Mit Pilzen denken

Wie kommen wir aus der ökonomischen und ökologischen Sackgasse heraus? Indem wir lernen, mit Pilzen zu denken – und uns unsere Geschichte(n) auf eine andere Weise zu erzählen. So Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem fast schon zum Kultbuch avancierten «Der Pilz am Ende der Welt».



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Der Klimawandel und das Bewusstsein, dass es mit einer auf Wachstum und Verbrauch von Ressourcen basierenden Ökonomie nicht weitergehen kann, sorgen für düstere Gegenwartsanalysen, auch und gerade in kulturwissenschaftlichen Studien. Die amerikanische Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing schafft mit ihrem von eigenwilligen Beobachtungen und Gedanken nur so flirrenden Buch über den Matsutake-Pilz das, was heute am dringendsten gebraucht wird, nämlich gedankliche Freiräume, um über Alternativen zu den derzeit dominanten Fortschritts- und Untergangserzählungen nachzudenken. Besonders interessant ist ihr Versuch einer neuen Form des Erzählens, bei der eine lebendige Assemblage unterschiedlichster Wesen und Dinge an die Stelle des einsamen Actionhelden tritt.

Die Madeleine unter den Pilzen

Der Matsutake, ein edler Wildpilz aus der Familie der Ritterlingsverwandten, lässt nichts und niemanden kalt. Nacktschnecken meiden ihn, Fluginsekten geraten seinetwegen in Ekstase. In Japan löst sein Geruch Nostalgie aus und eine ansehnliche Lyrikproduktion. In seinem Duft erkennen die Dichter die Schönheiten des Herbstes, und er lässt Erinnerungen mit einer seltenen Intensität aufblitzen – der Vergleich mit Prousts Madeleine liegt auf der Hand.

Menschen europäischer Abstammung hingegen scheinen es eher mit den Nacktschnecken zu halten und können sich nur schwer an den magischen Duft gewöhnen (die Autorin dieses Textes kann diese Behauptung in Ermangelung eines Zugriffs auf die Delikatesse leider nicht empirisch überprüfen). So erhielt der Pilz zunächst den wissenschaftlichen Namen Tricholoma nauseosum, der ekelerregende Ritterling – wobei er später aus Rücksicht auf den japanischen Geschmack in Tricholoma matsutake umgetauft wurde.

Es sind tausend Geschichten, welche Tsing in ihrem Buch erzählt, das 2015 im amerikanischen Original und 2018 in deutscher Übersetzung erschienen ist und auf seine Leserschaft eine ähnlich euphorisierende Wirkung ausübt wie der Duft des Matsutake auf Fluginsekten. Wenn sie den Verflechtungen von Wäldern, Menschen, Verwertungsketten und Migrationsbewegungen mit intellektueller Neugier und mit der hellwachen Aufmerksamkeit der Feldforscherin nachspürt, fördert sie Geschichten von unbestimmten Begegnungen und dynamischen Gefügen zutage, in denen der Matsutake als «faszinierender, Natur und Kultur verknüpfender Knoten» wirksam ist.

Allein die Geschichte der Wahrnehmung seines Geruchs auf der Skala zwischen elaboriertem kulinarischem und künstlerischem Genuss und grausigem Fäulnisgestank verweise auf die untrennbare Verflechtung von kulturellen und naturgeschichtlichen Aspekten. Anstatt den Pilz taxonomisch von seinem Umfeld zu isolieren, richtet sie den Blick auf die dynamische, von vielen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen mitgestaltete Assemblage, in der er gedeiht, gesammelt, verkauft und verschenkt wird.

Was so spielerisch daherkommt, bedeutet eine durchaus radikale Verschiebung des Blicks: Das Erkenntnisinteresse wendet sich ab vom einzelnen Körper als in sich abgeschlossener Entität und konzentriert sich auf die Gestalt der Bewegungen, die sich zwischen Körpern abspielen im Lauf der Zeit. Was wäre, fragt die Autorin, wenn wir unser Leben als unbestimmte, in der Zeit wandelbare Form wahrnehmen könnten? Im Zentrum steht nicht mehr die Frage, wer die Kontrolle über andere hat, sondern was verschiedene, ganz unterschiedliche Lebensformen miteinander bewegen können. Der gemeinsame Nenner ist die Fähigkeit, Welten zu bauen, auch wenn sie noch so prekär und ephemer sind.

Vom Glück des Pilzesammelns

Tsing geht von einer wissenschaftlichen Beobachtung und einer persönlichen Erfahrung aus, die sie miteinander verwebt. Nicht nur nach der nuklearen Katastrophe in Hiroshima war das erste Leben, das sich wieder regte, ein Matsutake. Auch in den abgeholzten Wäldern Oregons schossen die Edelpilze plötzlich aus dem Boden; sie gehören, zusammen mit Ratten, Waschbären und Kakerlaken, zu den Lebewesen, die sich in den Trümmern des Kapitalismus zurechtfinden und neue Lebensräume schaffen können.

Das sei keineswegs als Ausrede für weitere Zerstörungen zu verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass auch am vermeintlichen Ende der Welt noch Koexistenz, ein gemeinschaftliches Überleben möglich sei. Tsing berichtet von ihrer Feldforschung in den abgeholzten, verwüsteten Wäldern Oregons, in denen plötzlich ein wildes Treiben ausbricht. Die Kiefern, die auf dem zerstörten Boden wachsen, bieten die ideale Umgebung für Matsutake, die wiederum Pilzsammler:innen anziehen. Bei diesen handelt es sich vor allem um Menschen, die unter prekären ökonomischen Bedingungen leben. Dazu gehören weisse Kriegsveteranen ebenso wie Migrant:innen aus südostasiatischen Ländern, viele von ihnen ebenfalls kriegstraumatisiert.

Was sie alle verbinde, sei eine Idee von Freiheit, die Tsing als eigenwillige Auslegung des amerikanischen Traums unter prekären Bedingungen und ohne Engagement von staatlicher Seite beschreibt. Sie formuliert einfühlsame kleine Porträts dieser Menschen, lässt sie selbst zu Wort kommen und vermeidet so jede Idealisierung einer unsicheren Existenz ohne festes Einkommen, «ohne das Versprechen von Stabilität». Wenn sie vorschlägt, das Leben in offenen, sich immer wieder ändernden Gefügen – die sie im Original Assemblagen nennt – als Chance zu begreifen, orientiert sie sich gerade nicht an abstrakten Idealen, sondern am realen Leben abseits der Vorstellungen von Ordnung und Fortschritt, die den Blick auf ökonomische Wirklichkeiten verstellen.

Indem sie ihre eigene Erfahrung des Pilzesammelns ins Spiel bringt, verbindet sie die Möglichkeiten der artenübergreifenden Kooperation mit elementaren menschlichen Bedürfnissen, insbesondere dem Wunsch, einfach leben zu dürfen, ohne Leistung und Nachweis von Produktivität. Sie schreibt: «Pilze werfen mich auf meine Sinne zurück, nicht einfach – wie bei Blumen – durch ihre ausgelassenen Farben und Düfte, sondern weil sie so unerwartet aufschießen und mich an das Glück erinnern, einfach da zu sein. Dann weiß ich wieder, dass es noch Freuden gibt inmitten der Schrecken der Unbestimmtheit.»

Polyphon und artenübergreifend erzählen

Tsing verfolgt neben der ausführlichen Analyse des Gefüges aus Wäldern, Pilzen, Menschen und komplexen Handelswegen eine weitere Agenda, die vor allem für die kulturwissenschaftliche Literatur- und Medienwissenschaft von Bedeutung ist. Denn unter dem Schlagwort Ästhetiken des Anthropozäns interessieren sich Forscher:innen für Spielarten des Erzählens, bei denen nicht der einsame Held oder die einsame Heldin im Mittelpunkt steht. Vielmehr erproben sie ästhetische Formen, um das artenübergreifende Zusammenleben erfahrbar zu machen.

Es sei an der Zeit, schreibt Tsing programmatisch, neue Mittel zu finden, mit denen sich auch jenseits zivilisatorischer Grundprinzipien wie der Idee, die «Natur» könne durch technologischen und ökonomischen Fortschritt unter Kontrolle gebracht werden, relevante Geschichten erzählen lassen: «Wenn man auf die Trennung von Mensch und Natur verzichtet, können alle Kreaturen wieder am Leben teilhaben.» Und es braucht das wissenschaftliche und das literarische Erzählen, um dieses vielfältige Leben sichtbar zu machen.

Die Autorin legt ein inspirierendes Beispiel eines Buches vor, das wissenschaftliche Methodik in grösster Selbstverständlichkeit mit literarischen Verfahren verbindet. Die kurzen Kapitel, die vom Pilz zu seinen Sammler:innen, zu globalen Handelsketten und wieder zurück in den Wald springen, ergeben zusammen ebenfalls eine polyphone Assemblage, ganz nach dem Vorbild der Rhythmen der Landschaft, in welcher der Matsutake gedeiht.

Nicht zuletzt lässt sich aus Tsings Überlegungen folgern, dass in populären Genres des Erzählens ein Wissen über die Welt transportiert wurde, das Formen eines Denkens bereitstellt, mit denen sich das Weltenbauen durch Assemblagen aus unterschiedlichsten Wesen und Dingen vorstellen und begreifen lässt. Die Verwicklungen zwischen den Arten, «die einst in das Reich der Fabeln gehörten», seien nun Stoff ernsthafter Erörterungen von Biologen und Ökologen – und wirken über die Naturwissenschaft auf die Künste und Kulturwissenschaft zurück.

Die hellwache Aufmerksamkeit, mit der man den «Pilz am Ende der Welt» liest, hat mit dem Assemblage-Charakter des Buches zu tun – und mit dem lustvollen Ton, der abenteuerlustigen Energie des Textes, der frei ist von Alarmismus und apokalyptischer Panik, aber auch souverän den Kitsch vermeidet, dem man oft begegnet, wenn es um Bäume, Pilze und ihre unterirdischen Netzwerke geht. Tsing erwähnt zwar kurz das vielbeschworene «wood wide web», das Internet des Waldes, ohne es aber als moralisches Vorbild für die kurzfristig denkende und auf den eigenen Vorteil fixierte Menschheit zu stilisieren. Ihr geht es um die Form, welche Kooperation in den Trümmern des Kapitalismus annehmen kann, und darum, den Blick dafür zu schärfen.

Was das Buch so inspirierend macht, ist denn auch die Präzision und Nüchternheit, wenn es ums Beobachten und Beschreiben geht, in Verbindung mit einem visionär-verspielten Umgang mit Theorie. Denn der Humus, auf dem Tsings Argumentation gedeiht, ist die feministische Wissenschaftstheorie, die sie zusammen mit Donna Haraway und anderen Forscher:innen der University of California in Santa Cruz weiterentwickelt hatte. Daraus ging eine neue, ebenso vom feministischen Denken an der Schnittstelle von Natur- und Kulturwissenschaft wie vom literarischen Schreiben beeinflusste Methode hervor, das «artenübergreifende Erzählen», das Tsing in ihrem Buch auf überzeugende Art betreibt.

Wobei der Hinweis auf die literarische Herkunft dieses Erzählens hier nicht fehlen darf; es geht nämlich auf die Poetologie der Science Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin (1929–2018) zurück, die in den letzten Jahren als Vordenkerin eines ebenso nachhaltigen wie bodenständigen Weltverständnisses gefeiert wird. In ihrem Essay «The Carrier Bag Theory of Fiction» denkt sie darüber nach, wie sich Geschichten ohne handlungsstarke Helden erzählen lassen. In Donna Haraways Denken spiegelt sich diese Suche nach anderen Formen auch darin, dass sie den Begriff des Anthropozäns, der den Menschen als handelndes Subjekt ins Zentrum stellt, durch den des Cthulhuzäns ersetzt – in Hinblick auf eine Zukunft in einer «sympoietischen», vom Zusammen-Machen unterschiedlichster Wesen und Dinge geprägten Welt.

Le Guin hat ganz pragmatische Vorstellungen für dieses Erzählen ohne einsamen Helden. Um die Geschichten einzusammeln, die überall – wie Matsutake-Pilze – ganz von selbst wuchern, braucht es in erster Linie einen Korb oder einen Beutel. Dabei widerspricht sie der oft wiederholten Behauptung, jede Geschichte entzünde sich notwendigerweise an einem Konflikt. Auseinandersetzungen seien eine Form von Begegnung unter anderen, nicht mehr und nicht weniger, die selbstverständlich im Beutel Platz haben. Im Kern gehe es beim Geschichtenerzählen aber um einen Prozess, an dem viele Akteur:innen beteiligt seien.

Tsings Buch ist ein Le Guin’scher Beutel, der es möglich macht, die Abenteuer von Landschaften so spannend zu erzählen, dass man beim Lesen das Gefühl hat, am Puls der wesentlichen Fragen der Zeit zu sein – gerade weil es nicht nur um den Menschen und seine Perspektive geht. Der Matsutake eignet sich deswegen so gut als Protagonist, weil er ein Zwischen- und Verbindungswesen ist. Jeder Versuch, etwas über den Pilz zu sagen, lässt sofort die Vielstimmigkeit all der Wesen, Dinge, Begegnungen und Konzepte erklingen, die mit ihm verflochten sind.

Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk Höfer. Berlin: Matthes & Seitz 2018.