Pier Paolo Pasolini hat stets Politik und Dichtung miteinander verbunden. Damit wurde er zu einer der umstrittensten öffentlichen Personen der italienischen Kultur – bis heute. Eines seiner späten Gedichte – „Saluto e augurio“ („Gruß und Wunsch“) – gibt Anlass zu einer kritischen Relektüre.

  • Cornelia Wild ist Professorin für Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft, Theorie und Ästhetik an der Universität Siegen. Zu ihren Veröffentlichungen gehören: "Später Baudelaire. Praxis poetischer Zustände" (München: Fink 2016); "Göttliche Stimme, Irdische Schrift: Dante, Petrarca und Caterina da Siena" (Berlin/Boston: de Gruyter 2016); "Passantinnen. Theorie des Vorübergehens von Dante bis Joyce" (Zürich/Berlin: Diaphanes 2018); "Menge und Armut", hg. zus. mit Jobst Welge (Paderborn: Fink 2024). Sie leitet das DFG-Projekt "Pasolini: populär" im Sonderforschungsbereich Transformationen des Populären.

An wen richtet sich Pier Paolo Paso­lini, wenn in seinem späten Gedicht „Saluto e augurio“ ein junger Faschist adres­siert wird? Politik und Dich­tung standen bei Paso­lini stets in einer engen Bezie­hung. In seinen Romanen wie Ragazzi di Vita und Petrolio oder Filmen wie Mamma Roma oder Salò sowie auch in den Gedicht­bänden Ceneri di Gramsci oder Poesie in forma di rosa war seine Stimme immer auch Ausdruck seiner poli­ti­schen Haltung. Doch was gibt uns das Gedicht „Saluto e augurio“ zu lesen? Und wer liest Pasolini?

Meloni liest Pasolini

Das am Ende dieses Arti­kels im Original und in einer neuen deut­schen Über­set­zung nach­zu­le­sende Gedicht „Saluto e augurio“ – „Gruß und Wunsch“ – zeigt die proble­ma­ti­sche Popu­la­rität Paso­linis in beson­derem Maße. Paso­lini hinter­lässt mit dem Gedicht, das sich an einen jungen Faschisten richtet, eine Art von Testa­ment in Versen: „Hic desinit cantus.“ „Hier endet das Lied.“ Das im Mai 1975 wenige Monate vor seinem Tod im Band La nuova gioventù. Poesie friu­lane 1941-1974 erschie­nene Gedicht, wirkt damit, als wäre es nicht nur das „letzte friau­li­sche Gedicht“, sondern über­haupt das letzte Gedicht Pasolinis.

Die in diesem „letzten“ Gedicht Paso­linis insze­nierte Rede richtet sich an einen Faschisten, und als wäre sie damit ange­spro­chen worden, hat die italie­ni­sche Minis­ter­prä­si­dentin Giorgia Meloni nicht wenige über das Gedicht verteilte Verse in ihre Auto­bio­gra­phie Io sono Giorgia (2021) über­nommen. Sie benutzt Paso­lini, um damit für die Rechte einen „Realismus“ gegen­über „utopi­scher Deko­ra­tion“ und „ideo­lo­gi­schen Scheu­klappen“ zu behaupten. Über­nommen hat sie für ihre Argu­men­ta­tion vom „nonkon­formsten italie­ni­schen Intel­lek­tu­ellen der Nach­kriegs­zeit“ die von Paso­lini imagi­nierte Aufgabe des Faschisten, das Land zu vertei­digen und dem Ruf „Vertei­dige, bewahre, bete!“ zu folgen. Sie hat die Geste aufge­nommen, um die es in dem Gedicht geht: die Über­nahme einer Verant­wor­tung, eines Nach­lasses, den Paso­lini an den Faschisten im Hinblick auf eine „Destra divina“ – „Gött­liche Rechte“ über­gibt. Sie hat sich das Gedicht als ein „poli­ti­sches, konser­va­tives Mani­fest von außer­ge­wöhn­li­cher Schön­heit und Kohä­renz“ ange­eignet. Die Ästhe­ti­sie­rung des Poli­ti­schen durch die Stimme Paso­linis soll dazu dienen, die Macht der Rechten zu legi­ti­mieren. Aber geht diese Stra­tegie auf?

Pier Paolo Paso­lini: La nuova gioventù (Buch­cover)

Die Beson­der­heit des späten Lyrik­bandes La nuova gioventù von 1975 besteht darin, dass Paso­lini darin seine eigene frühe Dich­tung La meglio gioventù (1954) einer Über­ar­bei­tung unter­zieht. Diese Dich­tung war teil­weise im Friau­li­schen bzw. Friu­la­ni­schen, dem Dialekt seiner Mutter, geschrieben, den Paso­lini selbst nicht sprach und den er sich für die Dich­tung wie eine zu erler­nende Mutter­sprache aneig­nete. Er reali­sierte damit die in seinem Lieder­buch Canzo­niere italiano (1955) entwi­ckelte Theorie poeti­scher Zwei­spra­chig­keit („bi-linguismo socio­lo­gico“), in der durch die Mischung von niederem und hohem Stil, popu­lärer und hoher Dich­tung eine neue poeti­sche Sprache geschaffen werden sollte.

Paso­lini hat mit La nuova gioventù dieses frühe Projekt wieder aufge­nommen und in einer über­ar­bei­teten Form – seconda forma – vorge­legt. Der Selbst­pas­tiche bezieht sich aller­dings nicht auf das letzte der Gedichte „Saluto e augurio“. Dieses gehört zu einer Gruppe von Gedichten unter dem Titel „Tetro entus­i­asmo“ („Dunkler Enthu­si­asmus“), die Paso­lini dem Band als eine Art „drittes Buch“ hinzu­ge­fügt hat. Im Dakty­loskript der Biblio­teca nazio­nale in Rom hat Paso­lini das Gedicht mit der Datie­rung „2 ottobre 1974“ versehen.

Szene der Anrufung

Die lyri­sche Sprech­si­tua­tion ist ein fiktiver Dialog mit einem Faschisten, der jedoch selbst nicht zu Wort kommt. Paso­lini hat einige Verse dieses Gedichts in seiner Debatte mit jungen Studenten „Volgar’eloquio“ am 21. Oktober 1975 in Lecce aufge­nommen, die wiederum auf ein unfer­tiges Thea­ter­stück Bestia da stile verweisen. Die rheto­ri­sche Folie der dialo­gi­schen Situa­tion ist der sokra­ti­sche Dialog, inso­fern die als Faschist ange­spro­chene Person mit „Fedro“ – „Phädrus“ bezeichnet wird. Damit ruft Paso­lini ein pädago­gi­sches Konzept auf, in dem ein Macht­ge­fälle zwischen Spre­cher und Ange­spro­chenem, zwischen Lehrer und Schüler besteht, wobei die Spre­cher­po­si­tion in dem voraus­ge­henden Gedicht durch die Selbst­be­zeich­nung als „elender, impo­tenter Sokrates“ als eine fragile Konstruk­tion bestimmt worden war. Der erste Vers von „Saluto e augurio“ legt die Funk­tion des Gedichtes als Nach­lass fest, sodass das Lehrer-Schüler-Verhältnis auch das des Vermächt­nisses ist: „Es ist fast sicher, dass dies / mein letztes Gedicht in Friu­la­nisch ist.“ In der Tat ist Paso­lini gut ein Jahr später – am 2. November 1975 – in Ostia ermordet worden. Einer­seits eignet sich Paso­lini also die frühere poeti­sche Stimme wieder an, ande­rer­seits scheint er sie zugleich auch schon wieder hinter sich zu lassen.

In „Saluto e augurio“ insze­niert Paso­lini einen voran­ge­henden Dichter, und dieser wählt das Leben, die Jugend: „Und ich gehe / leichten Schritts, immer voran, und immer entscheide ich mich für / das Leben, die Jugend.“ Paso­linis Gedicht ist somit eine Art Pastiche der Vita nova, eines Neuen Lebens: der Spre­cher lässt das alte Leben hinter sich, um neue Wege zu bestreiten oder wie Dante Alighieri zum Dichter zu werden. Dementspre­chend sind die letzten durch spazio abge­setzten Worte des Gedichts „das Leben, die Jugend“. Sie unter­strei­chen die poeti­sche Form des Neuen Lebens und stellen einen Bezug zum Titel des Lyrik-Bandes her. In diesem Sinn ist auch der Titel des Gedichts „Saluto e augurio“ zu verstehen: Der Gruß, „saluto“, stand seit der frühesten italie­ni­schen Dich­tung in ihrem Zentrum als erneu­ernde Kraft, die durch das den Dichter grüßende Liebes­ob­jekt bewirkt wurde.

Der in „Saluto e augurio“ imagi­nierte Dialog erscheint wie die letzte Möglich­keit, dieje­nigen zu errei­chen, die Paso­lini hassen, und impli­ziert zugleich die Unmög­lich­keit dieses Dialogs. Marco A. Bazzocchi hat daher von den proble­ma­ti­schen Bedin­gungen des Dialogs gespro­chen: seiner Insta­bi­lität, bei der jede Äuße­rung in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt werden muss. Paso­lini wählt den Faschisten als Gegen­über, bevor sie beide zu weit vonein­ander entfernt sind. Dieses Gegen­über wird genau beschrieben, so als stünden sich die Prot­ago­nisten von Ange­sicht zu Ange­sicht gegen: 21-22jährig, kurze Haare, Brille, grauer Anzug, hoch­auf­ge­schossen. Das lyri­sche Ich spricht den jungen Mann an, als ob er ihm auf der Straße begegnen würde. Die darge­stellte Situa­tion erin­nert an die berühmte Anru­fung (inter­pel­la­tion) von Louis Althusser. Paso­lini ersetzt damit die für die italie­ni­sche Dich­tung maßgeb­liche lyri­sche Gruß­szene durch eine andere Szene. In Ideo­logie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate hatte Althusser mit der Figur des Poli­zisten, der eine Person auf der Straße mit „He, Sie da!“ anruft, eine theo­re­ti­sche Szene von poli­ti­schem Ausmaß entworfen, in der durch die einfache physi­sche Wendung um 180 Grad der Ange­ru­fene zum Subjekt werde: „Weil es damit aner­kennt, daß der Anruf ‚genau‘ ihm galt und daß es ‚gerade es war, das ange­rufen wurde‘ (und niemand anderes).“

Das Subjekt konsti­tu­iert sich durch diesen Sprechakt, das wurde in der Folge von Michel Foucault und Judith Butler ausbuch­sta­biert, in doppelter Weise: Seine Subjekt­wer­dung ist immer zugleich eine Unter­wer­fung, die durch die Anrede als (körper­liche) Umwen­dung voll­zogen wird. Bei Paso­lini ist die Anru­fung, der Appel oder eben der Gruß („saluto“) mit der Auffor­de­rung verbunden, näher zu kommen und zuzu­hören: „Komm her, komm her, Phädrus!“ Die Szene der Anru­fung verschafft dem Faschisten einen Ort, von dem aus er prin­zi­piell spre­chen könnte. Er kommt jedoch im gesamten Gedicht nicht zu Wort. Im Gegen­teil: Die Impe­ra­tive „Hör zu“ und „Schweig“ versetzen den Ange­re­deten in die passive Rolle des Zuhö­rers, der den Anord­nungen einer Auto­rität unter­worfen ist.

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Spre­chen mit einem Toten

Paso­lini führt mit dem Gedicht also das Spre­chen zu einem Faschisten auf: „ich weiß genau, ich weiß, / dass Du keines hast, und keines willst, / ein freies Herz, und dass Du nicht ehrlich sein kannst: / aber auch wenn Du ein Toter bist, ich werde zu Dir spre­chen.“ Durch dieses Zu-dem-Faschisten-Sprechen setzt ihn Paso­lini auf eine para­doxe Weise als neuen Fürspre­cher ein. Er soll nun seiner­seits für die Ausge­sto­ßenen dieser Welt einstehen: „Nimm sie auf Dich, diese Last, Junge, der Du mich hasst: / Trag Du sie.“ Die neue Repu­blik, deren Programm hier entworfen und dem jungen Faschisten als seine Verpflich­tung aufer­legt wird, muss aus dem Inneren des mütter­li­chen Körpers hervor­gehen und in der Liebe zu den Armen in ihrer Viel­falt, in den abge­schie­denen Winkeln der Welt, zur jeden Morgen neu erfun­denen Sprache, zum Elend der Diebe und zum Fleisch der Mutter im Kind bestehen. Aber diese Aufgabe scheint von einem Ster­benden zu kommen („es wird klingen wie ein Testa­ment“) und richtet sich an einen Toten („auch wenn Du ein Toter bist“).

Paso­lini insze­niert mit der Szene der Anru­fung also keine reale Situa­tion, sondern eine vorge­stellte Situa­tion, nicht Wirk­lich­keit, sondern sprach­lich verfasste Wirk­lich­keit. Imagi­na­tion und Realität werden auf diese Weise mitein­ander in Bezie­hung gesetzt. Dies unter­streicht eine hand­schrift­liche Ergän­zung in der fünft­letzten Strophe des Dakty­loskripts: „che l’ilusiòn a è ilusion di ilusion, no di realtà“ – „weil die Illu­sion die Illu­sion einer Illu­sion, nicht die Wirk­lich­keit, ist“. Das Gedicht behauptet somit weder eine konkrete Realität noch dient es der Legi­ti­ma­tion realer Macht. Wer sich jedoch durch die Anru­fung ange­spro­chen fühlt, macht sich zum Faschisten. Faschist:in ist diejenige/derjenige, der/die sich als Faschist:in ange­spro­chen fühlt. Durch die Iden­ti­fi­ka­tion mit dieser Rolle erklärt sich somit Georgia Meloni selbst zur Faschistin.

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[Deut­sche Über­set­zung von Fabien Vitali ganz unten]

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Pier Paolo Pasolini

Saluto e augurio

A è quasi sigùr che chista
a è la me ultima poesia par furlàn;
e i vuèj parlàighi a un fassista
prima di essi (o ch’al sedi) massa lontàn.
Al è un fassista zòvin,
al varà vincia un, vincia doi àins:
al è nassùt ta un paìs,
e al è zut a scuela in sitàt.
Al è alt, cui ociàj, il vistìt
gris, i ciavièj curs:
quand ch’al scumìnsia a parlàmi
i crot ch’a no’l savedi nuja di politica
e ch’al serci doma di difindi il latìn
e il grec, cuntra di me; no savìnt
se ch’i ami il latin, il grec – e i ciavièj curs.
Lu vuardi, al è alt e gris coma un alpìn.
»Ven cà, ven cà, Fedro.
Scolta. I vuèj fati un discors
ch’al somèa un testamìnt.
Ma recuàr­diti, i no mi fai ilusiòns
su di te: jo i sai ben, i lu sai,
ch’i no ti às, e no ti vòus vèilu,
un còur libar, e i no ti pos essi sinsèir:
ma encia si ti sos un muàrt, ti parlarài.
Difìnt i palès di moràr o aunàr,
in nomp dai Dius, grecs o sinèis.
Moùr di amòur par li vignis.
E i fics tai ors. I socs, i stecs.
Il ciaf dai to cunpàins, tosàt.
Difìnt i ciamps tra il paìs
e la campagna, cu li so panolis,
li vas’cis dal ledàn. Difìnt il prat
tra l’ultima ciasa dal paìs e la roja.
I ciasàj a somèjn a Glìsiis:
giolt di chista idea, tènla tal còur.
La confi­densa cu’l soreli e cu’ la ploja,
ti lu sas, a è sapi­ensa santa.
Difìnt, conserva, prea! La Repùblica
a è drenti, tal cuàrp da la mari.
I paris a àn serciàt, e tornàt a sercià
di cà e di là, nassìnt, murìnt,
cambiànt: ma son dutis robis dal passàt.
Vuei: difindi, conservà, preà. Tas:
la to ciamesa ch’a no sedi
nera, e nencia bruna. Tas! Ch’a sedi
’na ciamesa grisa. La ciamesa dal siun.
Odia chej ch’a volin dismòvisi
e dismin­tiàssi da li Paschis…
Duncia, fantàt dai cialsìns di muàrt,
i ti ài dita se ch’a volin i Dius
dai ciamps. Là ch’i ti sos nassùt.
Là che da frut i ti às imparàt
i so Coman­damìns. Ma in Sitàt?
Scolta. Là Crist a no’l basta.
A coventa la Gl’sia: ma ch’a sedi
moderna. E a coventin i puòrs.
Tu difìnt, conserva, prea:
ma ama i puòrs: ama la so diversitàt.
Ama la so voja di vivi bessòj
tal so mond, tra pras e palàs
là ch’a no rivi la peràula
dal nustri mond; ama il cunfìn
ch’a àn segnàt tra nu e lòur;
ama il so dialèt inventàt ogni matina,
par no fassi capì; par no spartì
cun nissùn la so ligria.
Ama il sorel di sitàt e la miseria
dai laris; ama la ciar da la mama tal fì.
Drenti dal nustri mond, dis
di no essi borg­hèis, ma un sant
o un soldàt: un sant sensa ignoransa,
un soldàt sensa violensa.
Puarta cun mans di sant o soldàt
l’intimitàt cu’l Re, Destra divina
ch’a è drenti di nu, tal siùn.
Crot tal borg­hèis vuàrb di onestàt,
encia s’a è ’na ilusiòn: parsè
che encia i parons, a àn
i so paròns, a son fis di paris
ch’a stan da qualchi banda dal mond.
Basta che doma il sintimìnt
da la vita al sedi par diciu cunpàin:
il rest a no impuàrta, fantàt cun in man
il Libri sensa la Peràula.
Hic desinit cantus. Ciàpiti
tu, su li spalis, chistu zèit plen.
Jo i no pos, nissun no capirès
il scàndul. Un veciu al à rispièt
dal judissi dal mond; encia
s’a no ghi impu­arta nuja. E al à rispièt
di se che lui al è tal mond. A ghi tocia
difindi i so sgnerfs indebulìs,
e stà al zoùc ch’a no’l à mai vulùt.
Ciàpiti su chistu pèis, fantàt ch’i ti mi odiis:
puàr­tilu tu. Al lus tal còur. E jo ciaminarai
lizèir, zint avant, siel­zìnt par sempri
la vita, la zoventùt.»
 

Aus: La nuova gioventù. Poesie friu­lane 1941-1975,

Mailand: Garz­anti 2016, S. 271-275.

 

Gruß und Wunsch

Es ist fast sicher, dass dies
mein letztes Gedicht in Friu­la­nisch ist:
und ich will zu einem Faschisten sprechen,
bevor wir (er oder ich) zu weit vonein­ander entfernt sind.
 
Er ist ein junger Faschist,
er ist um die einund­zwanzig, zwei­und­zwanzig Jahre alt:
er ist geboren auf dem Land,
und er ist zur Schule gegangen in der Stadt.
 
Er ist groß, mit Brille, die Kleidung
grau, die Haare kurz:
als er beginnt, mit mir zu sprechen,
scheint mir, er verstehe nichts von Politik
 
und dass er nur versucht, zu vertei­digen das Latein
und das Grie­chisch, gegen mich; ohne zu wissen,
wie sehr ich das Latein liebe, das Grie­chisch – und die kurzen Haare.
Ich schaue ihn an, er ist groß und grau, wie ein Bergsoldat.
 
»Komm her, komm her, Phaidros.
Hör zu. Ich will Dir etwas vortragen,
und es wird klingen wie ein Testament.
Aber denk dran, ich mache mir keine Illusionen
 
über Dich: ich weiß genau, ich weiß,
dass Du keines hast, und keines willst,
ein freies Herz, und dass Du nicht ehrlich sein kannst:
aber auch wenn Du ein Toter bist, ich werde zu Dir sprechen.
 
Steh ein für die Zäune der Maul­beeren oder Erlen,
im Namen der Götter, grie­chi­scher oder chinesischer.
Stirb aus Liebe zu den Weinreben.
Für die Feigen in den Gärten. Die Triebe, die Zweige.
 
Für das Haupt deiner Kame­raden, kurzgeschoren.
Steh ein für die Felder zwischen dem Dorf
und dem Land, mit seinen Maiskolben,
den Dung­gruben. Steh ein für die Wiese
 
hinter dem letzten Haus, vor dem Roggenfeld.
Die Höfe sind wie Kirchen:
erfreue Dich an diesem Bild, schließ es in dein Herz.
Die Vertraut­heit mit der Sonne und mit dem Regen,
 
Du weißt es, dies Wissen ist heilig.
Vertei­dige, bewahre, bete! Die Republik,
sie ist im Innern, im Körper der Mutter.
Die Väter hatten gesucht, kehrten zurück, suchten weiter,
 
hier und dort, sie kamen zur Welt, sie starben,
sie verän­derten sich: aber das alles ist Vergangenheit.
Heute: Vertei­dige, bewahre, bete! Schweig:
Dein Hemd sei nicht
 
schwarz, und auch nicht braun. Schweig! Es soll
ein graues Hemd sein. Das Hemd des Schlafes.
Hasse jene, die erwa­chen wollen
und sich nicht entsinnen der Ostern…
 
Also, Junge mit den Strümpfen eines Toten,
Ich habe Dir gesagt, was sie verlangen, die Götter
der Felder. Dort, wo Du geboren wurdest.
Dort, wo Du als Kind erlernt hattest
 
ihre Gebote. Aber in der Stadt?
Hör zu. Der Christus genügt dort nicht.
Es bedarf der Kirche: aber sie sei
modern. Und es bedarf der Armen.
 
Du aber vertei­dige, bewahre, bete:
aber liebe die Armen: liebe ihre Andersartigkeit.
Liebe ihr Verlangen, alleine für sich zu leben
in der Welt, zwischen Wiesen und Häusern,
 
dort, wo nicht hinge­langt die Sprache
unserer Welt; liebe die Grenze,
die sie gezogen haben zwischen uns und ihnen;
liebe ihren Dialekt, den sie neu erfinden, jeden Morgen,
 
um nicht verstanden zu werden; um nicht zu teilen,
mit niemandem, ihre Heiterkeit.
Liebe die Sonne der Stadt und das Elend
der Diebe; liebe das Fleisch der Mutter im Sohn.
 
In unserer Welt, sag,
dass Du kein Bour­geois bist, sondern ein Heiliger
oder ein Soldat; ein Heiliger ohne Torheit,
ein Soldat ohne Gewalt.
 
Trage mit den Händen eines Heiligen oder eines Soldaten
die Innig­keit mit dem König, Gött­liche Rechte,
die in uns ist, im Schlaf.
Vertraue in den Bour­geois, blind vor lauter Ehrlichkeit,
 
auch wenn es eine Illu­sion ist: denn
auch die Herren haben
ihre Gebieter, und sind Söhne von Vätern,
die leben irgendwo auf der Welt.
 
Es genügt, dass allein das Gefühl
des Lebens gleich ist für alle:
alles andere ist nicht wichtig, Junge, der Du in der Hand hältst
das Buch ohne das Wort.
 
Hic desinit cantus. Nimm
auf Dich, trag auf deinen Schul­tern, diese volle Bürde.
Ich kann es nicht, niemand würde Verständnis haben
für den Skandal. Ein alter Mann hat Respekt
 
vor dem Urteil der Welt; auch
wenn er ihm keine Bedeu­tung schenkt. Und der hat Respekt
vor dem, was er selbst ist in der Welt. Er muss
sie schützen, seine geschwächten Nerven,
 
und mitspielen das Spiel, das er nie spielte.
Nimm sie auf Dich, diese Last, Junge, der Du mich hasst:
Trag Du sie. Sie leuchtet im Herzen. Und ich gehe
leichten Schritts, immer voran, und immer entscheide ich mich für
 
das Leben, die Jugend.«
Über­set­zung ins Deut­sche von Fabien Vitali