In seiner Poetik und Poesie umkreist der Schwede Gustav Sjöberg die Idee einer Naturphilologie. Mit Rückgriff auf die italienische Renaissance und die klassischen Avantgarden nimmt er eine sehr eigenwillige Position im Feld ökokritischer Schreibweisen ein, die stärker darauf setzt, Natur sprachlich-poetisch zu potenzieren als Natur abzubilden.

  • Klaus Müller-Wille ist Professor für Nordische Philologie an der Universität Zürich. Er setzt sich in seiner Forschung vor allem mit Fragen der Ästhetik und Poetik auseinander. Seine besonderen Interessen gelten den skandinavischen Literaturen der Romantik, den nordischen Avantgarden sowie der Gegenwartsliteratur.

Im Rahmen der vom Berliner Matthes & Seitz-Verlag editierten Reihe Fröh­liche Wissen­schaft erschien 2020 eine kleine Poetik des schwe­di­schen Autors Gustav Sjöberg. In dem Band mit dem schönen Titel zu der blühenden allma­terie nimmt sich dieser nicht weniger vor, als seine Leser:innen über die „Natur der Poesie“ aufzuklären.

Zur Natur der Poesie

Gustav Sjöberg, zu der blühenden allma­terie (Cover)

Nun reiht sich Sjöberg mit dem Essay in eine ganze Reihe von ähnli­chen Unter­fangen ein, in denen sich Autor:innen ange­sichts der Klima­krise darum bemühen, das Verhältnis zwischen Lite­ratur und Natur neu zu bestimmen. Dennoch unter­scheidet sich Sjöbergs eigen­wil­lige Poetik von den meisten ähnlich gear­teter Versuche. Dies liegt zunächst daran, dass er sich in seinen Ausfüh­rungen an Posi­tionen italie­ni­scher Renaissance-Poeten und -Philo­so­phen anlehnt, deren Poten­tial für aktu­elle Debatten er erkundet. Schon der Auftakt des Essays verrät, dass Sjöberg dabei Grund­lagen eines klas­si­schen ästhe­ti­schen Selbst­ver­ständ­nisses hinter­fragt. So setzt seine Argu­men­ta­tion mit dem Versuch ein, das Verhältnis zwischen Form und Materie in strikter Abgren­zung zu den aris­to­te­li­schen Tradi­tionen zu bestimmen, welche die ästhe­ti­schen Debatten seiner Meinung nach bis in die Gegen­wart prägen. Mit dem Renaissance-Gelehrten Giordano Bruno wendet sich Sjöberg vor allem gegen Kunst­theo­rien, die Materie durch Passi­vität und eine völlig unbe­stimmte Art von Poten­tia­lität defi­nieren. Im Gegen­satz zu ästhe­ti­schen Konzepten, die davon ausgehen, dass Materie im schöp­fe­ri­schen Prozess geformt wird, setzt Sjöberg die Materie umge­kehrt als „Produk­ti­ons­stätte der Formen“ in Szene. Im Fokus steht somit ein schöp­fe­ri­scher Prozess, welcher nicht mehr vom Künstler, sondern in erster Linie über die selbst­ge­ne­rie­renden Dyna­miken des Mate­rials bestimmt wird.

Die Sprache selbst zum Spre­chen bringen

Die Pointe von Sjöbergs Argu­men­ta­tion liegt nun aber nicht allein in der Umkeh­rung des tradi­tio­nellen Verhält­nisses von Form und Materie, sondern in der Tatsache, dass er diese Umkeh­rung auch auf den Umgang mit Sprache bezieht. Dabei begreift er Sprache nicht in Abgren­zung zur Natur, sondern selbst als Natur­phä­nomen, das wie andere Mate­rien auch über ein inhä­rentes schöp­fe­ri­sches Poten­tial verfügt. In diesem Sinne inter­es­siert sich Sjöberg für sprach­liche Formen, die über selbst­ge­ne­rie­rende Prozesse der Sprach­ma­terie selbst hervor­ge­rufen werden. Es geht ihm mit anderen Worten um ein „Schreiben ohne Ich“, das er inter­es­santer Weise über das Phänomen der Mehr­spra­chig­keit beschreibt. Als Vorbild dienen ihm erneut Debatten aus der italie­ni­schen Renais­sance, wobei er die alltäg­liche dialo­gi­sche Mehr­spra­chig­keit Dantes gegen den mono­lo­gi­schen Klas­si­zismus Petracas ausspielt.

Zuge­spitzt formu­liert könnte man behaupten, das Sjöbergs Natur­poetik eine sprachlich-formale Wende voll­zieht, indem er die ökolo­gi­sche Perspek­tive auf die Sprache selbst bezieht. Der Rück­griff auf ein „sprach­li­ches Geschehen vor dem Ich“ und die entspre­chende Abkehr von einem mono­lo­gi­schen Sprach­ge­brauch geht mit einem regel­rechten Kult der sprach­li­chen Diver­sität und Diffe­ren­tia­lität einher, mit deren Hilfe die „Sprache selbst zum Spre­chen gebracht“ werden soll. Die Rede von den selbst­ge­ne­rie­renden Kräften der Sprache mündet schließ­lich in ein Konzept von „Natur­phi­lo­logie“, bei dem es nicht um ein Schreiben über die Natur, sondern um ein Schreiben als Natur – die Poesie als Kartoffel – gehen soll.

Im Anschluss an diese grund­le­genden Über­le­gungen scheint Sjöberg das viel­fäl­tige Denken der Natur­phi­lo­logie selbst zu gestalten, in dem er uner­war­tete und über­ra­schende Verbin­dungen zwischen Spinozas Ethik und der Monta­ge­äs­thetik der Avant­garden, Tommaso Campa­nellas Poetik und Raoul Haus­manns Sprach­ge­brauch oder zwischen Adolf Port­manns Über­le­gungen zum tieri­schen Kunst­wollen und Filippo Tommaso Mari­nettis sprach­li­chen Anima­lismen stiftet. Bei all dem ist zu beachten, dass Sjöberg, der sich in Schweden unter anderem als Über­setzer von Giorgio Agamben, Walter Benjamin, Dante (De vulgari eloquentia) und auch Giordano Bruno einen Namen gemacht hat, seine Poetik selbst in einer Fremd­sprache publiziert.

Blühende Lagunen

Auch die Gedicht­samm­lungen, die Sjöberg im unmit­tel­baren Kontext zum Essay zu der blühenden allma­terie veröf­fent­licht, leben von einem Spiel mit der Mehr­spra­chig­keit. So besteht etwa die Gedicht­an­tho­logie apud (2017) aus der Montage eines viel­fäl­tigen Zitat­ma­te­rials, das Sjöberg aus antiker und mittel­al­ter­li­cher Poesie, natur­phi­lo­so­phi­schen Trak­taten aus der Renais­sance und modernen zoolo­gi­schen Schriften generiert.

Mit seinem jüngst veröf­fent­lichten Buch Laguner blomma (2024; Lagunen blühen) wählt Sjöberg eine andere Stra­tegie. Zunächst ist auffällig, dass das Buch im Gegen­satz zu früheren Publi­ka­tionen Sjöbergs nicht mehr im Umfeld der expe­ri­men­tellen Zeit­schrift OEI erschien, sondern im renom­mierten Stock­holmer Bonnier-Verlag. Auch das opulente Format und die sehr anspruchs­volle typo­gra­phi­sche Gestal­tung lassen vermuten, dass Sjöberg hier ein Opus magnum präsen­tiert, mit dem er glei­cher­maßen an die umfang­rei­chen sprachreflexiv-ökologischen Lang­ge­dichte det (1969), brev i april (1979) und alfabet (1981) von Inger Chris­tensen sowie an Oswald Eggers urwüchsig-wuchernde Groß­ge­dichte Herde der Rede (1999) oder Die ganze Zeit (2010) anzu­spielen scheint, auf die er im Rahmen des Essays zu der blühenden allma­terie mehr­fach Bezug nimmt.

Während Sjöbergs frühe Poesie auf eine mehr­spra­chige Colla­ge­äs­thetik rekur­riert, scheint er sich in Laguner blomma eher um Stra­te­gien zu bemühen, die das Schwe­di­sche zum Wachsen bringt. Dabei expe­ri­men­tiert der aus Luleå stam­mende Poet vor allem mit norr­län­di­schen (nord­schwe­di­schen) Dialekten, deren unge­wohnte Into­na­tion er mit Laut­schriften und idio­syn­kra­ti­schen Schreib­weisen wieder­gibt. Bei all dem bleibt die Dynamik von über Schweden hinaus­grei­fenden Sprach- und Kultur­kon­takten auf einer thema­ti­schen Ebene jedoch wichtig. So werden mit den titel­ge­benden „blühenden Lagunen“ selbst­ver­ständ­lich Kontakt­zonen ange­spro­chen, die Begeg­nungen zwischen Land und Meer sowie zwischen verschie­denen Kulturen stiften. Im Buch werden Szenen aus Genua, Venedig und anderen Mittel­meer­me­tro­polen bewusst neben Schau­plätze gestellt, die nach Kvik­jokk, Över­kalix, an den Tornet­räsk und andere entle­gene Gegenden aus den nord­schwe­di­schen Land­schaften Norr­botten und Lapp­land führen. Auch histo­risch springen die Hand­lungs­se­quenzen der einzelnen Gedichte zwischen geolo­gi­schen Tiefen­zeiten, Antike, Mittel­alter, früher Moderne und Gegenwart.

Poesie der Gemenge und Gemische

Ange­sichts der Viel­falt der präsen­tierten Themen ist es nicht ganz einfach, eine über­ge­ord­nete Struktur der Samm­lung auszu­ma­chen. Das mag über­ra­schen, da das Buch über­deut­lich in drei exakt gleich lange Teile – »Lacuna«, »Fabula« und »Silva« – geglie­dert ist, die je genau 117 Seiten umfassen und genau zehn mit einer eigenen Über­schrift verse­hene Gedicht­suiten mit jeweils zehn Gedichten beinhalten. Tatsäch­lich resul­tiert aus dieser Struktur eine gewisse Symme­trie. Während der Mittel­teil zwei fort­lau­fende Prosa­er­zäh­lungen präsen­tiert, beinalten Anfangs- und Schluss­teil unter­schied­liche freie Vers­formen, die sich häufig an räumlich-typographischen Ordnungs­mus­tern orientieren.

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Die Gedichte im Anfangs- und Schluss­teil präsen­tieren zum Teil rein geolo­gi­sche oder biolo­gi­sche Morpho­ge­nesen, in denen die Entste­hungen und fort­lau­fenden Verän­de­rungen von Land­schafts­for­ma­tionen oder die Genese einer komplexen Meeres­fauna in einer Sprache geschil­dert wird, die glei­cher­maßen mit wissen­schaft­li­cher Termi­no­logie wie mit einem archai­schen Voka­bular spielt. In diesen Teilen, die immer wieder fort­lau­fende und unab­ge­schlos­sene morpho­ge­ne­ti­sche Natur­pro­zesse adres­sieren, die sich in einem in jeder Hinsicht eigen­tüm­li­chen Sprach­fluss spie­geln, wird der Einfluss der knor­rigen Lyrik Oswald Eggers beson­ders deut­lich. Zum Teil begnügt sich Sjöberg damit, die entspre­chenden Natur- und Sprach­pro­zesse in reinen Kata­log­ge­dichten von Pflan­zen­namen wieder­zu­geben, deren Dynamik der rein asso­zia­tiven Logik von Verschie­bung und Verdich­tung oder schlicht dem Nonsens einer rein dada­is­ti­schen Laut­poesie folgt:

gäddblomma. kovåm­blad. sjöpotta. missenrot. lavblomma. sjöl­blad. vanblad. våmblad. våmblad­potta. ormgräs­bunke. hundbär. spiks­la­sare. utter­bär­lyng. torr­bärr. hedberg­spojke. vithat­tar­karl. humlelöv. myrhumle. vild­mynta. präst­kra­ke­b­lomma. myrpors. luktlöv. präst­skalle. rabar­berrot. renfana. johan­nes­buske. gåsgräs. -vick. -vicker-. vigg.

Ausge­suchte Kompo­sita wie „gäddblomma“ („Hecht­blume“), „hundbär“ („Hundbeere“), „präst­kra­ge­blomma“ („Pries­t­er­kra­gen­blume“) oder „myrhumle“ („Moor­hopfen“), die Sjöberg über­wie­gend den Lexika einer in Verges­sen­heit gera­tenen Allmo­ge­språket (Sprache der einfa­chen länd­li­chen Bevöl­ke­rung) entlehnt, deuten wieder dyna­mi­sche Gemi­sche und Gemenge zwischen Pflanzen, Tieren, Dingen und Land­schafts­for­ma­tionen an. Sowohl im Anfangs- wie im Schluss­teil wird diese eigen­wil­lige Form von Natur­lyrik mit der Schil­de­rung komplexer Sozio­ge­nesen verbunden, die von der Entste­hung und Vernet­zung ganzer Gesell­schafts­for­ma­tionen handeln.

Esel­zen­tauren und anderer Nonsens

Ange­sichts der Bedeu­tung, die der Insze­nie­rung von Gemi­schen und Gemengen im Buch zukommt, kann es viel­leicht nicht über­ra­schen, dass der als „Fabula“ ange­kün­digte Prosa­text im Mittel­teil des Buches eben­falls um ein Misch­wesen kreist. Dabei handelt es sich um eine spezi­fi­sche Form eines Zentauren, der halb Mensch, halb Esel ist. Diese Chimäre, die über eine lange Tradi­tion in der Welt­li­te­ratur (von Apuleius bis Shake­speare) verfügt, trägt Bruch­stücke ihres Lebens­wegs aus einer Ich-Perspektive vor und lässt sich dabei auf all die Wech­sel­ver­hält­nisse ein, die seine Exis­tenz als tierisch-menschliches, fantastisch-reales, inneres-äußeres, mythisch-profanes, heilig-ausgestoßenes Wesen prägen. Der Teil lebt in beson­derer Weise von Anspie­lungen an eine spezi­fisch italie­ni­sche Philo­so­phie­tra­di­tion von der Einheits­me­ta­physik der Renais­sance (insbe­son­dere bei Giordano Bruno) bis zum Konzept der Lebens­form bei Giorgio Agamben. Insge­samt erscheint der Entwurf einer Natur­phi­lo­so­phie, die Sjöberg mit den Erzäh­lungen des Esel­zen­tauren verbindet, aller­dings weniger inter­es­sant als die eigen­wil­lige Form von Natur­phi­lo­logie, die er aus diesen Über­le­gungen ableitet.

Sjöbergs stärkste Gedichte sind die, in denen das Spiel mit dialek­talen und alter­tüm­li­chen Sprach­va­ri­anten in einen aseman­ti­schen Nonsens umschlägt, der Sprache selbst zum Spre­chen bringt:

jires! avegst!

bröusk(a) (*brauska (*briuska))

… soole jer äint nåntin bode-romen, da klödere koma.

forswina (föswin).

bana hol a tramp

ini sniro

fliker, flickra

Die Stro­phen bilden selbst­ver­ständ­lich nur eine Vari­ante im viel­fäl­tigen Feld der Schreib­ver­fahren ab, mit denen Sjöberg im Rahmen von Laguner blomma expe­ri­men­tiert. Ich halte sie aber für zentral, da sie den empha­ti­schen Anspruch des Autors illus­trieren, eine dezi­diert poeti­sche Posi­tion in den aktu­ellen Debatten um eine ökokri­tisch infor­mierte Lite­ratur zu beziehen.