Schwarz schreiben – weiss schreiben. Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“

Das Buch des Literaturkritikers Ijoma Mangold ist durch ein schönes Paradox gekennzeichnet. Es gewinnt seine poetische Kraft aus dem Versuch zu beweisen, dass es nicht ums Schwarzsein geht. Und weil das gelingt, dreht sich das Buch eben doch ums Schwarzsein.



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In ihrem Essay-Band Vom Versuch, nicht weiss zu schreiben erwähnt Charlotte Wiedemann eine junge Frau, die nach einer Reise durch Mali froh darüber ist, wieder nach Hause zu kommen, weil sie in Deutschland „nicht allein nach ihrer Hautfarbe beurteilt werde“. Sie kehrt in eine Umgebung zurück, in der ihr Weisssein nicht mehr auffällt und der Ausgangspunkt aller Reaktionen auf sie ist. Charlotte Wiedemann schreibt weiter, dass ihr malischer Freund in Deutschland allerdings eine andere Erfahrung macht, selbstverständlich wird er nach seiner Hautfarbe beurteilt. Während die junge Frau wieder unsichtbar wird als Weisse, wird der Besucher aus Mali ausgesprochen sichtbar als Schwarzer. Beide teilen die Erfahrung, dass Hautfarbe zum Persönlichkeitsmerkmal wird, die Erfahrung der Reduktion auf ein äusseres Merkmal und die damit verbundene Entpersonalisierung. Damit geht jedoch eine grundlegende Asymmetrie einher, denn die Assoziationen, die sich an die Hautfarbe knüpfen, unterscheiden sich grundlegend: weiss und reich, schwarz und bedürftig. Hautfarben verkörpern Geschichte, und sie haben eine Geschichte. Dabei sind sie als Gruppenmerkmal gar nicht so selbstverständlich und überhistorisch, wie man meinen könnte. Der Historiker Valentin Groebner hat dies in einem bemerkenswerten Aufsatz gezeigt.

Die (Un)Sichtbarkeit der Hautfarbe

Der kleine Junge in Ijoma Mangolds autobiografischem Text hadert nicht so sehr mit seiner auffälligen Hautfarbe, sondern mit der Verpflichtung, dass damit etwas Bestimmtes einhergeht, und sei es nur ein besonderes Interesse oder eine besondere Zuständigkeit für Afrika. Er erleidet keinen dauernden Alltagsrassismus, ist aber auf der Hut – wird das Wort nega-tiv sicher enden und kein „Neger“ daraus? Zwar lehnt der erwachsene Autor vehement die Psychoanalyse ab, doch er beschreibt freimütig den Schutzschild, an dem er von Kindheit an arbeitet – seine Sprache. Sobald sich in den Augen seines Gegenüber die Erkenntnis abzuzeichnen beginnt, der kleine Junge, der junge Mann hier ist doch schwarz, wird er oder sie mit geschliffenem Hochdeutsch, einer gewählten Ausdrucksweise und einem etwas altmodischen, etwas manierierten Habitus redend in die Schranken gewiesen.

Gibt es eine Möglichkeit, nicht schwarz gelesen zu werden? Ijoma Mangold nennt sein Buch vorsorglich Meine Geschichte, und dabei handelt es sich doch in weiten Teilen weniger um einen autobiografischen Bericht denn um eine wunderbare Erzählung über eine Kindheit und Jugend in der Bundesrepublik der 1970er Jahre – und über die Entdeckung einer Familie in Nigeria. Hier kann er aus einer einzigartigen Perspektive erzählen, denn er ist kein Tourist, sondern Familienmitglied – und gleichwohl ein Fremder, der von aussen kommt.

Der Autor wächst in einer Zeit auf, in der er mit dunkler Haut und lockigen Haaren ein Einzelner ist, kein Mitglied einer Afrodeutschen Community. Andere, die wie er aussehen, gibt es zunächst nicht. Eine Tatsache, die ihm, wie wohl jedem zum Intellektuellen reifenden Jugendlichen, sehr entgegen kommt. Das Ansinnen, als Student später in einer entsprechenden Gruppe mitzumachen, weist er zurück, was hat er mit Afrika zu tun? Nichts, er hat auch noch keinen nigerianischen Vater, sondern einen in seinem Kosmos nicht existenten Vater in Nigeria – einem Land, das ihm nichts sagt und nichts bedeutet. Afrika bleibt im Krokodil auf dem Fensterbrett im heimischen Wohnzimmer symbolisiert oder, besser noch, gebannt.

Der junge Ijoma Mangold ist ein einzelner unter Weissen, Charlotte Wiedemanns junge Frau eine Einzelne unter Schwarzen. Die Erfahrung der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Hautfarbe beschränkt sich allerdings nicht darauf, als Weisse in afrikanischen Ländern nun auch einmal aufgrund der Hautfarbe beurteilt und zugeordnet zu werden, sondern der eigene Blick auf die Anderen verändert sich. Nicht nur werden die Anderen, während man selbst eine Weisse wird, ihrerseits zu Individuen, weil sie nicht mehr durch ihr Schwarzsein markiert sind. Sondern die Hautfarbe wird insgesamt unsichtbar – bei meinen Reisen in Uganda oder Nigeria kamen mir die Menschen schon nach kurzer Zeit nicht mehr „schwarz“ vor, sondern einfach nur normal, so wie es sich gehört.

Dreimal Schwarzsein

Die Frage der Hautfarbe gewinnt im Deutschen Krokodil in drei völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen für den Autor Relevanz. Im Heidelberg der Kindheit und Jugend, in den USA bei Freunden der Mutter aus der Bürgerrechtsbewegung und in Nigeria als zurückgekehrter verlorener Sohn einer Arztfamilie. Jedesmal ist der Erzähler in anderer Weise mit den Blicken, Vorstellungen, Wünschen und Erwartungen der anderen konfrontiert. In jeder der drei Situationen ist er auf andere Weise schwarz – oder eben auch nicht.

Als er seine nigerianische Familie mit Anfang zwanzig schliesslich nach einer dramatischen Begegnung mit dem Vater kennenlernt, passiert keine Umkehrung nach dem Motto: in Deutschland zu dunkel und in Nigeria zu hell. Er wird vielmehr umstandslos, mit liebevoller Rigorosität, fast schon gewalttätig, in die Familie eingegliedert, ist nun Bruder, ganz Sohn seines Vaters, wie immer wieder festgestellt wird, der erhoffte männlich Erbe – und allein das zählt. Die Anmassung in Deutschland, dass er sich doch bitte irgendwie zu seiner Herkunft verhalten möge, dreht sich nun zu einer ebenso als Anmassung erfahrenen Haltung um, das seine Herkunft überhaupt nicht zählt, ja nicht einmal interessiert: „leider gehörte zur kulturellen Andersartigkeit Nigerias auch, dass diese eben nicht Gegenstand eines Gesprächs wurde“.

Der junge Student findet in Afrika keine lang vermisste Identität, keine Auflösung seiner Herkunftsgeschichte, keinen neuen Sinn, sondern bleibt ganz und gar deutsch, ein Kind der siebziger Jahre und seiner Emanzipation durch die Literatur. Auch wenn die NZZ meint, es gebe hier einen wertvollen Leitfaden für multikulturelles Zusammenleben zu entdecken, zeigt die Geschichte doch etwas anderes. In Deutschland ist der Autor ein urbaner Kosmopolit und lebt trotz des regelmässigen Besuchs aus Nigeria kein „multikulturelles Leben“, was immer das sein mag; in Nigeria nimmt die Familie seine deutschen Allüren nicht so recht ernst und sieht ihn als einen der ihren, und in den USA wiederum wird er freundlich, aber bestimmt, auf die dramatisch virulente Rassenfrage hingewiesen, die auch ihn selbst betrifft, ob er will oder nicht. Als er mit seinem Freund Edward, einem älteren Pastor, in die Metropolitan Opera in New York geht, sieht er in den Blicken der Anderen blanke Verwunderung oder auch wohlwollende Zustimmung angesichts der Tatsache, dass heute Abend einmal zwei Schwarze in die Oper gehen – in beiden Fällen entkommt er der kollektivierenden Zuschreibung nicht.

„Wo kommen sie her?“ – dies ist keine geographische, sondern eine biografische Frage, wie die kluge Barbara Bleisch im Gespräch mit Ijoma Mangold in der Sternstunde sagte. Für den jungen Ijoma war es peinlich, den abwesenden Vater zu erwähnen, in einer Zeit, in der Scheidungen noch eine Schmach waren. Die unkonventionelle Mutter, eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, und die „besondere Beziehung des Haushalts zum Kontinent Afrika“ stellten insofern eine doppelte Last dar. Die Frage nach der Lebensgeschichte aufgrund des anderen Aussehens – wo kommen Sie her, erzählen Sie mal – ist jedoch nicht nur potentiell übergriffig, sondern eröffnet vielmehr einen Raum: „Bei einem Ausländer fragt man nicht nach seiner Lebensgeschichte, denn man kennt sie immer schon: Schulabbruch, Parallelwelten, Ehrenmorde.“ Hautfarbe ist auch eine Klassenfrage.

Kritik, Liebe und Langeweile

In einem Interview sagte Ijoma Mangold, der sich selbst als bürgerlich-konservativ oder auch als Liberalen bezeichnet, er habe mit stärkerem Widerspruch auf sein Buch gerechnet. Damit meinte er vermutlich nicht die Leserschaft des gehobenen Feuilletons, die den Zeit-Literaturchef nun auch als ausgesprochenen Freigeist entdecken muss, sondern Vertreter einer bestimmten linken Identitätspolitik, die ihm eine Verharmlosung des Alltagsrassismus vorwerfen könnten. Warum dies nicht geschehen ist, mag daran liegen, dass das gesamte Buch von einem so unbedingten Willen bestimmt ist, sich nicht vereinnahmen zu lassen, nichts zu vereindeutigen und sich ganz entschieden dagegen zu wehren, dass ihm etwas „anzusehen“ ist. Dieser Haltung wurde offenbar Respekt gezollt – auch von denjenigen, die damit nicht einverstanden sind oder seine Schilderungen für zu rosig, um nicht zu sagen, zu rosenkavaliermässig halten.

Am Ende des Buches, eine Geschichte des Gelingens, wie der Autor im Interview in der Sternstunde sagte, wird deutlich, auch wenn Mangold das so nicht schreibt, dass das schwarze Krokodil auf der Fensterbank in der Wohnung der Mutter kein Symbol „für Afrika“ oder für den abwesenden Vater war, sondern ein Symbol für ihre lebenslange Liebe zu dem Mann, mit dem sie einen Sohn hat: den Jungen, der sich am Sonntag so sehr langweilt und der als erwachsener Mann so wunderbar über die Langeweile der Kinder schreibt:

Sowie sie vorbei ist, hinterlässt die Langeweile keine Spuren. Sie ist vergessen, im selben Moment. Man kann sie nicht kommen sehen, man kann sie nicht fürchten. Es gibt keine Angst vor ihr, es gibt nur die Langeweile selbst. Sie ist da, solange sie herrscht, schwindet jede Hoffnung, je mit ihr fertig zu werden, wenn sie aber weg ist, ist sie es ganz und gar.

Sorgen Sie vor, besorgen Sie Bücher gegen die Langeweile am Sonntagnachmittag. Und bis die Buchläden am Montag wieder öffnen, hören Sie doch den Ted Talk von Taiye Selasi über Afropolitains.

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 352 Seiten, 19,95 EUR

Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiss zu schreiben. Oder: wie Journalismus unser Weltbild prägt. PapyRossa Verlag, Köln 2014. 185 Seiten, 12,90 EUR