Das in ‚Meta’ umbenannte Unternehmen Facebook plant, ein ‚Metaverse’, eine virtuelle Realität als die nächste Stufe des Internets zu bauen. Das Konzept ist nicht neu – es stammt aus Neal Stephensons Roman „Snow Crash“ – und es ist politischer, als es scheint.

  • Jonas Frick ist Germanist und Kulturwissenschaftler. Aktuell forscht er als Postdoc am Deutschen Seminar der Universität Zürich zur Geschichte der kulturellen Imagination vernetzter Computer zwischen 1960 und 2000. Daneben ist er Redaktor von VIGIA, eine neu entstehende Zeitschrift für Technologie und Gesellschaft.

Anfang November berich­tete das mitt­ler­weile in ‚Meta‘ umbe­nannte Unter­nehmen Face­book von seinem Plan, ein ‚Meta­verse‘ zu bauen. Darunter verstanden wird eine virtu­elle Realität, die als ein digi­taler Spiel- und Handels­platz die nächste Stufe des Inter­nets bilden soll. Das Konzept dahinter ist nicht neu. 1992 veröf­fent­lichte Neal Stephenson mit seinem Roman Snow Crash die lite­ra­ri­sche Fiktion eines Meta­verse, die nicht nur den Begriff, sondern auch die Vorstel­lung davon prägte.

Snow Crash handelt vom Hacker und Pizza­lie­fe­ranten Hiro Prot­ago­nist, der in einer zwischen Mafia­or­ga­ni­sa­tionen und priva­ti­sierten Klein­staaten zersplit­terten Welt die Ausbrei­tung der geheim­nis­vollen Droge ‚Snow Crash‘ stoppen muss. Diese stellt sich als mäch­tiger Virus heraus, der sich auf mehrere Arten verbreiten lässt: analog, indem Menschen mit dem Blut infi­zierter Personen ange­steckt werden, digital, indem Hacker:innen im virtu­ellen Meta­verse einen binären Code lesen.

Cover, Neil Stephenson, Snow Crash (1992).

Stephen­sons Meta­verse bildet eine virtu­elle Realität, zu der man durch einen Netz­werk­an­schluss und durch eine Laser­pro­jek­tion auf eine Brille Zugang erhält. Das Meta­verse bildet zugleich eines der Zentren der Roman­hand­lung. Hier trifft man sich zum gemein­samen Austausch und hier tragen die realen Figuren ihre virtu­ellen Kämpfe aus. Heute ist es vermut­lich vor allem ‚The Street‘, wie der meist genutzte Teil von Stephen­sons Meta­verse heisst, die der Vorstel­lung von Face­book und anderer Unter­nehmen entspricht. The Street ist voller Menschen, die mit einem Avatar ausge­stattet die Vorzüge virtu­eller Reali­täten nutzen. Man trifft sich auf Dates, tauscht sich in Online-Communities aus, fährt virtu­elle Rennen, lauscht Konzerten zwischen den tausenden Gebäuden der digi­talen Stadt und sammelt nach Infor­ma­tionen, die sich später viel­leicht verwerten und verkaufen lassen.

Snow Crash gehört seit seinem Erscheinen zu den gern gele­senen Büchern im Silicon Valley. Nun kann man lange darüber sinnieren, was von Stephen­sons Vision mit welchem Inter­esse umge­setzt werden wird. Kultur­his­to­risch inter­es­santer ist jedoch Stephen­sons Cyberspace-Konzeption als Synthese von Cyber­punk und liber­tären Ideo­lo­gien der 90er-Jahre. Dies zeigt sich beispiel­haft in der Art, wie Stephenson Indi­vi­dua­lismus beschreibt: in Form des ‚lone­some‘ Hackers, der erst als Cyber­punk und danach als Cypher­punk die virtu­elle Welt vor dem verach­teten Staat beschützt. Damit zusammen hängt eine elitäre Ableh­nung eines kollek­tiven poli­ti­schen Subjektes und eine liber­täre Lobprei­sung des freien Marktes.

Der Kultur­pes­si­mismus von Snow Crash

Mit Snow Crash infi­zierte Personen verhalten sich wie Gläu­bige eines Kultes, indem sie gemeinsam in unver­ständ­li­chen Worten brab­beln und alles dafür tun, den Virus weiter zu verbreiten. Hinter diesem Verhalten verbirgt sich ein neuro­lin­gu­is­ti­scher Vorgang, dem der Roman anhand eines fiktiven sume­ri­schen Mythos auf den Grund geht. Zusam­men­ge­fasst geht es darum, dass sich mit Sprache program­mieren lässt und sich entspre­chend nicht nur Computer, sondern auch Menschen steuern lassen. Diesem über zahl­reiche Seiten hinweg aufge­bauten Mythos einge­schrieben ist eine doppelte Pointe.

Erstens enthält das antike Vorbild in Stephen­sons Roman eine kultur­pes­si­mis­ti­sche Paral­lele zur Gegen­wart. Wie die für die sprach­li­chen Befehle anfäl­lige antike Hirn­struktur fördert auch die inter­na­tio­nale Sprache der Massen­me­dien eine Anfäl­lig­keit für eine neue Unter­wer­fung. So gebe es heute ein „riesiges Arbeits­heer, […] das unbe­lesen oder analpha­be­tisch ist und sich auf das Fern­sehen verlässt“: Jede und jeder, „der den National Enquirer lesen oder sich Ring­kämpfe im Fern­sehen ansehen kann“, kann auch leicht zum Opfer eines neuen Virus werden, so die elitäre Medi­en­kritik von Snow Crash.

Damit verbunden ist zwei­tens die Vorstel­lung einer leicht zu korrum­pie­renden Masse, die am Ende nur durch den als Einzel­kämpfer agie­renden Hacker gestoppt werden kann. Dafür noch­mals zurück in die Geschichte von Snow Crash: Die histo­ri­schen Infor­ma­tionen über die sume­ri­sche Kultur stammen von einem Forscher, der sein Wissen in eine zentrale Infor­ma­ti­ons­da­ten­bank einschoss, weil er hoffte, dass ihn jemand dafür bezahlen würde. Dabei stiess er auf den Geschäfts­mann L. Bob Rife, Mono­pol­be­sitzer des welt­weiten Glas­fa­ser­netzes und des Meta­verse. Rife fand Gefallen an den daraus wach­senden Möglich­keiten und begann, eigen­ständig Sprach­be­fehle zu programmieren.

Seine wach­sende Anhän­ger­schaft sammelt Rife auf einem gigan­ti­schen Floss-Verbund, der als eine Art Water­world um einen priva­ti­sierten Flug­zeug­träger ange­legt ist. Aussen­ste­hende nehmen das Floss­system als ein Slum von Flücht­lingen aller Nationen wahr, die kaum mitein­ander spre­chen können. Doch dank des Virus ist der Floss-Verbund straff von oben orga­ni­siert. Einzelnen Flücht­lingen wurde ein Radio­emp­fänger ins Hirn gepflanzt, wodurch sie als moderne Priester:innen funk­tio­nieren, die Rifes Sprach­be­fehle an die anderen Bewohner:innen weiter­geben. Daraus entsteht eine netz­werk­ar­tige Masse gleich­ge­schal­teter Menschen, die auf ihrem Floss-Verbund Amerika ansteuern. Dass die leicht kontrol­lier­bare Menschen­masse einer grossen Anzahl von Flüch­tenden auf einem Boot vor der ameri­ka­ni­schen Küste entspricht, lässt sich viel­leicht als Satire auf kultu­relle Ängste lesen – oder auch als nicht ganz zufäl­liger Ausrut­scher des poli­ti­schen Unbe­wussten des ameri­ka­ni­schen Cyberpunks.

Vom Cyber­space der 80er Jahre zu Stephen­sons Metaverse

William Gibson, Newro­mancer (1984)

Der heute so gängige Begriff Cyber­space wurde 1982 von William Gibson geprägt. In dessen Roman Neuro­mancer (1984) erschien der Cyber­space als ‚konsen­su­elle Hallu­zi­na­tion‘ voller Ambi­gui­täten und unkon­trol­lier­barer neuer Lebe­wesen im virtu­ellen Raum. Zehn Jahre später hob Snow Crash beides auf und säku­la­ri­sierte und entmys­ti­fi­zierte die digi­tale Welt. Deut­lich werden diese Neue­rungen zuerst in der festen Raum­ord­nung des Meta­verse. Dieses ist nicht mehr, wie die ersten fiktiven Cyberspace-Welten von Gibson und anderen Cyberpunk-Autor:innen, unend­lich gross, sondern erscheint als räum­lich beschränkt, erkundbar und messbar, und zwar auf den Meter genau. Die digi­tale „Grafik­re­prä­sen­ta­tion“ hat einen Umfang von exakt 65‘536 Kilo­me­tern (=216). Dieser feste Raum wird vom Zentrum aus mit Gebäuden und Inhalten gefüllt. Wie auf dem Immo­bi­li­en­markt müssen hierfür erst Grund­stücke gekauft und Gebäude gebaut, das heisst program­miert werden.

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Wie die Visua­li­sie­rungen aussehen, wird durch die Inha­ber­firma, die ‚Global Multi­media Protocol Group‘, bis ins Detail proto­kol­liert. So gibt es beispiels­weise allge­mein­gül­tige Vorschriften darüber, mit welchen physi­ka­li­schen Gesetzen sich Figuren durch die Welt bewegen und  was sie als Hindernis empfinden. Auch die indi­vi­du­elle Erschei­nung ist stan­dar­di­siert. Aller­dings gibt es darin wie in heutigen virtu­ellen Welten Möglich­keiten der erwerb­baren Diffe­renz. So exis­tieren eine Reihe vorge­ge­bener männ­li­cher oder weib­li­cher Avatare, die man sich im Super­markt kaufen kann und mit denen die Mehr­heit der User:innen die virtu­elle Realität betreten. Wer aller­dings genü­gend Geld hat oder wer wie die Hacker:innen seine eigene Erschei­nung program­mieren kann, schafft sich mit neuen Avataren eine äusser­liche Distink­tion zur digi­talen Masse.

Vom Kommunikations- zum Arbeitsort

Das Meta­verse bildet zugleich einen virtu­ellen Arbeits­raum für Hacker:innen, die in der Regel nichts anderes als Programmier:innen sind. Damit entfällt auch die von Neuro­mancer noch bekannte doppelte Virtua­lität. Neben dem Cyber­space gab es bei Gibson das zu Vergnü­gungs­zwe­cken entwi­ckelte ‚Simstim‘, mit dem man sich als eine Art VR-Erfahrung in eine andere Person versetzen konnte, was insbe­son­dere für die Stimu­la­tion sexu­eller Gelüste genutzt wurde. Stephen­sons Meta­verse hingegen ist ein Ort, an dem beides möglich ist:  es wird ein kommo­di­fi­ziertes sexua­li­siertes (und sexis­ti­sches) Angebot bereit­ge­stellt – die weib­li­chen Avatare gibt es mit den Brust­grössen „unwahr­schein­lich, unmög­lich oder grotesk“. Und es ist ein Ort, in dem sich die begna­deten Hacker:innen treffen, um sich auszu­tau­schen oder eben vor allem, um zu arbeiten.

Diese Entwick­lung der Kommo­di­fi­zie­rung wird in Snow Crash als zuneh­mende Entfrem­dung von der Tiefen­struktur des Cyber­space und seiner Computer insze­niert, als Enteig­nung und Verlust der Produk­ti­ons­mittel der virtu­ellen Welt. Einst arbei­teten Hacker:innen mit einer binären Sprache, die direkt ins Innere der Maschine drang. Später erschienen neue Program­mier­spra­chen, die erst kompi­liert werden mussten. Noch grösser wurde der Auto­no­mie­ver­lust, als die ersten User-Interfaces erschienen. In der Roman­ge­gen­wart nutzen die Programmierer:innen das Meta­verse und die darin enthal­tenen 3D-Visualisierungen mit einem jewei­ligen Inter­face als Hilfe­stel­lung in ihrer Arbeit. Diese Form der Arbeit vermit­telt Snow Crash als Entfrem­dung vom inneren Kern der Compu­ter­tech­no­logie. Ein:e richtige:r Hacker:in begibt sich konträr dazu ins ‚Flat­land‘, so die Gegen­me­ta­pher zur virtu­ellen 3D-Landschaft, wo er oder sie sich mit binären Codes und Text­files beschäftigt.

Diesem Befund einge­schrieben ist ein Ursprungs­my­thos. Für die digi­tale Welt, in der aus den Akti­vi­täten der User:innen Geld erwirt­schaftet wird, hat Mark Andre­jevic den Begriff ‚Digital Enclou­sure‘ vorge­schlagen, der immer wieder mit Snow Crash in Verbin­dung gebracht wurde. Damit ist gemeint, dass die eins­tigen ‚online commons’ durch Unter­nehmen priva­ti­siert wurden, die nun den digi­talen Raum kontrol­lieren. Doch in Snow Crash gibt es einen entschei­denden Unter­schied zum Entfremdungs-Begriff von Marx: Die Programmier:innen von Stephen­sons Meta­verse wurden nicht gewalt­voll in die „Frei­heit“ der Lohn­ar­beit getrieben. Der digi­tale Raum war von Beginn weg ein privater Raum, der sich in Form von Rifes Meta­verse gegen andere Kommu­ni­ka­ti­ons­netz­werke durch­ge­setzt hat – Snow Crash erwähnt ein halbes Dutzend weiterer fiktiver elek­tro­ni­scher Kommu­ni­ka­ti­ons­netze, die parallel zum Meta­verse exis­tieren. So war das Meta­verse weder je ein Gemeingut noch als solches inten­diert, entspre­chend gibt es auch den roman­ti­sierten Urzu­stand nicht.

Vom Meta­verse zur Shop­ping Mall und den Cypherpunks

Stephenson entwi­ckelte seine Vorstel­lung des künf­tigen Cyber­space auch in weiteren lite­ra­ri­schen Texten. Eine Fort­set­zung findet sich beispiels­weise in der  Kurz­ge­schichte Spew (1994), die zwei Jahre nach Snow Crash im Wired, dem Sprach­rohr der ameri­ka­ni­schen Cyber­kultur, erschien. Die in Form eines Briefes verfasste Geschichte handelt von Stark, der den digi­talen Wider­stand in Form der ‚Cypher­punks‘ entdeckt. Dabei hatte er eigent­lich anderes im Sinn. Als „Profil-Auditor“ über­wacht er das öffent­liche Netz­werk, genannt ‚Spew‘, und beob­achtet User:innen anhand ihrer Hand­lungen, beispiels­weise bei ihren Käufen in der „Virtual Mall“.

Wired, Vol. 2, No.10, October 1994.

Das von Stark beschrie­bene Netz­werk ist wie sein lite­ra­ri­scher Vorgänger, die virtu­elle Welt von Simulacron-3, eine Form der digi­talen Daten­er­he­bung. In einem Netz­werk, das zu global über­wachten Konsum­sphäre geworden ist, träumt jeder Profil-Auditor davon, eine bisher über­se­hene Korre­la­tion der Konsum­daten zu finden und dadurch einen neuen Absatz­markt zu entde­cken. In dieser Suche stösst Stark auf die Cypher­punks, die dank Verschlüs­se­lung unab­hängig von der Aufsichts­be­hörde im Netz­werk mitein­ander kommu­ni­zieren können und die, so Starks Fazit, in ihrer Unab­hän­gig­keit weitaus glück­li­cher sind als er selbst.

Die lite­ra­ri­sche Fiktion der Cypher­punks spielt mit dem alten linken New Media-Traum, das Internet nicht nur als Konsum­sphäre zu verwenden, sondern es in eine „Broad­cast station“ zu verwan­deln. Entgegen den histo­ri­schen Vorbil­dern spielt die Botschaft dabei jedoch keine Rolle mehr. So fürchtet sich auch der Cyberspace-Überwacher Stark nicht vor einer mögli­chen subver­siven Gefahr, sondern sieht zuerst die neuen Profit-Möglichkeiten: „[U]nexploited market niche“, so lautet sein erster Gedanke, als er einen Cypher­punk zu Gesicht bekommt. Und tatsäch­lich geht es der neuen Subkultur nicht um einen Angriff auf die Grund­lagen des Konsum­netzes. Stephen­sons Cypher­punks wollen zu einem gleich­be­rech­tigten Partner auf dem dere­gu­lierten Netz­werk werden, um beid­seitig vom neuen Konsum­ver­spre­chen zu profi­tieren; sowohl als Produzent:innen als auch als Konsument:innen.

„Liber­taria in Cyberspace“

Die Cyhpher­punks sind indes keine lite­ra­ri­sche Fiktion Stephen­sons. Unter diesem Begriff versam­melte sich zu Beginn der 90er-Jahre eine Bewe­gung, die die Kryp­to­gra­phie als zentrale Praxis propa­gierte. Die hete­ro­gene Gruppe scharte sich um eine Mailing­list von Timothy C. May, Eric Hughes und John Gilmore. Inhalt­lich hatte die Gruppe verschie­dene Bezugs­punkte. Man koket­tierte beispiels­weise mit dem Anar­chismus von Peter Lamborn Wilson (‚Hakim Bey‘). Und auffällig oft ging eine solche Kritik staat­li­cher Insti­tu­tionen mit einem posi­tivem Bezug zum freien Markt und dessen liber­tären Apologet:innen wie etwa Ayn Rand einher. Freier Waren­aus­tausch und freie Kommu­ni­ka­tion beför­dern sich glei­cher­massen, so die Hoff­nung dahinter.

Entspre­chend sollte der von staat­li­chen Insti­tu­tionen unab­hän­gige Cyber­space jenen Raum bilden, wo sich dieser Austausch noch freier entfalten kann, so etwa der zentrale Befund von Timothy May in seinem liber­tären Pamphlet Liber­taria in Cyber­space (1992). Mit ‚Liber­taria‘ spielte May auf die liber­tären Ideen der 70er-Jahre an, sich eine Insel zu kaufen, um dort das eigene Para­dies zu entwi­ckeln – dass die meisten von May genannten Vorbilder wie „Vanuatu, Minerva, Mike Oliver, Tonga“ alle­samt schon bewohnte Orte waren, spielte in der liber­tären Kolo­ni­al­phan­tasie bezeich­nen­der­weise nie eine Rolle.

Stephenson sah sich nun seiner­seits als ideo­lo­gi­scher Wegbe­reiter der Cypher­punks, unter anderem, indem er das ersehnte Liber­taria auch lite­ra­risch verar­bei­tete. 1999 veröf­fent­lichte er mit Cryp­to­no­micon das Epos der Cypher­punks – Stephenson erklärte später, dass der Titel ein Wort­spiel basie­rend auf H.P. Love­crafts Necro­no­micon sei und nicht etwa aus Timothy Mays Cypher­no­micon, dem Schlüs­sel­werk der Cypher­punks, abge­leitet wurde. In zwei paral­lelen und indi­rekt mitein­ander verknüpften Hand­lungs­strängen beschäf­tigt sich das gut 900 Seiten umfas­sende Opus mit alten und neuen Verschlüs­se­lungs­tech­no­lo­gien und mit sicheren Daten­häfen. Aus Offshore Banking wird offshore Daten­spei­che­rung und die Hacker:innen setzen diese Entwick­lung um. Parallel dazu kündigt der Roman auch die Grün­dung einer digi­talen Währung an – eine Idee, die Stephenson insbe­son­dere der Lektüre von David Chaums verdankt, der in den 90er-Jahren die Vorstel­lung digi­taler Währungen prägte.

Sowohl digi­tale Währungen als auch der Daten­hafen sind Teil eines Rufs nach einem dere­gu­lierten Internet. Wenn Daten „durch eine kleine Anzahl von Nadel­öhren“ fliessen, die von „jewei­ligen Staaten kontrol­liert und über­wacht“ werden, so die zentrale Botschaft von Cryp­to­no­micon, „schei­tert jede Art von Inter­net­an­wen­dung, die keiner Einmi­schung durch irgend­einen Staat unter­liegen soll. Erst die Unab­hän­gig­keit des Cyber­space und damit einher­ge­hend der Konsti­tu­ie­rung eines ‚freien‘ Raums für den freien Markt schafft Abhilfe hiervon, so Stephen­sons Botschaft, der Cryp­to­no­micon im Einklang mit John Perry Barlows liber­tärer A Decla­ra­tion of the Inde­pen­dence of Cyber­space (1996) verfasste.

Die liber­täre Apologie

Im Time Magazin, Neal Stephenson, The Great Simo­leon Caper (1995)

Während Cryp­to­no­micon eine elabo­rier­tere Vision darstellt, veröf­fent­lichte Stephenson zuvor mit The Great Simo­leon Caper (1995) für das Time Maga­zine auch eine leichter zugäng­liche Vari­ante. Die Kurz­ge­schichte spielt erneut mit einem Meta­verse, das einer Synthese von Internet, Glas­fa­ser­ver­bin­dungen, HDTV und digi­talem Bargeld entspricht, so Stephenson verein­fachte Defi­ni­tion. Darin wurden die ‚Simo­leons‘ entwi­ckelt, eine digi­tale Währung, die Menschen, so das Verspre­chen der Hersteller:innen, einen Ausweg aus der Infla­tion und dem schlechten Haus­halten der Regie­rung bieten soll. 

Diesen Angriff will die ameri­ka­ni­sche Regie­rung aller­dings nicht hinnehmen. Als Gegen­mass­nahme plant sie den Grün­dungs­an­lass der ‚Simo­leons‘ zu sabo­tieren. Dieser Plan läuft jedoch schief, da er von einer Gruppe von ‚Crypto-anarchists‘ oder ‚panar­chist‘ verhin­dert wird. Die Kryptoanarchist:innen haben dank einem Infor­manten nicht nur Zugang zu Staats­ge­heim­nissen, die sie verschlüs­selt weiter­geben können, sondern bieten auch eine Perspek­tive, die über die Simo­leons hinaus­geht. Im Meta­verse haben sie ‚The First Distri­buted Repu­blic‘ gegründet, eine „virtual nation-state“, dessen Währung die verschlüs­selten „Cryp­to­Credits“ bilden. 

Dass die vermeint­li­chen Anarchist:innen als erste Amts­hand­lung einen neuen Staat mit eigener Währung grün­deten, ist bereits komisch genug. Wenn Stephenson dann noch auf die Vorzüge des digi­talen Staates hinweist, wird seine Kurz­ge­schichte endgültig zur liber­tären Parabel: Die Stärke des neuen Staates und seiner Währung besteht einzig darin, dass man die Steuern umgehen kann. Davon wird schliess­lich auch der CEO der Simo­leons über­zeugt. In seinem ersten Treffen mit einem Kryp­to­anar­chisten fragt er ihn unglaub­würdig: „You can rig it so that people who use E-money don’t have to pay taxes to any government? Ever?” Die Antwort darauf ist einfach: „You got it.“ So führt der Anar­chist den CEO in die liber­täre Welt des freien Marktes des Cyber­space ein, in dem die Regie­rung nichts zu suchen hat. Und gerade das ist viel­leicht jene Vision, die Face­books posi­tiven Bezug zum Meta­verse am besten auf den Punkt bringt.

  • Jonas Frick ist Germanist und Kulturwissenschaftler. Aktuell forscht er als Postdoc am Deutschen Seminar der Universität Zürich zur Geschichte der kulturellen Imagination vernetzter Computer zwischen 1960 und 2000. Daneben ist er Redaktor von VIGIA, eine neu entstehende Zeitschrift für Technologie und Gesellschaft.