Wie kommen wir aus der ökonomischen und ökologischen Sackgasse heraus? Indem wir lernen, mit Pilzen zu denken – und uns unsere Geschichte(n) auf eine andere Weise zu erzählen. So Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem fast schon zum Kultbuch avancierten «Der Pilz am Ende der Welt».

30. August 2020Lesezeit ca. 8 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern
  • Christine Lötscher ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie forscht und lehrt als Privatdozentin am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich zu populären Genres sowie Kinder- und Jugendmedien und vertritt zurzeit die Professur für Kulturmanagement an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Der Klima­wandel und das Bewusst­sein, dass es mit einer auf Wachstum und Verbrauch von Ressourcen basie­renden Ökonomie nicht weiter­gehen kann, sorgen für düstere Gegen­warts­ana­lysen, auch und gerade in kultur­wis­sen­schaft­li­chen Studien. Die ameri­ka­ni­sche Anthro­po­login Anna Lowen­haupt Tsing schafft mit ihrem von eigen­wil­ligen Beob­ach­tungen und Gedanken nur so flir­renden Buch über den Matsutake-Pilz das, was heute am drin­gendsten gebraucht wird, nämlich gedank­liche Frei­räume, um über Alter­na­tiven zu den derzeit domi­nanten Fortschritts- und Unter­gangs­er­zäh­lungen nach­zu­denken. Beson­ders inter­es­sant ist ihr Versuch einer neuen Form des Erzäh­lens, bei der eine leben­dige Assem­blage unter­schied­lichster Wesen und Dinge an die Stelle des einsamen Action­helden tritt.

Die Made­leine unter den Pilzen

Der Mats­utake, ein edler Wild­pilz aus der Familie der Ritter­lings­ver­wandten, lässt nichts und niemanden kalt. Nackt­schne­cken meiden ihn, Flug­in­sekten geraten seinet­wegen in Ekstase. In Japan löst sein Geruch Nost­algie aus und eine ansehn­liche Lyrik­pro­duk­tion. In seinem Duft erkennen die Dichter die Schön­heiten des Herbstes, und er lässt Erin­ne­rungen mit einer seltenen Inten­sität aufblitzen – der Vergleich mit Prousts Made­leine liegt auf der Hand.

Autumn Fine Dining: Mats­utake Mushroom; Quelle: tiptoeingworld.com

Menschen euro­päi­scher Abstam­mung hingegen scheinen es eher mit den Nackt­schne­cken zu halten und können sich nur schwer an den magi­schen Duft gewöhnen (die Autorin dieses Textes kann diese Behaup­tung in Erman­ge­lung eines Zugriffs auf die Deli­ka­tesse leider nicht empi­risch über­prüfen). So erhielt der Pilz zunächst den wissen­schaft­li­chen Namen Tricho­loma nauseosum, der ekel­er­re­gende Ritter­ling – wobei er später aus Rück­sicht auf den japa­ni­schen Geschmack in Tricho­loma mats­utake umge­tauft wurde.

Es sind tausend Geschichten, welche Tsing in ihrem Buch erzählt, das 2015 im ameri­ka­ni­schen Original und 2018 in deut­scher Über­set­zung erschienen ist und auf seine Leser­schaft eine ähnlich eupho­ri­sie­rende Wirkung ausübt wie der Duft des Mats­utake auf Flug­in­sekten. Wenn sie den Verflech­tungen von Wäldern, Menschen, Verwer­tungs­ketten und Migra­ti­ons­be­we­gungen mit intel­lek­tu­eller Neugier und mit der hell­wa­chen Aufmerk­sam­keit der Feld­for­scherin nach­spürt, fördert sie Geschichten von unbe­stimmten Begeg­nungen und dyna­mi­schen Gefügen zutage, in denen der Mats­utake als «faszi­nie­render, Natur und Kultur verknüp­fender Knoten» wirksam ist.

Allein die Geschichte der Wahr­neh­mung seines Geruchs auf der Skala zwischen elabo­riertem kuli­na­ri­schem und künst­le­ri­schem Genuss und grau­sigem Fäul­nis­ge­stank verweise auf die untrenn­bare Verflech­tung von kultu­rellen und natur­ge­schicht­li­chen Aspekten. Anstatt den Pilz taxo­no­misch von seinem Umfeld zu isolieren, richtet sie den Blick auf die dyna­mi­sche, von vielen mensch­li­chen und nicht-menschlichen Akteur:innen mitge­stal­tete Assem­blage, in der er gedeiht, gesam­melt, verkauft und verschenkt wird.

Was so spie­le­risch daher­kommt, bedeutet eine durchaus radi­kale Verschie­bung des Blicks: Das Erkennt­nis­in­ter­esse wendet sich ab vom einzelnen Körper als in sich abge­schlos­sener Entität und konzen­triert sich auf die Gestalt der Bewe­gungen, die sich zwischen Körpern abspielen im Lauf der Zeit. Was wäre, fragt die Autorin, wenn wir unser Leben als unbe­stimmte, in der Zeit wandel­bare Form wahr­nehmen könnten? Im Zentrum steht nicht mehr die Frage, wer die Kontrolle über andere hat, sondern was verschie­dene, ganz unter­schied­liche Lebens­formen mitein­ander bewegen können. Der gemein­same Nenner ist die Fähig­keit, Welten zu bauen, auch wenn sie noch so prekär und ephemer sind.

Vom Glück des Pilzesammelns

Tsing geht von einer wissen­schaft­li­chen Beob­ach­tung und einer persön­li­chen Erfah­rung aus, die sie mitein­ander verwebt. Nicht nur nach der nuklearen Kata­strophe in Hiro­shima war das erste Leben, das sich wieder regte, ein Mats­utake. Auch in den abge­holzten Wäldern Oregons schossen die Edel­pilze plötz­lich aus dem Boden; sie gehören, zusammen mit Ratten, Wasch­bären und Kaker­laken, zu den Lebe­wesen, die sich in den Trüm­mern des Kapi­ta­lismus zurecht­finden und neue Lebens­räume schaffen können.

Das sei keines­wegs als Ausrede für weitere Zerstö­rungen zu verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass auch am vermeint­li­chen Ende der Welt noch Koexis­tenz, ein gemein­schaft­li­ches Über­leben möglich sei. Tsing berichtet von ihrer Feld­for­schung in den abge­holzten, verwüs­teten Wäldern Oregons, in denen plötz­lich ein wildes Treiben ausbricht. Die Kiefern, die auf dem zerstörten Boden wachsen, bieten die ideale Umge­bung für Mats­utake, die wiederum Pilzsammler:innen anziehen. Bei diesen handelt es sich vor allem um Menschen, die unter prekären ökono­mi­schen Bedin­gungen leben. Dazu gehören weisse Kriegs­ve­te­ranen ebenso wie Migrant:innen aus südost­asia­ti­schen Ländern, viele von ihnen eben­falls kriegstraumatisiert.

Was sie alle verbinde, sei eine Idee von Frei­heit, die Tsing als eigen­wil­lige Ausle­gung des ameri­ka­ni­schen Traums unter prekären Bedin­gungen und ohne Enga­ge­ment von staat­li­cher Seite beschreibt. Sie formu­liert einfühl­same kleine Porträts dieser Menschen, lässt sie selbst zu Wort kommen und vermeidet so jede Idea­li­sie­rung einer unsi­cheren Exis­tenz ohne festes Einkommen, «ohne das Verspre­chen von Stabi­lität». Wenn sie vorschlägt, das Leben in offenen, sich immer wieder ändernden Gefügen – die sie im Original Assem­blagen nennt – als Chance zu begreifen, orien­tiert sie sich gerade nicht an abstrakten Idealen, sondern am realen Leben abseits der Vorstel­lungen von Ordnung und Fort­schritt, die den Blick auf ökono­mi­sche Wirk­lich­keiten verstellen.

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Indem sie ihre eigene Erfah­rung des Pilze­sam­melns ins Spiel bringt, verbindet sie die Möglich­keiten der arten­über­grei­fenden Koope­ra­tion mit elemen­taren mensch­li­chen Bedürf­nissen, insbe­son­dere dem Wunsch, einfach leben zu dürfen, ohne Leis­tung und Nach­weis von Produk­ti­vität. Sie schreibt: «Pilze werfen mich auf meine Sinne zurück, nicht einfach – wie bei Blumen – durch ihre ausge­las­senen Farben und Düfte, sondern weil sie so uner­wartet aufschießen und mich an das Glück erin­nern, einfach da zu sein. Dann weiß ich wieder, dass es noch Freuden gibt inmitten der Schre­cken der Unbestimmtheit.»

Poly­phon und arten­über­grei­fend erzählen

Tsing verfolgt neben der ausführ­li­chen Analyse des Gefüges aus Wäldern, Pilzen, Menschen und komplexen Handels­wegen eine weitere Agenda, die vor allem für die kultur­wis­sen­schaft­liche Literatur- und Medi­en­wis­sen­schaft von Bedeu­tung ist. Denn unter dem Schlag­wort Ästhe­tiken des Anthro­po­zäns inter­es­sieren sich Forscher:innen für Spiel­arten des Erzäh­lens, bei denen nicht der einsame Held oder die einsame Heldin im Mittel­punkt steht. Viel­mehr erproben sie ästhe­ti­sche Formen, um das arten­über­grei­fende Zusam­men­leben erfahrbar zu machen.

Es sei an der Zeit, schreibt Tsing program­ma­tisch, neue Mittel zu finden, mit denen sich auch jenseits zivi­li­sa­to­ri­scher Grund­prin­zi­pien wie der Idee, die «Natur» könne durch tech­no­lo­gi­schen und ökono­mi­schen Fort­schritt unter Kontrolle gebracht werden, rele­vante Geschichten erzählen lassen: «Wenn man auf die Tren­nung von Mensch und Natur verzichtet, können alle Krea­turen wieder am Leben teil­haben.» Und es braucht das wissen­schaft­liche und das lite­ra­ri­sche Erzählen, um dieses viel­fäl­tige Leben sichtbar zu machen.

Anna Lowen­haupt Tsing, “The Mushroom at the End of the World. On the Possi­bi­lity of Life in Capi­ta­list Ruins” (Cover der ameri­ka­ni­schen Ausgabe); Quelle: press.princeton.edu

Die Autorin legt ein inspi­rie­rendes Beispiel eines Buches vor, das wissen­schaft­liche Methodik in grösster Selbst­ver­ständ­lich­keit mit lite­ra­ri­schen Verfahren verbindet. Die kurzen Kapitel, die vom Pilz zu seinen Sammler:innen, zu globalen Handels­ketten und wieder zurück in den Wald springen, ergeben zusammen eben­falls eine poly­phone Assem­blage, ganz nach dem Vorbild der Rhythmen der Land­schaft, in welcher der Mats­utake gedeiht.

Nicht zuletzt lässt sich aus Tsings Über­le­gungen folgern, dass in popu­lären Genres des Erzäh­lens ein Wissen über die Welt trans­por­tiert wurde, das Formen eines Denkens bereit­stellt, mit denen sich das Welten­bauen durch Assem­blagen aus unter­schied­lichsten Wesen und Dingen vorstellen und begreifen lässt. Die Verwick­lungen zwischen den Arten, «die einst in das Reich der Fabeln gehörten», seien nun Stoff ernst­hafter Erör­te­rungen von Biologen und Ökologen – und wirken über die Natur­wis­sen­schaft auf die Künste und Kultur­wis­sen­schaft zurück.

Die hell­wache Aufmerk­sam­keit, mit der man den «Pilz am Ende der Welt» liest, hat mit dem Assemblage-Charakter des Buches zu tun – und mit dem lust­vollen Ton, der aben­teu­er­lus­tigen Energie des Textes, der frei ist von Alar­mismus und apoka­lyp­ti­scher Panik, aber auch souverän den Kitsch vermeidet, dem man oft begegnet, wenn es um Bäume, Pilze und ihre unter­ir­di­schen Netz­werke geht. Tsing erwähnt zwar kurz das viel­be­schwo­rene «wood wide web», das Internet des Waldes, ohne es aber als mora­li­sches Vorbild für die kurz­fristig denkende und auf den eigenen Vorteil fixierte Mensch­heit zu stili­sieren. Ihr geht es um die Form, welche Koope­ra­tion in den Trüm­mern des Kapi­ta­lismus annehmen kann, und darum, den Blick dafür zu schärfen.

Was das Buch so inspi­rie­rend macht, ist denn auch die Präzi­sion und Nüch­tern­heit, wenn es ums Beob­achten und Beschreiben geht, in Verbin­dung mit einem visionär-verspielten Umgang mit Theorie. Denn der Humus, auf dem Tsings Argu­men­ta­tion gedeiht, ist die femi­nis­ti­sche Wissen­schafts­theorie, die sie zusammen mit Donna Haraway und anderen Forscher:innen der Univer­sity of Cali­fornia in Santa Cruz weiter­ent­wi­ckelt hatte. Daraus ging eine neue, ebenso vom femi­nis­ti­schen Denken an der Schnitt­stelle von Natur- und Kultur­wis­sen­schaft wie vom lite­ra­ri­schen Schreiben beein­flusste Methode hervor, das «arten­über­grei­fende Erzählen», das Tsing in ihrem Buch auf über­zeu­gende Art betreibt.

Ursula K. Le Guin, The Carrier Bag Theory of Fiction (Cover); Quelle: ignota.org

Wobei der Hinweis auf die lite­ra­ri­sche Herkunft dieses Erzäh­lens hier nicht fehlen darf; es geht nämlich auf die Poeto­logie der Science Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin (1929–2018) zurück, die in den letzten Jahren als Vorden­kerin eines ebenso nach­hal­tigen wie boden­stän­digen Welt­ver­ständ­nisses gefeiert wird. In ihrem Essay «The Carrier Bag Theory of Fiction» denkt sie darüber nach, wie sich Geschichten ohne hand­lungs­starke Helden erzählen lassen. In Donna Hara­ways Denken spie­gelt sich diese Suche nach anderen Formen auch darin, dass sie den Begriff des Anthro­po­zäns, der den Menschen als handelndes Subjekt ins Zentrum stellt, durch den des Cthul­hu­zäns ersetzt – in Hinblick auf eine Zukunft in einer «sympoie­ti­schen», vom Zusammen-Machen unter­schied­lichster Wesen und Dinge geprägten Welt.

Le Guin hat ganz prag­ma­ti­sche Vorstel­lungen für dieses Erzählen ohne einsamen Helden. Um die Geschichten einzu­sam­meln, die überall – wie Matsutake-Pilze – ganz von selbst wuchern, braucht es in erster Linie einen Korb oder einen Beutel. Dabei wider­spricht sie der oft wieder­holten Behaup­tung, jede Geschichte entzünde sich notwen­di­ger­weise an einem Konflikt. Ausein­an­der­set­zungen seien eine Form von Begeg­nung unter anderen, nicht mehr und nicht weniger, die selbst­ver­ständ­lich im Beutel Platz haben. Im Kern gehe es beim Geschich­ten­er­zählen aber um einen Prozess, an dem viele Akteur:innen betei­ligt seien.

Tsings Buch ist ein Le Guin’scher Beutel, der es möglich macht, die Aben­teuer von Land­schaften so span­nend zu erzählen, dass man beim Lesen das Gefühl hat, am Puls der wesent­li­chen Fragen der Zeit zu sein – gerade weil es nicht nur um den Menschen und seine Perspek­tive geht. Der Mats­utake eignet sich deswegen so gut als Prot­ago­nist, weil er ein Zwischen- und Verbin­dungs­wesen ist. Jeder Versuch, etwas über den Pilz zu sagen, lässt sofort die Viel­stim­mig­keit all der Wesen, Dinge, Begeg­nungen und Konzepte erklingen, die mit ihm verflochten sind.

Anna Lowen­haupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapi­ta­lismus. Aus dem ameri­ka­ni­schen Englisch von Dirk Höfer. Berlin: Matthes & Seitz 2018.
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