"Open Access" verspricht den freien Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen - und so Fortschritt und Demokratie in einem. Die Realität ist komplexer und weniger freundlich: Der akademische Kapitalismus droht, die Landschaft der Wissenschaften nachhaltig zu verändern.

25. September 2016Lesezeit ca. 7 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

Zu Open Access (OA) ist alles gesagt und vieles getan – und nichts ist geklärt. Es gibt eine Stan­dard­ge­schichte, die lautet so: Mit OA wird eine neue Phase in der Geschichte des wissen­schaft­li­chen Publi­zie­rens einge­läutet, indem die gesamte wissen­schaft­liche Produk­tion jeder­zeit überall allen Menschen kostenlos zur Verfü­gung steht. Keine Schranken mehr für die Wissen­schaften im globalen Austausch von Forschungs­re­sul­taten und Erkennt­nissen; keine Einschrän­kungen mehr für Bürge­rinnen und Bürger, die sich je nach Inter­esse und Kompe­tenz über sämt­liche Forschungs­ar­beiten infor­mieren können.

Solche Aussichten sind verlo­ckend, denn mit der barrie­re­freien Zirku­la­tion von Wissen ist die Hoff­nung nach einer Stei­ge­rung von Krea­ti­vität und Effi­zienz verbunden, so dass die Wissen­schaften ihren Beitrag im globalen Wett­kampf um Ressourcen und Inno­va­tionen leisten können. Und gleich­zeitig scheinen sich die noto­risch unan­ge­nehmen Prozesse der Entfrem­dung zwischen Wissen­schaft und Gesell­schaft umkehren zu können.

Akade­mi­scher Kapitalismus

Leider ist die Sache komplexer, als es euphe­mis­ti­sche Sonn­tags­reden von Poli­ti­kern und die Webseiten von Forschungs­or­ga­ni­sa­tionen, Univer­si­täten und Groß­ver­lagen vermuten lassen. Die Praxis von Open Access ist domi­niert von einer Viel­zahl unter­schied­li­cher Akteure mit zum Teil gegen­läu­figen Inter­essen. Dazu gehören Poli­tiker, globale Verlags­kon­sor­tien, Förder­or­ga­ni­sa­tionen, Wissen­schafts­ma­nager, Biblio­the­kare, digi­tale Akti­visten, die Compu­ter­in­dus­trie und schließ­lich auch dieje­nigen, um die es eigent­lich geht: Wissen­schaftler – aber auch hier handelt es sich keines­wegs um eine homo­gene Gruppe. Aus dieser Konstel­la­tion hat sich ein Konglo­merat aus Geld­strömen, mora­li­schen und epis­te­mi­schen Ökono­mien, post-Gutenberg’scher Tech­no­philie und New Public Manage­ment gebildet, das Open Access als Phänomen ziem­lich schwer fassbar macht. Auf einen Nenner gebracht, könnte man sagen: Als Geschäfts­mo­dell des akade­mi­schen Kapi­ta­lismus ist OA Realität, als Programm dafür, die Mensch­heit im gemein­samen intel­lek­tu­ellen Gespräch und Streben nach Wissen zu verei­nigen, ist es eine Utopie.

Diese These setzt voraus, dass es bei OA einer­seits um ein huma­nis­ti­sches, der Aufklä­rung verpflich­tetes Projekt geht, ande­rer­seits wird die unge­störte Zirku­la­tion von Wissen, ähnlich wie die Zirku­la­tion von Waren und Geld­strömen, der ökono­mi­schen Logik unter­worfen. Ganz ohne kriti­sche Absicht hat es der israe­li­sche Histo­riker Yuval Noah Hariri kürz­lich gut getroffen: „Just as free-market capi­ta­lists believe in the invi­sible hand of the market, so Data­ists believe in the invi­sible hand of the data­flow.“ Unter­stellt man für einen Moment, dass „data­ists“ nicht nur „free-market-capitalists“ mit Program­mier­kennt­nissen sind, so haben Libe­ra­lität und Offen­heit in diesem Zusam­men­hang zwei Bedeu­tungen: einmal im Sinne eines allen zur Verfü­gung stehenden Guts (common), und einmal im Sinne eines gigan­ti­schen offenen Daten­re­ser­voirs, aus dem sich dieje­nigen, die über die geeig­neten Tech­no­lo­gien verfügen, unbe­grenzt bedienen können, um ihre mate­ri­ellen Inter­essen zu befrie­digen (commo­dity).

Das Ende des alten akade­mi­schen Publikationswesens

Die kurze Geschichte von Open Access lässt nicht erkennen, ob sich die Waage in die eine oder in die andere Rich­tung neigt, aber sie gibt immerhin einige Hinweise. Die lautesten Forde­rungen nach einer flächen­de­ckenden Einfüh­rung von OA sind aus dem Bereich der MINT-Fächer (Medizin, Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaften, Natur­wis­sen­schaften, Technik) gekommen, und das ist auch verständ­lich. Nachdem die Viel­falt von (Natur)-Wissenschaftsverlagen seit den 1980er Jahren auf eine Hand­voll globaler Verlags­kon­sor­tien (ange­führt von Else­vier, Springer und Wiley) zusam­men­ge­schmolzen war, erhöhten diese die Preise für wissen­schaft­liche Zeit­schriften nach Belieben. Der fatale Zusam­men­hang zwischen ökono­mi­schem und symbo­li­schem Kapital ergab sich dadurch, dass die Natur­wis­sen­schaften unge­fähr zur glei­chen Zeit anfingen, ihre Origi­na­lität durch quan­ti­ta­tive Para­meter zu defi­nieren, allen voran die soge­nannten Impact-Faktoren: Der hohe Impact-Faktor einer Zeit­schrift bedeutet große Repu­ta­tion, in vielen Fällen aber auch einen hohen Preis – bis zu 20.000 EURO Jahres­kosten für eine einzige Zeitschrift.

Univer­si­täts­bi­blio­theken, Forschungs- und Förder­or­ga­ni­sa­tionen mussten immer mehr Geld für diese Peri­odika aufwenden, was – nebenbei bemerkt – zuneh­mend zum Nach­teil der Geis­tes­wis­sen­schaften geraten ist, denn die Biblio­theken schaffen seit Jahr­zehnten immer weniger Bücher an. Auch wuchs die Empö­rung darüber, dass zumeist öffent­liche Gelder – für wissen­schaft­liche Zeit­schriften werden welt­weit jähr­lich ca. 7,6 Milli­arden EURO aufge­wendet – der Wissen­schaft entzogen werden, weil die global operie­renden Verlags­mo­no­po­listen ihre Gewinne nur zu einem gerin­geren Teil reinves­tieren, vor allem aber an ihre Besitzer, nämlich Finanz­kon­sor­tien, Speku­lanten und Inves­toren, abführen. Unbe­streitbar haben die genannten Verlage durch ihre erbar­mungs­lose Preis­po­litik das tradi­tio­nelle akade­mi­sche Publi­ka­ti­ons­system nach­haltig zerstört. Aber auch wenn man ihnen mit Recht den Vorwurf macht, den Bogen völlig über­spannt zu haben, sollte man nicht vergessen, dass sich auch die poli­ti­schen Anfor­de­rungen an die Wissen­schaften grund­le­gend verän­dert haben.

Wissen­schafts­po­litik oder Wirtschaftspolitik?

Seit dem 19. Jahr­hun­dert haben Staaten darauf speku­liert, dass wissen­schaft­liche Erkennt­nisse eine Grund­lage wirt­schaft­li­cher Prospe­rität bilden, doch seit dem Ende des Kalten Krieges ist daraus ein beinahe impe­ra­tives Mandat geworden – und die digi­tale Revo­lu­tion zum Kata­ly­sator für eine prak­ti­sche Verwert­bar­keit des Wissens. Der deut­sche Gesetz­geber hat das 2013 in seiner Novelle zum Urhe­ber­recht klar zum Ausdruck gebracht: „Ein möglichst unge­hin­derter Wissens­fluss ist Grund­vor­aus­set­zung für inno­va­tive Forschung und für den Transfer der Ergeb­nisse in Produkte und Dienst­leis­tungen. […] Wissen ist im globalen Wett­be­werb ein entschei­dender Faktor. Eine hohe Inno­va­ti­ons­kraft ist ohne ein produk­tives Wissen­schafts­system und einen effek­tiven Wissens­transfer nicht denkbar.” Hier wird ein Begriff von Wissen als Ware in Anschlag gebracht, der ökono­mi­sche Effekte bzw. Nütz­lich­keits­er­wä­gungen im Auge hat und Zweifel aufkommen lässt, ob die Über­zeu­gung, wissen­schaft­liche Erkenntnis sei in erster Linie common und nicht commo­dity, wirk­lich an Boden gewonnen hat, wenn OA so unver­blümt als Teil der Inno­va­ti­ons­po­litik der Wissens­ge­sell­schaft rekla­miert wird.

Wie Open Access, die unsicht­bare Hand der Daten- und Wissens­zir­ku­la­tion sowie die poli­ti­sche Steue­rung der Wissen­schaften mitein­ander verwoben sind, wird nirgendwo deut­li­cher als in der gegen­wär­tigen Forschungs­po­litik der Euro­päi­schen Union: Das mit knapp 80 Milli­arden Euro ausge­stat­tete EU-Rahmenprogramm für Forschung und Inno­va­tion Horizon 2020, von dem natür­lich weder die Schweiz noch Groß­bri­tan­nien ausge­schlossen werden wollen, ist im Wesent­li­chen über Bande gespielte Wirt­schafts­för­de­rung. In einer vom deut­schen Bundes­mi­nis­te­rium für Bildung und Forschung heraus­ge­ge­benen Infor­ma­ti­ons­bro­schüre heisst es unver­blümt: „Erkennt­nisse in der Wissen­schaft zu ermög­li­chen und die Zusam­men­ar­beit von Wissen­schaft und Wirt­schaft weiter zu verbes­sern.“ Diese Art von Renta­bi­li­täts­prosa macht verständ­lich, warum die Geis­tes­wis­sen­schaften gerade noch am unteren Ende des Katzen­tischs dieses EU-Programms teil­nehmen dürfen. Wie leicht oder schwer es, neben den Geis­tes­wis­sen­schaften, die nicht auf Anwen­dung und Profit gedrillte natur­wis­sen­schaft­liche Grund­la­gen­for­schung unter diesen Maßgaben hat, wird sich zeigen, wenn ein Gesamt­über­blick über das seit 2014 laufende Programm vorliegt. Es sollte jedoch zu denken geben, wenn sogar die natur­wis­sen­schaft­lich domi­nierte Allianz der deut­schen Wissen­schafts­or­ga­ni­sa­tionen ihre Sorge ange­sichts der Verwer­tungs­logik von Horizon 2020 zum Ausdruck gebracht hat.

Was hat die Forschungs­po­litik der EU mit Open Access und der gegen­wär­tigen Realität des wissen­schaft­li­chen Publi­zie­rens zu tun? Auf der einen Seite kann man die erfreu­liche Grün­dung nicht-kommerzieller Jour­nale wie z. B. die Public Library of Science regis­trieren, die frei­lich mit ihrem Flag­schiff PLOSONE, einem Mega­journal, das pro Jahr mehr als 30 000 Artikel publi­ziert, ein gewal­tiges Expe­ri­ment gestartet hat, dessen Ausgang unge­wiss ist, da niemand zu sagen vermag, welche Auswir­kungen ein nur die metho­di­sche Korrekt­heit und nicht die Origi­na­lität und Rele­vanz berück­sich­ti­gendes Begut­ach­tungs­system mittel­fristig auf die Qualität wissen­schaft­li­cher Publi­ka­tionen haben wird. Auf der anderen Seite beob­achten wir die Grün­dung zahl­loser neuer digi­taler Zeit­schriften, deren Stan­dards mehr als zwei­fel­haft sind. Dabei handelt es sich um kleine Geld­ma­schinen, in denen Autoren gegen Gebühren Artikel publi­zieren können, die sie in seriö­seren Jour­nalen niemals unter­bringen würden. OA hat das auch vorher schon viru­lente Problem eines hemmungs­losen Publi­ka­ti­ons­wahns noch weiter verschärft und mit der vermeint­li­chen Trans­pa­renz eine noch größere Unüber­sicht­lich­keit geschaffen. Dass die Qualität der Forschung damit auf dem Spiel steht und führende wissen­schaft­liche Verei­ni­gungen wie die Royal Society oder die Leopol­dina hände­rin­gend nach neuen Beur­tei­lungs­kri­te­rien und -prak­tiken für wissen­schaft­liche Publi­ka­tionen suchen, ist eine bislang zu wenig ernst­ge­nom­mene Tatsache.

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Viel wird in Zukunft davon abhängen, in welchem Umfang es den Wissen­schaften gelingt, das akade­mi­sche Publi­ka­ti­ons­wesen wieder in die eigene Hand zu nehmen und kommer­ziell orien­tierte Verlage viel­leicht nicht auszu­schalten, aber doch deren Mono­pol­si­tua­tion aufzu­bre­chen. In dieser Hinsicht wäre ein histo­ri­scher Rück­griff auf die Gelehr­ten­re­pu­blik des 17. Jahr­hun­derts, als wissen­schaft­liche Gesell­schaften wie die Royal Society oder die Académie des Sciences tatsäch­lich ihre Zeit­schriften unter eigener Regie heraus­brachten, gerecht­fer­tigt. Doch die jüngsten Entwick­lungen laufen in eine andere Richtung.

Die OA-Strategie der Monopol-Verlage

Die globalen Verlags­mo­no­po­listen haben in wenigen Jahren gelernt, ihr Geschäfts­mo­dell Schritt für Schritt auf Open Access umzu­stellen. Erik Engstrom, CEO von Reed Else­vier, fasst den Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess so zusammen: „In 2013 we conti­nued to make good progress on our stra­tegy to syste­ma­ti­cally trans­form our busi­ness into a profes­sional infor­ma­tion solu­tions provider that combines content and data with analy­tics and tech­no­logy to deliver improved outcomes for custo­mers.“ Das heißt: Es werden digi­tale Platt­formen zur Verfü­gung gestellt, und man bietet den Kunden Hilfe an, wenn es um das Hoch­laden, Suchen, Scannen, Bereit­stellen und Bear­beiten von Daten und Inhalten geht; und darüber hinaus sind diese Platt­formen Kommu­ni­ka­ti­ons­netz­werke, die den globalen Daten­ver­kehr zwischen den Wissen­schaft­lern kontrol­lieren. Die Kombi­na­tion aus Face­book für Wissen­schaftler und „profes­sional infor­ma­tion solu­tions provider“ exis­tiert längst und hat Millionen Mitglieder: Mendeley (5 Millionen Mitglieder), das Social Science Rese­arch Network (mehr als 2 Millionen Mitglieder), Rese­arch­gate (10 Mill­lionen Mitglieder) und schließ­lich die Mega­platt­form Academia.edu (40 Millionen Mitglieder).

Diese vier Platt­formen, Repo­si­to­rien und sozialen Netz­werke sind ursprüng­lich als phil­an­thro­pi­sche Star­tups gegründet worden, doch die ersten beiden sind bereits im Besitz von Else­vier. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die anderen beiden ganz in die Logik des Infor­ma­ti­ons­ka­pi­ta­lismus einbe­to­niert sind. Ist es einmal so weit, wird das Spiel mit der Kosten­schraube von vorne losgehen, nur dass diesmal nicht mehr die Biblio­theken, sondern die Wissen­schaftler selbst die Adres­saten sein werden. Natür­lich sind alle Publi­ka­tionen Open Access, aber wer in einem OA-Jornal mit hoher Repu­ta­tion publi­zieren will, wer sein Daten­ar­chiv, sein Publi­ka­ti­ons­re­po­si­to­rium und sein Gelehr­ten­netz­werk einer kommer­zi­ellen Cloud anver­traut hat, ist mindes­tens ebenso erpressbar wie eine Forschungs­bi­blio­thek, die absurde Preise für Zeit­schriften bezahlen muss, um ihrem genuinen Auftrag erfüllen zu können.

Ange­sichts dieser Aussichten ist das Verspre­chen, science via open science zur citizen science zu machen, die den Bürge­rinnen und Bürgern nach den Vorstel­lungen der Poli­tiker und Funk­tio­näre so zugu­te­kommen soll wie der Strom aus der Steck­dose – und das Ganze unter Ausschluss der Geis­tes­wis­sen­schaften –, ein Szenario, das sich nicht einmal der schlimmste Wissen­schafts­feind hätte ausdenken können.

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