• Philippe Wampfler ist Deutschlehrer und Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich. Sein Fachgebiet ist die digitale Jugendkultur sowie Lernen mit digitalen Medien.

Wer über das Netz spricht, muss im Netz mit Menschen spre­chen. Das ist die Grund­lage für meine wissen­schaft­liche Arbeit über Netz­kom­mu­ni­ka­tion: Weil ich selbst daran teil­nehme, weiss ich, wovon ich spreche. Eine Nische, in die ich immer wieder abtauche, sind die Gesprächs­kreise, die sich mit der Arbeit von Daniele Ganser befassen. Ganser ist Histo­riker mit eigenem, privaten Institut (Swiss Insti­tute for Peace and Energy Rese­arch, SIPER) und bekannt für seine „Fragen“ zu 9/11, mit denen er insi­nu­iert, der Anschlag sei nicht das Werk isla­mis­ti­scher Terro­risten gewesen. Daneben hat er mehrere Mono­gra­fien über aussen­po­li­ti­sche Themen geschrieben, Kriege und Erdöl sind dabei sein Fokus. Aller­dings folgt seine Arbeits­weise dabei seit Jahren keinen wissen­schaft­li­chen Stan­dards mehr, wie sein Umgang mit Quellen zeigt.

Um Gansers Werk herum hat sich eine Reihe von Gesprächs­kreisen, man könnte sagen eine ‚Bewe­gung‘ gebildet. Er selbst nimmt an dieser nur indi­rekt teil, indem er Talking-Points liefert und der ‚Bewe­gung‘ als „Frie­dens­for­scher“ und promo­vierter Histo­riker eine Aura von Wissen­schaft­lich­keit verleiht. Gleich­zeitig bezieht er seine Inhalte aber auch aus diesen Gesprächs­kreisen: Die These, Al-Quaida-Anschläge seien insze­niert, wird in diesen Gesprächs­kreisen schon länger debat­tiert. Ganser kann so ihre Wirkung abschätzen und greift sie etwas später offi­ziell auf, wie etwa dieser Facebook-Post zum Jahrestag des Atten­tats in Berlin zeigt.

Gesprächs­formen des Ganser-Zirkels

Die Ganser-Zirkel disku­tieren in geschlos­senen Gruppen, in Kommen­taren oder auf den Profilen ihrer sicht­barsten Mitglieder. Ich selbst nehme auf zwei Arten teil: Entweder, indem ich auf meinem Profil Stel­lung beziehe und dann von dieser Commu­nity besucht werde – sie stürzt sich auf alles, was Ganser betrifft. Oder ich beob­achte mit Beun­ru­hi­gung, wie Bekannte Sympa­thien für diese Denk­weise entwi­ckeln und klinke mich ein. Im Folgenden werde ich meine Erfah­rungen in diesen Gesprä­chen schil­dern und eine Analyse versu­chen.

Die Gespräche finden auf der virtu­ellen Bühne, oft über verschie­dene Kanäle hinweg statt: Eine Facebook-Diskussion über einen Blog­post regt einen Beitrag auf einem anderen Blog an, der wiederum eine Diskus­sion auf Twitter entfacht, die später in den Kommen­taren des Blogs weiter­ge­führt wird. Die Teil­neh­menden sind – im Sinne des Sozio­logen Erving Goffman – zugleich Publikum. Einige agieren auch hinter der Bühne, zum Beispiel in Chats. Als Gründe geben sie ihre Unsi­cher­heit an, sowohl in Bezug auf die rich­tige Posi­tion als auch aus Sorge vor persön­li­chen oder beruf­li­chen Konse­quenzen.

Frauen sind im Ganser-Zirkel kaum vertreten. Am aktivsten sind gebil­dete Männer mit viel Zeit: Mit einem freien Jour­na­listen, einem Arzt, einem Inge­nieur in Rente und einem Lehrer habe ich am inten­sivsten debat­tiert – immer unter Einbezug anderer Stimmen. In den Diskus­sionen beab­sich­tigt die Ganser-Seite zu zeigen, wie falsch die offi­zi­ellen Darstel­lungen von Terror­an­schlägen und anderen Ereig­nissen sind, und wie wahr­schein­lich dem gegen­über geheime Abspra­chen und Einflüsse sind. Ich wiederum versuche – manchmal mit Unter­stüt­zung von anderen – nach­zu­weisen, dass diese Vermu­tungen haltlos und irra­tional sind, und dass der para­noi­sche Zweifel dazu führt, dass wissen­schaft­liche Stan­dards über Bord geworfen werden.

Man möchte meinen, diese Diffe­renzen müssten eine Diskus­sion eigent­lich zum Erliegen bringen. Aus zwei Gründen ist das nicht der Fall: Erstens gilt es, auch aus meiner Sicht, nicht bloss das Gegen­über, sondern das Publikum zu über­zeugen. Zwei­tens wollen beide Seiten die andere dazu bringen, endlich seriöse Quellen zur Kenntnis zu nehmen. Daraus ergibt sich oft ein Tausch­handel: ‚Du liest diesen Text, dann schaue ich dieses Video. Du beant­wor­test diese Frage, dann nehme ich zu deiner These Stel­lung‘.

Der „Myside Bias“

Es entsteht also ein Minimum an „Verständigungs- und Diskurs­ori­en­tie­rung“, wie der Medi­en­wis­sen­schaftler Bern­hard Pörksen eines der Prin­zi­pien nennt, an denen er seine Vision einer digi­talen Gesell­schaft orien­tiert. Diese ‚Verstän­di­gung‘ vermeide, wie er schreibt, eine „Pola­ri­sie­rung zweiter Ordnung“, auf der nicht nur Meinungen einander entge­gen­ge­setzt sind, sondern auch die Methoden der Wahr­heits­fin­dung.

Verschwö­rungs­theo­re­ti­sche Gegen­of­fen­sive; Quelle: pinterest.com

Trotzdem gibt es grund­le­gende Diffe­renzen, unter anderem darüber, wie seriöse Argu­men­ta­tionen ablaufen. Ich zum Beispiel kriti­siere Unge­nau­ig­keiten, Pauscha­li­sie­rungen und rheto­ri­sche Tricks, die mir in Vorträgen von Ganser und anderen Kory­phäen der Bewe­gung auffallen: Ganser verkleidet eigene Thesen und Vermu­tungen als Fragen, für die er Aufklä­rung fordert. Damit entle­digt er sich der Pflicht, Belege selbst zu erbringen. Er präsen­tiert sich als seriöser, aber unbe­quemer Wissen­schaftler mit Doktor­titel, hält sich jedoch weder in seinen Büchern noch in seinen Vorträgen an etablierte Stan­dards der Geschichts­wis­sen­schaft. In der Regel bear­beitet er weder Quellen noch histo­ri­sche Fach­li­te­ratur, sondern verbindet, wie seine Fans, lässig im Browser abruf­bare Doku­mente.

Hier zeigt sich ein Wider­spruch, der sowohl Ganser selbst als auch seine Anhänger charak­te­ri­siert: Rhetorik und Analysen sind einer­seits von einem starken Wissen­schaft­lich­keits­fe­tisch ange­trieben, dieser wird jedoch zugunsten einer mora­li­schen Argu­men­ta­tion jeder­zeit aufge­geben („Bist Du etwa für den Krieg und gegen den Frieden?“). Wissen­schaft­lich­keit erscheint dann plötz­lich als hinder­liche Pedan­terie.  Weise ich auf diesen Wider­spruch hin, werde ich als unzu­lässig klein­lich bezeichnet – wo doch so grosse Themen wie Krieg, Medi­en­ma­ni­pu­la­tion und poli­ti­sche Einfluss­nahme verhan­delt würden. Es zeigt sich hier der so genannte „Myside Bias“ von Verschwö­rungs­theo­rien in doppelter Form: Die eigene Theorie wird nicht nur für unhin­ter­fragbar wahr gehalten („Confir­ma­tion Bias“), sondern es wird für ihre Vertre­te­rinnen und Vertreter auch zu einem starken Wunsch, dass sie wahr sei („Desi­ra­bi­lity Bias“).

Wenn eine Argu­men­ta­tion nicht verfängt, erfolgt oft ein Themen­wechsel. Das Reser­voir der uner­klär­li­chen Auffäl­lig­keiten rund um die von Ganser disku­tierten Ereig­nisse ist so gross, dass grosse Themen-Sprünge jeder­zeit möglich sind. Sie verun­mög­li­chen, die Auffäl­lig­keiten in einem grös­seren Kontext zu analy­sieren. Zum Beispiel die Einsicht, dass vor fast allen grös­seren Ereig­nissen Insi­der­handel an der Börse ermit­telbar ist, nicht nur vor dem 11. September 2001; oder die Gründe, weshalb isla­mis­ti­sche Atten­täter am Tatort Ausweise hinter­lassen; und nicht zuletzt welche geome­tri­schen Verzer­rungen die Video­auf­zeich­nungen vom Einsturz der WTC-Türme mit sich bringen. Solche Makro­per­spek­tiven werden von der Ganser-Community ausge­blendet. Beob­ach­tungen von Mustern bleiben redu­ziert auf ihre Auffäl­lig­keit. Mit dem Wechsel von Thema zu Thema wird die Einsicht verdrängt, dass in der Welt ständig Muster rund um promi­nente Ereig­nisse aufscheinen.

Herme­tisch geschlos­sene Denk­ge­bäude

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der ‚Verschwö­rungs­theorie‘. Möchte ich das Gespräch aufrecht­erhalten, muss ich diesen Begriff vermeiden. Philipp Sarasin hat gezeigt, wie die rheto­ri­sche Stra­tegie, zu fragen, statt zu behaupten, sich zu wundern, statt zu belegen, Theo­rien konstru­iert, die per se nicht wider­legt werden können. Zur Verschwö­rungs­theorie werden sie, weil sie keine Krite­rien enthalten, mit denen sie sich falsi­fi­zieren liessen. Doch gerade die Unmög­lich­keit, eine Posi­tion argu­men­tativ zu wider­legen, erschwert die Verwen­dung des Begriffs ‚Verschwö­rungs­theorie‘. Der Begriff wird von ihren Anhän­gern als „Diffa­mie­rung“ bezeichnet, er gilt als Schib­bo­leth für eine uner­wünschte Wertung.

Daniele Ganser; Quelle: twitter.com

Zwei Gesprächs­phasen sind also bislang deut­lich geworden: In einer ersten geht es darum, über­haupt ein Gespräch entstehen zu lassen. Dazu braucht es einen mini­malen Deal. Unab­hängig von seinem Zustan­de­kommen über­schwemmen die Ganser-Anhänger Kommen­tar­spalten mit ihren Links und Darstel­lungen. Wird der Deal einge­gangen, reiben sich in einer zweiten Phase (meine) Forde­rungen nach wissen­schaft­li­cher Strin­genz an den uner­schöpf­li­chen Möglich­keiten, von einem Rätsel zum nächsten zu hüpfen.

In der dritten Phase folgt meist eine hitzige Debatte über die Kompe­tenz von bestimmten Fach­leuten. Im Wesent­li­chen geht es hier darum zu zeigen, dass sehr gut infor­mierte Menschen die Verschwö­rungs­theorie eben­falls unter­stützen. Damit verbunden ist das Argu­ment, ein medialer und öffent­li­cher Druck hindere viele weitere Menschen mit Exper­tise daran, ihre Meinung zu sagen – deshalb seien in den entspre­chenden Grup­pie­rungen meist nur pensio­nierte Fach­leute oder solche ohne univer­si­täre Anstel­lungen oder wissen­schaft­liche Publi­ka­tionen zu finden.

Die vierte Phase wird eröffnet, wenn der Eindruck entsteht, meine Gesprächs­be­reit­schaft sei ein Signal dafür, dass ich die Seite wech­seln möchte. Mehr­fach wurden mir dann schon Treffen mit Ganser oder anderen Fach­leuten, die vom Ganser-Zirkel verein­nahmt werden, in Aussicht gestellt (etwa mit dem Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Marc Chesney, der in einem Paper den Optio­nen­handel rund um 9/11 unter­sucht hat). Diese Fach­leute, so die Ankün­di­gung, würden mir in vertrau­li­chen Gesprä­chen Dinge zeigen, die man im Netz nicht disku­tieren könne. Auch wurden mir Treffen mit Personen offe­riert, deren Iden­tität mir erst vor Ort offen­bart werden könne. Voraus­set­zungen seien aber Vertrauen und die Bereit­schaft, sich an Abma­chungen zu halten. „Darauf soll jeder seine Aussagen im erfor­der­li­chen Ausmass korri­gieren, sie den anderen Betei­ligten verbind­lich zur Frei­gabe vorlegen und ab dann in den verein­barten Formu­lie­rungen öffent­lich einsetzen dürfen“, lautete eines dieser Ange­bote per Facebook-Nachricht.

Diese vierte Phase legt für mich die Vermu­tung einer Orga­ni­sa­tion inner­halb der Ganser-Gesprächskreise nahe. Ganser selbst tritt wie erwähnt nie in Erschei­nung. Sein Charisma und seine Über­zeu­gungs­kraft sind den grossen Bühnen und den privaten Treffen vorbe­halten. Die Stra­tegie geht auf: Seine Auftritte sind teuer, aber ausver­kauft. Er füllt Hallen – und mobi­li­siert durch seine Anhänger im Netz.

Fazit

Die Erfor­schung solcher Gespräche und Zirkel wirft natür­lich metho­di­sche Fragen auf: Die Teil­nahme an Gesprä­chen, die gleich­zeitig Unter­su­chungs­ge­gen­stand sind, ist eine verbrei­tete Methode der (digi­talen) Feld­for­schung. Sie berührt aber auch metho­di­sche und ethi­sche Grenzen. Denn: Menschen sollten „nicht als blosse Daten­lie­fe­ranten“ ange­sehen werden. Die Forscherin oder der Forscher muss sich, wie ich es versuche, als Mensch einbringen (siehe die 10 Gebote der Feld­for­schung von Roland Girtler). Zudem: Wer Menschen in Expe­ri­mente einbe­zieht, muss sie vorher darüber infor­mieren und selbst eine neutrale Posi­tion einnehmen. Dies wiederum habe ich nicht gemacht. Damit sind abschlies­send grosse Heraus­for­de­rungen der Gesprächs­be­ob­ach­tung in sozialen Netz­werken benannt: Wie gelingt es, Menschen zu achten und ihre Wahr­neh­mung zu respek­tieren, wenn davon auszu­gehen ist, dass sie mani­pu­liert werden und selbst Infor­ma­tionen so mani­pu­lieren? Wie kann sich ein Gespräch auf Augen­höhe mit jemandem entfalten, deren oder dessen Haltung mir Sorge bereitet?

Abraham Zapruder: Die Ermor­dung J.F.Kennedys, 1963; Quelle: crime-mysterie.info

Denn genau das zeigen meine Ergeb­nisse: Es gibt Gründe, sich Sorgen zu machen. Für mein Buch über Nonsens im Netz habe ich in den Ganser-Diskussionen viel darüber gelernt, wie Infor­ma­tion ohne Bemü­hung um Wahr­haf­tig­keit für die Konstruk­tion von Verschwö­rungs­theo­rien einge­setzt wird. Die zentrale Einsicht ist dabei, dass Verschwö­rungs­theo­rien Ereig­nisse als Zeit­lupe erzählen: Wie beim Zapruder-Film von der Ermor­dung John F. Kennedys entsteht dadurch der Eindruck eines präzi­seren Blickes. Tatsäch­lich aber lässt dieser Blick die Realität in unscharfe Bilder zerfliessen. Bilder, die alles und nichts bedeuten können. So entstehen Codes, die für Einge­weihte sehr aufschluss­reich sind und Para­noia beför­dern, die aber keiner analy­ti­schen Prüfung stand­halten.

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