Mit seinen späten Songs inszeniert Leonard Cohen sein Abtreten, und zwar ebenso pathetisch wie ironisch. Dies zeigt exemplarisch die existenziell tröstliche Wirkung von Lyrik.

  • Caspar Battegay ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er leitet die Fachgruppe Kultur und Kommunikation an der Hochschule für Technik der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zudem unterrichtet er Neuere deutsche Literatur an der Universität Basel. Seine Habilitation ist 2018 unter dem Titel „Geschichte der Möglichkeit. Utopie, Diaspora und die ‚jüdische Frage‘“ im Wallstein Verlag erschienen.

Der kana­di­sche Singer und Song­writer Leonard Cohen (1934-2016) verstand sich immer auch als Autor und Lyriker, verfasste zwei Romane und mehrere Gedicht­bände. Ganz zum Popstar wurde er viel­leicht erst in seinen 70ern – als alter Weiser mit Maßanzug und Fedora, der seine welt­be­rühmt gewor­denen Hits reinsze­nierte, ganz so, als sei er sein eigener Retro­trend. Cohens umju­belte Konzerte der 2000er-Jahre glei­chen Abschieds­messen. Die Alben Old Ideas (2012), Popular Problems (2014) und You Want It Darker (2016) enthalten Lyrics, die den Tod des Sängers zum Thema haben, wobei sie an das alte Motiv vom Sterben als Über­gang in eine andere Art des Seins anschließen. Das postume Album Thanks for the Dance (2019) trägt als Titel eine Meta­pher, die konven­tio­nell ist – das Leben ist ein Tanz –, aber auch tief in das eigene Werk zurück­ver­weist. So klingt der Titel „Dance Me to the End of Love“ an, den Cohen bereits 1984 für das Album Various Posi­tions aufge­nommen hat.

Die selbst­be­züg­liche Insze­nie­rung des Ster­bens ist für die Kunst attraktiv, weil sie eine Ästhetik des Erin­nerns und des Nach­le­bens schafft: eine Stimme, die dem Tod ein Schnipp­chen schlägt und einfach weiter singt. So ist die Lite­ra­tur­ge­schichte voll mit ster­benden Dich­tern, die sich in ihren Texten als Gespenster insze­nieren. Der über Jahre an einer tödli­chen Krank­heit leidende Hein­rich Heine etwa nannte sein Zuhause in unzäh­ligen Texten die „Matrat­zen­gruft“, sich selbst bezeich­nete er wahl­weise als Lazarus oder als einen Untoten – eine ,Stimme‘, die wie „das tönende Grab des Zaubers Merlinus“ noch nach dem Tod weiter­spricht und damit rheto­risch die Unsterb­lich­keit der Lite­ratur zu garan­tieren scheint. In einem der letzten Gedichte Else Lasker-Schülers heißt es: „Ich habe meines Lebens Schluss­ak­kord voll­bracht – / Bin still verschieden“. Doch zum Zeit­punkt des Schrei­bens lebte die Dich­terin natür­lich noch, nur ihr Text gestaltet sich so, als würde er bereits aus dem Jenseits sprechen.

Auch die Popmusik kennt solche Insze­nie­rungen des aufge­scho­benen Ster­bens. David Bowies fast zehn­mi­nü­tiger Song „Black­star“ zum Beispiel – das gleich­na­mige Album von 2016 erscheint zwei Tage vor Bowies (und nur einige Monate vor Cohens) Tod – ist eine Medi­ta­tion über Vergäng­lich­keit und Ewig­keit, das mit dem Bild des sich verdun­kelnden Sterns eine ähnliche Licht-Metaphorik bedient wie Cohens You Want It Darker. Sogar dem Stern begegnen wir in Cohens Abschieds­lyrik: „I’m trave­ling light / It’s au revoir / My once so bright / My fallen star“.

„a Leonard Cohen afterworld“

Der Cohen-Biograf Ira Nadel hat das Spät­werk von David Bowie, Lou Reed und Cohen vergli­chen. Anhand dieser drei kurz vor ihrem Tod erstaun­lich produk­tiven Künstler kontu­riert Nadel die „lateness“, also eine Art Spät­stil. Dieser zeichne sich einer­seits durch die Entschlos­sen­heit aus, abzu­schließen, ande­rer­seits aber gerade durch eine Offen­heit für ästhe­ti­sche Expe­ri­mente, die durch die Todes­ge­wiss­heit zustande komme. Im Fall Cohens ist ein solches Expe­ri­ment zum Beispiel der viel­dis­ku­tierte Einsatz des Synago­gen­chors im Song „You Want It Darker“.

Seit den 1970er-Jahren begleitet Cohen das Klischee, seine Musik sei dazu gemacht, sich dazu die Puls­adern aufzu­schneiden. Es ist wohl kein Zufall, dass Kurt Cobain – der sich wenig später bekannt­lich mit einem Gewehr in den Kopf schoss – in einer Zeile des Nirvana-Songs „Penny­royal Tea“ (1993) den sarkas­ti­schen Wunsch äußert: „Give me a Leonard Cohen after­world / So I can sigh etern­ally“. Cohen selbst hatte lange mit ernst­haften Depres­sionen zu kämpfen. In zahl­rei­chen Inter­views zog er eine Verbin­dungs­linie von seinen psychi­schen Krisen zur Produk­tion seiner Songs, die er der Depres­sion abge­rungen habe. Dazu kamen Lampen­fieber und nagende Selbst­zweifel. Erst die Über­win­dung einer finan­zi­ellen Krise, ausge­löst durch die Verun­treuung seines Vermö­gens durch seine kurz­zei­tige Geliebte und Mana­gerin Kelley Lynch öffnete einen Raum für eine fast schwe­relos wirkende Alters­per­for­mance ab 2008. Cohen beschreibt sich in dieser Zeit als glück­lich und im Einklang mit sich selbst. Es ist kaum sinn­voll, Cohens Spiri­tua­lität als eine Art „manual for living with defeat“ zu entschlüs­seln, wie es in „Going Home“ heißt. Denn Leonard Cohen kann man nicht imitieren. Auch dient Cohen wohl kaum als Vorbild im Umgang mit psychi­schen Erkran­kungen. Dennoch bietet die späte Stimme Cohens Trost. Denn in Cohens Spät­werk finden wir eine Stimme, die uns in ihrer Brüchig­keit beim eigenen Nach­denken über die Vergäng­lich­keit begleiten und heraus­for­dern kann.

„Going Home“

Für Cohen war es nie ganz einfach, mit dem Singen zu beginnen. Seine Stimme war bereits in seiner Jugend nasal und gepresst, sie wider­sprach konven­tio­nellen Hörge­wohn­heiten der Popmusik. Die New Yorker Jour­na­listin Ruth Seymour, die Cohen in den frühen 1960er-Jahren auf der grie­chi­schen Insel Hydra kennen­ge­lernt hatte, erzählte, wie sie mit Cohen jiddi­sche Lieder gesungen habe: „Aber er hatte keine gute Stimme […]. Es war unvor­stellbar, dass er ein Sänger werden sollte.“ Doch das Unvor­stell­bare geschah, und Cohen avan­cierte vom ambi­tio­nierten Lite­raten zum Scha­manen der Popmusik. Dieser Prozess wird von Cohen teils als harte und verzwei­felte Arbeit beschrieben – dazu passt etwa der Ausdruck „workers in song“ aus „Chelsea Hotel #2“ (1974) –, teils aber auch als Inspi­ra­tion. In letz­terer Perspek­tive ist das Dichten Aufgabe und Geschenk zugleich. Die berühmte Zeile aus „Tower of Song“ (1988) lautet: „I was born like this, I had no choice / I was born with the gift of a golden voice“.

Auf dem Album Old Ideas (2012) klingt diese ,goldene Stimme‘ so düster und sonor wie nie zuvor. Beim ersten Track „Going Home“ ist sie zudem mit Hall hinter­legt, der Song beginnt pastös gepu­dert mit Strei­chern und einem Chor aus weib­li­chen Stimmen, auch die Lyrics tragen dick auf: Es ist Gott selbst, der anruft und mit „Leonard“ spre­chen möchte. Die Selbst­ironie kann den Eindruck des Schwer­mü­tigen und Schwer­ge­wich­tigen, der sich unmit­telbar einstellt, nicht verhindern:

I’d love to speak with Leonard
He’s a sportsman and a shepherd
He’s a lazy bastard
Living in a suit

Man könnte den Song als auto­fik­tio­nale Erzäh­lung bezeichnen, die die Beru­fung des Sängers über eine Art Sphä­ren­te­lefon, aber auch seinen Kampf mit wider­stre­benden Wünschen schil­dert. Gott – oder eine als Ich auftre­tende höhere Instanz – befreit seinen Propheten Leonard von den selbst aufge­bür­deten Pflichten des Künst­lers. Es sei unnötig, ein Liebes­lied zu schreiben, eine Hymne auf die Verge­bung oder eine Anlei­tung für das Leben zu entwerfen. Denn die eigent­liche Aufgabe sei gar nicht die Kunst, sondern ihr Ende, die gelas­sene Einübung in das Sterben.

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Mit einer gängigen Showbusiness-Metaphorik beschreibt „Going Home“ das bevor­ste­hende Ende als Rück­kehr hinter den Vorhang und als Abstreifen des Kostüms. Auch die Stimme scheint langsam zu verwehen, vor allem am Ende des Songs hört Cohen in der Studio­ver­sion eigent­lich auf zu singen. Es handelt sich um räus­pernde Rezi­ta­tionen, um das trockene, tonlose Raunen eines Greises. Dieses Grei­sen­hafte bewirkt auch die Eindring­lich­keit von Cohens Spät­werk. Die ster­bende Stimme erzeugt perfor­mativ ihre eigene Glaub­wür­dig­keit. 

„You Want It Darker“

Gerne möchte man den buddhis­ti­schen Motiven des Meis­ters glauben, dass gegen­über der Einsicht in die Groß­ar­tig­keit des Lebens selbst jegli­cher ,Durst‘ aufhört. (Der zweite Song auf dem Album Old Ideas, „Amen“, beginnt mit den Zeilen „Tell me again, when I’ve been to the river / And I’ve taken the edge of my thirst.“) Doch Old Ideas führt nicht nur Gelas­sen­heit, sondern auch das Hadern mit Gott und seinen Gesetzen vor. Daran knüpft der Song „You Want It Darker“ auf dem gleich­na­migen Album an, das zwei Wochen nach Cohens zwei­und­acht­zigstem Geburtstag am 21. September, nur einige Wochen vor seinem Tod am 7. November 2016 erscheint. In der unmit­tel­baren Rezep­tion hat es vor allem für Furore gesorgt, weil es als eine Art Testa­ment verstanden wurde, in dem der todkranke Welt­star sich auf die jüdi­sche Tradi­tion seiner Kind­heit zurück­be­zieht. Es gab kaum einen Medi­en­bei­trag, der nicht erwähnt hätte, dass der Titel­song „You Want it Darker“ den Gesang des Männer­chors der Mont­realer Shaar Hashomayim-Synagoge (die Cohens Urgroß­vater mitbe­gründet und sein Groß­vater jahr­zehn­te­lang geleitet hatte) enthält, zudem hört man auf dem Album die Stimme von Kantor Gideon Zeler­meyer. Dies ist in Cohens Werk singulär. Es ist in dieser Hinsicht bezeich­nend, dass Cohens Spät­werk nicht nur kommer­ziell als Popmusik erfolg­reich war, sondern bestimmte Songs wie beispiels­weise „Come Healing“ heute im US-amerikanischen Reform­ju­dentum sogar für den synago­galen Gebrauch einge­setzt werden. Diese reli­giöse Dimen­sion ist in vielen Cohens Songs ange­legt, im Spät­werk aber noch deut­li­cher kontu­riert. Sehr tradi­tio­nell und auf Hebrä­isch wird eine Art Hoff­nung auf Gott artikuliert:

Hineni, hineni
I’m ready, my Lord

Der Refrain verweist auf die fünf Bücher Mose, wo der Ausdruck »Hineni« für »Hier bin ich« einige Male benutzt wird. Moses antwortet damit auf die Stimme aus dem bren­nenden Dorn­busch. Josef antwortet damit Jakob, als dieser ihm aufgibt, zu seinen Brüdern zu gehen. In der Geschichte der Bindung Isaaks (die Cohen bereits 1969 im Song „Story of Isaac“ neu erzählt), sagt Abraham dreimal „Hineni“, um den Wünschen Gottes zu entspre­chen. In „You Want it Darker“ ist der Ausruf Teil des Refrains, den Cohen eben­falls dreimal wiederholt.

Cohens drei­fa­cher Ruf ist neben den Bibel­re­fe­renzen und dem werk­bio­gra­fi­schen Selbst­zitat ein Ausdruck der Todes­ge­wiss­heit des Sängers. Von Isaak ausge­hend hat er sich in einen Abraham verwan­delt, vom rebel­li­schen Sohn in den alten Vater, der – „betagt und lebens­satt“, wie es in Genesis 25 von Abraham heißt – als finalen Akt seines Werks einer­seits sein eigenes Sterben perfor­mativ in Szene setzt, ande­rer­seits aber auch den Eingang in die Unsterb­lich­keit besingt.

In „You Want it Darker“ hören wir zwar nicht die Stimme Gottes, aber wir vernehmen an deren Stelle einen Chor. Mit diesem Synago­gen­chor beginnt die Studio­auf­nahme des Songs, dann setzen der Bass und eine Drum­line ein, bevor sich Cohens Alters­stimme über den Sound­tep­pich bewegt. Es scheint, als ob dieser Chor und der Kantor das Weiter­singen für den ster­benden Sänger über­nehmen, ja viel­leicht sogar ermög­li­chen, dass dieser seine Stimme noch einmal aufnehmen kann, in dem Wissen, damit nur noch post­hume Wirkung zu entfalten.

„We were broken then but now we’re borderline“

Ein Chor mit seinem Zusam­men­spiel vieler einzelner Stimmen verdeut­licht, dass das Judentum kein indi­vi­du­elles Bekenntnis darstellt. Immer geht es um die Geschichte und die Tradi­tionen eines Kollek­tivs, was am Lebens­ende viel­leicht von beson­derer Bedeu­tung ist. Der Song hat deshalb das Poten­zial – analog zu Cohens großen Hymnen „Bird on the Wire“, „Halle­lujah“, „Come Healing“ oder „Anthem“ – auf eine exis­ten­zi­elle Weise tröst­lich und beun­ru­hi­gend zugleich zu sein. Für den Einsatz des Chors in „You Want it Darker“ gibt es also nicht nur ästhe­ti­sche Gründe, viel­mehr mani­fes­tiert sich darin noch einmal Cohens lebens­lange Ausein­an­der­set­zung mit jüdi­scher Identität.

In einem oft zitierten Inter­view aus dem Jahr 1974 äußerte er sich unty­pisch direkt: „Ich habe nie die Tatsache versteckt, dass ich Jude bin, und bei jeder Krise in Israel würde ich dort sein. […] Ich bin dem Über­leben des jüdi­schen Volkes verpflichtet […]. Es ist einfach ein ,Stam­mes­ge­fühl‘ [a tribal feeling].“ Dieses „Über­leben des jüdi­schen Volkes“ über­ragt das indi­vi­du­elle Leben des Sängers und wohl auch die Exis­tenz des Staates Israel, den Cohen als Angel­punkt seines Juden­tums benennt, obwohl er sich zeit­le­bens nie unge­bro­chen als Zionist verstand. Im Werk Cohens sind immer wieder solche Zuge­hö­rig­keits­be­kennt­nisse einge­ar­beitet, die aller­dings auch stets mehr­deutig sind.

Mehr­deu­tig­keiten bestimmen Cohens Lyrics, auch seine letzten. So gibt es neben der Rhetorik von Hingabe und Gottes­ver­trauen immer auch ein unein­ge­löstes (und unein­lös­bares) Verlangen nach Ganz­heit und Glück. Im letzten Track von You want it darker wird denn auch ein Wunsch geäus­sert, dessen Erfül­lung unge­wiss ist:

I wish there was a treaty we could sign
It’s over now, the water and the wine
We were broken then but now we’re borderline
And I wish there was a treaty, I wish there was a treaty between your love and mine

Dieser Text, pathe­tisch und ironisch zugleich, wird von Cohen nicht mehr zu einer Melodie gesungen, sondern als Gedicht rezi­tiert. Der mehr­fach wieder­holte Wunsch nach einem „Vertrag zwischen deiner und meiner Liebe“ ist das offene Ende dieses Werks, das sich nun im Grenz­ge­biet zum Verstummen befindet. Cohens späte Lyrics thema­ti­sieren Wider­sprüch­lich­keiten. So geben sie uns zwar die alte Weis­heit mit, dass ange­sichts der Endlich­keit jeder Frust und jedes Bedauern egal sind, doch handeln sie eben auch davon, dass Loslassen gar nicht so einfach ist. Cohens gebro­chene, allwis­send schei­nende Stimme verkör­pert diesen Wider­spruch. Indem wir ihr zuhören, spendet sie Trost für unsere eigenen Fehler und Ängste, Zweifel und Widersprüche.

 

Der vorlie­gende Text ist ein gekürzter Teil aus dem am 19. September erschei­nenden Buch Leonard Cohens Stimme, Verlag Klaus Wagen­bach Berlin.