Die Wahl ist vorbei, aber die Gefahr bleibt: Migration als Themensetzung der AfD hat den Diskurs diktiert. Der Historiker Massimo Perinelli analysiert die Bundestagswahl, räumt mit den diskriminierenden Narrativen auf und erinnert uns daran, dass Millionen Bürger:innen für eine demokratische Gesellschaft der Vielen einstehen.

  • Massimo Perinelli

    Massimo Perinelli ist promovierter Historiker und Autor und befasst sich seit 25 Jahren mit (post-)migrantischer Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur. Seit 2016 arbeitet er als Referent für Migration in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo er u.a. den Gesprächspodcast ManyPod betreibt. 2020 hat er mit Lydia Lierke den Band „Erinnern stören – Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“ (Verbrecher) und 2025 mit Mia Neuhaus und Lucas Mielke den Band „Solidarität – eine reale Utopie“ (Verbrecher) herausgegeben.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Nach der Wahl: Soli­da­rität in der auto­ri­tären Wende
Loading
/

In Deutsch­land wurde gewählt und egal, welche Partei Fried­rich Merz zum Bundes­kanzler macht, wird es die AfD sein, die zukünftig den Ton als poten­zi­elle Mehr­heits­be­schaf­ferin für eine CDU vorgeben wird, die seit Monaten nur ein Thema kennt: die Verteu­fe­lung von Migra­tion und Migrant*innen.

Diese Hetze hat die Mitte der Gesell­schaft längst ergriffen, wie man etwa jüngst sehen kann im Umgang der Stadt Hanau mit den Ange­hö­rigen der neun ermor­deten jungen Menschen vom 19. Februar 2020. Die warmen Worte der SPD/CDU/FDP-Stadtregierung gegen­über den Opfer­fa­mi­lien schlagen in dem Moment in Drohungen um, wo die Stadt mit in Verant­wor­tung genommen wird für das Geschehene.

Aber dieser Artikel möchte mit der Hoff­nung beginnen. Die „Marches of Hope“, die uns 2015 erreichten, sollen uns nicht umsonst berührt haben. Nie war dieses Land schöner als in jenem Sommer, als eine Million Menschen sich ihren Weg ins Herz von Europa erkämpften – im Gepäck ihre Erfah­rung der demo­kra­ti­schen Rebel­lion gegen auto­kra­ti­sche Regime im soge­nannten arabi­schen Früh­ling. Ihre Forde­rung als Geflüch­tete nach einem Platz in der Welt erzeugte eine nie dage­we­sene Welle der Gast­freund­schaft und der Soli­da­rität, als Millionen von Altein­ge­ses­senen ihren sozialen Raum für diese neue Begeg­nung öffneten. Die zigtau­send­fa­chen Bezie­hungs­weisen der letzten zehn Jahre über Konfes­sionen, Natio­na­li­täten, Klassen- und Geschlech­ter­grenzen hinweg, die in der euro­päi­schen Diaspora entstanden sind, schufen Momente eines poli­ti­schen Raums, der auf Diffe­renz aufbaut und sich genau deswegen über­haupt als Gesell­schaft konsti­tu­ieren konnte.

Angriffe auf eine Gesell­schaft der Vielen

Es ist genau diese Gesell­schaft der Vielen, die eben­falls seit zehn Jahren von einem spezi­fi­schen Teil der Bevöl­ke­rung, aus der Mitte der Parteien und aus nicht wenigen Medi­en­häu­sern heraus massiv ange­griffen wird. Nicht aus stumpfem Rassismus oder mangelnder Kenntnis von Kultur, Sprache oder Reli­gion, sondern im Wissen, dass es genau diese Hete­ro­ge­nität und Diffe­renz ist, die der auto­ri­tären Wende im Weg steht. Die soli­da­ri­sche Gesell­schaft der Vielen ist die Brand­mauer gegen ein durch Homo­ge­nität und Angst geprägtes rechtes Denken.

Demons­tra­tion „Hamburg steht auf – gegen Rechts­extre­mismus und neona­zis­ti­sche Netz­werke“ am 19. Januar 2024, Foto: Gerd-HH, Bild­quelle: Wiki­media Commons

Schauen wir uns diesen Angriff genauer an, der uns mit dem Begriff der „Zeiten­wende“ im Nach­gang der Corona-Krise und des Kriegs Russ­lands gegen die Ukraine als auto­ri­tärer Umschwung entge­gen­tritt – welt­weit. In allen euro­päi­schen Ländern wissen Antidemokrat*innen ein stabiles Drittel der Bevöl­ke­rung hinter sich und greifen nach der Regie­rungs­macht. In den USA werden die demo­kra­ti­schen Grund­lagen der Gesell­schaft im Minu­ten­takt zerstört und wir schauen in einen faschis­ti­schen Abgrund toxi­scher Männ­lich­keit, entfes­selten Rassismus und reli­giösen Wahn­sinns. In Deutsch­land ist das Jahr­hun­dert­pro­jekt einer „grünen Trans­for­ma­tion“, der Digi­ta­li­sie­rung und Dekar­bo­ni­sie­rung, mit dem die Grünen ange­treten waren, geschei­tert und mit ihm die Ampel-Regierung. Längst gesi­chert geglaubte Errun­gen­schaften der Frauen*bewegung und ihrer körper­li­chen Selbst­be­stim­mung werden massiv in Frage gestellt, queeren NGOS die Förde­rungen gestri­chen und die Demo­kratie zuneh­mend als bloße Voll­stre­ckung des Volks­wil­lens perver­tiert. Was am stärksten ange­griffen wird, ist indes die Migra­tion, seien es Geflüch­tete, Migrant*innen, Schwarze Menschen oder Muslime; Synagogen und jüdi­sches Leben insge­samt stehen verstärkt unter Poli­zei­schutz; und Racial Profiling und Poli­zei­schi­kanen sind längst Realität für alle migran­ti­schen Jugend­li­chen im öffent­li­chen Raum.

Progres­sive und linke Akteure befinden sich derweil extrem in der Defen­sive. Mühselig entlarven sie jede rechte Lüge und erklären und belegen, dass Migrant*innen nicht die Jobs wegnehmen, sondern ohne sie ökono­misch alle Räder still stehen würden; dass sie nicht die Wohnungen wegnehmen, sondern diese dem Immo­bi­li­en­markt als Speku­la­ti­ons­ob­jekt über­lassen wurden; dass Messer­ge­walt nicht in erster Linie von Migranten ausgeht, sondern glei­cher­maßen von jungen Männern jegli­chen Hinter­grunds, denen es gälte, geschlech­ter­sen­sible Pädagogik und kriti­sche Jungen­ar­beit anzu­bieten; dass Anti­se­mi­tismus nicht impor­tiert wird, sondern nach wie vor haus­ge­macht ist; dass Sexismus kein Migranten-, sondern ein gesell­schaft­li­ches Problem ist; und dass die meisten Anschläge von Deut­schen verübt werden, während die meisten Opfer Menschen mit Migra­ti­ons­bio­gra­fien sind, die versu­chen, sich hier ein gutes Leben aufzubauen.

Migra­ti­ons­feind­lich­keit als verbin­dende Klammer

Aber während die kriti­schen Stimmen noch Fakten recher­chieren, Tatsa­chen beweisen, Argu­mente entwi­ckeln und Derailing-Manöver gera­de­rü­cken, sind die Rechten schon längst weiter und sitzen mit einer neuen Falsch­be­haup­tung zur Prime­time in der nächsten Talk­show. Dass libe­rale Medi­en­häuser ihre eigenen Henker einladen, etwa wenn der Deutsch­land­funk die Wahl des Anti­de­mo­kraten Trump minu­ten­lang von der demo­kra­tie­feind­li­chen Alice Weidel kommen­tieren lässt, ist dabei ein Skandal an sich. Die verbin­dende Klammer aber ist die Migra­ti­ons­feind­lich­keit und die den Rechten zuge­schrie­bene Auto­rität, als Vertre­tung der „Stim­mung im Volk“ etwas zu sagen zu haben.

Auch in der poli­ti­schen Arena herrscht in Migra­ti­ons­fragen ein breiter inhalt­li­cher Konsens mit der AfD, der sich weit über die CDU und FDP erstreckt und auch Rot/Grün erfasst hat, nämlich Migra­tion als grund­sätz­li­ches Problem bzw. Nega­tiv­phä­nomen zu fassen. Dem „histo­ri­schen Damm­bruch“, den die CDU Ende Januar gezielt mit ihrer gemein­samen Abstim­mung mit der AfD im Bundestag geschaffen hatte, hielt die schei­dende Grünen-Außenministerin Anna-Lena Baer­bock empört entgegen, dass die Inhalte des abge­stimmten 5-Punkte-Plans zur Verschär­fung der Asyl- und Migra­ti­ons­po­litik bereits in der von der Regie­rung im Sommer beschlos­senen GEAS-Reform enthalten seien, also in der de facto-Abschaffung des Rechts auf Asyl. Feuer mit Feuer zu bekämpfen löscht nicht das bren­nende Haus.

Nun wird die CDU mit einer Juni­or­part­nerin regieren, der sie bei nicht wohl­feilem Verhalten stets mit ihrem Knüppel im Sack, einer AfD als poten­zi­eller Mehr­heits­be­schaf­ferin, drohen kann. Tatsäch­lich hat der Angriff auf die demo­kra­ti­sche Zivil­ge­sell­schaft bereits vor der Regie­rungs­über­nahme begonnen mit einer Kleinen Anfrage der CDU am 24. Februar im Bundestag. Hier wird entlang von 551 Fragen gegen linke, migran­ti­sche und demo­kra­ti­sche Verbände und NGOs vorge­gangen, indem ihre Gemein­nüt­zig­keit in Frage gestellt wird – Trum­pism auf deut­sche Art.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Dieses Agieren des wenig popu­lären Merz-Flügels stellt die eigene CDU vor eine Zerreiß­probe zwischen den Wirt­schafts­neo­li­be­ralen und dem illi­be­ralen Stamm­tisch. Zerbricht die CDU wie zuvor schon andere konser­va­tive Parteien in Europa, ist die AfD an der Macht. Der Wirt­schafts­flügel der Partei rechnet mit instru­men­teller Vernunft vor, dass Deutsch­land weitere Arbeits­kräfte und Einwan­de­rung im jähr­lich sechs­stel­ligen Bereich benö­tigt, um den wirt­schaft­li­chen und demo­gra­phi­schen Kollaps abzu­wenden. Gleich­zeitig verlässt ein Drittel der hier ausge­bil­deten Menschen aus anderen Ländern Deutsch­land wieder, weil das Klima zu frem­den­feind­lich und die rassis­ti­sche Gewalt extrem hoch seien, wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kürz­lich ermit­telt hat.

Die Partei Die Linke ist die einzige parla­men­ta­ri­sche Stimme, die nicht Migra­tion zum Problem erklärt hat, für eine humane Asyl­po­litik steht und die konse­quent von fairen Mieten, gerechten Löhnen, gerechter Steu­er­ver­tei­lung und guter Pflege spricht, wo andere die Probleme der Gesell­schaft den Migrant*innen in die Schuhe schieben wollen. Die Partei hat im verkürzten Wahl­kampf von dem Antifa-Moment profi­tiert, den Merz mit seinem „Damm­bruch“ geschaffen hat. Dies drängte die ableh­nende Haltung zu Waffen­lie­fe­rungen an die Ukraine ebenso in den medialen Hinter­grund wie auch die internen Strei­tig­keiten zum Krieg in Gaza. Hundert­tau­sende gingen gegen rechts auf die Straße und zehn­tau­sende junge Menschen traten in die vor kurzem noch totge­sagte Linke ein. Noch im Herbst bangend, ob die 5%-Hürde genommen werden könne, entwi­ckelte sich die Partei zum regel­rechten Über­flieger und fuhr schließ­lich 8,8% der Stimmen ein, mit Mehr­heiten in den großen Städten sowie bei den Erstwähler*innen. Der sich insbe­son­dere auf Social Media mani­fes­tie­rende Popst­ar­cha­rakter von Kandidat*innen wie Heidi Reichinnek, Gregor Gysi, Caren Lay und anderen tat sein übriges. Ihre Stra­tegie rich­tete sich gegen die Vermö­gens­un­ge­rech­tig­keit und die Klep­to­kratie der Reichen und Super­rei­chen, zu denen nicht nur Trump, sondern auch die Notare und Aufsichts­rats­mit­glieder der CDU, FDP sowie der AfD und ihrem Klientel gehören; sowie nicht zuletzt auch die rechten Netz­werke im Adel, die sich in ihrem Kampf gegen geschlecht­liche und sexu­elle Selbst­be­stim­mung in der AfD orga­ni­sieren und bis in die Admi­nis­tra­tion von Trump hinein beste inter­na­tio­nale Kontakte pflegen.

Für eine offen­sive Erzäh­lung zur Migrationsgesellschaft

Klare Kante Demo Disko, Hamburg, 22.2.2025, Foto: Niko Schmuck, nikoschmuck.com

Während Grüne und SPD im Konkur­renz­kampf um eine zukünf­tige Regie­rungs­be­tei­li­gung – und damit letzt­lich in voller Akzep­tanz von Fried­rich Merz als nächstem Bundes­kanzler – einer rechten Hege­monie Vorschub leis­teten, entschieden sich Millionen von Menschen für eine wirkungs­volle und laut­starke Oppo­si­tion im Parla­ment in Vertei­di­gung der Grund­rechte und der Demo­kratie an sich. Aller­dings fehlt auch der Linken in ihrem Fokus auf die Klas­sen­frage eine offen­sive Erzäh­lung zur Migra­ti­ons­ge­sell­schaft, die immer auch eine geopo­li­ti­sche und trans­na­tio­nale Dimen­sion hat. Über die Vertei­di­gung der Menschen­rechte, zu denen auch das Asyl­recht zählt, und einer klaren anti­fa­schis­ti­schen Haltung gegen­über rassis­ti­scher Hetze hinaus finden sich kaum posi­tive Bezug­nahmen oder entwi­ckelte Narra­tive zu Migra­tion. Zu Migra­tion als einer Bewe­gung, die das Land in den vergan­genen Jahr­zehnten maßgeb­lich demo­kra­ti­siert hat im Kampf gegen extreme Ausbeu­tung, Verweh­rung von Bildungs­chancen, Ghet­toi­sie­rung, kultu­ra­lis­ti­sche Stig­ma­ti­sie­rung und struk­tu­relle Diskri­mi­nie­rung und für das grund­sätz­liche „Recht, Rechte zu haben“.

Posi­tive Gegen­er­zäh­lungen gibt es indes einige, sowohl auf bewe­gungs­po­li­ti­scher, wissen­schaft­li­cher oder künst­le­ri­scher Ebene. Schon lange prägen diese Inter­ven­tionen das gesell­schaft­liche Bild in den Städten, auf der Straße, in den Thea­tern und im Kino, in der Lite­ratur und der Musik. Der Reichtum der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft wird seit mehr als zwanzig Jahren im utopi­schen Erin­nern an unsere Einwan­de­rungs­ge­schichte beschrieben. Wir können die Norma­lität der Migra­tion an den Univer­si­täten lernen, in Filmen, Büchern und Thea­ter­stü­cken betrachten und konkret im Alltag erleben. Nur in der parla­men­ta­ri­schen Arena und deren ange­glie­derten Behörden, allen voran den Sicher­heits­be­hörden, finden diese Geschichten und Narra­tive kaum Gehör. Wenn aber Betrof­fene rechter Gewalt immer noch die Kraft finden, ihr Herz zu öffnen und darauf zu bestehen, selbst­ver­ständ­li­cher Teil dieses Landes zu sein, wenn Millionen von Menschen gegen „Remi­gra­tion“ auf die Straße gehen, wenn die Berliner Stadt­ge­sell­schaft zur Vertei­di­gung der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft aufruft und zivil­ge­sell­schaft­liche Akteure Thesen dazu formu­lieren, entstehen die Konturen einer Gesell­schaft der Vielen als unwi­der­ruf­li­cher Garant für die demo­kra­ti­sche Verfasst­heit der Gesellschaft.