Die Auseinandersetzung zwischen den Rappern Kendrick Lamar und Drake zeigt, wie die Frage nach kultureller Aneignung in der Popkultur thematisiert wird. Relevant erscheinen dabei Lamars post-ethnische Hinweise auf Geschichte jenseits identitärer Zuschreibungen.

  • David Atwood

    David Atwood ist Assistenzprofessor für Religion und Öffentlichkeit an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich mit den Zusammenhängen von Religion, Politik und Recht sowie mit Phänomenen der zeitgenössischen Religionsgeschichte wie Alpinismus oder Hip-Hop.

Wenn sich die zwei gegen­wärtig grössten Rapper in einem Beef gegen­seitig aufs Korn nehmen, schaut nicht nur das gesamte Internet gebannt zu, sondern sogar das Feuil­leton. Selten geht dieses jedoch über eine ober­fläch­liche Deutung des Beefs im Hip-Hop hinaus, was jüngst auch in der NZZ mit dem Wort von Gott­fried Benn („Das Wort ist der Phallus des Geistes“) zum Ausgangs­punkt der Analyse gemacht wurde.

Die phallo-komparative Dimen­sion kultu­reller Insze­nie­rungen ist zwar nicht zu leugnen. Diese aller­dings nur im afro-amerikanisch domi­nierten Hip-Hop und nicht etwa im Klagen­furter Bachmann-Preis zu bemerken, zeugt zumin­dest von einer Schlag­seite und verpasst zudem die kultur­theo­re­ti­sche Bedeu­tung dieses jüngsten Beefs. Denn der zwischen den Rap-Grössen Kendrick Lamar und Drake in mitt­ler­weile in rund zehn Songs ausge­tra­gene Vergleich ist eine Gele­gen­heit, nicht nur über kulturell-ökonomische Verwick­lungen in der Musik­in­dus­trie, sondern auch über Fragen nach kultu­reller Aneig­nung auf eine Weise zu reflek­tieren, die über die simple Frage „Wer darf was?“ hinaus­geht. Gerade die Frage nach der kultu­rellen Sensi­bi­lität wird von Kendrick Lamar in entlar­vender Weise gegen Drake ins Spiel gebracht.

Beefs, Disses und andere Nettigkeiten

Der Beef als vermut­lich dem jamai­ka­ni­schen Dance­hall entlehnte Form des lyri­schen Wett­streits ist im Hip-Hop seit seiner Entste­hung in der Bronx der 1970er Jahre eine regel­mäs­sige Insze­nie­rungs­form. Im Cipher, dem Kreis als Grund­ge­mein­schaft der Hip-Hop-Kultur, in der drei oder mehr Leute sich gegen­seitig heraus­for­dern und ihre lyri­schen oder tänze­ri­schen Fähig­keiten messen, liegt seine Grund­form. In den Battles, den in Clubs oder über Songs ausge­tra­genen wett­be­werbs­mäs­sigen Ausein­an­der­set­zungen, findet der Cipher die feste, massen­för­mige Insti­tu­tion. Dort versu­chen sich Rapper:innen seit den 1980er Jahren mit Wort­spielen und Verun­glimp­fungen – den Disses – gegen­seitig zu über­trumpfen. Die 1980er und 1990er Jahre sahen verschie­dene Beefs, wovon einige trau­rige Berühmt­heit beispiels­weise mit der Ermor­dung von Tupac Shakur und Chris­to­pher Wallace (The Noto­rious B.I.G.) erlangten.

Seither werden weiterhin regel­mässig Beefs ausge­tragen, die zuweilen über Jahre andauern, ohne aller­dings die tödliche Eska­la­tion der 1990er Jahre in dem als „East-Coast-West-Coast“-Rivalität bekannt gewor­denen Streit zu wiederholen.

Kendrick Lamar und Drake – Die Geschichte einer Eskalation

Der aktu­ellen Ausein­an­der­set­zung zwischen Kendrick Lamar Duck­worth und Drake (Aubrey Drake Graham) ging eine kurze gegen­sei­tige wirt­schaft­liche Unter­stüt­zung voraus: 2011 gab es eine Song-Kollaboration und im Folge­jahr eröff­nete der damals aufstre­bende Kendrick Lamar die Tour für den schon etablierten Drake. Seither haben aller­dings beide Künstler mit klei­neren Seiten­hieben aufge­wartet, insbe­son­dere seit Lamar 2015 auf dem preis­ge­krönten Album To Pimp a Butterfly das Thema Ghost­wri­ting aufbrach und viele dahinter Drake als Ziel verdächtigten.

Lamar verkör­pert somit nicht nur die in der Hip-Hop-Kultur zentrale Eigen­stän­dig­keit als Rapper und Dichter, er steht darüber hinaus auch für das Genre des poli­ti­schen Conscious-Rap, der poli­ti­sche Themen wie Rassismus und soziale Unge­rech­tig­keit inner- und ausser­halb des Show­busi­ness anspricht. So wurde der Song „Alright“ zur inof­fi­zi­ellen Hymne der Black-Lives-Matter-Bewegung. Aller­dings thema­ti­siert Lamar auch persön­liche Schwä­chen und fami­liäre Trau­mata mehr­fach und offen in seinen Liedern – vom proble­ma­ti­schen Umgang mit Alkohol und Drogen über die eigene Verletz­lich­keit und psychi­sche Erkran­kung hin zu seinem Verhalten als Sohn und Vater.

Der kana­di­sche Sänger und Rapper Drake, der schon seit 2006 regel­mässig Top-Ten-Singles und Alben produ­ziert und davor als Teenage-Schauspieler in einer TV-Serie bekannt wurde, ist ebenso wie Kendrick Lamar mehr­fa­cher Grammy-Gewinner, aber vor allem auch der best­ver­kaufte Hit-Produzent Nord­ame­rikas. Er hält die aller­meisten Rekorde, was Chart-Hits angeht, während sich Lamar mit Veröf­fent­li­chungen eher auf Konzept­alben fokus­siert. Sowohl Lamar als auch Drake gehören zu den größten zeit­ge­nös­si­schen Künst­lern, was Reich­weite, Einfluss und wirt­schaft­liche Grösse angeht. Damit finden die Gemein­sam­keiten aber auch schon ihr Ende, stehen sie sich ansonsten doch eher als Anti­poden gegen­über. Sheldon Pearce bezeich­nete die beiden als „natür­liche Gegen­spieler“: „der kommer­zi­elle Malo­cher gegen­über dem anspruchs­vollen Philosophen-Messias“. Solche Klischees würden aller­dings beiden nicht gerecht, offen­barten aber gleich­wohl grös­sere Tendenzen ihres Werkes. Die beiden Künstler verkör­pern zudem auch gänz­lich verschie­dene Formen des Umgangs mit Öffent­lich­keit: während Drake auf allen Kanälen fast rund um die Uhr präsent ist, zeigt sich Kendrick selten in der Öffent­lich­keit und lebt zurück­ge­zogen. Dass nun gerade diese beiden sich in einem der wohl aufse­hen­er­re­gendsten Rap-Battles duel­lieren, liegt unter anderem an der gänz­lich verschie­denen Auffas­sungen von Kunst und ihrer Verqui­ckung mit Big Busi­ness und Politik.

Die Span­nung zwischen den beiden Künst­lern eska­lierte nun in verschie­denen Songs und einer engen Chronologie:

Am 19. April veröf­fent­lichte Drake mit „Push Ups“ einen direkten Kendrick-Diss und doppelte fünf Tage mit einem Lied nach, das sowohl auf Kendrick zielte als auch AI-generierte Verse der verstor­benen Rapper Tupac und Snoop Dogg beinhal­tete. Letz­teren zog er rasch zurück, nachdem die Nach­lass­ver­walter von Tupac ihm mit recht­li­chen Schritten gedroht hatten, provo­zierte aber mehr­fach in sozialen Netz­werken eine Erwi­de­rung Kendrick Lamars.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Am 30. April schliess­lich schlug Lamar ein erstes Mal mit einem eigenen Diss-Track zurück: „Euphoria“, der sich schnell zur Nr. 1 auf der Apple-Hitpa­ra­den­liste entwi­ckelte und in sechs Minuten eine minu­tiöse Abrech­nung und Sezie­rung von Drakes Persön­lich­keit enthält. Schon hier wird es persön­lich, wenn Lamar Drake vorwirft, seine Aufgabe als Vater seiner Aner­ken­nungs­sucht zu unter­werfen. Gleich­zeitig zeigt sich in „Euphoria“ ein Kultur­wandel im Vergleich zu den ausschliess­lich in Machismo-Manier durch­ge­führten Beefs der 90er Jahre: Heute kann in Disses auch die emotio­nale Erreich­bar­keit als Partner und Vater thema­ti­siert werden.

Vier Tage später, am 3. Mai, doppelte Lamar mit einem kürzeren Song („6:16 in LA“) nach, aber schon 14 Stunden später fuhr Drake mit „Family Matters“ seiner­seits eine Retour­kut­sche. Nur eine Stunde nach Drakes „Family Matters“ schlug Lamar aller­dings erneut zu, mit dem die Fami­li­en­the­matik direkt aufneh­menden Track „Meet the Grahams“, in dem er sich als , guter‘ Vater und Sohn an Drakes Fami­li­en­mit­glieder wandte. In diesem Lied warf er Drake auch erst­mals vor, ein sexu­eller Ausbeuter von Frauen und Mädchen zu sein. Bevor Drake darauf antworten konnte, doppelte Lamar erneut mit „Not like us“ nach, in dem er die Pädophilie-Vorwürfe an Drake und seine Entou­rage verstärkte, aber auch die proble­ma­ti­sche kultu­relle Aneig­nung afro­ame­ri­ka­ni­scher Kultur vonseiten Drakes – der Sohn einer jüdi­schen Mutter und eines afro­ame­ri­ka­ni­schen Vaters ist – ausführte.

Während die ersten Lieder die für Kendrick Lamar charak­te­ris­ti­sche, von Jazz- und Soul-Motiven durch­setzte und musi­ka­lisch anspruchs­volle Musik kenn­zeichnen, ist der letzte Diss-Track von einem für den kali­for­ni­schen Rap typi­schen Beat geprägt, der in den USA in Stunden zum Party-Hit wurde und seither „Euphoria“ in der Apple-Hitparade verdrängt hat. Insge­samt veröf­fent­lichte Lamar bisher eine Serie von vier Songs, in denen er stufen­weise und in gekonnter Erzähl­weise eine Kritik an Werk und Person von Drake entwickelte.

Einen Tag später, am 5. Mai, veröf­fent­lichte Drake einen – viel­leicht letzten – Track, in dem er die Verdäch­ti­gungen an ihn selbst zurück­wies. Viele Beob­achter sahen in diesem letzten Lied nicht nur die endgül­tige Nieder­lage von Drake, sondern inter­pre­tierten das Lied so, dass Drake darin ein mögli­ches Ende des Beefs andeutete.

Close-Reading statt Oberflächen-Metaphernkritik

Hip-Hop kann ohne grosse Über­trei­bung als die wich­tigste kultu­relle Entwick­lung der zweiten Hälfte des letzten Jahr­hun­derts bezeichnet werden. Darum erstaunt auch nicht, dass sich eine ganze akade­mi­sche Forschungs­tra­di­tion der Hip-Hop-Studies am Rande verschie­dener kultur­ge­schicht­li­cher Diszi­plinen etabliert hat. Während in den USA auch in der breiten Öffent­lich­keit die wirt­schaft­liche, poli­ti­sche und kultu­relle Bedeu­tung von Hip-Hop aner­kannt ist, werden in Europa Hip-Hop-Studien öffent­lich eher noch belä­chelt, auch wenn sie im akade­mi­schen Feld durchaus verbreitet sind. Dabei wäre auch in Europa Hip-Hop ein Ausgangs­punkt um etwa die post­mi­gran­ti­sche Geschichte Europas neu zu beschreiben, waren doch gerade Kinder von Migrant:innen zentrale Akteure in den 1980er und 1990er Jahren, was etwa Hannes Loh und Murat Güngör im Buch Fear of a Kanak Planet (2002) beschrieben haben. Hip-Hop als Ort kultu­reller Aushand­lung ernst zu nehmen, bedeutet aber auch, bei der Analyse nicht bei der Oberflächen-Metaphorik stehen zu bleiben und auf die offen­sicht­li­chen Kriegs-Metaphern, die allzu mensch­liche Anerkennungs- und Geltungs­sucht oder auf die eher beiläu­figen Rap-King-Allüren als klas­si­sche Tropen hinzu­weisen, sondern die verhan­delten Themen genau zu beobachten.

Im aktu­ellen Battle zwischen Drake und Kendrick sticht hier ein Aspekt unter vielen mögli­chen hervor, der die aktu­elle Debatte um kultu­relle Aneig­nung ins Zentrum stellt. So warf Lamar seinem Kontra­henten Drake schon in „Euphoria“ und „Meet the Grahams“ vor, nicht Teil der Hip-Hop-Kultur zu sein, sondern diese für seine Aner­ken­nung und ökono­mi­schen Vorteile („no cultural cachet to binge“) zu verwenden, ohne die kultu­relle Sensi­bi­lität zu kennen.

Drake sah seiner­seits die Trag­weite der afro-amerikanischen Geschichte in ihrem Einfluss auf die Hip-Hop-Kultur nicht, denn sonst hätte er in der Antwort „Family Matters“ Lamar nicht vorge­worfen, zu rappen, wie wenn er dabei wäre, die Sklaven zu befreien („Always rappin‘ like you ‚bout to get the slaves freed). Ähnlich proble­ma­ti­sche Aussagen machte Drake schon im Song Slime you out.
Kendrick kriti­sierte ihn nicht nur für diese Unsen­si­bi­lität, sondern bezich­tigte Drake in Not like us, dasselbe zu tun, wie die Kolo­ni­sa­toren und so die afro-amerikanische Kultur zu seinem ökono­mi­schen Vorteil auszu­nutzen. Er erteilte ihm eine Geschichts­lek­tion, in der Atlanta als neue Haupt­stadt des Rap und die Art und Weise, wie Drake Künstler aus dieser Stadt braucht, im Zentrum stehen:

Once upon a time, all of us was in chains
Homie still doubled down calling us some slaves
Atlanta was the Mecca, buil­ding rail­roads and trains
Bear with me for a second, let me put y’all on game
The sett­lers was using town folk to make ‚em richer
Fast-forward, 2024, you got the same agenda


No, you not a colle­ague, you a f**king colonizer

In seiner über mehrere Songs entwi­ckelten Erzäh­lung betonte Kendrick, dass es bei Fragen der kultu­rellen Aneig­nung nicht darum geht, ob jemand schwarz oder weiss ist. Letz­teres wurde kürz­lich von Rick Ross mit dem Drake-Diss als ,white boy‘ in „Cham­pagne Moments“ repro­du­ziert. Statt­dessen geht es Lamar um den bewussten Umgang mit der Geschichte eines kultu­rellen Phäno­mens. Lamar entwi­ckelt also eine Ethik der Hand­lung in der Kultur­in­dus­trie, die auf das Verhalten und die Berück­sich­ti­gung der jewei­ligen Geschichte zielt und nicht eine essen­tia­lis­ti­sche Zuschrei­bungs­logik bestimmen lässt, ,wer was darf‘. Lamars meta­kul­tu­relle Über­le­gungen stellen dem Essen­tia­lismus somit eine post-ethnische Utopie entgegen, wenn er etwa auf dem Album DAMN (2017) im Lied YAH rappt: „don’t call me black no mo / that word is only a color, it ain’t facts no mo’.“ „They not like us“ sind also nicht die essen­tia­lis­ti­schen Anderen, sondern die rück­sichtslos Geschichts­ver­ges­senen. Lamar gewann den größten Beef des 21. Jahr­hun­derts somit nicht nur mit erst­klas­sigem Storytel­ling und viel­deu­tigen Reimen, sondern auch mit der Kombi­na­tion von Geschichts­be­wusst­sein und meta­kul­tu­rellen Reflexionen.