Iryna Herasimovich: Dinçer, beginnen wir damit, wie Poesie in dein Leben gekommen ist bzw. wie du sie in deinem Leben erkannt hast.
Dinçer Güçyeter: Oft denke ich, dass Poesie etwas Angeborenes ist, wir kommen damit auf die Welt. Damit will ich jetzt nicht in eine spirituelle Schiene abrutschen, aber es entspricht meinem Gefühl, wenn ich an meine Kindheit denke, an die Lieder, an die Stimmen, die mich beeindruckt haben und aus denen ich später sowas wie Poesie gemacht habe. Der Gedanke, der mich damals begleitete, war: Wie kann ich meine eigenen Lieder singen? Weil ich musikalisch nicht so begabt bin, habe ich mich für das Schreiben entschieden. Sonst wäre ich heute wohl als Sänger auf der Bühne.
Iryna Herasimovich: Was waren das für Lieder und Sänger:innen? Und wie sah deine Beschäftigung damit aus?
Dinçer Güçyeter: Das waren Lieder von Sezen Aksu oder Hildegard Knef, von Nina Hagen oder Marlene Dietrich. Ich schrieb ihre Liedertexte auf die Pils- oder Alt-Bierdeckel in der Kneipe meines Vaters, verkleidete mich und machte diese großen Sänger:innen vor dem Spiegel nach, mit etwas in der Hand, wovon ich mir einbildete, das sei ein Mikrofon. Warum ich all das gemacht habe, kann ich dir, liebe Iryna, nicht erklären. Mit Lady Gaga kann ich sagen: Ich war schon immer berühmt, nur wusste das keiner.
Iryna Herasimovich: Du siehst also den Ursprung deiner Poesie in deiner kindlichen Phantasie?
Dinçer Güçyeter: Genau, in meiner eigenen Zauberwelt, in der ich immer schon eine kleine Primadonna oder der Prince oder der Vagabund, alles Mögliche war. In allen Filmen, die ich selbst geschrieben und aufgezeichnet habe, in meinem Kopfkino. Aber die Menschen haben einen jungen Mann gesehen, der im Blaumann an der Drehmaschine in der Fabrik stand und sein Geld verdiente. Aber dieser junge Mann hatte auch seine glamouröse Welt, seine eigenen Kammern. Und da hat er irgendetwas wie Poesie gebastelt. Heute gehe ich damit etwas bewusster um.
Iryna Herasimovich: Poesie bedeutet unter anderem, die eigene Stimme zu finden und ihr zu vertrauen. Aber man kann wohl nicht zur eigenen Stimme finden, ohne die anderen Stimmen in sich aufzunehmen.
Dinçer Güçyeter: Irgendwann merkt man ja, dass die eigene Erfahrung, die eigene Sichtweise nicht genug sind, und dann holt man sich viele Eindrücke von außen, man beschäftigt sich mit der Weltliteratur. Das hat bei mir mit 13, 14 Jahren angefangen, da bin ich in die Hocke gegangen und habe jahrelang, zehn Jahre lang, die ganze Weltliteratur studiert. Dann hat es noch mal zehn Jahre gedauert, bis ich mich von dieser Weltliteratur reinigen und meine eigene Stimme finden konnte. In der Phase habe ich vieles kopiert, nachgemacht, imitiert. Mit Anfang 30 kam die Frage auf, ist es überhaupt deine eigene Stimme? Die Antwort kam ganz schnell: nein. Was ist meine eigene Stimme? Auf dieser Suche bin ich heute immer noch. Allein diese Suche ist schon eine Poesie für sich, denke ich.
Iryna Herasimovich: Die Verflechtungen zwischen deiner Stimme und den Stimmen der anderen machen auch dein großartiges Buch Unser Deutschlandmärchen aus. In diesem Buch erzählst du die Geschichten deiner Großfamilie, von den Großeltern in der Türkei über die Eltern, die aus der Türkei nach Deutschland kamen, aber eigentlich zwischen zwei Welten lebten, bis zu deiner eigenen Kindheit und Jugendzeit. Ich würde das als eine Art dokumentarische Dichtung bezeichnen. Die Erzählungen sind aus unterschiedlichen Perspektiven aufgebaut, zum Beispiel, aus der Perspektive der Mutter, der Tante, des Jungen Dinçer. Du legst offen, dass es um die Geschichten deiner Familie geht, der Text wird begleitet von dokumentarischen Fotos. In diesem Text verdichtest du die Erfahrungen, nicht nur deine eigenen, sondern auch die der anderen, du nimmst das Sprechen der anderen in dein eigenes auf und lässt die anderen umgekehrt mit deiner Stimme sprechen.
Dinçer Güçyeter: Sowohl in diesem Text, aber auch in meinen Gedichten ist es immer eine Art Orchester mit vielen Instrumenten und vielen Stimmen. Manchmal singen diese Stimmen in Chören, manchmal solo. Als Autor oder Autorin hast du in deinem Gehör immer Stimmen, die du seit deiner Kindheit mit dir geschleppt hast, die muss man gar nicht suchen, die sind unter der Haut – dieses Gefühl hatte ich sofort, als ich mit dem Schreiben angefangen habe.
Das Wichtigste war für mich, wie ich diese Stimmen lebendig und authentisch wiedergeben kann, ohne sie zu verschnörkeln. Jede Stimme soll individuell sein, aber alle zusammen sollen eine Einheit bilden.
Seit Jahren hat mich beschäftigt, warum die Dramen von Tennessee Williams so glaubwürdig sind, obwohl sie von tiefen Abgründen handeln? Ist das Leben wirklich so? Was ist dann das normale Leben? Und letztendlich kommt man zum Ergebnis, dass alles in diesem Leben irgendwie normal ist. Dieser Gedanke hat mir die Freiheit gegeben, mit diesen Stimmen zu spielen.
Wenn man schreibt, sucht man nicht nur nach der eigenen Stimme, sondern auch nach der Tiefe. Nach der Tiefe auch in anderen Stimmen, in anderen Lebensgeschichten.
Aber ich wusste lange nicht, ob es geklappt hat. Erst als ich jeden Abend in einer anderen Stadt gelesen, aber immer das gleiche Feedback bekommen habe, habe ich gedacht: Okay, ich glaube, es hat schon geklappt.
Iryna Herasimovich: Woher kommt der Titel Unser Deutschlandmärchen?
Dinçer Güçyeter: Im Buch gibt es den Satz „Der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, ist schwieriger, als den Salzsack auf die Spitze des Berges zu tragen.“ Oft ist die Wahrheit unerträglich und wir suchen die Flucht in einem Märchen. Dazu hatte ich das Gefühl, unter diesem Titel könnte ich freier mit literarischen Formen arbeiten, mehr Gewürz auf die Charaktere, auf die Handlungen streuen.
Iryna Herasimovich: An einer Stelle in Unser Deutschlandmärchen schreibst du, das Schreiben habe dich gelehrt, dass es möglich ist, die Hülle zu vergessen und nach dem Kern zu suchen. Wenn man nach dem Kern sucht, hat man den ja vorher noch nicht gesehen, woher soll man wissen, ob es geklappt hat oder nicht?
Dinçer Güçyeter: Und dieser Kern nimmt auch ständig neue Gesichter, neue Positionen an. Das, woran du bis gestern geglaubt hast, kann heute zusammenbrechen, und etwas Neues kann entstehen. Auf der einen Seite bin ich ein sehr selbstbewusster Mensch, auf der anderen Seite zittert und bröckelt alles in mir. Ich muss schauen, dass ich das jeden Tag aufräume und auf die Beine bringe. Alles andere wäre auch ein bisschen langweilig.
Iryna Herasimovich: Ich muss an den belarusischen Philosophen Ihnat Abdziralowitsch denken, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Konzept der fließenden Form entwickelt hat, vor allem in Bezug auf die belarusische Identität: Starre Formen sind tote Formen, er fordert für Gesellschaften Formen, die sich verändern, eben fließen können, nicht willkürlich, aber beweglich, wie Wasser, das seine Form verändern kann, ohne seine Beschaffenheit zu verlieren.
Dinçer Güçyeter: Auch bei Hannah Arendt ist es nicht anders: immer mal von hinten auf die Lage schauen, immer die Position, die Perspektive wechseln. Das sollte auch die Aufgabe jedes Dichters, jeder Dichterin sein. Sonst beginnt man automatisch zu verurteilen.
Ich denke, man sollte sich schon die Freiheit des Perspektivenwechsels gönnen und dadurch auch den anderen einen Freiraum schaffen, in dem sie sich bewegen können. So entsteht die Gegenwart, der Moment und der Kontext und auch die Dichtung.
Iryna Herasimovich: Ohne diese Beweglichkeit ist die Dichtung gar nicht möglich, oder?
Dinçer Güçyeter: Die Dichtung ist eine Reibung. Ohne diese Reibung kommt es nicht zur Flamme. Ich sehe mich auch nie als einen professionellen Autor, der sich hinsetzt und was aufschreibt. Bei mir muss es irgendwie weh tun. Ich brauche diese Flamme, die mich anzündet.
Iryna Herasimovich: Da sind wir eigentlich schon bei der politischen Bedeutung von Dichtung: die Räume schafft, wo nicht gleich verurteilt wird, wo Beweglichkeit möglich ist. So ein Raum ist auch dein Elif Verlag, den du seit über dreizehn Jahren betreibst. Wie ist dieser Raum entstanden?
Dinçer Güçyeter: Um diesen Verlag zu gründen, habe ich damals mein ganzes Vermögen auf den Tisch gelegt. Das waren insgesamt etwas mehr als 400 Euro.
Die Idee war, den Stimmen eine Bühne zu geben, die am Rand stehen, die kein Gehör finden in der Gesellschaft. Aber auch das eigene Ego spielte mit.
Ich sehe die Dichtung gern als Teil der Popkultur. Wenn man die Dichtung als hohe Literatur in die Ecke stellt, kann man sie leicht übersehen. Und ich möchte das Gegenteil: ich möchte Aufmerksamkeit für mich, für meinen Verlag, für alle Dichter:innen, die im Elif Verlag veröffentlichen. Wie kann ich als guter Kaufmann mit Poesie handeln? Das war meine nächste Aufgabe. Ich weiss noch heute, wie ich mit Anfang 30 mit einem voll mit Gedichtbänden gepackten Rucksack bei allen Buchhandlungen angeklopft und gesagt habe: ich habe den Verlag des Jahrhunderts gegründet, ihr müsst diese Bücher wahrnehmen. Sie haben wohl gedacht: Der ist bekloppt, entweder rufen wir jetzt den Krankenwagen an und er wird mit der Zwangsjacke abgeholt oder sie haben aus Gnade ein oder zwei Exemplare behalten. So hat die ganze Geschichte angefangen, und diese Tat finde ich zum Beispiel sehr politisch.
Iryna Herasimovich: Was ist in diesen dreizehn Jahren daraus geworden? Wie geht es dem Elif Verlag heute?
Dinçer Güçyeter: Inzwischen sind über 40 Debüts entstanden. Es wurden sehr viele Übersetzungen aus über 15 Sprachen veröffentlicht, darunter auch als aus solchen, die in den deutschsprachigen Literaturen nicht so aktuell waren, wie isländisch, kurdisch oder norwegisch.
Heute kann ich sagen: Das Rad ist stabil. Es hat sich ein sehr gutes Team zusammengebildet. Es besteht Vertrauen zwischen dem Verlag und den Autor:innen.
Auf der anderen Seite aber, wie in meinem eigenen Schreiben, beschäftigt mich auch in der Verlagsarbeit die Frage: Was ist die Gegenwart? Wie geht es der Welt gerade? Und wie kann ich der Welt etwas Neues zeigen? Und so gehe ich auch als Verleger auf Veranstaltungen, auf Wettbewerbe, höre mir neue Stimmen an, komme mit Kolleginnen zusammen, rede über Texte oder ich lasse mir auch sehr viel empfehlen, wie jetzt bei eurer Aktion 33 Bücher für ein anderes Belarus. Nur mit Ideen eines Dinçers kann man einen Verlag nicht auf den Beinen halten. Es muss ein Zusammenspiel sein.
Iryna Herasimovich: Auf der Verlagsseite heißt es, ihr verlegt Stimmen, die aus der Gegenwart in die Gegenwart sprechen. Was muss ein Text enthalten, damit er in dieses Konzept passt?
Dinçer Güçyeter: Meine erste Frage ist: Öffnet dieser Text für mich neue Fenster? Bringt er mich weiter? Und wenn ich diese Frage mit ja beantworte, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich dieses Buch aufnehme, mehr als 50 Prozent. Alles andere ist eigentlich Handwerk. Man kann an jedem Text stundenlang feilen. Das machen wir auch. Aber vor allem gilt für mich, ob der Text mich berührt. Wenn das nicht der Fall ist, halte ich automatisch Abstand, auch wenn der Text handwerklich gut gemacht ist.
Es gibt aber auch im Gegenteil Texte, die handwerklich ein bisschen stolpern, im Ausdruck fehlerhaft sind oder Lücken aufweisen, aber in ihnen ist irgendwas, was mich anzieht. Es ist wie in einer Beziehung: Es gibt diesen Trieb, der mich mit diesem Text zusammenbringt, und dann nehme ich ihn auf das Programm. Im Elif muss nicht alles vollständig sein, es kann zu Rissen und Lücken kommen. Wir reden ja hier vom Rand. Und da stellt sich die Frage: Wie können wir von dort ein Gespräch aufbauen? Wie können wir für unsere Leser:innen neue Welten öffnen. Die Debüts finde ich in dieser Hinsicht ganz wichtig, und die Übersetzungen auch. Die Grenzen gibt es heute fast gar nicht mehr.
Iryna Herasimovich: Naja, es gibt aber schon ganz verschlossene Welten.
Dinçer Güçyeter: Ja, es gibt Menschen, die immer noch mit den Mauern leben und an diesen Mauern festhalten wollen. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Jugend heute anders tickt und dass die Gefühle und Stimmungen, in welcher Sprache auch immer, mehr zusammenhängen als vor zwanzig oder dreissig Jahren. Ich will heute gar nicht mehr vom Westen oder Osten, von der Türkei oder Deutschland reden. Es gibt eine kosmopolitische Welt, die mir jeden Tag etwas Neues anbietet. Und in dieser Dynamik möchte ich produzieren. Ich möchte Energie aufnehmen und Energie vermitteln mit der Kraft der Sprache.
Das Drama in meiner ganzen Arbeit ist, dass mich sehr viele gute Texte erreichen, aber ich habe keine Kapazitäten, sie alle zu veröffentlichen. Auch wenn wir zehn Gedichtbände pro Jahr machen, nicht einmal Suhrkamp macht so viele Gedichtbände pro Jahr.
Iryna Herasimovich: Ich denke, es ist überhaupt ein Wagnis, einen Verlag zu betreiben, der nur Lyrik macht.
Dinçer Güçyeter: Oh ja! Dabei haben wir auch andere Projekte, wie zum Beispiel POEDU: Poesie für Kinder von Kindern geschrieben. Wir stellten uns die Frage, wie man die Poesie nahbar machen kann, so wurde aus der Poe-sie Poe-du. Bei diesem Projekt arbeiten wir mit vielen Lyriker:innen zusammen, die Aufgaben erstellen, zu denen die Kinder ihre Texte schreiben. Wir haben auch einen kleinen YouTube-Kanal mit gesprochenen Gedichten und kurzen Filmen dazu, den wollen wir noch ausbauen.
Jeder Verlag muss sich heute umstellen und nach neuen Bühnen Ausschau halten. Gut, dass heute immer noch Rezensionen erscheinen, aber der Platz wird immer kleiner, die Kultursendungen werden kürzer oder ganz gestrichen. Ich denke, in den nächsten fünf Jahren wird sich die gesamte Verlagslandschaft ändern, mit den alten Methoden geht es nicht mehr. Meine Tochter bestellt heute zum Beispiel Bücher, von denen sie auf TikTok erfahren hat. Dieses Medium ist mir etwas fremd, aber ich muss ohne Vorurteile schauen, wie ich es verwenden kann.
Iryna Herasimovich: Auf der Verlagsseite fallen sofort die kunstvoll gestalteten Covers auf. Man kann unmissverständlich schließen, dass das Buch als Objekt dir auch viel bedeutet.
Dinçer Güçyeter: Es ist eine Art Krankheit, gegen die es keine Medikamente gibt: Ich liebe schöne Bücher. Ich kaufe manchmal Bücher, die ich nie lesen werde, nur weil sie schön sind.
In den ersten Jahren wurde mir oft vorgeworfen, dass die Covers des Elif Verlags keine Wiedererkennungsmerkmale vorweisen. Das habe ich immer abgelehnt. Aus meiner Sicht reicht das Logo hinten vollkommen aus. Ich möchte ein Buch nicht in ein Kostüm reinstecken. Das Cover ist der Mantel für den Text, und jeder Text besitzt einen anderen Körper, eine andere Anatomie. Viel wichtiger ist, dass das Cover zu dem Text passt und der Autor oder die Autorin mit dem Cover einverstanden sind.
Iryna Herasimovich: Du hast auch von der besonderen Bedeutung der Übersetzungen gesprochen, lass uns näher darauf eingehen.
Dinçer Güçyeter: Neulich habe ich gelesen, dass die Mittel für den Deutschen Literatur- und den Deutschen Übersetzerfonds von der Bundesregierung gekürzt werden sollen. Das tut sehr weh. Die Autor:innen verdienen wenig, die Übersetzer:innen noch weniger. Und das sind Menschen, die zum Teil wochenlang an einer Zeile arbeiten, sie tausend Mal umbauen.
Wenn wir aber die Bibliodiversität, den Reichtum der deutschsprachigen Literatur behalten wollen, wozu auch die Übersetzungen unbedingt gehören, dürfen diese Förderungen auf keinen Fall gestrichen werden. Das muss man Politiker:innen immer wieder ins Ohr hauen. Wenn ich an die Bücher denke, die ich in den letzten Monaten gekauft habe, sind es über 50% Übersetzungen. Man möchte ja einen Einblick in die anderen Welten gewinnen, und das nicht nur über soziale Medien mit ihrem großen Anteil an Fakes.
Ich denke, die Wahrhaftigkeit der Literatur ist eine gute Basis, um andere Kulturen, Religionen, Menschen, Lebensweisen kennen zu lernen. Und dafür bin ich euch allen sehr, sehr dankbar, als Person, als Autor oder als Leser.
Iryna Herasimovich: Welche Vorgänge scheinen dir beim Übersetzen besonders wichtig zu sein?
Dinçer Güçyeter: Ich bin kein professioneller Übersetzer. Aber mein Eindruck ist: Die Übersetzung beginnt mit der Sprache, aber sie hört nicht mit der Sprache auf. Als Übersetzer:in sollte man nicht nur die Sprache beherrschen, sondern auch die soziale Lage des Landes, die Kultur, den Geruch auf den Straßen kennen, die Nähe mit Allem und Allen aufbauen, was zu dieser Sprache gehört, aus der übersetzt wird. Von jedem Wort kann es mehrere Übersetzungen geben, jeden Satz kann man tausend Mal umbauen, jedes Bild kann man zigmal anders interpretieren, das weißt du als Übersetzerin selbst. Und da spielt natürlich der eigene literarische Geschmack des Übersetzers oder der Übersetzerin eine ganz wichtige Rolle.
Iryna Herasimovich: Ja, auch alle Erfahrungen, literarische, kulturelle, menschliche. Bei der Übersetzung kommt in den Text eben noch eine Perspektive rein. Die Person der Übersetzenden darf man nicht wegdenken, auch wenn der Literaturbetrieb uns oft unsichtbar macht. Es geht primär nicht darum, dass man sich als Übersetzende zeigen will, sondern darum, dass man die Verantwortung für eben diese Perspektive übernimmt, die dazu kommt: das ist noch eine Person, die auf den Text schaut und vermittelt.
Dinçer Güçyeter: Diese subjektive Seite interessiert mich natürlich sehr. Wie kann ein Übersetzer einen Text bereichern? Manchmal habe ich die Erfahrung gemacht, speziell bei Übersetzungen aus dem Türkischen, die ich beurteilen kann, dass die Übersetzung besser als das Original war. Die Übersetzer:innen übernehmen zum Teil die Position des Autors oder der Autorin. Das hört sich vielleicht aufdringlich an, ist es aber nicht. Ein guter Übersetzer wird die notwendige Distanz schon halten können. Das hat mit Respekt zu tun, dem Autor, aber auch der eigenen Person gegenüber.
Iryna Herasimovich: Ja, auch mit der Verantwortung. Man antwortet als Übersetzende auf den Autor oder die Autorin, indem man sich freiwillig in seinen oder ihren Dienst stellt, eine Beziehung aufbaut. Das können die Maschinen eben nicht, sich auf den Text, auf den Autor, die Autorin zu beziehen.
Dinçer Güçyeter: Ja, manchmal ist in dieser Beziehung die Liebe, manchmal der Hass, manchmal die Pornografie – und das muss alles reinfliessen, damit ein Effekt nach aussen sichtbar wird. Um den Wert der Übersetzerinnen oder die Position der Übersetzerinnen richtig einschätzen zu können, reicht es schon, wenn man die ersten Sätze einer maschinellen und einer menschlichen Übersetzung vergleicht, da sieht man schon den Unterschied. Da mache mir heute noch keine Sorgen. Die Literatur, die aus einem eigenen Geist fließt, wird immer bleiben, und das gilt auch für die Übersetzung. Und wir alle, besonders aber die Verleger:innen, haben da eine große Verantwortung.
Iryna Herasimovich: Die Maschinen können auch zum Perspektivenwechsel nicht viel beitragen, was du ja in deiner Arbeit ständig machst. Du zeigst die ganze Zeit neue Blickrichtungen: nicht auf die Hülle schauen, sondern zum Kern vordringen, nicht auf die einzelnen Kulturen im Entweder-Oder-Modus schauen, sondern auf einer kosmopolitischen Ebene die Stimmungen wahrnehmen, sogar auf das Wiedererkennungsmerkmal deines Verlags verzichtest du zugunsten des Körpers eines Buches. Ständig rückst du das eher Periphere, nicht auf den ersten Blick Sichtbare ins Zentrum und verlässt dafür die gewohnten Bahnen. Kann man das als Leitmotiv deiner gesamten Arbeit bezeichnen?
Dinçer Güçyeter: So ist es in der Tat. Geh mal heute in einer Großstadt durch die Hauptstraße, du wirst immer das Gleiche sehen: H&M, McDonald’s, Peek & Cloppenburg. Aber geh mal in die Seitengassen, da wirst du den wahren Charakter einer Stadt finden. Diese Seitengassen habe ich schon immer gemocht. Das waren immer meine Orte, egal wie es gestunken hat, egal wie ekelhaft es war, egal wie verrucht, egal wie abgründig. Diese Orte habe ich immer mehr gemocht als die sterilen Hauptstraßen.
Iryna Herasimovich: Ja, der Ort der Dichtung sind eher die Seitengassen, aber das Ungeordnete, das Unaufgeräumte, das Unvollkommene zu ertragen, ohne es gleich zu verurteilen, ist ja für viele eine Herausforderung.
Dinçer Güçyeter: Oh ja, ich merke unter anderem bei meinen Autorenkolleg:innen, dass man in der letzten Zeit zunehmend gern die anderen korrigiert, ihnen erzählt, was falsch und was richtig ist. Im ersten Moment denke ich: Wie selbstbewusst? Im nächsten aber: Mit welchem Recht? Jedes Leben hat seine eigene Komposition, jeder trägt seine Wunden mit sich. Und letztendlich kommen und gehen wir alle. Meine Oma sagte: ob du auf einem Thron oder einem Stein sitzt, sitzt du auf deinen Arschbacken. Aus dieser Haltung heraus ist für mich der Humor genauso wichtig wie die Literatur, die Komödiant:innen schätze ich nicht weniger als die grossen Schriftsteller:innen.
Iryna Herasimovich: Oh ja, der Humor ermöglicht oft die Beweglichkeit der Perspektiven, von der die Rede war, eröffnet Handlungsräume, die dem Ernst verschlossen bleiben, und rückt zurecht, was wichtig ist und was nicht.
Dinçer Güçyeter: Ohne Humor wäre ich längst verloren: Jeden Morgen schaue ich in den Spiegel und sehe da einen hässlichen Mann. Die Falten, die Pobacken, der Bauch – alles irgendwie seltsam, dabei wäre ich so gerne wie Johnny Depp, aber das ist nicht möglich.
Und so gehst du in dieser Traurigkeit entweder unter, oder du machst aus deinem Körper etwas ganz anderes, du sprichst mit deinem eigenen Körper anders, mit Respekt, mit Akzeptanz, du lernst deine Formen, deine Rundungen besser kennen und weißt auch, was du mit diesen Rundungen tragen kannst, welche Stoffe dir passen. Manchmal ist das Leben eben so einfach wie ein Schneider.
Es gibt die großen Verantwortlichkeiten und Werte im Leben, die weder die Politik noch wir als Kulturschaffende aus den Augen verlieren dürfen. Ansonsten können wir die Schnitte und Stoffe tragen, die uns gefallen und passen, und tanzen, wie wir können und wie es uns Spaß macht.