An wen richtet sich Pier Paolo Pasolini, wenn in seinem späten Gedicht „Saluto e augurio“ ein junger Faschist adressiert wird? Politik und Dichtung standen bei Pasolini stets in einer engen Beziehung. In seinen Romanen wie Ragazzi di Vita und Petrolio oder Filmen wie Mamma Roma oder Salò sowie auch in den Gedichtbänden Ceneri di Gramsci oder Poesie in forma di rosa war seine Stimme immer auch Ausdruck seiner politischen Haltung. Doch was gibt uns das Gedicht „Saluto e augurio“ zu lesen? Und wer liest Pasolini?
Meloni liest Pasolini
Das am Ende dieses Artikels im Original und in einer neuen deutschen Übersetzung nachzulesende Gedicht „Saluto e augurio“ – „Gruß und Wunsch“ – zeigt die problematische Popularität Pasolinis in besonderem Maße. Pasolini hinterlässt mit dem Gedicht, das sich an einen jungen Faschisten richtet, eine Art von Testament in Versen: „Hic desinit cantus.“ „Hier endet das Lied.“ Das im Mai 1975 wenige Monate vor seinem Tod im Band La nuova gioventù. Poesie friulane 1941-1974 erschienene Gedicht, wirkt damit, als wäre es nicht nur das „letzte friaulische Gedicht“, sondern überhaupt das letzte Gedicht Pasolinis.
Die in diesem „letzten“ Gedicht Pasolinis inszenierte Rede richtet sich an einen Faschisten, und als wäre sie damit angesprochen worden, hat die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nicht wenige über das Gedicht verteilte Verse in ihre Autobiographie Io sono Giorgia (2021) übernommen. Sie benutzt Pasolini, um damit für die Rechte einen „Realismus“ gegenüber „utopischer Dekoration“ und „ideologischen Scheuklappen“ zu behaupten. Übernommen hat sie für ihre Argumentation vom „nonkonformsten italienischen Intellektuellen der Nachkriegszeit“ die von Pasolini imaginierte Aufgabe des Faschisten, das Land zu verteidigen und dem Ruf „Verteidige, bewahre, bete!“ zu folgen. Sie hat die Geste aufgenommen, um die es in dem Gedicht geht: die Übernahme einer Verantwortung, eines Nachlasses, den Pasolini an den Faschisten im Hinblick auf eine „Destra divina“ – „Göttliche Rechte“ übergibt. Sie hat sich das Gedicht als ein „politisches, konservatives Manifest von außergewöhnlicher Schönheit und Kohärenz“ angeeignet. Die Ästhetisierung des Politischen durch die Stimme Pasolinis soll dazu dienen, die Macht der Rechten zu legitimieren. Aber geht diese Strategie auf?

Pier Paolo Pasolini: La nuova gioventù (Buchcover)
Die Besonderheit des späten Lyrikbandes La nuova gioventù von 1975 besteht darin, dass Pasolini darin seine eigene frühe Dichtung La meglio gioventù (1954) einer Überarbeitung unterzieht. Diese Dichtung war teilweise im Friaulischen bzw. Friulanischen, dem Dialekt seiner Mutter, geschrieben, den Pasolini selbst nicht sprach und den er sich für die Dichtung wie eine zu erlernende Muttersprache aneignete. Er realisierte damit die in seinem Liederbuch Canzoniere italiano (1955) entwickelte Theorie poetischer Zweisprachigkeit („bi-linguismo sociologico“), in der durch die Mischung von niederem und hohem Stil, populärer und hoher Dichtung eine neue poetische Sprache geschaffen werden sollte.
Pasolini hat mit La nuova gioventù dieses frühe Projekt wieder aufgenommen und in einer überarbeiteten Form – seconda forma – vorgelegt. Der Selbstpastiche bezieht sich allerdings nicht auf das letzte der Gedichte „Saluto e augurio“. Dieses gehört zu einer Gruppe von Gedichten unter dem Titel „Tetro entusiasmo“ („Dunkler Enthusiasmus“), die Pasolini dem Band als eine Art „drittes Buch“ hinzugefügt hat. Im Daktyloskript der Biblioteca nazionale in Rom hat Pasolini das Gedicht mit der Datierung „2 ottobre 1974“ versehen.
Szene der Anrufung
Die lyrische Sprechsituation ist ein fiktiver Dialog mit einem Faschisten, der jedoch selbst nicht zu Wort kommt. Pasolini hat einige Verse dieses Gedichts in seiner Debatte mit jungen Studenten „Volgar’eloquio“ am 21. Oktober 1975 in Lecce aufgenommen, die wiederum auf ein unfertiges Theaterstück Bestia da stile verweisen. Die rhetorische Folie der dialogischen Situation ist der sokratische Dialog, insofern die als Faschist angesprochene Person mit „Fedro“ – „Phädrus“ bezeichnet wird. Damit ruft Pasolini ein pädagogisches Konzept auf, in dem ein Machtgefälle zwischen Sprecher und Angesprochenem, zwischen Lehrer und Schüler besteht, wobei die Sprecherposition in dem vorausgehenden Gedicht durch die Selbstbezeichnung als „elender, impotenter Sokrates“ als eine fragile Konstruktion bestimmt worden war. Der erste Vers von „Saluto e augurio“ legt die Funktion des Gedichtes als Nachlass fest, sodass das Lehrer-Schüler-Verhältnis auch das des Vermächtnisses ist: „Es ist fast sicher, dass dies / mein letztes Gedicht in Friulanisch ist.“ In der Tat ist Pasolini gut ein Jahr später – am 2. November 1975 – in Ostia ermordet worden. Einerseits eignet sich Pasolini also die frühere poetische Stimme wieder an, andererseits scheint er sie zugleich auch schon wieder hinter sich zu lassen.
In „Saluto e augurio“ inszeniert Pasolini einen vorangehenden Dichter, und dieser wählt das Leben, die Jugend: „Und ich gehe / leichten Schritts, immer voran, und immer entscheide ich mich für / das Leben, die Jugend.“ Pasolinis Gedicht ist somit eine Art Pastiche der Vita nova, eines Neuen Lebens: der Sprecher lässt das alte Leben hinter sich, um neue Wege zu bestreiten oder wie Dante Alighieri zum Dichter zu werden. Dementsprechend sind die letzten durch spazio abgesetzten Worte des Gedichts „das Leben, die Jugend“. Sie unterstreichen die poetische Form des Neuen Lebens und stellen einen Bezug zum Titel des Lyrik-Bandes her. In diesem Sinn ist auch der Titel des Gedichts „Saluto e augurio“ zu verstehen: Der Gruß, „saluto“, stand seit der frühesten italienischen Dichtung in ihrem Zentrum als erneuernde Kraft, die durch das den Dichter grüßende Liebesobjekt bewirkt wurde.
Der in „Saluto e augurio“ imaginierte Dialog erscheint wie die letzte Möglichkeit, diejenigen zu erreichen, die Pasolini hassen, und impliziert zugleich die Unmöglichkeit dieses Dialogs. Marco A. Bazzocchi hat daher von den problematischen Bedingungen des Dialogs gesprochen: seiner Instabilität, bei der jede Äußerung in Anführungszeichen gesetzt werden muss. Pasolini wählt den Faschisten als Gegenüber, bevor sie beide zu weit voneinander entfernt sind. Dieses Gegenüber wird genau beschrieben, so als stünden sich die Protagonisten von Angesicht zu Angesicht gegen: 21-22jährig, kurze Haare, Brille, grauer Anzug, hochaufgeschossen. Das lyrische Ich spricht den jungen Mann an, als ob er ihm auf der Straße begegnen würde. Die dargestellte Situation erinnert an die berühmte Anrufung (interpellation) von Louis Althusser. Pasolini ersetzt damit die für die italienische Dichtung maßgebliche lyrische Grußszene durch eine andere Szene. In Ideologie und ideologische Staatsapparate hatte Althusser mit der Figur des Polizisten, der eine Person auf der Straße mit „He, Sie da!“ anruft, eine theoretische Szene von politischem Ausmaß entworfen, in der durch die einfache physische Wendung um 180 Grad der Angerufene zum Subjekt werde: „Weil es damit anerkennt, daß der Anruf ‚genau‘ ihm galt und daß es ‚gerade es war, das angerufen wurde‘ (und niemand anderes).“
Das Subjekt konstituiert sich durch diesen Sprechakt, das wurde in der Folge von Michel Foucault und Judith Butler ausbuchstabiert, in doppelter Weise: Seine Subjektwerdung ist immer zugleich eine Unterwerfung, die durch die Anrede als (körperliche) Umwendung vollzogen wird. Bei Pasolini ist die Anrufung, der Appel oder eben der Gruß („saluto“) mit der Aufforderung verbunden, näher zu kommen und zuzuhören: „Komm her, komm her, Phädrus!“ Die Szene der Anrufung verschafft dem Faschisten einen Ort, von dem aus er prinzipiell sprechen könnte. Er kommt jedoch im gesamten Gedicht nicht zu Wort. Im Gegenteil: Die Imperative „Hör zu“ und „Schweig“ versetzen den Angeredeten in die passive Rolle des Zuhörers, der den Anordnungen einer Autorität unterworfen ist.
Sprechen mit einem Toten
Pasolini führt mit dem Gedicht also das Sprechen zu einem Faschisten auf: „ich weiß genau, ich weiß, / dass Du keines hast, und keines willst, / ein freies Herz, und dass Du nicht ehrlich sein kannst: / aber auch wenn Du ein Toter bist, ich werde zu Dir sprechen.“ Durch dieses Zu-dem-Faschisten-Sprechen setzt ihn Pasolini auf eine paradoxe Weise als neuen Fürsprecher ein. Er soll nun seinerseits für die Ausgestoßenen dieser Welt einstehen: „Nimm sie auf Dich, diese Last, Junge, der Du mich hasst: / Trag Du sie.“ Die neue Republik, deren Programm hier entworfen und dem jungen Faschisten als seine Verpflichtung auferlegt wird, muss aus dem Inneren des mütterlichen Körpers hervorgehen und in der Liebe zu den Armen in ihrer Vielfalt, in den abgeschiedenen Winkeln der Welt, zur jeden Morgen neu erfundenen Sprache, zum Elend der Diebe und zum Fleisch der Mutter im Kind bestehen. Aber diese Aufgabe scheint von einem Sterbenden zu kommen („es wird klingen wie ein Testament“) und richtet sich an einen Toten („auch wenn Du ein Toter bist“).
Pasolini inszeniert mit der Szene der Anrufung also keine reale Situation, sondern eine vorgestellte Situation, nicht Wirklichkeit, sondern sprachlich verfasste Wirklichkeit. Imagination und Realität werden auf diese Weise miteinander in Beziehung gesetzt. Dies unterstreicht eine handschriftliche Ergänzung in der fünftletzten Strophe des Daktyloskripts: „che l’ilusiòn a è ilusion di ilusion, no di realtà“ – „weil die Illusion die Illusion einer Illusion, nicht die Wirklichkeit, ist“. Das Gedicht behauptet somit weder eine konkrete Realität noch dient es der Legitimation realer Macht. Wer sich jedoch durch die Anrufung angesprochen fühlt, macht sich zum Faschisten. Faschist:in ist diejenige/derjenige, der/die sich als Faschist:in angesprochen fühlt. Durch die Identifikation mit dieser Rolle erklärt sich somit Georgia Meloni selbst zur Faschistin.
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[Deutsche Übersetzung von Fabien Vitali ganz unten]
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Pier Paolo Pasolini
Saluto e augurio
A è quasi sigùr che chista
a è la me ultima poesia par furlàn;
e i vuèj parlàighi a un fassista
prima di essi (o ch’al sedi) massa lontàn.
Al è un fassista zòvin,
al varà vincia un, vincia doi àins:
al è nassùt ta un paìs,
e al è zut a scuela in sitàt.
Al è alt, cui ociàj, il vistìt
gris, i ciavièj curs:
quand ch’al scumìnsia a parlàmi
i crot ch’a no’l savedi nuja di politica
e ch’al serci doma di difindi il latìn
e il grec, cuntra di me; no savìnt
se ch’i ami il latin, il grec – e i ciavièj curs.
Lu vuardi, al è alt e gris coma un alpìn.
»Ven cà, ven cà, Fedro.
Scolta. I vuèj fati un discors
ch’al somèa un testamìnt.
Ma recuàrditi, i no mi fai ilusiòns
su di te: jo i sai ben, i lu sai,
ch’i no ti às, e no ti vòus vèilu,
un còur libar, e i no ti pos essi sinsèir:
ma encia si ti sos un muàrt, ti parlarài.
Difìnt i palès di moràr o aunàr,
in nomp dai Dius, grecs o sinèis.
Moùr di amòur par li vignis.
E i fics tai ors. I socs, i stecs.
Il ciaf dai to cunpàins, tosàt.
Difìnt i ciamps tra il paìs
e la campagna, cu li so panolis,
li vas’cis dal ledàn. Difìnt il prat
tra l’ultima ciasa dal paìs e la roja.
I ciasàj a somèjn a Glìsiis:
giolt di chista idea, tènla tal còur.
La confidensa cu’l soreli e cu’ la ploja,
ti lu sas, a è sapiensa santa.
Difìnt, conserva, prea! La Repùblica
a è drenti, tal cuàrp da la mari.
I paris a àn serciàt, e tornàt a sercià
di cà e di là, nassìnt, murìnt,
cambiànt: ma son dutis robis dal passàt.
Vuei: difindi, conservà, preà. Tas:
la to ciamesa ch’a no sedi
nera, e nencia bruna. Tas! Ch’a sedi
’na ciamesa grisa. La ciamesa dal siun.
Odia chej ch’a volin dismòvisi
e dismintiàssi da li Paschis…
Duncia, fantàt dai cialsìns di muàrt,
i ti ài dita se ch’a volin i Dius
dai ciamps. Là ch’i ti sos nassùt.
Là che da frut i ti às imparàt
i so Comandamìns. Ma in Sitàt?
Scolta. Là Crist a no’l basta.
A coventa la Gl’sia: ma ch’a sedi
moderna. E a coventin i puòrs.
Tu difìnt, conserva, prea:
ma ama i puòrs: ama la so diversitàt.
Ama la so voja di vivi bessòj
tal so mond, tra pras e palàs
là ch’a no rivi la peràula
dal nustri mond; ama il cunfìn
ch’a àn segnàt tra nu e lòur;
ama il so dialèt inventàt ogni matina,
par no fassi capì; par no spartì
cun nissùn la so ligria.
Ama il sorel di sitàt e la miseria
dai laris; ama la ciar da la mama tal fì.
Drenti dal nustri mond, dis
di no essi borghèis, ma un sant
o un soldàt: un sant sensa ignoransa,
un soldàt sensa violensa.
Puarta cun mans di sant o soldàt
l’intimitàt cu’l Re, Destra divina
ch’a è drenti di nu, tal siùn.
Crot tal borghèis vuàrb di onestàt,
encia s’a è ’na ilusiòn: parsè
che encia i parons, a àn
i so paròns, a son fis di paris
ch’a stan da qualchi banda dal mond.
Basta che doma il sintimìnt
da la vita al sedi par diciu cunpàin:
il rest a no impuàrta, fantàt cun in man
il Libri sensa la Peràula.
Hic desinit cantus. Ciàpiti
tu, su li spalis, chistu zèit plen.
Jo i no pos, nissun no capirès
il scàndul. Un veciu al à rispièt
dal judissi dal mond; encia
s’a no ghi impuarta nuja. E al à rispièt
di se che lui al è tal mond. A ghi tocia
difindi i so sgnerfs indebulìs,
e stà al zoùc ch’a no’l à mai vulùt.
Ciàpiti su chistu pèis, fantàt ch’i ti mi odiis:
puàrtilu tu. Al lus tal còur. E jo ciaminarai
lizèir, zint avant, sielzìnt par sempri
la vita, la zoventùt.»
Aus: La nuova gioventù. Poesie friulane 1941-1975,
Mailand: Garzanti 2016, S. 271-275.
Gruß und Wunsch
Es ist fast sicher, dass dies
mein letztes Gedicht in Friulanisch ist:
und ich will zu einem Faschisten sprechen,
bevor wir (er oder ich) zu weit voneinander entfernt sind.
Er ist ein junger Faschist,
er ist um die einundzwanzig, zweiundzwanzig Jahre alt:
er ist geboren auf dem Land,
und er ist zur Schule gegangen in der Stadt.
Er ist groß, mit Brille, die Kleidung
grau, die Haare kurz:
als er beginnt, mit mir zu sprechen,
scheint mir, er verstehe nichts von Politik
und dass er nur versucht, zu verteidigen das Latein
und das Griechisch, gegen mich; ohne zu wissen,
wie sehr ich das Latein liebe, das Griechisch – und die kurzen Haare.
Ich schaue ihn an, er ist groß und grau, wie ein Bergsoldat.
»Komm her, komm her, Phaidros.
Hör zu. Ich will Dir etwas vortragen,
und es wird klingen wie ein Testament.
Aber denk dran, ich mache mir keine Illusionen
über Dich: ich weiß genau, ich weiß,
dass Du keines hast, und keines willst,
ein freies Herz, und dass Du nicht ehrlich sein kannst:
aber auch wenn Du ein Toter bist, ich werde zu Dir sprechen.
Steh ein für die Zäune der Maulbeeren oder Erlen,
im Namen der Götter, griechischer oder chinesischer.
Stirb aus Liebe zu den Weinreben.
Für die Feigen in den Gärten. Die Triebe, die Zweige.
Für das Haupt deiner Kameraden, kurzgeschoren.
Steh ein für die Felder zwischen dem Dorf
und dem Land, mit seinen Maiskolben,
den Dunggruben. Steh ein für die Wiese
hinter dem letzten Haus, vor dem Roggenfeld.
Die Höfe sind wie Kirchen:
erfreue Dich an diesem Bild, schließ es in dein Herz.
Die Vertrautheit mit der Sonne und mit dem Regen,
Du weißt es, dies Wissen ist heilig.
Verteidige, bewahre, bete! Die Republik,
sie ist im Innern, im Körper der Mutter.
Die Väter hatten gesucht, kehrten zurück, suchten weiter,
hier und dort, sie kamen zur Welt, sie starben,
sie veränderten sich: aber das alles ist Vergangenheit.
Heute: Verteidige, bewahre, bete! Schweig:
Dein Hemd sei nicht
schwarz, und auch nicht braun. Schweig! Es soll
ein graues Hemd sein. Das Hemd des Schlafes.
Hasse jene, die erwachen wollen
und sich nicht entsinnen der Ostern…
Also, Junge mit den Strümpfen eines Toten,
Ich habe Dir gesagt, was sie verlangen, die Götter
der Felder. Dort, wo Du geboren wurdest.
Dort, wo Du als Kind erlernt hattest
ihre Gebote. Aber in der Stadt?
Hör zu. Der Christus genügt dort nicht.
Es bedarf der Kirche: aber sie sei
modern. Und es bedarf der Armen.
Du aber verteidige, bewahre, bete:
aber liebe die Armen: liebe ihre Andersartigkeit.
Liebe ihr Verlangen, alleine für sich zu leben
in der Welt, zwischen Wiesen und Häusern,
dort, wo nicht hingelangt die Sprache
unserer Welt; liebe die Grenze,
die sie gezogen haben zwischen uns und ihnen;
liebe ihren Dialekt, den sie neu erfinden, jeden Morgen,
um nicht verstanden zu werden; um nicht zu teilen,
mit niemandem, ihre Heiterkeit.
Liebe die Sonne der Stadt und das Elend
der Diebe; liebe das Fleisch der Mutter im Sohn.
In unserer Welt, sag,
dass Du kein Bourgeois bist, sondern ein Heiliger
oder ein Soldat; ein Heiliger ohne Torheit,
ein Soldat ohne Gewalt.
Trage mit den Händen eines Heiligen oder eines Soldaten
die Innigkeit mit dem König, Göttliche Rechte,
die in uns ist, im Schlaf.
Vertraue in den Bourgeois, blind vor lauter Ehrlichkeit,
auch wenn es eine Illusion ist: denn
auch die Herren haben
ihre Gebieter, und sind Söhne von Vätern,
die leben irgendwo auf der Welt.
Es genügt, dass allein das Gefühl
des Lebens gleich ist für alle:
alles andere ist nicht wichtig, Junge, der Du in der Hand hältst
das Buch ohne das Wort.
Hic desinit cantus. Nimm
auf Dich, trag auf deinen Schultern, diese volle Bürde.
Ich kann es nicht, niemand würde Verständnis haben
für den Skandal. Ein alter Mann hat Respekt
vor dem Urteil der Welt; auch
wenn er ihm keine Bedeutung schenkt. Und der hat Respekt
vor dem, was er selbst ist in der Welt. Er muss
sie schützen, seine geschwächten Nerven,
und mitspielen das Spiel, das er nie spielte.
Nimm sie auf Dich, diese Last, Junge, der Du mich hasst:
Trag Du sie. Sie leuchtet im Herzen. Und ich gehe
leichten Schritts, immer voran, und immer entscheide ich mich für
das Leben, die Jugend.«
Übersetzung ins Deutsche von Fabien Vitali
