Der Runde Tisch, an dem sich 1989 in Polen das sozialistische Regime und die demokratischen Opposition über einen schrittweisen friedlichen Systemwechsel verständigten, wurde vom aktuellen Präsidenten Karol Nawrocki aus dem Präsidentenpalast ins Museum entsorgt. Wenn Symbole von Widerstand, Opposition und Kompromiss aus der politischen Praxis verschwinden...

  • Christhardt Henschel

    Christhardt Henschel ist Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er hat zum Thema „Jeder Bürger Soldat. Militär, Juden und Zweite Polnische Republik zwischen Geschichte und Gegenwart“ an der Universität Leipzig promoviert. Seine Arbeitsgebiete sind: Geschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert; jüdische Geschichte Ostmitteleuropas; Militärgeschichte.

Karol Nawrocki gilt vielen als wenig bere­chenbar. Nun über­raschte das polni­sche Staats­ober­haupt damit, dass das ganze Land ihm beim Ausmisten des Präsi­den­ten­pa­lasts zuschauen durfte. Das reprä­sen­ta­tive Gebäude in der Nähe der Warschauer Altstadt ist nicht nur Amts­sitz, sondern auch Resi­denz des Präsi­denten und seiner Familie. Die Nawro­ckis waren aufgrund von Reno­vie­rungs­ar­beiten erst im November in den Palast einge­zogen. Irgend­wann muss dem neuen Haus­herrn aufge­fallen sein, dass einer der histo­ri­schen Säle im Palast ein wahr­haft symbol­träch­tiges Möbel­stück beher­bergt: Jenen legen­dären kreis­för­migen Tisch, an dem sich 1989 das sozia­lis­ti­sche Regime mit der demo­kra­ti­schen Oppo­si­tion zu einem schritt­weisen fried­li­chen System­wechsel verstän­digt hatte. Das in Polen erprobte Runde-Tisch-Verfahren wurde danach in anderen Volks­de­mo­kra­tien über­nommen und war ein Meilen­stein des weit­ge­hend gewalt­freien Umbruchs der Jahre 1989/90 in Ostmitteleuropa.

Die Demon­tage des Runden Tischs mit seinem neun Metern Durch­messer insze­nierte Nawrocki am 18. Dezember 2025 als Akt der Befreiung. Während Mitar­beiter im Hinter­grund die sper­rigen Einzel­teile aus eichen­fur­niertem Press­span mitsamt der histo­ri­schen Mikro­fon­an­lage für den Abtrans­port ins Museum verpackten, stellte sich das Staats­ober­haupt breit­beinig vor die Szenerie und sprach in die Kameras: „Heute, verehrte Damen und Herren, ist in Polen der Post­kom­mu­nismus zu Ende gegangen.“ Nawro­ckis medialer Coup kam im Selbst­er­mäch­ti­gungs­gestus eines durch die Deutungs­kämpfe der 1989er Gene­ra­tion unbe­las­teten Spät­ge­bo­renen daher. Die Insze­nie­rung bringt einen ganzen Wald histo­ri­scher Asso­zia­tionen, Bezüge und Symbo­liken zum Rauschen.

Symbol des fried­li­chen Über­gangs – Stein poli­ti­schen Anstoßes

Der Runde Tisch stand ursprüng­lich für den Kompro­miss zwischen einer abge­wirt­schaf­teten, gewalt­tä­tigen Diktatur und einer nach Frei­heit, Selbst- und Mitbe­stim­mung stre­benden Zivil­ge­sell­schaft. Während das Regime über­zeugt war, mit den Verhand­lungs­er­geb­nissen seinen Fort­be­stand gesi­chert zu haben, geschah etwas völlig anderes: Die den Kommu­nisten abge­run­genen Zuge­ständ­nisse erwiesen sich als fried­li­cher Aufbruch in ein neues System. Ein Meilen­stein waren die verein­barten Parla­ments­wahlen vom 4. Juni 1989, bei denen 35% der Sitze durch freie Wahl vergeben wurden. Der Runde Tisch hatte somit eine Ereig­nis­kette in Gang gesetzt, die am Ende die Berliner Mauer zu Fall brachte. Die Lehre aus den Verhand­lungen am Runden Tisch war für alle gesell­schaft­li­chen Gruppen, gleich ob Mitläufer, Appa­rat­schiks, Oppo­si­tio­nelle oder die breite Bevöl­ke­rung, so einfach wie funda­mental: Die Zukunft des Landes war nur fried­lich und im Vertrauen auf ein Mindestmaß guten Willens der poli­ti­schen Gegner gestaltbar.

Aller­dings standen schon bald Millionen Menschen im Zuge der wirt­schaft­li­chen Schock­the­rapie vor der Exis­tenz­frage, während sie zusehen mussten, dass sich einige Wende­hälse schamlos berei­cherten und die Aufar­bei­tung der sozia­lis­ti­schen Diktatur ins Stocken kam. So gerieten auch die Verhandler des Runden Tischs auf der Oppo­si­ti­ons­seite mit der Zeit in den Ruch, einen ebenso eigen­nüt­zigen wie schmut­zigen Deal auf Kosten der einfa­chen Menschen ausge­han­delt zu haben. Die poli­ti­schen Skan­dale jener Zeit verfes­tigten bei vielen Polinnen und Polen die Über­zeu­gung, die gesamte Gesell­schaft sei während der Umbruchs­jahre und auch danach über den sprich­wört­li­chen – in diesem Falle runden – Tisch gezogen worden.

Laut­spre­cher der Trans­for­ma­ti­ons­kritik waren über Jahre Jarosław Kaczyński und sein Zwil­lings­bruder Lech. Beide hatten an den Bera­tungen des Runden Tischs aufseiten der Oppo­si­tion persön­lich teil­ge­nommen. In der ersten PiS-Regierung (2005-2007), flan­kiert durch die gleich­zei­tige Präsi­dent­schaft Lech Kaczyńskis, war es vor allem Jarosław, der in Parteien, staat­li­chen Insti­tu­tionen und Wirt­schaft ein Netz­werk alter staats­o­zia­lis­ti­scher und neuer Solidarność-Eliten witterte. Es war auch diese Obses­sion, die PiS 2007 die Macht kostete.

Kaczyńskis späterer Gegen­spieler Donald Tusk war einen anderen Weg gegangen: 1989 hatte er die Ideen des Runden Tischs noch als kompro­miss­le­risch abge­lehnt. Frus­triert von der poli­ti­schen und ökono­mi­schen Wirk­lich­keit um die Jahr­tau­send­wende, grün­dete er wie die Kaczynski-Brüder gemeinsam mit Wegge­fährten eine Partei, deren Ziel eine erneu­erte Repu­blik war, befreit von den korrum­pierten Post­kom­mu­nisten und Wende­ge­winn­lern. Als Oppo­si­ti­ons­po­li­tiker und Regie­rungs­chef stellte er die histo­ri­schen Leis­tungen der Soli­dar­ność von 1989 aller­dings nie in Frage.

Poli­ti­sche Rele­vanz erlangte die Erzäh­lung über die Verschwö­rung der alt-neuen Eliten aber­mals bei der Rück­kehr der PiS an die Macht im Jahr 2015. Die Vergan­gen­heit wurde erneut zum poli­ti­schen Schlacht­feld, Polen war wieder gefangen in den Geschichts­kämpfen der Gene­ra­tion Runder Tisch. Reprä­sen­tanten dieses Lager­kampfes waren Kaczynski und Tusk – und sind dies bis heute. Verän­dert haben sich nur ihre Rollen: Verhand­lungs­teil­nehmer Kaczyński nahm eine immer nega­ti­vere Posi­tion zum Runden Tisch ein, während der Kritiker Tusk die Leis­tungen der Vertrags­par­teien würdigte.

Karol Nawrocki wuchs in dieser insta­bilen Wirk­lich­keit der 1990er und 2000er Jahre auf: Aus nächster Nähe war er Augen­zeuge der wirt­schaft­li­chen und sozialen Verwer­fungen in seiner Heimat­stadt Danzig, der Herz­kammer des polni­schen Libe­ra­lismus, er erlebte die dama­lige Schwäche des Staats im Kampf gegen die orga­ni­sierte Krimi­na­lität und deren zyni­sche Ausnut­zung durch Krimi­nelle, Geschäf­te­ma­cher und Poli­tiker, der die einfa­chen Leute machtlos gegen­über­standen. Die Schrift­stel­lerin Dorota Masłowska, wie Nawrocki Jahr­gang 1983 und aufge­wachsen in der Nähe von Gdańsk, hat die spezi­fisch polni­sche Version der Base­ball­schlä­ger­jahre, in die der junge Karol hinein­wuchs und sich in sie verstrickte, wie keine zweite beschrieben. Es ist kein Zufall, dass sich Nawrocki als Histo­riker und Publi­zist nicht nur dem Wider­stand der Soli­dar­ność widmete, sondern auch mit der Geschichte der Fußball-Fankultur und der orga­ni­sierten Krimi­na­lität in seiner Heimat­re­gion beschäf­tigte. In diesen Jahren verin­ner­lichte er das für die poli­ti­sche Rechte so typi­sche Freund-Feind-Denken – wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.

So ist Nawro­ckis heutige Bewer­tung des Runden Tischs wenig über­ra­schend. Während die Vertei­diger der ausge­han­delten Kompro­misse in seinen Augen bis heute am Stockholm-Syndrom litten, sei es 1989 am Ende doch nur darum gegangen, aus Polen einen Hybriden aus Demo­kratie und Kommu­nismus zu erschaffen. Ein Möbel­stück, das diesen Zustand symbo­li­siert, kann deshalb in den Augen des Präsi­denten nicht in einem Amts­ge­bäude stehen, das die poli­ti­sche Gegen­wart und Zukunft des freien und wirt­schaft­lich erstarkten Polen repräsentiere.

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Hier offen­bart der Histo­riker Nawrocki eine erstaun­liche Geschichts­blind­heit, denn allein der Präsi­den­ten­pa­last steht für weitaus dunk­lere Wahr­heiten aus der polni­schen Geschichte als der vermeint­liche Verrat am Runden Tisch. Das wuch­tige Gebäude war Sitz des russi­schen Gouver­neurs in der staa­ten­losen Zeit Polens, „Deut­sches Haus“ für die Besatzer im Zweiten Welt­krieg, Unter­zeich­nungsort des Warschauer Pakts. Die Entschei­dung, ein solches Gebäude 1990 zum Amts­sitz des Staats­ober­haupts zu machen, geschah in diesem Bewusst­sein um seine Belas­tungen – und im Wissen, dass dessen Geschichte auch solche stolzen Momente wie das erste öffent­liche Konzert des acht­jäh­rigen Fryderyk Chopin, die Unter­zeich­nung des Warschauer Vertrags mit der Bundes­re­pu­blik oder eben die Verhand­lungen am Runden Tisch umfasst.

Ende des (Post-)Kommunismus?

Zwei Tage nach der Demon­tage des Runden Tischs erfuhr die pola­ri­sierte Öffent­lich­keit, dass dessen Über­füh­rung in das im Entstehen begrif­fene Museum der Geschichte Polens bereits unter Nawro­ckis Vorvor­gänger ange­stoßen wurde. Die Verhand­lungen hatten sich dann jahre­lang hinge­zogen; der Vollzug im ersten Amts­jahr Nawro­ckis war mithin reiner Zufall. „Das Verschwinden des Runden Tischs aus dem Palast ist in großen Teilen meine Schuld“, erklärte süffi­sant der lang­jäh­rige, unter der jetzigen Regie­rung geschasste Muse­ums­di­rektor Robert Kostro.

Karol Nawrocki ließ die sich bietende Gele­gen­heit zur poli­ti­schen Selbst­in­sze­nie­rung nicht verstrei­chen und erweckte den Eindruck, es handle sich um seine eigene Initia­tive. Dabei ging es ihm auch darum, sich von Kaczyński und dessen poli­ti­schen Wegge­fährten gene­ra­tio­nell zu eman­zi­pieren. Mit der Abschie­bung des Tischs ins Museum werden die Debatten um seine Bewer­tung symbo­lisch histo­ri­siert. Die neue, von Nawrocki ange­führte junge Gene­ra­tion wendet sich, der lähmenden Deutungs­kon­flikte der (Groß-)väter müde, den in ihren Augen drän­genden Zukunfts­themen zu. Zugleich handelt es sich um einen Bruch mit dem poli­ti­schen Erbe der Soli­dar­ność, das Polen durch die schwie­rigste Trans­for­ma­ti­ons­phase trug und das Land zum unvoll­kom­menen Vorbild vieler post­dik­ta­to­ri­scher Gesell­schaften machte.

Mit dem Runden Tisch verbannt der konfron­ta­tive Präsi­dent Nawrocki die Kunst des poli­ti­schen Kompro­misses in die Motten­kiste der Geschichte – und dürstet doch selbst nach Aner­ken­nung der von ihm so kriti­sierten 1989er Gene­ra­tion. Die eingangs zitierte Sentenz über das Ende des Post­kom­mu­nismus hatte eine ikoni­sche Vorlage im Jahr 1989. Der ursprüng­liche Ausspruch stammt von der Schau­spie­lerin Joanna Szczep­kowska, die im sozia­lis­ti­schen Staats­fern­sehen die ersten teil­weise freien Wahlen im gesamten Ostblock mit den Worten kommen­tierte: „Am 4. Juni 1989 ist in Polen der Kommu­nismus zu Ende gegangen.“ Szczep­kowska zählt heute zu den deut­lich vernehm­baren Kriti­ke­rinnen Nawrockis.