Mord mit Regenschirm. Über die Phantastik der Realität

Manchmal können Sachverhalte wahr sein, die wie eine Übung in angewandter Phantastik aussehen. Wirkt ein Ereignis allzu unwahrscheinlich, lässt sich dies gezielt nutzen, um das Wirkliche zu verschleiern und zu verunsichern.



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ir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, Desinformation als die Manipulation unserer Wirklichkeit durch fake news oder als gezielte Streuung von Gerüchten zu betrachten. Gerade ist dazu wieder ein kleines Buch mit dem Titel Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen bei Reclam erschienen. Unzählige andere Publikationen gehen in eine ähnliche Richtung. Dabei zielt Desinformation traditionell nicht nur auf Lüge, Bullshit und Camouflage, sondern auch auf die Verunsicherung der sinnlich bzw. empirisch wahrnehmbaren Realität.

Erinnern Sie sich noch an Petr Verzilov? Verzilov war der, der im letzten Jahr während des WM-Finales zwischen Frankreich und Kroatien mit seinen KollegInnen von Pussy Riot aufs Spielfeld lief und für die Freilassung des ukrainischen Regisseurs Oleh Sencov protestierte, der immer noch in Haft ist. Knapp zwei Monate später, ausgerechnet am 11. September 2018, kam Verzilov von einer Gerichtsverhandlung nach Hause, fühlte sich elend und legte sich ins Bett. Als er wieder aufwachte, konnte er erst nicht mehr richtig sehen, dann nicht mehr richtig sprechen und später kaum noch gehen. Er kam erst auf die Vergiftungsstation eines Moskauer Krankenhauses und wurde zwei Tage später mit einer Privatmaschine in die Charité nach Berlin geflogen. Dort bestätigten die Ärzte die Vergiftung.

In den deutschen Kommentarspalten zum Fall tummelten sich damals einige, die die Ereignisse sofort als westliche politische Propaganda gegen Putin deuteten oder behaupteten, Verzilov würde von Soros bezahlt und sei deshalb nach Deutschland ausgeflogen worden: Oder, um den Kommentator „John S.“ zu zitieren: „Wenn man im Suff einen drei Wochen alten Fisch isst, ist es super Putin als Ursache anzugeben, damit die Krankenversicherung bloß nicht aufhört zu zahlen. Aber im Ernst, vielleicht sollte man den ungewöhnlichen Konsum von ungewöhnlichen Stoffen in solchen Künstler Gilden‘ prüfen.“

Es waren diese zwei Muster, die sich in den Kommentaren immer wieder fanden: Es hieß erstens, die Geschichte sei erfunden, eine Räuberpistole der westlichen Lügenpresse, denn Verzilov habe das mit finanzieller Unterstützung des ungarischen Philanthropen George Soros inszeniert (dieser wird in solchen Zusammenhängen immer genannt), um Putin zu schaden; zweitens wurde in die Welt gesetzt, Künstler behaupteten gerne mal, sie seien vergiftet worden, obwohl sie sich eigentlich eine Überdosis gegeben haben. Das seien dann genau jene Künstler, auf die sich die westliche Presse mit unerschöpflicher Gier stürze, um – in diesem Fall – Russland in einem falschen Licht zu zeigen.

Verunsicherung der Fakten

Je phantastischer das Ereignis, desto plausibler erscheint die Möglichkeit, es abzustreiten. Dabei lässt sich sowohl bestreiten, dass es überhaupt stattgefunden hat, als auch, dass es auf diese und jene Weise stattfindet. Heinrich von Kleist hat dieses Phänomen „unwahrscheinliche Wahrhaftigkeit“ genannt, also ein Phänomen, dass zwar in der Wirklichkeit passiert, aber gleichzeitig so unwahrscheinlich klingt, dass man glauben muss, es sei erfunden. Geheimdienste jedoch (und andere politische und gesellschaftliche Akteure) arbeiten genau mit dieser Unwahrscheinlichkeit. Die Unwahrscheinlichkeit ist ihre Währung. Vielleicht erinnern sich die Älteren unter Ihnen noch an ein anderes Ereignis, eines aus dem Kalten Krieg, der ja ohnehin für seine phantastischen Geschichten bekannt ist und das Genre des Spionagethrillers erst so richtig in Fahrt brachte.

Worauf ich anspiele, ist die Ermordung des bulgarischen Exil-Schriftstellers Georgi Markov, der ein berühmter Kritiker der Kommunistischen Partei Bulgariens war. Markov wurde am 7. September 1978 auf der Waterloo Bridge in London Opfer eines „Regenschirmattentats“. Wie man heute weiß, hatte der bulgarische Geheimdienst die Spitze des Regenschirms mit einer kleinen Kugel präpariert, die Markov von einem Agenten in die rechte Wade gerammt wurde. In der Kugel waren etwa 200 Mikrogramm Rizin. Markov starb vier Tage später mit Fieber und Hypotonie an Herzversagen. Über den Fall Georgi Markov hat der bulgarische Journalist Hristo Hristov anhand der Unterlagen aus dem ehemaligen Geheimdienstarchiv inzwischen ein Buch geschrieben und dabei herauszufinden versucht, wie solche phantastischen Geschichten Mittel der „Zersetzung“, der zentralen Strategie ehemaliger osteuropäischer Geheimdienste (und vermutlich nicht nur dieser), waren.  

Die Phantastik der Wirklichkeit

Petr Verzilov hat nicht die Möglichkeit aufzuklären, was mit ihm passiert ist. Er muss mit dieser Unsicherheit leben und genau darum, so würde es wohl der im letzten Jahr verstorbene russische Schriftsteller Vladimir Vojnovič sagen, geht es. Das Ziel ist nicht immer Mord, sondern auch eine grundlegende Verunsicherung der Wahrnehmung. Auch Vojnovič vermutete, vergiftet worden zu sein. Vojnovič war in den 1970er Jahren bereits ein in der Sowjetunion bekannter und zugleich kritischer Satiriker. Im April 1974 wurde er zu einem Verhör mit zwei KGB-Offizieren ins Hotel Metropol geladen, sie wollten wissen, ob und wie er vorhabe, seinen Roman Ivan Čonkin im Ausland zu veröffentlichen. Vojnovič hatte schon gegen Ende des Gesprächs Schwindelanfälle, war abwesend und desorientiert. Der Zustand hielt tagelang an, zudem kamen Herzrasen und eine verfärbte Haut hinzu. Kaum einer wollte ihm damals glauben, dass sein Zustand etwas mit dem Gespräch im Hotel Moskva zu tun haben könnte, viele, auch Ärzte, winkten ab, hielten ihn für paranoid oder verwirrt. Zu Beginn der 1990er Jahre versuchte er, an seine KGB-Akte zu kommen. Aber auch nach der Perestrojka und der zeitweisen Öffnung der Akten hielt man ihn hin und ließ ihn im Ungewissen. Nachdem Vojnovič sich sogar an Boris Jelzin gewandt hatte, teilte man ihm mit, die Akte sei 1991 – zwei Wochen vor seiner Gesuchstellung – vernichtet worden. Zwar gab man ihm einzelne Schriftstücke, dies aber nur, um auch noch knapp zwanzig Jahre nach dem Vorfall das Geheimnis nicht zu lüften. Es ist dieses Ungewisse, aus dem Vojnovič 1993 einen Roman machte, eine Rekonstruktion realistischer autobiografischer Phantastik.

Gaslighting

Der bulgarische Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov definiert Phantastik dadurch, dass es – bezogen auf einen literarischen Text – einen Moment der Unschlüssigkeit und des Zögerns (hésitation) gibt: Sind die seltsamen Ereignisse einer Handlung natürlichen oder übernatürlichen Ursprungs? Und ist es überhaupt wahr, was da passiert ist? Die LeserInnen (und bisweilen auch die ProtagonistInnen) wissen das in der Regel bis zum Schluss nicht und werden in dieser Ungewissheit belassen.

Im praktischen Leben kann Phantastik allerdings auch dazu dienen, die subjektive Wahrnehmung und Einschätzung einer Situation zu irritieren, ja den Orientierungssinn zu zerstören. In der Psychologie wird dieser Prozess als ‚Gaslighting‘ bezeichnet und beschrieben. Der Begriff Gaslighting stammt selbst aus der Literatur, er kommt ursprünglich vom Titel des Theaterstücks Gaslight des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938. Hamilton beschreibt die Manipulation der Selbst- und Realitätswahrnehmung, indem die Wahrnehmung des Betroffenen über einen langen Zeitraum immer wieder manipuliert und zugleich in Frage gestellt wird. Vojnovič befindet sich in der Position von jemandem, der von Gaslighting betroffen ist.

Während in der Psychologie Gaslighter, also die Täter, in der Regel Einzeltäter sind, handelt es sich bei der geheimdienstlichen Praxis um ein System von Tätern, das staatlich gesteuert ist. Es ist der Staat, der seine unliebsamen BürgerInnen in die Situation des Gaslightings versetzt. Die Manipulation passiert – vor allem – durch die Verleugnung und die Unglaubwürdigkeit jener Praktiken, die die Staatssicherheit selbst durchführt.

Wenn man Geheimdienstakten liest, dann kann man die Erzeugung dieser Ungewissheit als eine der Zersetzungsstrategien des Selbst vorfinden, mit denen die Geheimpolizei in Osteuropa insbesondere Dissidenten und oppositionelle Künstler verfolgt hat. Im Archiv der BStU (Behörde zur Aufarbeitung der Stasiunterlagen) gibt es unter anderem Akten über den Fall der Kinderärztin Karin Ritter. Neben der permanenten Streuung von Gerüchten wurde mehrfach in Ritters Wohnung eingebrochen, Bilder wurden umplatziert, Blumentöpfe verschoben, Tee in den Dosen wurde vertauscht. Es handelt sich dabei um eine Verkehrung im Bereich von Fiktionalität und Realität. Die Geheimpolizei erzeugt bzw. fingiert ein Ereignis im Leben eines anderen, das sie im gleichen Atemzug als real Stattfindendes abstreitet. Das Ereignis wird durch die Leugnung in die Einbildungskraft der Betroffenen verschoben, ihre Wahrnehmung wird pathologisiert.

Fiktion und Fiktion

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn hat vor Jahren ein vieldiskutiertes Buch über Verrat, Spionage und moderne Fiktion geschrieben, in dem sie voranstellt, dass Fiktionen, die „luzideste Möglichkeit“ seien, in der „Moderne über das politische Geheimnis zu sprechen“. Die Literatur, ohnehin das „intelligenteste Genre“, sei der Ort, „Legenden und Fiktionen genauer zu erfassen, die in der Politik verbreitet werden“. Fiktion, so Horn, „gibt den Anspruch von Historikern oder Journalisten auf, die eine historische Wahrheit über ein Ereignis vortragen zu können.“ Fiktion sei „besser als alle anderen Diskursformen geeignet, von Geheimnissen zu sprechen, ihre Form zu erläutern – ohne diese Geheimnisse endgültig lüften zu können und zu wollen. Sie exploriert mögliche Versionen eines Ereignisses, aber verfällt nicht der Illusion einer abschließenden Lösung.“ Um die Logik von Spionage zu verstehen, liest Horn deshalb ausschließlich fiktionale Werke, Literatur, Filme, Theaterstücke.

Nach dem langjährigen Studium der Dokumente von Geheimdiensten muss ich jedoch feststellen, dass man die Fiktionsleistung nichtliterarischer Akteure nicht unterschätzen sollte. Wenn man aus Geheimdienstakten etwas herauslesen kann, dann ist das sicherlich nicht die Realität der Ereignisse, das wäre eine völlige Fehleinschätzung des Materials, sondern – ganz im Gegenteil – ihre Fiktionsleistung. Mögliche Versionen eines Ereignisses zu explorieren, ist nicht der Literatur vorbehalten, sondern ganz im Gegenteil eine typische Praxis von Geheimdiensten. Gleiches gilt für die Erzeugung von Ambivalenz und die Unmöglichkeit, das Geheimnis zu lüften. Eine Gegenüberstellung von Fiktion in der Literatur auf der einen Seite und der „Wahrheit der Dokumente“ auf der anderen hält gerade der Realität von Geheimdienstakten nicht stand. Denn selbst wenn der „fiktive Historiker“ nach der Wahrheit in den Akten suchen würde, fände er dort genau jene Fiktionen vor, die ihm verdeutlichen, dass sich das vorgefundene Material von einem guten oder schlechten Roman oft kaum unterscheidet. Die Literaturwissenschaftlerin Christina Vatulescu hat bereits vorgeschlagen, eine Geheimpolizeiakte als „collective literary work“ zu lesen, als eine Art perversen Roman, der auf der Phantasie von Beamten und Autokraten basiert. Das Geheimnis am Ende nicht zu lüften, ist vielleicht in der Literatur ein Merkmal des Literarischen, aber es ist auch gerade die Literatur selbst, die weiss, dass die Bewahrung des Geheimnisses im Leben auch ein Mittel des Terrors sein kann.