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  • Ulrich Bröckling ist Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Zuletzt erschienen von ihm im Suhrkamp Verlag „Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste“ (2017) und „Postheroische Helden. Ein Zeitbild“ (2020).

Es ist noch nicht lang her, da hieß es, wir lebten in post­he­roi­schen Zeiten. Das Attribut glänzte wie andere mit dem Vorsatz ‚post-’ verse­hene Epochen­si­gna­turen nicht durch begriff­liche Präzi­sion. Mal bezeich­nete es eine Menta­lität oder einen Habitus, dann wieder eine Etappe im Moder­ni­sie­rungs­pro­zess oder einen Modus der Krieg­füh­rung. ‚Post­he­ro­isch’ konnte sich aber ebenso auf eine Regie­rungs­kunst beziehen, welche die Hybris tech­no­kra­ti­scher Kontrolle abge­legt und die Komple­xität des Sozialen aner­kannt hatte. Darüber hinaus bezeich­nete das Adjektiv auch Einstel­lungen und Gestimmt­heiten, die sich nicht mit Pathos­for­meln vertrugen, für Appelle an Opfer­be­reit­schaft unemp­fäng­lich waren und zur Vereh­rung großer Männer und ihrer Taten allen­falls ein ironi­sches Verhältnis pflegten.

Wie die Rede von der Post­mo­derne nicht mit einem Abschied von der Moderne gleich­zu­setzen ist, markierte auch der Topos des post­he­roi­schen Zeit­al­ters nicht das Ende, sondern ein Problematisch- und Refle­xiv­werden heroi­scher Orien­tie­rungen. Das Inte­gra­ti­ons­po­ten­zial und die Mobi­li­sie­rungs­kraft heroi­scher Anru­fungen sind keines­wegs erschöpft. Der diagnos­ti­zierten Frag­wür­dig­keit und Anti­quiert­heit von Helden­fi­guren steht viel­mehr ein fort­dau­ernder Helden­hunger gegen­über, der reich­lich bedient wird. Im Wider­streit dispa­rater Helden­mo­delle und mehr noch in der Kolli­sion heroi­scher und post­he­roi­scher Leit­bilder zeichnen sich die Konflikt­li­nien der Gegen­warts­ge­sell­schaft ab. Die letzten Monate lieferten dafür reich­lich Anschau­ungs­ma­te­rial.

Helden­ge­schichten

Wie die ikoni­schen Helden auf Iwo Jima im Februar 1945…: Kari­katur vom 1.4.2020; Quelle: mercurynews.com

Einmal mehr zeigte sich, schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Helden­ge­schichten. Sie boomen immer dann, wenn der Alltag außer Kraft gesetzt ist und den Menschen beson­dere Zumu­tungen abver­langt werden. Je schriller die Krisen­si­renen heulen, desto größer der Hunger nach hinge­bungs­vollen Nothel­fern, entschie­denen Mache­rinnen und unbeug­samen Frei­heits­kämp­fern. Ihr selbst­loser Einsatz bestä­tigt den Ernst der Lage, verbürgt aber auch die Zuver­sicht, dass die Sache am Ende gut ausgehen wird. Sie bedienen glei­cher­maßen die Sehn­sucht, sich im Augen­blick der Gefahr an eine Auto­rität anzu­lehnen, wie den rebel­li­schen Traum, sich keiner Auto­rität zu fügen. Helden­ge­schichten sollen anspornen, es den Vorbil­dern gleich zu tun; die respekt­volle Vernei­gung vor ihren Groß­taten entlastet aber auch davon, selbst die Komfort­zone zu verlassen. Und selbst­ver­ständ­lich ist es billiger, Heroen des Alltags zu küren als für ihre ange­mes­sene Bezah­lung zu sorgen.

Dass die Corona-Pandemie eine Helden­kon­junktur auslösen würde, war also zu erwarten, spätes­tens als Mitte März die Gesell­schaft binnen weniger Tage in den Lock­down versetzt wurde. Den Anfang hatten zuvor schon Berichte über den chine­si­schen Arzt Li Wenliang gemacht, der früh vor dem Erreger gewarnt hatte, dafür poli­zei­lich gemaß­re­gelt wurde und bald darauf selbst an einer COVID-19-Infektion verstarb. Zunächst in den sozialen Medien als coura­gierter Whist­leb­lower gegen die Vertu­schungs­po­litik der chine­si­schen Regie­rung gefeiert, verein­nahmte diese ihn nach seinem Tod als heraus­ra­gende Persön­lich­keit im Kampf gegen das Virus. Ein anderes Beispiel war die erschöpft über ihrem Schreib­tisch zusam­men­ge­sun­kene Kran­ken­schwester aus einer Notauf­nahme im nord­ita­lie­ni­schen Cremona, deren Foto viral ging.

Auch hier­zu­lande stand das medi­zi­ni­sche Personal im Mittel­punkt des sich rasch ausbrei­tenden Corona-Heldenkults. In den Schre­ckens­bil­dern über­füllter Inten­siv­sta­tionen verdich­teten sich die mit der Pandemie verbun­denen Ängste, wurde die ansonsten unsicht­bare Bedro­hung anschau­lich. Dieje­nigen, die an diesen Orten Dienst taten, mussten schon deshalb Heroi­sches leisten, weil sie unmit­telbar in einen Kampf auf Leben und Tod verwi­ckelt waren und sich selbst erhöhtem Infek­ti­ons­ri­siko aussetzten. Dass ihnen viel­fach Schutz­masken und Sicher­heits­klei­dung fehlten, bewies nur ihren Mut. Gern wurden mili­tä­ri­sche Meta­phern bemüht: Pfle­ge­kräfte und Ärztinnen standen an vorderster Front im Krieg gegen die Seuche; solange sie die Stel­lung hielten, war die Schlacht nicht verloren. „Ihr seid die Helden dieser Stadt, macht den Virus platt!“, dich­teten Fußball-Ultras etwas holprig auf einem riesigen Trans­pa­rent, das sie gegen­über einem Kran­ken­haus in meiner Nach­bar­schaft aufhängten. Andere erwiesen ihnen mit abend­li­chem Applaus oder Balkon­kon­zerten ihre Reve­renz. Die Erleich­te­rung darüber, selbst in der Etappe bleiben zu können, war den Darbie­tungen anzu­hören.

Quelle: allesdrucker.de

Rasch wurden weitere Berufs­gruppen in den Helden­stand erhoben: Die Super­markt­mit­ar­bei­te­rinnen, die Sonder­schichten einlegten, um die hams­ternde Kund­schaft zu bedienen und die leer­ge­kauften Regale aufzu­füllen, die Müll­männer, die auch im Lock­down dafür sorgten, dass die Abfall­tonnen geleert wurden, Paket­boten, Poli­zis­tinnen, LKW-Fahrer, Alten­pfle­ge­rinnen, um nur einige zu nennen. Ab dem 19. März stellte Spiegel online täglich einen Helden oder eine Heldin des Corona-Alltags vor, eine Woche später star­teten auch die Tages­themen eine Serie mit Alltags­hel­den­por­träts. Wer auch immer eine als system­re­le­vant einge­stufte Tätig­keit ausübte und sich um Gesund­heit, Sicher­heit oder die Versor­gung mit Lebens­mit­teln kümmerte, durfte sich für einen Augen­blick im Helden­glanz sonnen – rumä­ni­sche Spar­gel­ste­cher und Leih­ar­beiter in der Fleisch­in­dus­trie ausge­nommen.

Unge­deckte Groß­spre­cherei

Die infla­tio­näre Verwen­dung entwer­tete den Ehren­titel, dem ohnehin ein schaler Beigeschmack anhaf­tete. Pfle­ge­kräfte erin­nerten daran, dass in den Kliniken seit langem chro­ni­scher Perso­nal­mangel herrschte und sie schon vor der Pandemie für wenig Geld am Limit gear­beitet hatten. Statt wohl­feiler Worte forderten sie Gehalts­er­hö­hungen und Stel­len­zu­wachs. Als ein großer Lebensmittel-Discounter, der wegen unzu­rei­chenden Arbeits­schutzes in die Kritik geraten war, kurzer­hand sämt­liche 83000 Ange­stellten in ganz­sei­tigen Anzeigen zu Super­helden beför­derte, verkam die Alltags­hel­den­gala voll­ends zur PR-Aktion.

Der Helden­rummel ebbte denn auch bald wieder ab. Je deut­li­cher sich abzeich­nete, dass in Deutsch­land der befürch­tete Kollaps des Gesund­heits­sys­tems – vorerst jeden­falls – ausbleiben würde, desto entbehr­li­cher wurden die Hero­innen am Kran­ken­bett und an der Super­markt­kasse wieder. Diese hatten ohnehin längst gemerkt, dass sich für sie nach den fifteen minutes of fame wenig änderte. Rück­bli­ckend betrachtet, verschwammen in all den Ihr-seid-unsere-Helden-Kampagnen die Grenzen zwischen cleverem Marke­ting und dem redli­chen Wunsch, endlich jenen die gebüh­rende Aner­ken­nung zuteil werden zu lassen, deren Arbeit norma­ler­weise wenig Beach­tung findet. Ob das Heldenlob vergiftet war, weil es Orga­ni­sa­ti­ons­ver­sagen kaschierte und die Gefei­erten mit symbo­li­schen Grati­fi­ka­tionen abspeiste, oder einfach nur eine freund­liche Geste, die augen­zwin­kernd Pathos­for­meln aufrief, das ließ sich kaum unter­scheiden.

Präsi­dent Trump am World Economic Forum in Davos, 21.1.2020; Quelle: cnbc.com

Verkör­perten die Alltags­hel­dinnen und -helden vor allem Einsatz- und Opfer­be­reit­schaft, so drehte (und dreht) sich bei den heroi­schen Selbst­in­sze­nie­rungen des poli­ti­schen Perso­nals alles um Gesten der Auto­rität. Ob präsi­diale Helden-poser die Gefahr klein­re­deten wie Bolso­naro, ob sie mit fins­terer Miene „nous sommes en guerre“ verkün­deten wie Macron, oder ob sie zuerst das eine und dann das andere Register zogen wie Trump oder Putin, die Botschaft war immer dieselbe: Kein Grund zur Sorge, wir haben alles im Griff!

Laut­stark eine Souve­rä­nität zu behaupten, über die man offen­sicht­lich nicht verfügt, ist eine riskante Stra­tegie. Unge­deckte Groß­spre­cherei kippt leicht in Selbst­de­mon­tage. Helden müssen sich bewähren, sonst erlischt ihr Charisma. Als heroi­sches Bewäh­rungs­feld ist die Corona-Pandemie aller­dings denkbar unge­eignet, von Entschlos­sen­heits­rhe­torik lässt sich das Virus nicht beein­dru­cken. Für die Bewäl­ti­gung der Krise braucht es keine großen Männer und Frauen, sondern ein robustes Medi­zin­system, koor­di­nierte Forschung und wirt­schaft­liche Auffang­pro­gramme. Vor allem aber ist jede und jeder Einzelne gefragt. Was dabei verlangt wird, ist ganz und gar unspek­ta­kulär: Zuhause bleiben, Abstand halten, Hände waschen, Nies­hy­giene. Helden­epen lassen sich daraus schwer­lich destil­lieren.

Post­he­roi­sche Politik

In Deutsch­land verzich­teten die Kanz­lerin, ihre Minister und die Minis­ter­prä­si­denten weit­ge­hend auf Helden­ge­töse. Statt Feind­bilder zu schüren und Durch­hal­te­pa­rolen auszu­geben, appel­lierten sie an die Soli­da­rität. Ihr post­he­roi­sches Auftreten trug maßgeb­lich dazu bei, dass die Maßnahmen zur Eindäm­mung der Infek­ti­ons­zahlen auf breite Akzep­tanz stießen und bald Wirkung zeitigten. Die große Mehr­heit der Bevöl­ke­rung war bereit, den Verord­nungen der poli­ti­schen Krisen­ma­nager Folge zu leisten, weil diese ihre Beschlüsse auf wissen­schaft­liche Exper­tise stützten, die Zumu­tungen nicht baga­tel­li­sierten und umso mehr zu Vorsicht drängten, als schwer absehbar war, wie sich das Pande­mie­ge­schehen entwi­ckeln würde. Markus Söder mochte seine Stirn noch so sehr in Falten legen und auf den Ernst der Lage pochen – selbst er mimte nicht den Retter in der Not, sondern den sorgenden Landes­vater. Und wenn der Finanz­mi­nister mit der Bazooka Finanz­spritzen verteilte und die Konjunktur mit „Wumms!“ wieder in Gang zu setzen versprach, wirkte das albern, aber nicht hero­isch: Olaf Scholz goes Comic.

Auch die viro­lo­gi­schen Experten, deren mediale Präsenz die der Poli­tiker zeit­weise noch über­traf, passten nicht recht ins Helden­schema. Sie gewannen para­do­xer­weise gerade dadurch Auto­rität, dass sie nicht alle Fragen beant­worten konnten, sondern mitkom­mu­ni­zierten, was sie noch nicht wussten, und auf Grund­lage neuer Erkennt­nisse frühere Empfeh­lungen modi­fi­zierten. Etwas Post­he­roi­sches liegt schon in der präven­tiven Stoß­rich­tung viro­lo­gi­scher Aufklä­rung: Weil sie Nicht­er­eig­nisse herbei­führen will, fehlt ihr die Dramatik der rettenden Tat. Erfolg­reich ist sie, wenn das Befürch­tete ausbleibt. Der von Chris­tian Drosten in Erin­ne­rung gebrachte Satz, „There is no glory in preven­tion“, bedeutet auch: Es kann keine Vorbeu­ge­helden geben.

Bleibt der Platz der Corona-Helden also leer? Die Alltags­hel­dinnen und -helden wollen keine sein; das poli­ti­sche Personal blamiert sich entweder mit seinem Maul­hel­dentum, oder es verlegt sich auf die wenig helden­kom­pa­tible Rolle des guten Hirten; wissen­schaft­liche Exper­tise schließ­lich lässt sich ohnehin kaum in heroi­sches Kapital konver­tieren. Ein weißer Kittel taugt nicht als Helden­montur. Auf den ersten Blick scheint die Corona-Krise die Diagnose der post­he­roi­schen Gesell­schaft zu bestä­tigen. Der Helden­boom – besten­falls ein Stroh­feuer.

Zumin­dest die pola­ri­sie­rende Kraft heroi­scher Narra­tive ist aller­dings unge­bro­chen. Denk­mals­sturz geht auch mit Talk­show­ses­seln. Poli­tiker und Expert mögen als Helden ausge­dient haben, als Sünden­böcke funk­tio­nieren sie allemal. Der Auto­rität, die ihnen vor allem zu Beginn der Pandemie zuwuchs, entspricht der Hass, den jetzt noto­ri­sche Wutbürger und Verschwö­rungs­my­tho­logen über sie ausschütten. Und dieje­nigen, die sich nun als Heroen des Wider­stands gegen die Regie­rungs­maß­nahmen insze­nieren, bestä­tigen einmal mehr: Wo Helden die Bühne betreten, besteht Anlass zur Sorge.

 

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  • Ulrich Bröckling ist Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Zuletzt erschienen von ihm im Suhrkamp Verlag „Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste“ (2017) und „Postheroische Helden. Ein Zeitbild“ (2020).