Der kanadische Singer und Songwriter Leonard Cohen (1934-2016) verstand sich immer auch als Autor und Lyriker, verfasste zwei Romane und mehrere Gedichtbände. Ganz zum Popstar wurde er vielleicht erst in seinen 70ern – als alter Weiser mit Maßanzug und Fedora, der seine weltberühmt gewordenen Hits reinszenierte, ganz so, als sei er sein eigener Retrotrend. Cohens umjubelte Konzerte der 2000er-Jahre gleichen Abschiedsmessen. Die Alben Old Ideas (2012), Popular Problems (2014) und You Want It Darker (2016) enthalten Lyrics, die den Tod des Sängers zum Thema haben, wobei sie an das alte Motiv vom Sterben als Übergang in eine andere Art des Seins anschließen. Das postume Album Thanks for the Dance (2019) trägt als Titel eine Metapher, die konventionell ist – das Leben ist ein Tanz –, aber auch tief in das eigene Werk zurückverweist. So klingt der Titel „Dance Me to the End of Love“ an, den Cohen bereits 1984 für das Album Various Positions aufgenommen hat.
Die selbstbezügliche Inszenierung des Sterbens ist für die Kunst attraktiv, weil sie eine Ästhetik des Erinnerns und des Nachlebens schafft: eine Stimme, die dem Tod ein Schnippchen schlägt und einfach weiter singt. So ist die Literaturgeschichte voll mit sterbenden Dichtern, die sich in ihren Texten als Gespenster inszenieren. Der über Jahre an einer tödlichen Krankheit leidende Heinrich Heine etwa nannte sein Zuhause in unzähligen Texten die „Matratzengruft“, sich selbst bezeichnete er wahlweise als Lazarus oder als einen Untoten – eine ,Stimme‘, die wie „das tönende Grab des Zaubers Merlinus“ noch nach dem Tod weiterspricht und damit rhetorisch die Unsterblichkeit der Literatur zu garantieren scheint. In einem der letzten Gedichte Else Lasker-Schülers heißt es: „Ich habe meines Lebens Schlussakkord vollbracht – / Bin still verschieden“. Doch zum Zeitpunkt des Schreibens lebte die Dichterin natürlich noch, nur ihr Text gestaltet sich so, als würde er bereits aus dem Jenseits sprechen.
Auch die Popmusik kennt solche Inszenierungen des aufgeschobenen Sterbens. David Bowies fast zehnminütiger Song „Blackstar“ zum Beispiel – das gleichnamige Album von 2016 erscheint zwei Tage vor Bowies (und nur einige Monate vor Cohens) Tod – ist eine Meditation über Vergänglichkeit und Ewigkeit, das mit dem Bild des sich verdunkelnden Sterns eine ähnliche Licht-Metaphorik bedient wie Cohens You Want It Darker. Sogar dem Stern begegnen wir in Cohens Abschiedslyrik: „I’m traveling light / It’s au revoir / My once so bright / My fallen star“.
„a Leonard Cohen afterworld“
Der Cohen-Biograf Ira Nadel hat das Spätwerk von David Bowie, Lou Reed und Cohen verglichen. Anhand dieser drei kurz vor ihrem Tod erstaunlich produktiven Künstler konturiert Nadel die „lateness“, also eine Art Spätstil. Dieser zeichne sich einerseits durch die Entschlossenheit aus, abzuschließen, andererseits aber gerade durch eine Offenheit für ästhetische Experimente, die durch die Todesgewissheit zustande komme. Im Fall Cohens ist ein solches Experiment zum Beispiel der vieldiskutierte Einsatz des Synagogenchors im Song „You Want It Darker“.
Seit den 1970er-Jahren begleitet Cohen das Klischee, seine Musik sei dazu gemacht, sich dazu die Pulsadern aufzuschneiden. Es ist wohl kein Zufall, dass Kurt Cobain – der sich wenig später bekanntlich mit einem Gewehr in den Kopf schoss – in einer Zeile des Nirvana-Songs „Pennyroyal Tea“ (1993) den sarkastischen Wunsch äußert: „Give me a Leonard Cohen afterworld / So I can sigh eternally“. Cohen selbst hatte lange mit ernsthaften Depressionen zu kämpfen. In zahlreichen Interviews zog er eine Verbindungslinie von seinen psychischen Krisen zur Produktion seiner Songs, die er der Depression abgerungen habe. Dazu kamen Lampenfieber und nagende Selbstzweifel. Erst die Überwindung einer finanziellen Krise, ausgelöst durch die Veruntreuung seines Vermögens durch seine kurzzeitige Geliebte und Managerin Kelley Lynch öffnete einen Raum für eine fast schwerelos wirkende Altersperformance ab 2008. Cohen beschreibt sich in dieser Zeit als glücklich und im Einklang mit sich selbst. Es ist kaum sinnvoll, Cohens Spiritualität als eine Art „manual for living with defeat“ zu entschlüsseln, wie es in „Going Home“ heißt. Denn Leonard Cohen kann man nicht imitieren. Auch dient Cohen wohl kaum als Vorbild im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Dennoch bietet die späte Stimme Cohens Trost. Denn in Cohens Spätwerk finden wir eine Stimme, die uns in ihrer Brüchigkeit beim eigenen Nachdenken über die Vergänglichkeit begleiten und herausfordern kann.
„Going Home“
Für Cohen war es nie ganz einfach, mit dem Singen zu beginnen. Seine Stimme war bereits in seiner Jugend nasal und gepresst, sie widersprach konventionellen Hörgewohnheiten der Popmusik. Die New Yorker Journalistin Ruth Seymour, die Cohen in den frühen 1960er-Jahren auf der griechischen Insel Hydra kennengelernt hatte, erzählte, wie sie mit Cohen jiddische Lieder gesungen habe: „Aber er hatte keine gute Stimme […]. Es war unvorstellbar, dass er ein Sänger werden sollte.“ Doch das Unvorstellbare geschah, und Cohen avancierte vom ambitionierten Literaten zum Schamanen der Popmusik. Dieser Prozess wird von Cohen teils als harte und verzweifelte Arbeit beschrieben – dazu passt etwa der Ausdruck „workers in song“ aus „Chelsea Hotel #2“ (1974) –, teils aber auch als Inspiration. In letzterer Perspektive ist das Dichten Aufgabe und Geschenk zugleich. Die berühmte Zeile aus „Tower of Song“ (1988) lautet: „I was born like this, I had no choice / I was born with the gift of a golden voice“.
Auf dem Album Old Ideas (2012) klingt diese ,goldene Stimme‘ so düster und sonor wie nie zuvor. Beim ersten Track „Going Home“ ist sie zudem mit Hall hinterlegt, der Song beginnt pastös gepudert mit Streichern und einem Chor aus weiblichen Stimmen, auch die Lyrics tragen dick auf: Es ist Gott selbst, der anruft und mit „Leonard“ sprechen möchte. Die Selbstironie kann den Eindruck des Schwermütigen und Schwergewichtigen, der sich unmittelbar einstellt, nicht verhindern:
I’d love to speak with Leonard
He’s a sportsman and a shepherd
He’s a lazy bastard
Living in a suit
Man könnte den Song als autofiktionale Erzählung bezeichnen, die die Berufung des Sängers über eine Art Sphärentelefon, aber auch seinen Kampf mit widerstrebenden Wünschen schildert. Gott – oder eine als Ich auftretende höhere Instanz – befreit seinen Propheten Leonard von den selbst aufgebürdeten Pflichten des Künstlers. Es sei unnötig, ein Liebeslied zu schreiben, eine Hymne auf die Vergebung oder eine Anleitung für das Leben zu entwerfen. Denn die eigentliche Aufgabe sei gar nicht die Kunst, sondern ihr Ende, die gelassene Einübung in das Sterben.
Mit einer gängigen Showbusiness-Metaphorik beschreibt „Going Home“ das bevorstehende Ende als Rückkehr hinter den Vorhang und als Abstreifen des Kostüms. Auch die Stimme scheint langsam zu verwehen, vor allem am Ende des Songs hört Cohen in der Studioversion eigentlich auf zu singen. Es handelt sich um räuspernde Rezitationen, um das trockene, tonlose Raunen eines Greises. Dieses Greisenhafte bewirkt auch die Eindringlichkeit von Cohens Spätwerk. Die sterbende Stimme erzeugt performativ ihre eigene Glaubwürdigkeit.
„You Want It Darker“
Gerne möchte man den buddhistischen Motiven des Meisters glauben, dass gegenüber der Einsicht in die Großartigkeit des Lebens selbst jeglicher ,Durst‘ aufhört. (Der zweite Song auf dem Album Old Ideas, „Amen“, beginnt mit den Zeilen „Tell me again, when I’ve been to the river / And I’ve taken the edge of my thirst.“) Doch Old Ideas führt nicht nur Gelassenheit, sondern auch das Hadern mit Gott und seinen Gesetzen vor. Daran knüpft der Song „You Want It Darker“ auf dem gleichnamigen Album an, das zwei Wochen nach Cohens zweiundachtzigstem Geburtstag am 21. September, nur einige Wochen vor seinem Tod am 7. November 2016 erscheint. In der unmittelbaren Rezeption hat es vor allem für Furore gesorgt, weil es als eine Art Testament verstanden wurde, in dem der todkranke Weltstar sich auf die jüdische Tradition seiner Kindheit zurückbezieht. Es gab kaum einen Medienbeitrag, der nicht erwähnt hätte, dass der Titelsong „You Want it Darker“ den Gesang des Männerchors der Montrealer Shaar Hashomayim-Synagoge (die Cohens Urgroßvater mitbegründet und sein Großvater jahrzehntelang geleitet hatte) enthält, zudem hört man auf dem Album die Stimme von Kantor Gideon Zelermeyer. Dies ist in Cohens Werk singulär. Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, dass Cohens Spätwerk nicht nur kommerziell als Popmusik erfolgreich war, sondern bestimmte Songs wie beispielsweise „Come Healing“ heute im US-amerikanischen Reformjudentum sogar für den synagogalen Gebrauch eingesetzt werden. Diese religiöse Dimension ist in vielen Cohens Songs angelegt, im Spätwerk aber noch deutlicher konturiert. Sehr traditionell und auf Hebräisch wird eine Art Hoffnung auf Gott artikuliert:
Hineni, hineni
I’m ready, my Lord
Der Refrain verweist auf die fünf Bücher Mose, wo der Ausdruck »Hineni« für »Hier bin ich« einige Male benutzt wird. Moses antwortet damit auf die Stimme aus dem brennenden Dornbusch. Josef antwortet damit Jakob, als dieser ihm aufgibt, zu seinen Brüdern zu gehen. In der Geschichte der Bindung Isaaks (die Cohen bereits 1969 im Song „Story of Isaac“ neu erzählt), sagt Abraham dreimal „Hineni“, um den Wünschen Gottes zu entsprechen. In „You Want it Darker“ ist der Ausruf Teil des Refrains, den Cohen ebenfalls dreimal wiederholt.
Cohens dreifacher Ruf ist neben den Bibelreferenzen und dem werkbiografischen Selbstzitat ein Ausdruck der Todesgewissheit des Sängers. Von Isaak ausgehend hat er sich in einen Abraham verwandelt, vom rebellischen Sohn in den alten Vater, der – „betagt und lebenssatt“, wie es in Genesis 25 von Abraham heißt – als finalen Akt seines Werks einerseits sein eigenes Sterben performativ in Szene setzt, andererseits aber auch den Eingang in die Unsterblichkeit besingt.
In „You Want it Darker“ hören wir zwar nicht die Stimme Gottes, aber wir vernehmen an deren Stelle einen Chor. Mit diesem Synagogenchor beginnt die Studioaufnahme des Songs, dann setzen der Bass und eine Drumline ein, bevor sich Cohens Altersstimme über den Soundteppich bewegt. Es scheint, als ob dieser Chor und der Kantor das Weitersingen für den sterbenden Sänger übernehmen, ja vielleicht sogar ermöglichen, dass dieser seine Stimme noch einmal aufnehmen kann, in dem Wissen, damit nur noch posthume Wirkung zu entfalten.
„We were broken then but now we’re borderline“
Ein Chor mit seinem Zusammenspiel vieler einzelner Stimmen verdeutlicht, dass das Judentum kein individuelles Bekenntnis darstellt. Immer geht es um die Geschichte und die Traditionen eines Kollektivs, was am Lebensende vielleicht von besonderer Bedeutung ist. Der Song hat deshalb das Potenzial – analog zu Cohens großen Hymnen „Bird on the Wire“, „Hallelujah“, „Come Healing“ oder „Anthem“ – auf eine existenzielle Weise tröstlich und beunruhigend zugleich zu sein. Für den Einsatz des Chors in „You Want it Darker“ gibt es also nicht nur ästhetische Gründe, vielmehr manifestiert sich darin noch einmal Cohens lebenslange Auseinandersetzung mit jüdischer Identität.
In einem oft zitierten Interview aus dem Jahr 1974 äußerte er sich untypisch direkt: „Ich habe nie die Tatsache versteckt, dass ich Jude bin, und bei jeder Krise in Israel würde ich dort sein. […] Ich bin dem Überleben des jüdischen Volkes verpflichtet […]. Es ist einfach ein ,Stammesgefühl‘ [a tribal feeling].“ Dieses „Überleben des jüdischen Volkes“ überragt das individuelle Leben des Sängers und wohl auch die Existenz des Staates Israel, den Cohen als Angelpunkt seines Judentums benennt, obwohl er sich zeitlebens nie ungebrochen als Zionist verstand. Im Werk Cohens sind immer wieder solche Zugehörigkeitsbekenntnisse eingearbeitet, die allerdings auch stets mehrdeutig sind.
Mehrdeutigkeiten bestimmen Cohens Lyrics, auch seine letzten. So gibt es neben der Rhetorik von Hingabe und Gottesvertrauen immer auch ein uneingelöstes (und uneinlösbares) Verlangen nach Ganzheit und Glück. Im letzten Track von You want it darker wird denn auch ein Wunsch geäussert, dessen Erfüllung ungewiss ist:
I wish there was a treaty we could sign
It’s over now, the water and the wine
We were broken then but now we’re borderline
And I wish there was a treaty, I wish there was a treaty between your love and mine
Dieser Text, pathetisch und ironisch zugleich, wird von Cohen nicht mehr zu einer Melodie gesungen, sondern als Gedicht rezitiert. Der mehrfach wiederholte Wunsch nach einem „Vertrag zwischen deiner und meiner Liebe“ ist das offene Ende dieses Werks, das sich nun im Grenzgebiet zum Verstummen befindet. Cohens späte Lyrics thematisieren Widersprüchlichkeiten. So geben sie uns zwar die alte Weisheit mit, dass angesichts der Endlichkeit jeder Frust und jedes Bedauern egal sind, doch handeln sie eben auch davon, dass Loslassen gar nicht so einfach ist. Cohens gebrochene, allwissend scheinende Stimme verkörpert diesen Widerspruch. Indem wir ihr zuhören, spendet sie Trost für unsere eigenen Fehler und Ängste, Zweifel und Widersprüche.
