"Nangu umfazi omnyama" – Hier kommt die schwarze Frau! Über neue Protestbewegungen in Südafrika

An den Südafrikanischen Universitäten verschaffen sich junge Feministinnen Gehör. Dabei geht es nur vordergründig um die Abschaffung von Studiengebühren.



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Derzeit lässt sich in Südafrika etwas Bemerkenswertes beobachten, von dem nur wenig in der deutschsprachigen Presse zu lesen ist. Im Kontext der anhaltenden Proteste der Jugend gegen die Regierung und das Establishment, und zwar insbesondere von Studierenden, findet zugleich ein Aufstand junger Frauen statt. Deren Proteste richten sich nicht nur gegen Studiengebühren, ein nach wie vor koloniales Bildungssystem und die korrupte herrschende Klasse, sondern gegen das patriarchalische System insgesamt, was den Sexismus in den eigenen Reihen einschliesst.

So erklärte Mbali Matandela letztes Jahr im März in der renommierten Wochenzeitschrift Mail & Guardian: „When the Rhodes Must Fall movement began UCT feminists quickly called a meeting with its leadership. They were not going to let their voices be drowned out. After the movement’s first meeting, myself and a small group of black, radical feminists decided that we needed to stake our claim in talks about the university and its institutional racism.” Ziel der studentischen #RhodesMustFall-Bewegung war zunächst die Entfernung der Statue von Cecil Rhodes vom Campus der University of Cape Town (UCT) als ein Symbol der Kolonialgeschichte und der Apartheid sowie der fortwährenden weissen Dominanz in Südafrika.

Südafrika ist noch immer bis in die feinsten gesellschaftlichen Poren hinein vom Rassismus geprägt, wie sollte es auch anders sein, denn schliesslich liegt das Ende der Apartheid noch nicht einmal eine Generation zurück. Dazu kommen, bei aller hausgemachten Misswirtschaft und Korruption, die Auswirkungen des globalen Kapitalismus und das Erbe der Apartheid auch in wirtschaftlicher Hinsicht. So regelten unzählige Gesetze den Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und Ausbildung und privilegierten als weiss klassifizierte Menschen in jeder Hinsicht. Die neue Regierung hatte 1994 keineswegs ein prosperierendes Land mit einer gesunden Wirtschaft übernommen, sondern u.a. einen absurd aufgeblähten Staats- und Verwaltungsapparat, mit Ämtern und Behörden parallel und exklusiv für jede der gesetzlich festgelegten „Rassengruppe“.

Die Generation der Born Free, also der nach 1994 geborenen, lässt sich allerdings nicht mehr mit Hinweisen auf das koloniale Erbe und den heroischen Befreiungskampf des heute in einer Dreierallianz mit dem Gewerkschaftsverband COSATU und der Kommunistischen Partei Südafrikas regierenden African National Congress (ANC) abspeisen. Und die neue feministische Bewegung richtet sich sowohl gegen offenen und strukturellen Rassismus als auch gegen die herrschende Heteronormativität und weigert sich, die Kategorien Race und Gender gegeneinander auszuspielen.

So ging es auch den Feministinnen an der UCT zentral darum, die Vergeschlechtlichung von Macht als theoretisches und praktisches Problem zu diskutieren und „die Frauenfrage“ nicht zum ‚Nebenwiderspruch‘ vergangener oder gegenwärtiger Kämpfe erklären zu lassen. Ein erster Erfolg der Diskussionen war die Ergänzung des Protestliedes „Nantsi indonda emnyama“ das etwa bedeutet „Passt auf, hier kommt der schwarze Mann“ um die Zeile „Nangu umfazi omnyama“, das heisst „Hier kommt die schwarze Frau“. In einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft darf das bereits als ein kleiner Sieg betrachtet werden, und solche Aktionen setzen wirksame Zeichen.

Bei dem letzten grossen Treffen am Tag der Entfernung von Cecil Rhodes’ Statue war die Präsenz schwarzer Studentinnen als Rednerinnen und Anführerinnen vor dem besetzten Azania House auf dem UCT Campus auffällig und beeindruckend. Auch wenn beim Marsch zur Rhodes Statue die alten martialischen Lieder aus dem Anti-Apartheidkampf der 1980er Jahren zu hören waren, wie z.B. „one settler, one bullet“, prägte doch ihre Betonung von Heterogenität als Wert und von Inklusion als politischer Praxis die Aktion gleichermassen. Im Angesicht leicht verblüffter Campus-Arbeiter riefen junge schwarze Frauen zum Kampf gegen das schwarze Patriarchat auf und erhielten Applaus in Form des in Poetry Slams beliebten Fingerschnipsens. Inzwischen ist die Sprache der Lesben-, Schwulen-, Queer-und Transgender-Bewegung fester Bestandteil der #RhodesMustFall Bewegung und ihrer Weiterführungen.

Der neue Feminismus der – zumeist jungen – schwarzen Frauen setzt sich in doppelter Hinsicht von den Traditionen der alten südafrikanischen Frauenbewegungen ab. Zum einen kritisieren die jungen Feministinnen eine als „weissen Feminismus“ bezeichnete Bewegung, die blind für rassistische Privilegierung sei und sich historisch vor allem über schwarze Frauen und im Namen von schwarzen Frauen geäussert hätte. Die theoretischen Positionen post-kolonialer, intersektionalistisch argumentierender Feministinnen seien dabei nicht rezipiert worden. Zum anderen wenden sich von den etablierten Frauenorganisationen wie der ANC Women‘s League ab, die bei allen Erfolgen Teil des Establishments geworden sind. So gab es beim Übergang zur Demokratie zwar einen Konsens, dass Frauen eine wichtige Rolle im neuen Südafrika spielen sollten. Die Verfassung ist zudem hinsichtlich der Rechte von Frauen vorbildlich, Südafrika ist eins von 23 afrikanischen Ländern mit einer Frauenquote, und im Parlament sind 40% der Abgeordneten Frauen. Die Realität der meisten Frauen in Südafrika hat allerdings wenig mit Gleichberechtigung zu tun, und die ANC Women’s League hat mit ihrer Unterstützung von Jakob Zuma jeden Anspruch auf widerständige Politik verloren. So sprach Panashe Chigumadzi, Gründerin der Plattform Vaguard denn auch in der Rand Daily Mail von einer neuen Militanz unter schwarzen Frauen und antwortete auf Anwürfe, deren Feminismus sei ideologisch verwirrt, opportunistisch und spalterisch: „Black patriarchs, it is quite simple. If you don‘t want us to divide black people with our feminism, don‘t divide us with your patriarchy.”

Bisher ist nur eine Minderheit von Studentinnen und Studenten organisiert, doch es herrscht eine breite Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und es trug zum Ansehen der universitären Proteste bei, dass nicht nur die Entfernung kolonialer Symbole und der Kampf gegen Studiengebühren (#FeesMustFall) von Interesse war, sondern auch das Outsourcing der Arbeiter auf dem Campus und ihre miserablen Löhne (#EndOutsourching).

Die Proteste zeigen sich an den Südafrikanischen Unis unterschiedlich, v.a. aber sind die Probleme der Universitäten selbst höchst unterschiedlich. Während die historischen weissen Universitäten wie UCT über enormen Grundbesitz und somit Reichtum verfügen und arme Studentinnen und Studenten unterstützen können, stünden die historisch schwarzen Universitäten wie die University of the Western Cape (UWC), vor dem Bankrott, wenn sie die ausstehenden Studiengebühren abschreiben und alle zukünftigen erlassen würden.

Man kann sich darüber mokieren, dass die Studierenden eine nagelneue Wellblechhütte als Symbol des Protestes auf den schicken UCT Campus gestellt haben – vermutlich vom Taschengeld gekauft –, oder dass sich die Liste der Eltern, die anstehen, um Kaution für ihre im Zuge der Prostet inhaftierten Kinder zu bezahlen, wie ein Who is Who der neuen Elite liest. Doch die studentischen Proteste haben eine wichtige Diskussion in Gang gebracht und sind dabei in eine Lücke gestossen, die sich aufgrund schwacher Oppositionsparteien, armutsbedingter Lethargie und einer selbstzufriedene Elite immer mehr öffnet. Gegen das Schweigen setzen sie eine gesellschaftliche Debatte und verlangen dabei eine legitime Stimme des Protestes.

Diese wird den Studenten zunehmend verweigert, was nicht nur mit der tatsächlich schwierigen Situation einiger Unis, wie der UWC zu tun hat, sondern auch mit umstrittenen Aktionen der #RhodesMustFall-Bewegung zu Beginn des neuen Semesters 2016, so insbesondere die Zerstörung einiger „kolonialer“ Ölgemälde. Die Aktivistin und Autorin Sisonke Msimang schrieb über diese Aktionen an der UCT: “Burning colonial artifacts might feel good but in the end it seems like an act of woundedness rather than an act of strength.  It does symbolic violence to the colonizers and that may be okay, but more than that – and this is where I have real questions – it seeks erasure. I want to believe that a movement for justice is one that rages against forgetting, not one that enables it.” Es bleibt eine bittere ironische Schlusspointe, dass nur Studenten reicher Unis, die im Besitz von Kunstschätzen sind, diese auch zerstören können und dann in die Presse kommen. Was an der UWC passiert, findet selbst in Südafrika kaum Eingang in die Presse.

So richtig und wichtig es ist, das junge Südafrikanerinnen und Südafrikaner sich nicht in eine Art rhetorische Geiselhaft nehmen lassen und sowohl gegen die Erbschaft der Apartheid als auch gegen die heutige politische Klasse rebellieren, deren zentrale Legitimation der Verweis auf den glorreichen Befreiungskampf ist, so wichtig ist es, die Geschichte nicht zu vergessen. Dazu gehört in der Tat der Befreiungskampf, der sich allerdings keineswegs auf Anhängerinnen und Anhänger des ANC beschränkte; dazu gehört aber auch eine peinvolle Geschichte der Gewalt nicht nur auf Seiten des Staates, sondern ebenfalls innerhalb der Befreiungsbewegungen, in den Nachbarschaften der Townships in den 1980er und 1990er Jahren und nicht zuletzt innerhalb der Familien.

Bilder und Statuen zu zerstören tastet das Apartheid-Erbe nicht an und führt eine Tradition der Aberkennung weiter. So schreibt Sisonke Msimang: „It seems to me that we ought to value art precisely because our acts of creativity have been so under-valued and mis-recognised for so long.” Diesem Argument muss man nicht zustimmen, entscheidend ist aber die Möglichkeit zur Debatte, zumal in einem akademischen Umfeld. „The false need for agreement, and the vitriol spread around when people disagree – with university management, with politicians, and with activists – is starting to worry me.” Die bunt zusammengewürfelte junge feministische Bewegung und ihre Sympathisantinnen haben das Potential, sich der Eindeutigkeit, der Festlegung zu entziehen, ohne dabei beliebig zu werden. Indem sie Diversität verteidigen, tragen sie zur Debatte bei, und das ist bereits an sich ein Wert.