewachsen in der Nähe von Gdańsk, hat die spezifisch polnische Version der Baseballschlägerjahre, in die der junge Karol hineinwuchs und sich in sie verstrickte, wie keine zweite beschrieben. Es ist kein Zufall, dass sich Nawrocki als Historiker und Publizist nicht nur dem Widerstand der Solidarność widmete, sondern auch mit der Geschichte der Fußball-Fankultur und der organisierten Kriminalität in seiner Heimatregion beschäftigte. In diesen Jahren verinnerlichte er das für die politische Rechte so typische Freund-Feind-Denken – wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.
So ist Nawrockis heutige Bewertung des Runden Tischs wenig überraschend. Während die Verteidiger der ausgehandelten Kompromisse in seinen Augen bis heute am Stockholm-Syndrom litten, sei es 1989 am Ende doch nur darum gegangen, aus Polen einen Hybriden aus Demokratie und Kommunismus zu erschaffen. Ein Möbelstück, das diesen Zustand symbolisiert, kann deshalb in den Augen des Präsidenten nicht in einem Amtsgebäude stehen, das die politische Gegenwart und Zukunft des freien und wirtschaftlich erstarkten Polen repräsentiere.
Hier offenbart der Historiker Nawrocki eine erstaunliche Geschichtsblindheit, denn allein der Präsidentenpalast steht für weitaus dunklere Wahrheiten aus der polnischen Geschichte als der vermeintliche Verrat am Runden Tisch. Das wuchtige Gebäude war Sitz des russischen Gouverneurs in der staatenlosen Zeit Polens, „Deutsches Haus“ für die Besatzer im Zweiten Weltkrieg, Unterzeichnungsort des Warschauer Pakts. Die Entscheidung, ein solches Gebäude 1990 zum Amtssitz des Staatsoberhaupts zu machen, geschah in diesem Bewusstsein um seine Belastungen – und im Wissen, dass dessen Geschichte auch solche stolzen Momente wie das erste öffentliche Konzert des achtjährigen Fryderyk Chopin, die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags mit der Bundesrepublik oder eben die Verhandlungen am Runden Tisch umfasst.
Ende des (Post-)Kommunismus?
Zwei Tage nach der Demontage des Runden Tischs erfuhr die polarisierte Öffentlichkeit, dass dessen Überführung in das im Entstehen begriffene Museum der Geschichte Polens bereits unter Nawrockis Vorvorgänger angestoßen wurde. Die Verhandlungen hatten sich dann jahrelang hingezogen; der Vollzug im ersten Amtsjahr Nawrockis war mithin reiner Zufall. „Das Verschwinden des Runden Tischs aus dem Palast ist in großen Teilen meine Schuld“, erklärte süffisant der langjährige, unter der jetzigen Regierung geschasste Museumsdirektor Robert Kostro.
Karol Nawrocki ließ die sich bietende Gelegenheit zur politischen Selbstinszenierung nicht verstreichen und erweckte den Eindruck, es handle sich um seine eigene Initiative. Dabei ging es ihm auch darum, sich von Kaczyński und dessen politischen Weggefährten generationell zu emanzipieren. Mit der Abschiebung des Tischs ins Museum werden die Debatten um seine Bewertung symbolisch historisiert. Die neue, von Nawrocki angeführte junge Generation wendet sich, der lähmenden Deutungskonflikte der (Groß-)väter müde, den in ihren Augen drängenden Zukunftsthemen zu. Zugleich handelt es sich um einen Bruch mit dem politischen Erbe der Solidarność, das Polen durch die schwierigste Transformationsphase trug und das Land zum unvollkommenen Vorbild vieler postdiktatorischer Gesellschaften machte.
Mit dem Runden Tisch verbannt der konfrontative Präsident Nawrocki die Kunst des politischen Kompromisses in die Mottenkiste der Geschichte – und dürstet doch selbst nach Anerkennung der von ihm so kritisierten 1989er Generation. Die eingangs zitierte Sentenz über das Ende des Postkommunismus hatte eine ikonische Vorlage im Jahr 1989. Der ursprüngliche Ausspruch stammt von der Schauspielerin Joanna Szczepkowska, die im sozialistischen Staatsfernsehen die ersten teilweise freien Wahlen im gesamten Ostblock mit den Worten kommentierte: „Am 4. Juni 1989 ist in Polen der Kommunismus zu Ende gegangen.“ Szczepkowska zählt heute zu den deutlich vernehmbaren Kritikerinnen Nawrockis.