In Mölln setzen am 23. November 1992 Skinheads zwei Wohnhäuser türkischer Familien in Brand. Drei Menschen sterben, weitere werden teils schwer verletzt. Der Anschlag verändert migrantisches Leben im vereinten Deutschland ebenso wie den Umgang von Staat und Gesellschaft mit der rechten Gewalt der frühen 1990er Jahre. Ein Blick zurück.

In der Nacht zum 23. November 1992 erreichte die Poli­zei­sta­tion im schleswig-holsteinischen Mölln ein Anruf: „In der Ratze­bur­ger­straße brennt es. Heil Hitler!“, ruft ein Mann ins Telefon, der wenige Minuten zuvor, kurz nach Mitter­nacht, mit einem Komplizen Molo­tow­cock­tails auf eines der Fach­werk­häuser in der mittel­al­ter­li­chen Altstadt der Klein­stadt geschleu­dert hat. Einer der Brand­sätze hat ein Fenster im ersten Stock durch­schlagen und das hölzerne Trep­pen­haus in Brand gesetzt, von dem aus sich das Feuer rasend schnell ausbreitet. Als die alar­mierte Feuer­wehr das Haus nach zehn Minuten erreicht, brennt es lich­terloh. Die meisten Bewohner:innen haben sich bereits in Sicher­heit gebracht. Da ihnen die Flammen den Weg versperrten, sind sie aus den oberen Stock­werken gesprungen oder haben ihre Kinder in die Arme schon geret­teter Nach­barn fallen lassen. Andere klet­tern an zusam­men­ge­kno­teten Gardinen hinunter. Viele verletzen sich bei den waghal­sigen Rettungs­ak­tionen durch Stürze und den beißenden Rauch schwer. Die letzten Bewohner:innen kann die Feuer­wehr mit der Dreh­leiter aus dem bren­nenden Dach­ge­schoss retten.

Das bren­nende Haus in der Mühlen­straße 9; Quelle: spiegel.de

Zur glei­chen Zeit machen sich die Brand­stifter ein paar Straßen weiter daran, ein zweites Haus anzu­zünden. Auch den Brand in der Mühlen­straße melden sie per Telefon, während sich das Feuer durch das hölzerne Trep­pen­haus in rasantem Tempo verbreitet. Mit riskanten Sprüngen retten sich auch hier zahl­reiche Bewohner:innen vor den Flammen, noch bevor die Feuer­wehr die Brand­stelle erreicht. Andere bringen die Rettungs­kräfte in Sicher­heit. Drei Menschen aber können sie nur noch tot aus der Brand­ruine bergen: Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz, 10 und 13 Jahre alt, und ihre 51-jährige Groß­mutter Bahide Arslan.

Rechte Gewalt in Serie

Der Brand­nacht im November 1992 waren auch in Mölln bereits andere Anschläge voraus­ge­gangen. Schon im Oktober 1991, als die drama­ti­sche Eska­la­tion rechter Gewalt­taten einsetze, die das frisch vereinte Deutsch­land zwischen 1991 und 1993 erschüt­terte und im Mord­an­schlag von Mölln ihren vorläu­figen Höhe­punkt fand, waren in der Stadt und in Nach­bar­orten die Scheiben von Flücht­lings­un­ter­künften einge­worfen worden. Rund siebzig Angriffe auf Wohn­stätten von Geflüch­teten hatte das Landes­kri­mi­nalamt Schleswig-Holstein im Herbst und Winter 1991 und 1992 gezählt, darunter zehn Brand­an­schläge. Ebenso im benach­barten Hamburg und jenseits der nahen deutsch-deutschen Grenze, die im November 1992 keine drei Jahre geöffnet war. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein führten 1991 die Statis­tiken der „frem­den­feind­li­chen Gewalt“ an. Im folgenden Jahr sah es kaum anders aus.

Auch die beiden Brand­stifter bewegten sich dies- und jenseits der früheren Grenze. Michael Peters und Lars Chris­ti­ansen waren Teil der Möllner Skin­head­szene, denen der Verfas­sungs­schutz rund vierzig Personen zurech­nete, galten aber eher als Einzel­gänger. Beide waren bereits seit Ende der 1980er Jahre dabei und mit ihren Bomber-Jacken, Tarn­hosen und Sprin­ger­stie­feln unschwer als Skin­heads zu erkennen. Gewalt gehörte für sie selbst­ver­ständ­lich dazu. Schon 1990 war Peters vom Amts­ge­richt Mölln zu einer Geld­strafe verur­teilt worden, weil er einen acht­jäh­rigen Geflüch­teten aus Jugo­sla­wien getreten und ihm einen Stein an den Kopf geschmissen hatte.

Das „Sonnen­blu­men­haus“ während des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen; Quelle: mdr.de

Das rassis­ti­sche Pogrom in Rostock mobi­li­siert die beiden im Spät­sommer 1992. In der von Mölln rund hundert Kilo­meter entfernten Hanse­stadt begannen am 22. August 1992 heftige Angriffe auf die Zentrale Aufnah­me­stelle für Geflüch­tete in Mecklenburg-Vorpommern, die in einem „Sonnen­blu­men­haus“ genannten Plat­tenbau im Stadt­teil Lich­ten­hagen unter­ge­bracht war. Nebenan lebten viet­na­me­si­sche Arbei­te­rinnen und Arbeiter. Das Haus wurde in den folgenden Tagen von mehreren hundert Angrei­fern atta­ckiert. Tausende Schau­lus­tige klatschten Beifall und feuerten die Gewalt an. Auch Peters und Chris­ti­ansen machten sich mit anderen Gewalt­tou­risten aus Mölln auf den Weg nach Rostock, kamen wegen einer Poli­zei­sperre aber nicht bis vor das Sonnenblumenhaus.

Dafür schlossen sie sich am folgenden Wochen­ende einer Gruppe ostdeut­scher Skin­heads an, die für den Abend einen Anschlag auf ein Flücht­lings­heim plante. Man hatte sich zufällig am Sams­tag­abend in einer meck­len­bur­gi­schen Disko getroffen. An dem Heim traf die Gruppe aber nur auf Poli­zisten. Die Skin­heads hatten ihren Plan zuvor per CB-Funk bespro­chen, waren dabei belauscht und der Polizei gemeldet worden, die die Geflüch­teten evaku­iert hat. Enttäuscht schleu­derte die Gruppe zwei Molo­tow­cock­tails auf die Beamten, grölte rassis­ti­sche Parolen und zog wieder ab. Auf dem Rückweg berich­tete Peters vom Flücht­lings­heim in seinem Wohnort Gudow bei Mölln. Spontan fuhren die Jugend­li­chen über die Landes­grenze nach Schleswig-Holstein und warfen mehrere Molo­tow­cock­tails auf das Haus, die aber glück­li­cher­weise von dessen Mauern abprallten. Am folgenden Wochen­ende traf man sich wieder in der Disko­thek. Aber­mals schlug Peters vor, eine Geflüch­te­ten­un­ter­kunft anzu­greifen, die er kannte: diesmal das Heim in Kollow bei Mölln. Auch hier verfehlten die Brand­sätze die anvi­sierten Fenster knapp. Dafür brannte wenige Tage später eine Scheune in der Möllner Innen­stadt, die Gerüchten zur Folge als Unter­kunft für Geflüch­tete vorge­sehen war. Ein anonymer Anruf bei der Feuer­wehr kündigte weitere Brand­stif­tungen an.

Anders als andere Anschläge der Zeit blieb die Gewalt in Mölln und Umge­bung den Sicher­heits­be­hörden nicht verborgen. Eine Sonder­er­mitt­lungs­gruppe der Lübe­cker Polizei begann an den folgenden Wochen­enden, verschie­dene Verdäch­tige zu obser­vieren. Auch Peters gehörte dazu. Mitte November bean­tragte die Staats­an­walt­schaft Lübeck gegen vier Personen Haft­be­fehle wegen des Verdachts auf mehr­fa­chen Mord­ver­such und gefähr­liche Brand­stif­tung, auch gegen Peters. Dem zustän­digen Haft­richter reichten die vorge­legten Beweise aber nicht aus.

Wenige Tage später, in der Nacht zum 23. November machen sich Peters und Chris­ti­ansen dann erneut auf den Weg zu einem Flücht­lings­heim. In ihrem Koffer­raum sind in einer Bier­kiste mindes­tens sechs Molo­tow­cock­tails verstaut. Doch das Heim im Möllner Stadt­teil Wald­stadt ist bereits ein halbes Jahr zuvor geschlossen worden. Er wisse, wo Türken wohnen, sagt Lars Chris­ti­ansen auf der Rück­fahrt. Dann fahren die beiden in die Möllner Altstadt.

Ein halbes Leben in Mölln

Dort leben seit Mitte der 1970er Jahre türki­sche „Gastarbeiter:innen“. Sie waren seit den späten 1960er Jahren nach Mölln gekommen und hatten zunächst im abge­le­genen Wald­stadt gewohnt, wo sich nach dem Krieg in den leeren Gebäuden einer ehema­ligen Wehr­machts­ein­rich­tung verschie­dene Unter­nehmen ange­sie­delt hatten. Zu diesen gehörten auch die Möllner Textil­werke, in denen 1967 Bahide Arslan zu arbeiten begann. Die Textil­in­dus­trie der Region bot zahl­rei­chen jungen Türkinnen Arbeit. Auch andere Frauen aus dem Haus in der Ratze­bur­ger­straße waren hierfür Ende der 1960er Jahre nach Mölln gekommen. Bahide Arslan war die Pionierin ihrer Familie. Ihr Mann und ihre Kinder folgten ihr erst 1970 aus der Türkei in die schleswig-holsteinische Provinz. Wie andere „Gastabeiter:innen“ wurde die Familie hier heimisch. Die Häuser in der Möllner Altstadt waren in den 1970er Jahren noch weit­ge­hend unsa­niert. Aber sie boten den Arbeitsmigrant:innen eine Chance, aus den Gast­ar­bei­ter­heimen im abge­le­genen Wald­stadt in eigene Wohnungen zu ziehen. Familie Arslan lebte seit 1976 in dem Haus in der Mühlen­staße, wo Bahide bis Ende der 1980er Jahre im Erdge­schoss einen Gemü­se­laden betrieb.

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In den folgenden Jahren zogen weitere Fami­li­en­an­ge­hö­rige aus der Türkei hierher. Yeliz Arslan wurde 1982 bereits in Mölln geboren. Zugleich blieben die Bezie­hungen zu den Verwandten in der Türkei eng. Ayşe Yılmaz war im Herbst 1992 für einige Monate bei den Arslans zu Besuch, als die Brand­stifter in der Nacht zum 23. November in die Mühlen­straße kamen. Bahide Arslan hatte bis zu dieser Nacht ihr halbes Leben in Mölln verbracht.

Leben in Angst

Als die Medien am Morgen des 23. November 1992 die Nach­richt vom Brand­an­schlag und seinen Toten verbrei­teten, zog diese heftige Reak­tionen in ganz Deutsch­land nach sich. Mehr als 3.000 Gewalt­taten aus „frem­den­feind­li­chen Motiven“ hatten die Sicher­heits­be­hörden bis zu diesem Zeit­punkt seit September 1991 verzeichnet, darunter knapp 1.000 Brand­an­schläge. Auch Tote hatte diese Gewalt bereits gefor­dert. Erst zwei Tage zuvor war in Berlin der Haus­be­setzer und Anti­fa­schist Silvio Meier von einem Neonazi mit Messer­sti­chen ermordet worden. Doch der Eindruck, den der Anschlag in Mölln machte, war ein beson­derer. Dies galt zuerst für die türki­sche Commu­nity vor allem im Westen der Repu­blik. „Gastarbeiter:innen“ und ihre Nach­kommen waren zwar bereits Ziel rechter Gewalt gewesen. Doch im öffent­li­chen Bewusst­sein war diese vor allem als ein ostdeut­sches Problem verstanden worden, das mit einem heftigen Streit um das Asyl­recht zusam­men­hinge, den die alte Bundes­re­pu­blik dem vereinten Deutsch­land hinter­lassen hatte. Gerade Brand­an­schläge waren auch von migran­ti­schen Commu­nities im Westen als etwas wahr­ge­nommen worden, was vor allem Geflüch­teten und ihren Wohn­stätten galt.

Inso­fern erzeugte der Brand­an­schlag von Mölln ein neues Gefühl der Bedro­hung und Angst. Ange­hö­rige aus der Türkei riefen bei ihren Verwandten in Deutsch­land an, um sich nach ihrer Sicher­heit zu erkun­digen. In türki­schen Kultur­ver­einen und Cafés doku­men­tierten Jour­na­listen noch am 23. November erhitzte Gespräche darüber, ob man noch weiterhin in Deutsch­land leben könne, wenn die Polizei nicht willens oder nicht in der Lage war, Angriffe zu verhin­dern. Schutz, so schien mit Mölln offen­sicht­lich geworden zu sein, mussten Migrant:innen selbst in die Hand nehmen. Vor allem die Fern­seh­bilder der zusam­men­ge­kno­teten Gardinen vor der Brand­ruine in der Ratze­bur­ger­straße prägten sich dabei vielen Menschen mit Einwan­de­rungs­ge­schichte tief ein. „In einen türki­schen Haus­halt gehört ein Seil“, hatten türkei­stäm­mige Männer in einem Berliner Café am 24. November zu einer Jour­na­listin gesagt. „Gardinen brennen leicht. Also Seile. Nach Mölln gehört ein Seil in jeden Haus­halt.“ Seile, Feuer­lö­scher und andere Vorkeh­rungen für den Notfall prägten in den folgenden Monaten und Jahren das Leben vieler türkei­stäm­miger Fami­lien – nicht zuletzt, nachdem im Mai 1993 ein Brand­an­schlag auf ein von Türken bewohntes Haus im nordrhein-westfälischen Solingen aber­mals Tote forderte und die geweckten Ängste ebenso bestä­tigte wie verstärkte. Noch Ende 1993, nachdem die Zahlen der Gewalt­taten deut­lich zurück­ge­gangen waren, lebten viele weiterhin im Gefühl akuter Bedro­hung, hatten einen Feuer­lö­scher griff­be­reit neben dem Bett stehen und schliefen nachts in Trai­nings­an­zügen, um die Wohnung jeder­zeit verlassen zu können.

Ein neues Gefühl der Bedro­hung erlebten nach dem Anschlag von Mölln auch andere Minder­heiten. Der jüdi­sche Publi­zist Ralph Gior­dano etwa schrieb noch am 23. November einen offenen Brief an Bundes­kanzler Helmut Kohl, in dem er bekun­dete, „nach den jüngsten Mord­fällen den Glauben und die Hoff­nung verloren [zu] haben, das Sie und Ihre Regie­rung einen wirk­samen Schutz gegen den Rechts­ex­tre­mismus und seine anti­se­mi­ti­schen Gewalt­täter bieten könnten“, und dem Bundes­kanzler mitteilte, dass „nunmehr Juden in Deutsch­land, darunter auch ich, dazu über­ge­gangen sind, die Abwehr vor poten­ti­ellen Angriffen auf unsere Ange­hö­rigen und uns in die eigenen Hände zu nehmen, und zwar bis in den bewaff­neten Selbst­schutz hinein.“

Verwei­gerte Trauer und rechts­staat­liche Härte

Der Brief schlug hohe Wellen. Die hinter ihm stehende Verzweif­lung vieler Menschen im Land erkannte die adres­sierte Regie­rung aber nicht. Die Bitte um Schutz und Anteil­nahme schlug sie schon am folgenden Tag aus, als dem CDU-Generalsekretär Peter Hintze nicht besseres einfiel, als die „Angriffe von Ralph Gior­dano auf den Bundes­kanzler“ „uner­träg­lich“ zu nennen und Helmut Kohl für seine „entschlos­sene Bekämp­fung jegli­cher Form des Extre­mismus“ zu loben. In ähnli­cher Weise wies auch der Chef des Bundes­kanz­ler­amts Fried­rich Bohl die „ehrver­let­zende Diffa­mie­rung“ des Bundes­kanz­lers „mit aller Entschie­den­heit und großer Empö­rung auf das schärfste zurück“, statt sich den sichtbar gewor­denen Ängsten zu stellen. In glei­cher Weise blind zeigte sich die Bundes­re­gie­rung auch für Trauer, Schmerz und Befürch­tungen einge­wan­derter Menschen im Land, als wenige Tage später Bundes­kanzler Kohl nicht zur Trau­er­feier nach Mölln reiste und sich mit den Worten entschul­digen ließ, er habe „auch noch etwas anderes zu tun“ und „Beileids­tou­rismus“ mache die „schlimme Sache“ nicht besser.

Abge­brannte Baracke in der KZ-Gedenkstätte Sach­sen­hausen 1992; Quelle: sachsenhausen-sbg.de

Dennoch verän­derte der Brand­an­schlag in Mölln die Politik der Kohl-Regierung gegen­über der Gewalt­welle entschei­dend. Auch für sie machte der Anschlag auf Menschen, die seit Jahr­zehnten in der alten Bundes­re­pu­blik lebten, unüber­sehbar, dass es sich bei der Gewalt nicht einfach um ein Problem der „neuen Länder“ oder ein Ergebnis des unge­lösten Asyl­streits handelte, zumal Mölln mit anderen, viel beach­teten Gewalt­taten zusam­men­fiel, bei denen eben­falls nicht Geflüch­tete die Opfer waren. Just am 23. November etwa infor­mierte die Staats­an­walt­schaft Wuppertal über einen Mord, bei dem zwei Skin­heads und ein Gast­wirt einen Mann umge­bracht hatten, den sie für einen Juden hielten – eine Tat, die auch Ralph Gior­dano in seinem Brief an den Bundes­kanzler ansprach. Einige Tage zuvor hatte ein Brand­an­schlag auf eine Baracke in der KZ-Gedenkstätte Sach­sen­hausen für inter­na­tio­nales Aufsehen gesorgt, in der während des Zweiten Welt­krieges jüdi­sche Häft­linge unter­ge­bracht gewesen waren. Und in den Tagen nach Mölln gelang es auch anderen margi­na­li­sierten Gruppen, öffent­lich darauf aufmerksam zu machen, der Gewalt ausge­setzt zu sein; Wohnungs­lose etwa oder Menschen mit Behinderung.

Vor diesem Hinter­grund änderte die Regie­rung ihre Haltung gegen­über der Gewalt. Bundes­re­gie­rung und Regie­rungs­par­teien stuften sie nun als „extre­mis­tisch“ ein, was unmit­tel­bare Folgen hatte. Der Staat besann sich mit ihr seines sicher­heits­po­li­ti­schen Instru­men­ta­riums, das er in den vergan­genen Monaten kaum gegen die drama­ti­sche Eska­la­tion rechter Gewalt einge­setzt hatte: Nach dem Brand­an­schlag in Mölln über­nahm der Gene­ral­bun­des­an­walt die Ermitt­lungen, wie er es ein Jahr­zehnt zuvor bei den rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlägen um 1980 getan hatte.  Und ebenso wie am Beginn der 1980er Jahre erließ das Bundes­in­nen­mi­nis­te­rium seit Dezember 1992 zahl­reiche Verbote rechts­ex­tremer und neona­zis­ti­scher Orga­ni­sa­tionen. Zudem gingen die Sicher­heits­be­hörden mit bislang unge­kannter Härte gegen rechts­ex­treme Musik­ver­lage und die Verbrei­tung ihrer Tonträger vor – eine Härte, die mit dem Abebben der Gewalt­welle 1993 aller­dings bald wieder verschwand.

Soli­da­rität mit Blindstellen

Soli­da­rität, Mitge­fühl und Verständnis für Wut, Trauer und Ängste fanden türki­sche Migrant:innen und andere Minder­heiten hingegen nicht beim Staat, sondern in Teilen der Mehr­heits­ge­sell­schaft. Auch sie wühlte der Anschlag in Mölln mit seinen Toten auf. Aus dem ganzen Land kamen in Mölln Beileids- und Soli­da­ri­täts­briefe an, die die Stadt­ver­wal­tung aller­dings nicht an die Über­le­benden des Anschlages weiter­reichte; erst 27 Jahre später (!) erreichten sie die Über­le­benden und Ange­hö­rigen. Sichtbar waren 1992 hingegen Kund­ge­bungen, Demons­tra­tionen und andere Protest­ak­tionen, die nach Mölln in zahl­rei­chen Städten statt­fanden. Nicht zuletzt Schulen bildeten dabei einen wich­tigen Ort, an dem Schü­le­rinnen und Schüler nach Mölln offen für ihre „auslän­di­schen Mitschüler“ ein- und der Gewalt entgegentraten.

Lich­ter­kette am 6. Dezember 1992 in München; Quelle: sueddeutsche.de

Protest gegen die seit dem Rosto­cker Pogrom im Zentrum der öffent­li­chen Aufmerk­sam­keit stehenden Gewalt­welle hatte bereits Anfang November einge­setzt. In Berlin hatten am 8. November nach einem Aufruf des Bundes­prä­si­denten 350.000 Menschen gegen die rassis­ti­sche Gewalt demons­triert. Am folgenden Tag gab es auch in anderen Städten Demons­tra­tionen und Kund­ge­bungen, wobei vor allem ein Soli­da­ri­täts­kon­zert in Köln unter dem Motto „Arsch huh, Zäng ussen­ander“ großen Nach­hall fand. Der begon­nene Protest gewann nach Mölln noch einmal eine neue Dimen­sion und in den soge­nannten Lich­ter­ketten eine bislang unge­kannte Ausdrucks­form. Die erste dieser stillen Kund­ge­bungen gegen „Auslän­der­feind­lich­keit und Gewalt“ hatten Münchener Bürge­rinnen und Bürger unter dem Eindruck des Möllner Anschlages für den 6. Dezember 1992 orga­ni­siert und dabei 400.000 Menschen auf die Straße gebracht. Die Aktion fand in den folgenden Wochen in zahl­rei­chen Städten Nach­ahmer, die mit ähnlich hohen Teil­neh­mer­zahlen zu den größten Demons­tra­tionen der deut­schen Geschichte über­haupt gehören.

Die Lich­ter­ketten waren umstritten, weil sie keine Antwort auf die Frage gaben, was gegen die Gewalt konkret zu tun sei und sich vor allem jeder Stel­lung­nahme zur Ände­rung des Grund­rechts auf Asyl enthielten, über das CDU und SPD zur glei­chen Zeit verhan­delten. Im Rück­blick erscheint an ihnen hingegen vor allem proble­ma­tisch, dass sie nicht den Gewalt­be­trof­fenen eine Bühne boten, sondern vor allem Schriftsteller:innen, Musiker:innen und anderen Promi­nenten. Türki­sche Orga­ni­sa­tionen veran­stal­teten nach Mölln zwar ihrer­seits Protest­ak­tionen und formu­lierten Forde­rungen gegen­über der Politik. Doch sie erlangen weit weniger Aufmerk­sam­keit. Menschen mit Einwan­de­rungs­ge­schichte mussten und müssen sich Gehör für ihre Erfah­rungen von Ausgren­zung und Gewalt erst im rück­bli­ckenden Gedenken an die Gewalt der frühen 1990er Jahre erkämpfen, wofür der Anschlag von Mölln einen wich­tigen Anstoß gab. Die soge­nannte Möllner Rede im Exil, die Über­le­bende und Ange­hö­rige der Toten des Möllner Brand­an­schlages seit 2013 jähr­lich in verschie­denen Städten veran­stalten, weil sie sich in den Gedenk­ver­an­stal­tungen der Stadt Mölln nicht reprä­sen­tiert sahen, hat ein wich­tiges Modell für Erin­ne­rungs­in­itia­tiven von Betrof­fenen rechter Gewalt geschaffen, die in den letzten Jahren an zahl­rei­chen Orten entstanden sind. Doch zugleich setzen die Proteste nicht nur „ein Zeichen gegen Gewalt“. Mit ihnen bekannte Ende 1992 die deut­sche Mehr­heits­ge­sell­schaft auch so deut­lich wie noch nie seit Beginn der „Gastarbeiter“-Migration in den 1960er Jahren Soli­da­rität mit den „auslän­di­schen Mitbür­gern“ und ihre Zuge­hö­rig­keit zur deut­schen Gesellschaft.

Mölln 1992: eine verwi­ckelte Geschichte

Was der Blick zurück auf Mölln 1992 frei­legt, ist inso­fern eine unein­deu­tige, verwi­ckelte Geschichte, deren Bedeu­tung für die weitere Entwick­lung und Gegen­wart dieses Landes noch lange nicht verstanden ist: eine Geschichte massiver Gewalt, mit der im frisch vereinten Deutsch­land die soziale Zuge­hö­rig­keit zahl­rei­cher Menschen, die oftmals seit Jahr­zehnten in Deutsch­land lebten, bestritten wurde; eine Geschichte von Miss­ach­tung und insti­tu­tio­na­li­sierter Diskri­mi­nie­rung durch Behörden, Politik und Medien; aber auch eine Geschichte von Protest und Soli­da­rität, mit der die Gesell­schaft in Abgren­zung gegen diese Gewalt langsam begann, sich ihrer gesell­schaft­li­chen Viel­falt und Rolle als Einwan­de­rungs­ge­sell­schaft bewusst zu werden.