Im Rahmen der vom Berliner Matthes & Seitz-Verlag editierten Reihe Fröhliche Wissenschaft erschien 2020 eine kleine Poetik des schwedischen Autors Gustav Sjöberg. In dem Band mit dem schönen Titel zu der blühenden allmaterie nimmt sich dieser nicht weniger vor, als seine Leser:innen über die „Natur der Poesie“ aufzuklären.
Zur Natur der Poesie

Gustav Sjöberg, zu der blühenden allmaterie (Cover)
Nun reiht sich Sjöberg mit dem Essay in eine ganze Reihe von ähnlichen Unterfangen ein, in denen sich Autor:innen angesichts der Klimakrise darum bemühen, das Verhältnis zwischen Literatur und Natur neu zu bestimmen. Dennoch unterscheidet sich Sjöbergs eigenwillige Poetik von den meisten ähnlich gearteter Versuche. Dies liegt zunächst daran, dass er sich in seinen Ausführungen an Positionen italienischer Renaissance-Poeten und -Philosophen anlehnt, deren Potential für aktuelle Debatten er erkundet. Schon der Auftakt des Essays verrät, dass Sjöberg dabei Grundlagen eines klassischen ästhetischen Selbstverständnisses hinterfragt. So setzt seine Argumentation mit dem Versuch ein, das Verhältnis zwischen Form und Materie in strikter Abgrenzung zu den aristotelischen Traditionen zu bestimmen, welche die ästhetischen Debatten seiner Meinung nach bis in die Gegenwart prägen. Mit dem Renaissance-Gelehrten Giordano Bruno wendet sich Sjöberg vor allem gegen Kunsttheorien, die Materie durch Passivität und eine völlig unbestimmte Art von Potentialität definieren. Im Gegensatz zu ästhetischen Konzepten, die davon ausgehen, dass Materie im schöpferischen Prozess geformt wird, setzt Sjöberg die Materie umgekehrt als „Produktionsstätte der Formen“ in Szene. Im Fokus steht somit ein schöpferischer Prozess, welcher nicht mehr vom Künstler, sondern in erster Linie über die selbstgenerierenden Dynamiken des Materials bestimmt wird.
Die Sprache selbst zum Sprechen bringen
Die Pointe von Sjöbergs Argumentation liegt nun aber nicht allein in der Umkehrung des traditionellen Verhältnisses von Form und Materie, sondern in der Tatsache, dass er diese Umkehrung auch auf den Umgang mit Sprache bezieht. Dabei begreift er Sprache nicht in Abgrenzung zur Natur, sondern selbst als Naturphänomen, das wie andere Materien auch über ein inhärentes schöpferisches Potential verfügt. In diesem Sinne interessiert sich Sjöberg für sprachliche Formen, die über selbstgenerierende Prozesse der Sprachmaterie selbst hervorgerufen werden. Es geht ihm mit anderen Worten um ein „Schreiben ohne Ich“, das er interessanter Weise über das Phänomen der Mehrsprachigkeit beschreibt. Als Vorbild dienen ihm erneut Debatten aus der italienischen Renaissance, wobei er die alltägliche dialogische Mehrsprachigkeit Dantes gegen den monologischen Klassizismus Petracas ausspielt.
Zugespitzt formuliert könnte man behaupten, das Sjöbergs Naturpoetik eine sprachlich-formale Wende vollzieht, indem er die ökologische Perspektive auf die Sprache selbst bezieht. Der Rückgriff auf ein „sprachliches Geschehen vor dem Ich“ und die entsprechende Abkehr von einem monologischen Sprachgebrauch geht mit einem regelrechten Kult der sprachlichen Diversität und Differentialität einher, mit deren Hilfe die „Sprache selbst zum Sprechen gebracht“ werden soll. Die Rede von den selbstgenerierenden Kräften der Sprache mündet schließlich in ein Konzept von „Naturphilologie“, bei dem es nicht um ein Schreiben über die Natur, sondern um ein Schreiben als Natur – die Poesie als Kartoffel – gehen soll.
Im Anschluss an diese grundlegenden Überlegungen scheint Sjöberg das vielfältige Denken der Naturphilologie selbst zu gestalten, in dem er unerwartete und überraschende Verbindungen zwischen Spinozas Ethik und der Montageästhetik der Avantgarden, Tommaso Campanellas Poetik und Raoul Hausmanns Sprachgebrauch oder zwischen Adolf Portmanns Überlegungen zum tierischen Kunstwollen und Filippo Tommaso Marinettis sprachlichen Animalismen stiftet. Bei all dem ist zu beachten, dass Sjöberg, der sich in Schweden unter anderem als Übersetzer von Giorgio Agamben, Walter Benjamin, Dante (De vulgari eloquentia) und auch Giordano Bruno einen Namen gemacht hat, seine Poetik selbst in einer Fremdsprache publiziert.
Blühende Lagunen
Auch die Gedichtsammlungen, die Sjöberg im unmittelbaren Kontext zum Essay zu der blühenden allmaterie veröffentlicht, leben von einem Spiel mit der Mehrsprachigkeit. So besteht etwa die Gedichtanthologie apud (2017) aus der Montage eines vielfältigen Zitatmaterials, das Sjöberg aus antiker und mittelalterlicher Poesie, naturphilosophischen Traktaten aus der Renaissance und modernen zoologischen Schriften generiert.
Mit seinem jüngst veröffentlichten Buch Laguner blomma (2024; Lagunen blühen) wählt Sjöberg eine andere Strategie. Zunächst ist auffällig, dass das Buch im Gegensatz zu früheren Publikationen Sjöbergs nicht mehr im Umfeld der experimentellen Zeitschrift OEI erschien, sondern im renommierten Stockholmer Bonnier-Verlag. Auch das opulente Format und die sehr anspruchsvolle typographische Gestaltung lassen vermuten, dass Sjöberg hier ein Opus magnum präsentiert, mit dem er gleichermaßen an die umfangreichen sprachreflexiv-ökologischen Langgedichte det (1969), brev i april (1979) und alfabet (1981) von Inger Christensen sowie an Oswald Eggers urwüchsig-wuchernde Großgedichte Herde der Rede (1999) oder Die ganze Zeit (2010) anzuspielen scheint, auf die er im Rahmen des Essays zu der blühenden allmaterie mehrfach Bezug nimmt.
Während Sjöbergs frühe Poesie auf eine mehrsprachige Collageästhetik rekurriert, scheint er sich in Laguner blomma eher um Strategien zu bemühen, die das Schwedische zum Wachsen bringt. Dabei experimentiert der aus Luleå stammende Poet vor allem mit norrländischen (nordschwedischen) Dialekten, deren ungewohnte Intonation er mit Lautschriften und idiosynkratischen Schreibweisen wiedergibt. Bei all dem bleibt die Dynamik von über Schweden hinausgreifenden Sprach- und Kulturkontakten auf einer thematischen Ebene jedoch wichtig. So werden mit den titelgebenden „blühenden Lagunen“ selbstverständlich Kontaktzonen angesprochen, die Begegnungen zwischen Land und Meer sowie zwischen verschiedenen Kulturen stiften. Im Buch werden Szenen aus Genua, Venedig und anderen Mittelmeermetropolen bewusst neben Schauplätze gestellt, die nach Kvikjokk, Överkalix, an den Torneträsk und andere entlegene Gegenden aus den nordschwedischen Landschaften Norrbotten und Lappland führen. Auch historisch springen die Handlungssequenzen der einzelnen Gedichte zwischen geologischen Tiefenzeiten, Antike, Mittelalter, früher Moderne und Gegenwart.
Poesie der Gemenge und Gemische
Angesichts der Vielfalt der präsentierten Themen ist es nicht ganz einfach, eine übergeordnete Struktur der Sammlung auszumachen. Das mag überraschen, da das Buch überdeutlich in drei exakt gleich lange Teile – »Lacuna«, »Fabula« und »Silva« – gegliedert ist, die je genau 117 Seiten umfassen und genau zehn mit einer eigenen Überschrift versehene Gedichtsuiten mit jeweils zehn Gedichten beinhalten. Tatsächlich resultiert aus dieser Struktur eine gewisse Symmetrie. Während der Mittelteil zwei fortlaufende Prosaerzählungen präsentiert, beinalten Anfangs- und Schlussteil unterschiedliche freie Versformen, die sich häufig an räumlich-typographischen Ordnungsmustern orientieren.
Die Gedichte im Anfangs- und Schlussteil präsentieren zum Teil rein geologische oder biologische Morphogenesen, in denen die Entstehungen und fortlaufenden Veränderungen von Landschaftsformationen oder die Genese einer komplexen Meeresfauna in einer Sprache geschildert wird, die gleichermaßen mit wissenschaftlicher Terminologie wie mit einem archaischen Vokabular spielt. In diesen Teilen, die immer wieder fortlaufende und unabgeschlossene morphogenetische Naturprozesse adressieren, die sich in einem in jeder Hinsicht eigentümlichen Sprachfluss spiegeln, wird der Einfluss der knorrigen Lyrik Oswald Eggers besonders deutlich. Zum Teil begnügt sich Sjöberg damit, die entsprechenden Natur- und Sprachprozesse in reinen Kataloggedichten von Pflanzennamen wiederzugeben, deren Dynamik der rein assoziativen Logik von Verschiebung und Verdichtung oder schlicht dem Nonsens einer rein dadaistischen Lautpoesie folgt:
gäddblomma. kovåmblad. sjöpotta. missenrot. lavblomma. sjölblad. vanblad. våmblad. våmbladpotta. ormgräsbunke. hundbär. spikslasare. utterbärlyng. torrbärr. hedbergspojke. vithattarkarl. humlelöv. myrhumle. vildmynta. prästkrakeblomma. myrpors. luktlöv. prästskalle. rabarberrot. renfana. johannesbuske. gåsgräs. -vick. -vicker-. vigg.
Ausgesuchte Komposita wie „gäddblomma“ („Hechtblume“), „hundbär“ („Hundbeere“), „prästkrageblomma“ („Priesterkragenblume“) oder „myrhumle“ („Moorhopfen“), die Sjöberg überwiegend den Lexika einer in Vergessenheit geratenen Allmogespråket (Sprache der einfachen ländlichen Bevölkerung) entlehnt, deuten wieder dynamische Gemische und Gemenge zwischen Pflanzen, Tieren, Dingen und Landschaftsformationen an. Sowohl im Anfangs- wie im Schlussteil wird diese eigenwillige Form von Naturlyrik mit der Schilderung komplexer Soziogenesen verbunden, die von der Entstehung und Vernetzung ganzer Gesellschaftsformationen handeln.
Eselzentauren und anderer Nonsens
Angesichts der Bedeutung, die der Inszenierung von Gemischen und Gemengen im Buch zukommt, kann es vielleicht nicht überraschen, dass der als „Fabula“ angekündigte Prosatext im Mittelteil des Buches ebenfalls um ein Mischwesen kreist. Dabei handelt es sich um eine spezifische Form eines Zentauren, der halb Mensch, halb Esel ist. Diese Chimäre, die über eine lange Tradition in der Weltliteratur (von Apuleius bis Shakespeare) verfügt, trägt Bruchstücke ihres Lebenswegs aus einer Ich-Perspektive vor und lässt sich dabei auf all die Wechselverhältnisse ein, die seine Existenz als tierisch-menschliches, fantastisch-reales, inneres-äußeres, mythisch-profanes, heilig-ausgestoßenes Wesen prägen. Der Teil lebt in besonderer Weise von Anspielungen an eine spezifisch italienische Philosophietradition von der Einheitsmetaphysik der Renaissance (insbesondere bei Giordano Bruno) bis zum Konzept der Lebensform bei Giorgio Agamben. Insgesamt erscheint der Entwurf einer Naturphilosophie, die Sjöberg mit den Erzählungen des Eselzentauren verbindet, allerdings weniger interessant als die eigenwillige Form von Naturphilologie, die er aus diesen Überlegungen ableitet.
Sjöbergs stärkste Gedichte sind die, in denen das Spiel mit dialektalen und altertümlichen Sprachvarianten in einen asemantischen Nonsens umschlägt, der Sprache selbst zum Sprechen bringt:
jires! avegst!
bröusk(a) (*brauska (*briuska))
… soole jer äint nåntin bode-romen, da klödere koma.
forswina (föswin).
bana hol a tramp
ini sniro
fliker, flickra
Die Strophen bilden selbstverständlich nur eine Variante im vielfältigen Feld der Schreibverfahren ab, mit denen Sjöberg im Rahmen von Laguner blomma experimentiert. Ich halte sie aber für zentral, da sie den emphatischen Anspruch des Autors illustrieren, eine dezidiert poetische Position in den aktuellen Debatten um eine ökokritisch informierte Literatur zu beziehen.
