Dinçer Güçyeter war schon vieles: Werkzeugmechaniker, Gastronom, Gabelstaplerfahrer in Teilzeit, Schauspieler, Lyriker und Verleger. Als Lyriker und Verleger beschäftigt ihn vor allem die Frage: Was ist die Gegenwart?

  • Dinçer Güçyeter

    Dinçer Güçyeter ist ein deutscher Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. Im Jahr 2012 gründete Güçyeter den ELIF Verlag mit dem Programmschwerpunkt Lyrik. Seinen Verlag finanziert Güçyeter bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. 2017 erschien Aus Glut geschnitzt, und 2021 Mein Prinz, ich bin das Ghetto. 2022 wurde Güçyeter mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Sein Roman Unser Deutschlandmärchen wurde 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2024 erhält er den Else-Lasker-Schüler-Preis.
  • Iryna Herasimovich

    Iryna Herasimovich ist Literaturübersetzerin zahlreicher deutschsprachiger Autor:innen ins Belarusische. Sie arbeitet auch als Dramaturgin und Kuratorin im Bereich bildende Kunst und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seit 2021 ist sie Doktorandin am Slavischen Seminar der Uni Zürich.

Iryna Hera­si­mo­vich: Dinçer, beginnen wir damit, wie Poesie in dein Leben gekommen ist bzw. wie du sie in deinem Leben erkannt hast.

Dinçer Güçyeter: Oft denke ich, dass Poesie etwas Ange­bo­renes ist, wir kommen damit auf die Welt. Damit will ich jetzt nicht in eine spiri­tu­elle Schiene abrut­schen, aber es entspricht meinem Gefühl, wenn ich an meine Kind­heit denke, an die Lieder, an die Stimmen, die mich beein­druckt haben und aus denen ich später sowas wie Poesie gemacht habe. Der Gedanke, der mich damals beglei­tete, war: Wie kann ich meine eigenen Lieder singen? Weil ich musi­ka­lisch nicht so begabt bin, habe ich mich für das Schreiben entschieden. Sonst wäre ich heute wohl als Sänger auf der Bühne.

Iryna Hera­si­mo­vich: Was waren das für Lieder und Sänger:innen? Und wie sah deine Beschäf­ti­gung damit aus?

Dinçer Güçyeter: Das waren Lieder von Sezen Aksu oder Hilde­gard Knef, von Nina Hagen oder Marlene Diet­rich. Ich schrieb ihre Lieder­texte auf die Pils- oder Alt-Bierdeckel in der Kneipe meines Vaters, verklei­dete mich und machte diese großen Sänger:innen vor dem Spiegel nach, mit etwas in der Hand, wovon ich mir einbil­dete, das sei ein Mikrofon. Warum ich all das gemacht habe, kann ich dir, liebe Iryna, nicht erklären. Mit Lady Gaga kann ich sagen: Ich war schon immer berühmt, nur wusste das keiner.

Iryna Hera­si­mo­vich: Du siehst also den Ursprung deiner Poesie in deiner kind­li­chen Phantasie?

Dinçer Güçyeter: Genau, in meiner eigenen Zauber­welt, in der ich immer schon eine kleine Prima­donna oder der Prince oder der Vaga­bund, alles Mögliche war. In allen Filmen, die ich selbst geschrieben und aufge­zeichnet habe, in meinem Kopf­kino. Aber die Menschen haben einen jungen Mann gesehen, der im Blau­mann an der Dreh­ma­schine in der Fabrik stand und sein Geld verdiente. Aber dieser junge Mann hatte auch seine glamou­röse Welt, seine eigenen Kammern. Und da hat er irgend­etwas wie Poesie gebas­telt. Heute gehe ich damit etwas bewusster um.

Iryna Hera­si­mo­vich: Poesie bedeutet unter anderem, die eigene Stimme zu finden und ihr zu vertrauen. Aber man kann wohl nicht zur eigenen Stimme finden, ohne die anderen Stimmen in sich aufzunehmen.

Dinçer Güçyeter: Irgend­wann merkt man ja, dass die eigene Erfah­rung, die eigene Sicht­weise nicht genug sind, und dann holt man sich viele Eindrücke von außen, man beschäf­tigt sich mit der Welt­li­te­ratur. Das hat bei mir mit 13, 14 Jahren ange­fangen, da bin ich in die Hocke gegangen und habe jahre­lang, zehn Jahre lang, die ganze Welt­li­te­ratur studiert. Dann hat es noch mal zehn Jahre gedauert, bis ich mich von dieser Welt­li­te­ratur reinigen und meine eigene Stimme finden konnte. In der Phase habe ich vieles kopiert, nach­ge­macht, imitiert. Mit Anfang 30 kam die Frage auf, ist es über­haupt deine eigene Stimme? Die Antwort kam ganz schnell: nein. Was ist meine eigene Stimme? Auf dieser Suche bin ich heute immer noch. Allein diese Suche ist schon eine Poesie für sich, denke ich.

Iryna Hera­si­mo­vich: Die Verflech­tungen zwischen deiner Stimme und den Stimmen der anderen machen auch dein groß­ar­tiges Buch Unser Deutsch­land­mär­chen aus. In diesem Buch erzählst du die Geschichten deiner Groß­fa­milie, von den Groß­el­tern in der Türkei über die Eltern, die aus der Türkei nach Deutsch­land kamen, aber eigent­lich zwischen zwei Welten lebten, bis zu deiner eigenen Kind­heit und Jugend­zeit. Ich würde das als eine Art doku­men­ta­ri­sche Dich­tung bezeichnen. Die Erzäh­lungen sind aus unter­schied­li­chen Perspek­tiven aufge­baut, zum Beispiel, aus der Perspek­tive der Mutter, der Tante, des Jungen Dinçer. Du legst offen, dass es um die Geschichten deiner Familie geht, der Text wird begleitet von doku­men­ta­ri­schen Fotos. In diesem Text verdich­test du die Erfah­rungen, nicht nur deine eigenen, sondern auch die der anderen, du nimmst das Spre­chen der anderen in dein eigenes auf und lässt die anderen umge­kehrt mit deiner Stimme sprechen.

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Dinçer Güçyeter: Sowohl in diesem Text, aber auch in meinen Gedichten ist es immer eine Art Orchester mit vielen Instru­menten und vielen Stimmen. Manchmal singen diese Stimmen in Chören, manchmal solo. Als Autor oder Autorin hast du in deinem Gehör immer Stimmen, die du seit deiner Kind­heit mit dir geschleppt hast, die muss man gar nicht suchen, die sind unter der Haut – dieses Gefühl hatte ich sofort, als ich mit dem Schreiben ange­fangen habe.

Das Wich­tigste war für mich, wie ich diese Stimmen lebendig und authen­tisch wieder­geben kann, ohne sie zu verschnör­keln. Jede Stimme soll indi­vi­duell sein, aber alle zusammen sollen eine Einheit bilden.

Seit Jahren hat mich beschäf­tigt, warum die Dramen von Tennessee Williams so glaub­würdig sind, obwohl sie von tiefen Abgründen handeln? Ist das Leben wirk­lich so? Was ist dann das normale Leben? Und letzt­end­lich kommt man zum Ergebnis, dass alles in diesem Leben irgendwie normal ist. Dieser Gedanke hat mir die Frei­heit gegeben, mit diesen Stimmen zu spielen.

Wenn man schreibt, sucht man nicht nur nach der eigenen Stimme, sondern auch nach der Tiefe. Nach der Tiefe auch in anderen Stimmen, in anderen Lebensgeschichten.

Aber ich wusste lange nicht, ob es geklappt hat. Erst als ich jeden Abend in einer anderen Stadt gelesen, aber immer das gleiche Feed­back bekommen habe, habe ich gedacht: Okay, ich glaube, es hat schon geklappt.

Iryna Hera­si­mo­vich: Woher kommt der Titel Unser Deutsch­land­mär­chen?

Dinçer Güçyeter: Im Buch gibt es den Satz „Der Wahr­heit ins Gesicht zu schauen, ist schwie­riger, als den Salz­sack auf die Spitze des Berges zu tragen.“ Oft ist die Wahr­heit uner­träg­lich und wir suchen die Flucht in einem Märchen. Dazu hatte ich das Gefühl, unter diesem Titel könnte ich freier mit lite­ra­ri­schen Formen arbeiten, mehr Gewürz auf die Charak­tere, auf die Hand­lungen streuen.

Iryna Hera­si­mo­vich: An einer Stelle in Unser Deutsch­land­mär­chen schreibst du, das Schreiben habe dich gelehrt, dass es möglich ist, die Hülle zu vergessen und nach dem Kern zu suchen. Wenn man nach dem Kern sucht, hat man den ja vorher noch nicht gesehen, woher soll man wissen, ob es geklappt hat oder nicht?

Dinçer Güçyeter: Und dieser Kern nimmt auch ständig neue Gesichter, neue Posi­tionen an. Das, woran du bis gestern geglaubt hast, kann heute zusam­men­bre­chen, und etwas Neues kann entstehen. Auf der einen Seite bin ich ein sehr selbst­be­wusster Mensch, auf der anderen Seite zittert und bröckelt alles in mir. Ich muss schauen, dass ich das jeden Tag aufräume und auf die Beine bringe. Alles andere wäre auch ein biss­chen langweilig.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ich muss an den bela­ru­si­schen Philo­so­phen Ihnat Abdzi­ralowitsch denken, der zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts das Konzept der flie­ßenden Form entwi­ckelt hat, vor allem in Bezug auf die bela­ru­si­sche Iden­tität: Starre Formen sind tote Formen, er fordert für Gesell­schaften Formen, die sich verän­dern, eben fließen können, nicht will­kür­lich, aber beweg­lich, wie Wasser, das seine Form verän­dern kann, ohne seine Beschaf­fen­heit zu verlieren.

Dinçer Güçyeter: Auch bei Hannah Arendt ist es nicht anders: immer mal von hinten auf die Lage schauen, immer die Posi­tion, die Perspek­tive wech­seln. Das sollte auch die Aufgabe jedes Dich­ters, jeder Dich­terin sein. Sonst beginnt man auto­ma­tisch zu verurteilen.

Ich denke, man sollte sich schon die Frei­heit des Perspek­ti­ven­wech­sels gönnen und dadurch auch den anderen einen Frei­raum schaffen, in dem sie sich bewegen können. So entsteht die Gegen­wart, der Moment und der Kontext und auch die Dichtung.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ohne diese Beweg­lich­keit ist die Dich­tung gar nicht möglich, oder?

Dinçer Güçyeter: Die Dich­tung ist eine Reibung. Ohne diese Reibung kommt es nicht zur Flamme. Ich sehe mich auch nie als einen profes­sio­nellen Autor, der sich hinsetzt und was aufschreibt. Bei mir muss es irgendwie weh tun. Ich brauche diese Flamme, die mich anzündet.

Iryna Hera­si­mo­vich: Da sind wir eigent­lich schon bei der poli­ti­schen Bedeu­tung von Dich­tung: die Räume schafft, wo nicht gleich verur­teilt wird, wo Beweg­lich­keit möglich ist. So ein Raum ist auch dein Elif Verlag, den du seit über drei­zehn Jahren betreibst. Wie ist dieser Raum entstanden?

Dinçer Güçyeter: Um diesen Verlag zu gründen, habe ich damals mein ganzes Vermögen auf den Tisch gelegt. Das waren insge­samt etwas mehr als 400 Euro.

Die Idee war, den Stimmen eine Bühne zu geben, die am Rand stehen, die kein Gehör finden in der Gesell­schaft. Aber auch das eigene Ego spielte mit.

Ich sehe die Dich­tung gern als Teil der Popkultur. Wenn man die Dich­tung als hohe Lite­ratur in die Ecke stellt, kann man sie leicht über­sehen. Und ich möchte das Gegen­teil: ich möchte Aufmerk­sam­keit für mich, für meinen Verlag, für alle Dichter:innen, die im Elif Verlag veröf­fent­li­chen. Wie kann ich als guter Kauf­mann mit Poesie handeln? Das war meine nächste Aufgabe. Ich weiss noch heute, wie ich mit Anfang 30 mit einem voll mit Gedicht­bänden gepackten Ruck­sack bei allen Buch­hand­lungen ange­klopft und gesagt habe: ich habe den Verlag des Jahr­hun­derts gegründet, ihr müsst diese Bücher wahr­nehmen. Sie haben wohl gedacht: Der ist bekloppt, entweder rufen wir jetzt den Kran­ken­wagen an und er wird mit der Zwangs­jacke abge­holt oder sie haben aus Gnade ein oder zwei Exem­plare behalten. So hat die ganze Geschichte ange­fangen, und diese Tat finde ich zum Beispiel sehr politisch.

Iryna Hera­si­mo­vich: Was ist in diesen drei­zehn Jahren daraus geworden? Wie geht es dem Elif Verlag heute?

Dinçer Güçyeter: Inzwi­schen sind über 40 Debüts entstanden. Es wurden sehr viele Über­set­zungen aus über 15 Spra­chen veröf­fent­licht, darunter auch als aus solchen, die in den deutsch­spra­chigen Lite­ra­turen nicht so aktuell waren, wie islän­disch, kurdisch oder norwegisch.

Heute kann ich sagen: Das Rad ist stabil. Es hat sich ein sehr gutes Team zusam­men­ge­bildet. Es besteht Vertrauen zwischen dem Verlag und den Autor:innen.

Auf der anderen Seite aber, wie in meinem eigenen Schreiben, beschäf­tigt mich auch in der Verlags­ar­beit die Frage: Was ist die Gegen­wart? Wie geht es der Welt gerade? Und wie kann ich der Welt etwas Neues zeigen? Und so gehe ich auch als Verleger auf Veran­stal­tungen, auf Wett­be­werbe, höre mir neue Stimmen an, komme mit Kolle­ginnen zusammen, rede über Texte oder ich lasse mir auch sehr viel empfehlen, wie jetzt bei eurer Aktion 33 Bücher für ein anderes Belarus. Nur mit Ideen eines Dinçers kann man einen Verlag nicht auf den Beinen halten. Es muss ein Zusam­men­spiel sein.

Iryna Hera­si­mo­vich: Auf der Verlags­seite heißt es, ihr verlegt Stimmen, die aus der Gegen­wart in die Gegen­wart spre­chen. Was muss ein Text enthalten, damit er in dieses Konzept passt?

Dinçer Güçyeter: Meine erste Frage ist: Öffnet dieser Text für mich neue Fenster? Bringt er mich weiter? Und wenn ich diese Frage mit ja beant­worte, dann ist die Wahr­schein­lich­keit, dass ich dieses Buch aufnehme, mehr als 50 Prozent. Alles andere ist eigent­lich Hand­werk. Man kann an jedem Text stun­den­lang feilen. Das machen wir auch. Aber vor allem gilt für mich, ob der Text mich berührt. Wenn das nicht der Fall ist, halte ich auto­ma­tisch Abstand, auch wenn der Text hand­werk­lich gut gemacht ist.

Es gibt aber auch im Gegen­teil Texte, die hand­werk­lich ein biss­chen stol­pern, im Ausdruck fehler­haft sind oder Lücken aufweisen, aber in ihnen ist irgendwas, was mich anzieht. Es ist wie in einer Bezie­hung: Es gibt diesen Trieb, der mich mit diesem Text zusam­men­bringt, und dann nehme ich ihn auf das Programm. Im Elif muss nicht alles voll­ständig sein, es kann zu Rissen und Lücken kommen. Wir reden ja hier vom Rand. Und da stellt sich die Frage: Wie können wir von dort ein Gespräch aufbauen? Wie können wir für unsere Leser:innen neue Welten öffnen. Die Debüts finde ich in dieser Hinsicht ganz wichtig, und die Über­set­zungen auch. Die Grenzen gibt es heute fast gar nicht mehr.

Iryna Hera­si­mo­vich: Naja, es gibt aber schon ganz verschlos­sene Welten.

Dinçer Güçyeter: Ja, es gibt Menschen, die immer noch mit den Mauern leben und an diesen Mauern fest­halten wollen. Aber ich habe die Hoff­nung, dass die Jugend heute anders tickt und dass die Gefühle und Stim­mungen, in welcher Sprache auch immer, mehr zusam­men­hängen als vor zwanzig oder dreissig Jahren. Ich will heute gar nicht mehr vom Westen oder Osten, von der Türkei oder Deutsch­land reden. Es gibt eine kosmo­po­li­ti­sche Welt, die mir jeden Tag etwas Neues anbietet. Und in dieser Dynamik möchte ich produ­zieren. Ich möchte Energie aufnehmen und Energie vermit­teln mit der Kraft der Sprache.

Das Drama in meiner ganzen Arbeit ist, dass mich sehr viele gute Texte errei­chen, aber ich habe keine Kapa­zi­täten, sie alle zu veröf­fent­li­chen. Auch wenn wir zehn Gedicht­bände pro Jahr machen, nicht einmal Suhr­kamp macht so viele Gedicht­bände pro Jahr.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ich denke, es ist über­haupt ein Wagnis, einen Verlag zu betreiben, der nur Lyrik macht.

Dinçer Güçyeter: Oh ja! Dabei haben wir auch andere Projekte, wie zum Beispiel POEDU: Poesie für Kinder von Kindern geschrieben. Wir stellten uns die Frage, wie man die Poesie nahbar machen kann, so wurde aus der Poe-sie Poe-du. Bei diesem Projekt arbeiten wir mit vielen Lyriker:innen zusammen, die Aufgaben erstellen, zu denen die Kinder ihre Texte schreiben. Wir haben auch einen kleinen YouTube-Kanal mit gespro­chenen Gedichten und kurzen Filmen dazu, den wollen wir noch ausbauen.

Jeder Verlag muss sich heute umstellen und nach neuen Bühnen Ausschau halten. Gut, dass heute immer noch Rezen­sionen erscheinen, aber der Platz wird immer kleiner, die Kultur­sen­dungen werden kürzer oder ganz gestri­chen. Ich denke, in den nächsten fünf Jahren wird sich die gesamte Verlags­land­schaft ändern, mit den alten Methoden geht es nicht mehr. Meine Tochter bestellt heute zum Beispiel Bücher, von denen sie auf TikTok erfahren hat. Dieses Medium ist mir etwas fremd, aber ich muss ohne Vorur­teile schauen, wie ich es verwenden kann.

Iryna Hera­si­mo­vich: Auf der Verlags­seite fallen sofort die kunst­voll gestal­teten Covers auf. Man kann unmiss­ver­ständ­lich schließen, dass das Buch als Objekt dir auch viel bedeutet.

Dinçer Güçyeter: Es ist eine Art Krank­heit, gegen die es keine Medi­ka­mente gibt: Ich liebe schöne Bücher. Ich kaufe manchmal Bücher, die ich nie lesen werde, nur weil sie schön sind.

In den ersten Jahren wurde mir oft vorge­worfen, dass die Covers des Elif Verlags keine Wieder­erken­nungs­merk­male vorweisen. Das habe ich immer abge­lehnt. Aus meiner Sicht reicht das Logo hinten voll­kommen aus. Ich möchte ein Buch nicht in ein Kostüm rein­ste­cken. Das Cover ist der Mantel für den Text, und jeder Text besitzt einen anderen Körper, eine andere Anatomie. Viel wich­tiger ist, dass das Cover zu dem Text passt und der Autor oder die Autorin mit dem Cover einver­standen sind.

Iryna Hera­si­mo­vich: Du hast auch von der beson­deren Bedeu­tung der Über­set­zungen gespro­chen, lass uns näher darauf eingehen.

Dinçer Güçyeter: Neulich habe ich gelesen, dass die Mittel für den Deut­schen Literatur- und den Deut­schen Über­set­zer­fonds von der Bundes­re­gie­rung gekürzt werden sollen. Das tut sehr weh. Die Autor:innen verdienen wenig, die Übersetzer:innen noch weniger. Und das sind Menschen, die zum Teil wochen­lang an einer Zeile arbeiten, sie tausend Mal umbauen.

Wenn wir aber die Biblio­di­ver­sität, den Reichtum der deutsch­spra­chigen Lite­ratur behalten wollen, wozu auch die Über­set­zungen unbe­dingt gehören, dürfen diese Förde­rungen auf keinen Fall gestri­chen werden. Das muss man Politiker:innen immer wieder ins Ohr hauen. Wenn ich an die Bücher denke, die ich in den letzten Monaten gekauft habe, sind es über 50% Über­set­zungen. Man möchte ja einen Einblick in die anderen Welten gewinnen, und das nicht nur über soziale Medien mit ihrem großen Anteil an Fakes.

Ich denke, die Wahr­haf­tig­keit der Lite­ratur ist eine gute Basis, um andere Kulturen, Reli­gionen, Menschen, Lebens­weisen kennen zu lernen. Und dafür bin ich euch allen sehr, sehr dankbar, als Person, als Autor oder als Leser.

Iryna Hera­si­mo­vich: Welche Vorgänge scheinen dir beim Über­setzen beson­ders wichtig zu sein?

Dinçer Güçyeter: Ich bin kein profes­sio­neller Über­setzer. Aber mein Eindruck ist: Die Über­set­zung beginnt mit der Sprache, aber sie hört nicht mit der Sprache auf. Als Übersetzer:in sollte man nicht nur die Sprache beherr­schen, sondern auch die soziale Lage des Landes, die Kultur, den Geruch auf den Straßen kennen, die Nähe mit Allem und Allen aufbauen, was zu dieser Sprache gehört, aus der über­setzt wird. Von jedem Wort kann es mehrere Über­set­zungen geben, jeden Satz kann man tausend Mal umbauen, jedes Bild kann man zigmal anders inter­pre­tieren, das weißt du als Über­set­zerin selbst. Und da spielt natür­lich der eigene lite­ra­ri­sche Geschmack des Über­set­zers oder der Über­set­zerin eine ganz wich­tige Rolle.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ja, auch alle Erfah­rungen, lite­ra­ri­sche, kultu­relle, mensch­liche. Bei der Über­set­zung kommt in den Text eben noch eine Perspek­tive rein. Die Person der Über­set­zenden darf man nicht wegdenken, auch wenn der Lite­ra­tur­be­trieb uns oft unsichtbar macht. Es geht primär nicht darum, dass man sich als Über­set­zende zeigen will, sondern darum, dass man die Verant­wor­tung für eben diese Perspek­tive über­nimmt, die dazu kommt: das ist noch eine Person, die auf den Text schaut und vermittelt.

Dinçer Güçyeter: Diese subjek­tive Seite inter­es­siert mich natür­lich sehr. Wie kann ein Über­setzer einen Text berei­chern? Manchmal habe ich die Erfah­rung gemacht, speziell bei Über­set­zungen aus dem Türki­schen, die ich beur­teilen kann, dass die Über­set­zung besser als das Original war. Die Übersetzer:innen über­nehmen zum Teil die Posi­tion des Autors oder der Autorin. Das hört sich viel­leicht aufdring­lich an, ist es aber nicht. Ein guter Über­setzer wird die notwen­dige Distanz schon halten können. Das hat mit Respekt zu tun, dem Autor, aber auch der eigenen Person gegenüber.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ja, auch mit der Verant­wor­tung. Man antwortet als Über­set­zende auf den Autor oder die Autorin, indem man sich frei­willig in seinen oder ihren Dienst stellt, eine Bezie­hung aufbaut. Das können die Maschinen eben nicht, sich auf den Text, auf den Autor, die Autorin zu beziehen.

Dinçer Güçyeter: Ja, manchmal ist in dieser Bezie­hung die Liebe, manchmal der Hass, manchmal die Porno­grafie – und das muss alles rein­fliessen, damit ein Effekt nach aussen sichtbar wird. Um den Wert der Über­set­ze­rinnen oder die Posi­tion der Über­set­ze­rinnen richtig einschätzen zu können, reicht es schon, wenn man die ersten Sätze einer maschi­nellen und einer mensch­li­chen Über­set­zung vergleicht, da sieht man schon den Unter­schied. Da mache mir heute noch keine Sorgen. Die Lite­ratur, die aus einem eigenen Geist fließt, wird immer bleiben, und das gilt auch für die Über­set­zung. Und wir alle, beson­ders aber die Verleger:innen, haben da eine große Verantwortung.

Iryna Hera­si­mo­vich: Die Maschinen können auch zum Perspek­ti­ven­wechsel nicht viel beitragen, was du ja in deiner Arbeit ständig machst. Du zeigst die ganze Zeit neue Blick­rich­tungen: nicht auf die Hülle schauen, sondern zum Kern vordringen, nicht auf die einzelnen Kulturen im Entweder-Oder-Modus schauen, sondern auf einer kosmo­po­li­ti­schen Ebene die Stim­mungen wahr­nehmen, sogar auf das Wieder­erken­nungs­merkmal deines Verlags verzich­test du zugunsten des Körpers eines Buches. Ständig rückst du das eher Peri­phere, nicht auf den ersten Blick Sicht­bare ins Zentrum und verlässt dafür die gewohnten Bahnen. Kann man das als Leit­motiv deiner gesamten Arbeit bezeichnen?

Dinçer Güçyeter: So ist es in der Tat. Geh mal heute in einer Groß­stadt durch die Haupt­straße, du wirst immer das Gleiche sehen: H&M, McDonald’s, Peek & Clop­pen­burg. Aber geh mal in die Seiten­gassen, da wirst du den wahren Charakter einer Stadt finden. Diese Seiten­gassen habe ich schon immer gemocht. Das waren immer meine Orte, egal wie es gestunken hat, egal wie ekel­haft es war, egal wie verrucht, egal wie abgründig. Diese Orte habe ich immer mehr gemocht als die sterilen Hauptstraßen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ja, der Ort der Dich­tung sind eher die Seiten­gassen, aber das Unge­ord­nete, das Unauf­ge­räumte, das Unvoll­kom­mene zu ertragen, ohne es gleich zu verur­teilen, ist ja für viele eine Herausforderung.

Dinçer Güçyeter: Oh ja, ich merke unter anderem bei meinen Autorenkolleg:innen, dass man in der letzten Zeit zuneh­mend gern die anderen korri­giert, ihnen erzählt, was falsch und was richtig ist. Im ersten Moment denke ich: Wie selbst­be­wusst? Im nächsten aber: Mit welchem Recht? Jedes Leben hat seine eigene Kompo­si­tion, jeder trägt seine Wunden mit sich. Und letzt­end­lich kommen und gehen wir alle. Meine Oma sagte: ob du auf einem Thron oder einem Stein sitzt, sitzt du auf deinen Arsch­ba­cken. Aus dieser Haltung heraus ist für mich der Humor genauso wichtig wie die Lite­ratur, die Komödiant:innen schätze ich nicht weniger als die grossen Schriftsteller:innen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Oh ja, der Humor ermög­licht oft die Beweg­lich­keit der Perspek­tiven, von der die Rede war, eröffnet Hand­lungs­räume, die dem Ernst verschlossen bleiben, und rückt zurecht, was wichtig ist und was nicht.

Dinçer Güçyeter: Ohne Humor wäre ich längst verloren: Jeden Morgen schaue ich in den Spiegel und sehe da einen häss­li­chen Mann. Die Falten, die Poba­cken, der Bauch – alles irgendwie seltsam, dabei wäre ich so gerne wie Johnny Depp, aber das ist nicht möglich.

Und so gehst du in dieser Trau­rig­keit entweder unter, oder du machst aus deinem Körper etwas ganz anderes, du sprichst mit deinem eigenen Körper anders, mit Respekt, mit Akzep­tanz, du lernst deine Formen, deine Rundungen besser kennen und weißt auch, was du mit diesen Rundungen tragen kannst, welche Stoffe dir passen. Manchmal ist das Leben eben so einfach wie ein Schneider.

Es gibt die großen Verant­wort­lich­keiten und Werte im Leben, die weder die Politik noch wir als Kultur­schaf­fende aus den Augen verlieren dürfen. Ansonsten können wir die Schnitte und Stoffe tragen, die uns gefallen und passen, und tanzen, wie wir können und wie es uns Spaß macht.