Politisches Exil und die Abwehrreflexe der Aufnahmegesellschaft

Was passiert, wenn Meinungen derjenigen aufeinanderprallen, die aus unterschiedlichen Gesellschaften kommen, mit jeweils anderen Sozialisierungs- und Politisierungserfahrungen? Abwehrreflexe und politische Lagerwechsel sind oft die Folge. Was sich aktuell beobachten lässt, ist Teil der Geschichte des politischen Exils im 20. Jahrhundert.



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In den 1980er Jahren, kurz vor Anbruch der Perestroika, befreundeten sich meine Eltern – oppositionelle Künstler in der Sowjetunion – mit einer deutschen Doktorandin, die die Moskauer Untergrund-Kulturszene erkundete. Die großen gegenseitigen Sympathien wurden bald von fundamentalem gegenseitigem Unverständnis kurzzeitig getrübt, und zwar in der Frage der US-Raketenstationierung in Europa. Meine Eltern waren dafür, die Doktorandin dagegen. „Wie naiv“, dachten die antisowjetischen Künstler, die sich von der neuen Spirale des Rüstungswettlaufs ein Zusammenbrechen des repressiven Regimes erhofften. „Wie reaktionär“, dachte die friedensbewegte Deutsche, die zwar keine Sympathien für das altersstarre Sowjetregime hegte, zugleich jedoch den USA nicht zujubeln mochte. Fast vierzig Jahre später sind meine Eltern und die deutsche Slawistin nach wie vor eng befreundet, und können über die Episode lachen – auch wenn sie nach wie vor auf der Richtigkeit ihrer damaligen Ansichten beharren. Dieser kleine, glücklicherweise vorübergehende Episode der Missstimmung steht jedoch stellvertretend für ein Problem, das nach wie vor aktuell ist: Was passiert, wenn Menschen, die in den großen politischen Konflikten eigentlich Verbündete sein müssten, bestimmte Sachverhalte, bedingt durch ihre jeweilige politische Prägung, diametral unterschiedlich einschätzen?

Am deutlichsten treten solchen Differenzen hervor, wenn sie vor dem Hintergrund von Exil und Migration passieren. Menschen, die sich in ihrer Heimat politisch engagiert hatten, werden gezwungen, ihr Land zu verlassen, und hoffen darauf, die von ihnen erträumten Gleichgesinnten im Ankunftsland auf ihrer Seite stehend zu wissen. Die internationale „progressive Öffentlichkeit“ entpuppt sich dabei jedoch des Öfteren als „imagined community“, da die Ausgangslagen politischer und kultureller Konflikte sich in den jeweiligen Ländern unterscheiden und bestimmte Kritik- und Kampfformen unterschiedlich konnotiert sind.

Aktuell ist dies etwa der Fall, wenn sich atheistische DissidentInnen aus muslimisch geprägten Ländern in europäisches Exil begeben, wo sie dann in linken und linksliberalen Zusammenhängen, mit denen sie eigentlich viele Prämissen teilen müssten, auf Unverständnis stoßen. Denn wo Islamkritik, selbst in der Form einer Kritik explizit des politischen Islams, vor allem als Domäne der völkischen Rechten verstanden wird, meidet man das Thema entsprechend, um die Rechte nicht zu stärken. Auch russische Oppositionelle, die ins Ausland gehen, finden für ihre Kritik am Putin-Regime oftmals kein Gehör beim friedensbewegten Publikum, das, aus einer eigenwillig interpretierten historischen Verantwortung Russland gegenüber, lieber die Augen vor den Aktionen der russischen Regierung verschließt – auch dann, wenn sie gegen die eigene Bevölkerung gerichtet sind.

Unverstandene „Renegaten“

Das Phänomen ist nicht neu. Es lässt sich bereits im Kontext des Kalten Krieges beobachten, als sich oftmals als links verstehende MenschenrechtlerInnen aus dem Ostblock von der europäischen Linken – von Sozialdemokraten über Eurokommunisten bis hin zu K-Gruppen – misstrauisch beäugt wurden, von der Ersteren als Störfaktoren in der Politik der Annäherung, von den Letzteren als „Verräter“ und „Konterrevolutionäre“. Doch auch in der Zwischenkriegszeit gab es ähnliche Konfliktlinien des Misstrauens und der Missverständnisse – und zwar gegenüber dem antistalinistischen Exil in den 1930er Jahren.

Die europäische Linke der 1930er Jahre, abgesehen von der Gefolgschaft der moskautreuen kommunistischen Parteien, war keineswegs mehrheitlich prostalinistisch. Die Sozialdemokratie war es nicht, auch nicht die diversen linkssozialistischen und dissident-kommunistischen Kleingruppen, die ihre Identität oftmals aus einem militanten Antistalinismus speisten. Doch die autoritäre Zuspitzung europäischer Politik und das Aufkommen immer weiterer rechter Regime auf dem Kontinent – von den autoritären Regimen in Polen, Ungarn und Österreich bis hin zum faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland –, wie auch der laufende Spanische Bürgerkrieg sorgten in der Linken für verhärtete Fronten und eine Verstärkung des Schwarz-Weiß-Denkens. Die stalinistische Sowjetunion wurde selbst von vielen derjenigen, die um die korrupte und verbrecherische Natur des Stalinismus wussten, als potentieller Partner im Kampf gegen den Faschismus gesehen – ein Partner, der nicht mit Kritik geschwächt werden durfte.

Infolge dessen stießen diejenigen, die als überzeugte SozialistInnen in Russland gegen den Stalinismus opponierten und das seltene Glück hatten, ins Ausland fliehen zu können, mit ihren Anliegen oftmals auf taube Ohren. Ein prominentes Beispiel ist der Schriftsteller Victor Serge. Der in Belgien aufgewachsene Sohn russischer politischer Flüchtlinge, der nach der Revolution nach Sowjetrussland ging, sich dort später der Linken Opposition um Lev Trotzki anschloss, und 1936 nach fast einem Jahrzehnt der Repression, buchstäblich in letzter Sekunde vor dem Ausbruch des Großen Terrors, das Land verlassen durfte, fand sich im belgischen Exil weitgehend isoliert. An seiner von einem sozialistischen Humanismus geprägten Kritik des Stalinismus war niemand interessiert, die Sozialdemokraten genauso wenig wie Kommunisten; nur kleine Blätter druckten seine Artikel.

Serge verstand sich zeitlebens als Sozialist. Andere erwiesen sich angesichts des ihnen entgegenschlagenden Unverständnisses als weniger standhaft in ihren Überzeugungen – so etwa Richard Lengyel. Der ungarische Journalist, auch als Raoul Laszlo bekannt, kam in den späten 1920er Jahren unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zum Kommunismus – genauso wie der bekanntere spätere „Renegat“ Arthur Koestler. Wie Koestler zog es den frischgebackenen Kommunisten Lengyel nach Sowjetrussland, doch im Gegensatz zu Koestler begnügte er sich nicht mit einer flüchtigen Durchreise durch das „gelobte Land“, sondern siedelte 1931 nach Russland über und wurde Teil des Gewerkschaftsapparates. Dort hatte er unter anderem die Aufgabe, ausländischen Gewerkschaftsdelegationen die Wunder der neuen Gesellschaft zu präsentieren, und diese Wunderbegegnungen auch in die weite Welt hinauszutragen, so etwa in der 1932 erschienenen Broschüre 15 Arbeiterdelegierte in der Sowjetunion. Der UdSSR gänzlich ergeben und sein Schicksal mit dem Land verknüpfend, versuchte er mehrmals vergeblich, Mitglied der sowjetischen kommunistischen Partei zu werden. Ende 1934 jedoch, unter dem Eindruck der Ermordung des Leningrader Parteichefs Sergej Kirov und des unmittelbar darauffolgenden Terrors gegen echte und vermeintliche Oppositionelle, setzte bei Lengyel eine radikale Kehrtwende ein. Unter einem falschen Vorwand verschaffte er sich eine Ausreisegenehmigung und floh nach Prag.

Politische Heimatlosigkeit

Zwischen der Tschechoslowakei und der Schweiz, wo er vor seiner Ausreise in die Sowjetunion bereits gelebt hatte, spielte sich dann, so die Historiker Hans Schafranek und Peter Huber, sein „kurzes Gastspiel bei der nicht-stalinistischen Linken“ ab. Als vom Kommunismus enttäuschter Linker sah er in den Sozialdemokraten seine natürlichen Verbündeten – doch sie empfingen ihn eher lauwarm. Seine wenigen Artikel über die Sowjetunion, die er in der exil-österreichischen und schweizerischen sozialdemokratischen Presse unterbringen konnte, wurden nicht angemessen honoriert, und die Herausgabe seines Erlebnisberichtes aus der Sowjetunion wurde ihm von sozialdemokratischen Verlagen unter fadenscheinigen Begründungen verwehrt. „Abschied von Soviet-Russland“  erschien schließlich, unter dem Pseudonym „A. Rudolf“, Ende 1935 im konservativen „Schweizer Spiegel“-Verlag und setze den Autor sofort massiven Angriffen seitens der Kommunisten aus – und die Sozialdemokratie, die dem „Verleumder“ und „Nestbeschmutzer“ ja zunächst eine publizistische Bühne geboten hatte, geriet gleich mit in die Schusslinie.

Als dann auch noch der französische Schriftsteller André Gide, zunächst ein Sympathisant des Kommunismus, nach seiner Rückkehr von einer Sowjetunion-Reise sich in seinem kritischen Reisebericht auf Lengyels Schriften berufen hatte, wurde der Publizist, der auch luzide Analysen der Moskauer Schauprozesse veröffentlicht hatte, zum erstrangigen Feind der moskautreuen Linken. Eine wüste Kampagne brach aus, in der Lengyel als Trotzkist und gar als Gestapoagent diffamiert wurde. Als „Beweise“ dafür dienten aus dem Zusammenhang gerissene Dokumente, die von Komintern-Agenten aus Lengyels Prager Wohnung gestohlen worden waren. In der Schweiz waren der damalige KPS-Funktionär und spätere SP-Politiker Jules Humbert-Droz sowie der legendäre Buchhändler Theo Pinkus an diesem Kesseltreiben federführend beteiligt.

Die sozialdemokratische Presse stellte sich zunächst auf Lengyels Seite und ließ ihn sogar mehrmals zu Wort kommen, distanzierte sich jedoch Ende 1937 von ihm – und zwar wegen seiner zunehmenden Publikationen in der bürgerlichen Presse, vor allem in der NZZ, aber auch etwa in der Schweizerischen Arbeitgeber-Zeitung. In der Tat zeigte sich Lengyel zunehmend weniger wählerisch in seinen Publikationsorten. Aber abgesehen davon, dass er als politischer Publizist von Honoraren leben musste, war er berechtigterweise enttäuscht von der Sozialdemokratie, die an seinen auf eigenen Erfahrungen im korrumpierten Sowjetapparat basierenden Analysen der Sowjetwirklichkeit wenig Interesse gezeigt hatte. Schließlich fiel seine Flucht in den Westen auf die von der Komintern 1935 proklamierte, von Teilen der europäischen sozialdemokratischen und linksbürgerlichen Öffentlichkeit beflissentlich aufgegriffene Idee der „Volksfront“, also der Zusammenarbeit aller „progressiven“ Kräfte gegen den Faschismus. Dabei achteten die Kommunisten peinlich darauf, dass in den entsprechenden Bündnissen keine Kritik am Stalinismus laut wurde – dies um so mehr, als der sich ab 1936 intensivierende Stalin-Terror die westliche Öffentlichkeit aufzuwühlen begann.

Währenddessen driftete Lengyel immer weiter nach rechts. Ob aus wandelnder Überzeugung, zunehmender Enttäuschung oder Geldmangel – wir wissen es nicht, es dürften aber alle drei Aspekte eine Rolle gespielt und sich gegenseitig verstärkt haben. Schweizerischen frontistischen Organisationen bot Lengyel, der bereits 1935 beim ultrarechten „Centre International de Lutte Active Contre le Communisme“ eine Broschüre veröffentlichen durfte, nun Vorträge an. Die Rechte schien aber nunmehr auch das Interesse an ihm verloren zu haben. Der isolierte Publizist zog 1939 verbittert nach Nizza, wo er einen letzten Versuch unternahm, den dortigen Schweizer Konsul davon zu überzeugen, ihn als antikommunistischen Experten zu engagieren. Nach Rücksprache mit den Bundesbehörden beschied man ihm eine Absage – aus Zweifel an seiner Zuverlässigkeit aufgrund seiner kommunistischen Vergangenheit. 1940 starb er schließlich unter ungeklärten Umständen in Südfrankreich – wobei eine Täterschaft des sowjetischen Geheimdienstes, so Schafranek und Huber, nicht ausgeschlossen werden kann, genauso wenig wie beim zeitgleich ebenfalls in Südfrankreich umgekommenen ex-kommunistischen Dissidenten Willi Münzenberg. Wenn dies der Fall ist, so ist der unglückselige Publizist, von allen Seiten alleingelassen, letztendlich denjenigen ins Messer gelaufen, die er zu bekämpfen sich zum Lebensziel gemacht hatte. 

Für gegenseitige Anerkennung

Was für eine Relevanz hat diese Geschichte für unsere politische Gegenwart? In der „progressiven“ Öffentlichkeit, von links bis liberal, ist die Meinung, dass die Kämpfe um Demokratie und Menschenrechte ein globales Anliegen sind, mittlerweile ein Allgemeinplatz. Allerdings verkommt dies zur leeren Phrase, wenn nicht zugleich die unterschiedlichen Ausgangslagen dieser Kämpfe von allen Teilnehmenden berücksichtigt und anerkannt werden. Für ex-kommunistische DissidentInnen der späten 1930er Jahre war der Kampf gegen Hitler nur ein halbherziger, wenn er nicht auch gegen den „Verräter“ Stalin (so Willi Münzenberg) geführt werden würde. Für heutige russische oder iranische Oppositionelle im Exil ist jedes Argument der Linken gegen den Imperialismus des Westens eine hohle Phrase, wenn dabei der iranische oder der russische Imperialismus unter den Tisch gekehrt wird. Für atheistische FreidenkerInnen aus muslimischen Ländern ist das Kopftuch nicht das Attribut einer unterdrückten Minderheit, sondern, gespeist aus den Erfahrungen ihrer Herkunftsgesellschaften, ein Symbol der patriarchalen Unterdrückung. All diese in den Biographien und Erfahrungsräumen der Exilierten verwurzelten Prämissen müssen berücksichtigt und gewürdigt werden, anstatt ihnen mit den in der eigenen politischen Sozialisation begründeten Abwehrreflexen zu begegnen. Selbstverständlich muss das vielen politischen Exilierten eigene „Ressentiment des Gekränkten und Beleidigten“ (so der deutsche Exil-Publizist Willi Eichler über Lengyel) benannt und kritisiert werden, und auch von den Exilierten selbst ist eine Reflexion darüber zu erwarten, wie ihre Kritik in den neuen Kontexten wirkt, wem sie nützt und schadet. Zentral ist aber die Anerkennung der jeweils anderen politischen Erfahrung, denn nur so werden gemeinsame politische Positionen sichtbar und nutzbar, was um so wichtiger ist angesichts der zahlreichen Wanderbewegungen aus dem linken ins rechte Lager. Andernfalls passiert genau das, wovon man Angst hat – man stärkt die Rechte, indem man ihr die politischen Exilierten in die Arme treibt, die von ihr dann als Alibi-Figuren gerne in Empfang genommen werden.

 

Zum Weiterlesen über Richard Lengyel: Peter Huber/Hans Schafranek: Stalinistische Provokationen gegen Kritiker der Moskauer Schauprozesse, in: Wolfgang Neugebauer (Hg.): Von der Utopie zum Terror. Stalinismus-Analysen, Wien 1994, S. 97-134.