Kann man mit den theoretischen Konzepten und historischen Beispielen, die Michel Foucault in den 1970er Jahren entwickelte, die gegenwärtige Lage deuten? Ja – aber anders, als man denkt. Und nein, von Biopolitik zu sprechen hilft dabei nicht weiter.

25. März 2020Lesezeit ca. 10 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

Es sieht aus wie ein biopo­li­ti­scher Traum: Von Ärzten bera­tene Regie­rungen zwingen ganze Bevöl­ke­rungen unter eine Seuchen­dik­tatur, entle­digen sich unter dem Titel der „Gesund­heit“, ja des „Über­le­bens“ aller demo­kra­ti­schen Hinder­nisse und können endlich die Bevöl­ke­rung so regieren, wie sie es im Grunde, mehr oder weniger offen, in der Moderne immer schon getan haben: als reine „Biomasse“, als zu verwer­tendes „nacktes Leben“. Es ist kein Zufall, dass solche Vorstel­lungen jetzt zuneh­mend auftau­chen, bei Groß­theo­re­ti­kern wie Giorgio Agamben (der den Begriff des „nackten Lebens“ in die zeit­ge­nös­si­sche poli­ti­sche Theorie einge­führt hat), aber auch da und dort im Netz, bei jenen kriti­schen Kriti­kern, die mit „Foucault“ im Gepäck nun zu durch­schauen scheinen, was gerade geschieht. Die Begriffe „Biomacht“ und „Biopo­litik“ sind zu verlo­ckend, sie wirken wie das Stich­wort der Stunde, in dessen grellem Licht sich die Wahr­heit des Regie­rens in Zeiten der Pandemie enthüllt.

Das Problem ist nur: Das zu behaupten, ist ange­sichts des gegen­wärtig so ekla­tanten Versa­gens zum Beispiel der ameri­ka­ni­schen Regie­rung in Zeiten von Covid-19 ausge­spro­chen unplau­sibel, und es hat auch mit Foucault und seinem Denken nur sehr bedingt zu tun, wenn über­haupt. Michel Foucault hat zwar den Begriff „Biopo­litik“ geprägt – aber er hat ihn nicht nur bald wieder fallen gelassen, sondern mit Blick auf drei Infek­ti­ons­krank­heiten vor allem auch drei Denk­mo­delle entwi­ckelt, mit denen das Regieren ange­sichts einer „Seuche“ besser verstanden werden kann als mit der seman­ti­schen Keule „Biopo­litik“.

Biopo­litik

Dennoch ist es notwendig, zuerst einen Blick auf diesen Begriff zu werfen. Foucault hatte das Konzept „Biopo­litik“ 1976 in seinem Buch Der Wille zum Wissen (dem ersten Band der „Geschichte der Sexua­lität“) einge­führt, um das Auftau­chen neuer poli­ti­scher Ziele und Stra­te­gien in Europa in der zweiten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts zu kenn­zeichnen: „Es war“, so Foucault, „nichts gerin­geres als der Eintritt des Lebens in die Geschichte – der Eintritt der Phäno­mene, die dem Leben der mensch­li­chen Gattung eigen sind, in die Ordnung des Wissens und der Macht, in das Feld der poli­ti­schen Tech­niken.“ Moderne Gesell­schaften hätten sich die tech­ni­schen und poli­ti­schen Möglich­keiten geschaffen, über das Leben der Gattung als solche zu verfügen; daher „liegt“, so Foucault, „die ‚biolo­gi­sche Moder­ni­täts­schwelle’ einer Gesell­schaft dort, wo es in ihren poli­ti­schen Stra­te­gien um die Exis­tenz der Gattung selber geht“.

Gemeint war damit zuerst die schlichte Vermeh­rung der Bevöl­ke­rung eines Staates durch eine bestimmte Gebur­ten­po­litik, wie etwa die strenge Bestra­fung von Abtrei­bung und Kinds­tö­tungen, durch Maßnahmen gegen die Kinder­sterb­lich­keit und ähnli­ches, dann aber auch gene­rell staat­liche Gesund­heits­po­litik – und schließ­lich das ganze Feld der euge­ni­schen oder „rassen­hy­gie­ni­schen“ Politik zur „Stei­ge­rung“ der „Qualität“ der Bevöl­ke­rung in vielen Ländern in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts. Wie man aus der Geschichte des 20. Jahr­hun­derts weiß, war der Rassismus die damit verbun­dene Kehr­seite: das heißt die Unter­schei­dung, so Foucault, „was leben soll und was sterben kann“.

Man muss nur wenig von der Geschichte wissen, um zu verstehen, welche Verhee­rungen dieser Rassismus als die Kehr­seite der biopo­li­ti­schen „Stei­ge­rung des Lebens“ nach sich zog. Und zwei­fellos: Jede moderne Macht, jedes Regieren seit dem 18. Jahr­hun­dert hat sich mehr oder weniger ernst­haft um das Leben und die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung zu kümmern. Allein, daraus abzu­leiten, dass sich das Regieren in der Moderne und in unserer Post­mo­derne voll­ständig auf diese Sorge zurück­führen ließe, dass das Regieren rundweg als Biopo­litik zu verstehen sei, wäre gleich­wohl ein Miss­ver­ständnis. Es gibt genug Regie­rungen, denen die Gesund­heit und das Leben der Vielen ziem­lich egal sind – nicht zuletzt, weil deren Körper für die Schaf­fung von Wachstum und Wohl­stand immer weniger gebraucht werden.

Die Spur der Infektion

Auch wenn man mithin den analy­ti­schen Wert des Biopolitik-Konzeptes nicht gering­schätzen soll, ist doch fest­zu­halten, dass Foucault es schon 1979 faktisch wieder aufge­geben hat. Warum? Um das zu verstehen, lohnt es sich, noch­mals neu anzu­setzen und der Spur der Infek­tion zu folgen, die Foucaults Werk durch­zieht. Ich konzen­triere mich hier darauf, dass Foucault immer wieder über drei Infek­ti­ons­krank­heiten sprach und den poli­ti­schen Umgang mit ihnen als Modell für drei verschie­dene Formen des Regie­rens bezeich­nete: Lepra, Pest und Pocken.

Foucaults erstes großes Buch, Wahn­sinn und Gesell­schaft, 1961 publi­ziert, beginnt mit dem Satz: „Am Ende des Mittel­al­ters verschwindet die Lepra aus dem Abend­land.“ Sie verschwand zwar nicht voll­ständig, aber die großen „Siechen­häuser“, die Lepros­o­rien, wurden doch zuneh­mend geleert, um Platz zu schaffen für – so Foucaults aller­dings etwas umstrit­tene These – die Aussper­rung von Armen, Vaga­bunden, Kranken und Verrückten aus der Gesell­schaft. Die Lepra und die Lepros­o­rien, die in der frühen Neuzeit zu Armen­häu­sern und zu Asylen für die Wahn­sin­nigen wurden, waren für Foucault damit ein erstes Modell der Macht: Die Macht trennt die Gesunden von den Kranken, schließt die Devi­anten und Verrückten aus der Gesell­schaft aus, möglichst vor die Tore der Stadt, um sich dann im Wesent­li­chen nicht mehr um sie zu kümmern.

Das Pest-Modell

Dieses „Lepra-Modell“ wurde aber, so Foucault, eben­falls in der Frühen Neuzeit von einem neuen Modell der Macht abge­löst, das sich um die Angst vor der Pest bildete. Foucault entwi­ckelte dieses Modell in seinem Buch Über­wa­chen und Strafen. Die Geburt des Gefäng­nisses von 1975. Er hatte dort argu­men­tiert, dass sich in den Gesell­schaften seit dem 17. Jahr­hun­dert ein neues Macht­re­gime auszu­bilden begann: die Diszi­pli­nar­macht. Devi­ante wurden nicht einfach länger ausge­stoßen und wegge­sperrt, sondern „alle“ – Kinder, Soldaten, Arbeiter, Gefan­gene, Arme, etc. – wurden einer rigo­rosen Diszi­pli­nie­rung unter­worfen, die nicht zuletzt der Einübung einer strengen Arbeits­dis­zi­plin und damit dem „Produk­tiv­ma­chen“ ihrer Körper diente.

Diese düstere Vision einer total verwal­teten Gesell­schaft model­lierte Foucault nun wiederum mit dem behörd­li­chen Umgang mit einer Infek­ti­ons­krank­heit: „Wenn es wahr ist, dass die Ausschlie­ßungs­ri­tuale, mit denen man auf die Lepra antwor­tete, bis zu einem gewissen Grad das Modell für die große Einsper­rung im 17. Jahr­hun­dert abge­geben haben, so hat die Pest das Modell der Diszi­pli­nie­rungen herbei­ge­rufen.“ Die früh­neu­zeit­li­chen Pest-Reglemente, die er zitiert, entwerfen ein System lücken­loser Kontrolle aller Grenzen und Über­gänge in der Stadt und fordern die strenge Einsper­rung der Bürger in ihre Häuser: „Der Raum erstarrt zu einem Netz von undurch­läs­sigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden. Wer sich rührt, riskiert sein Leben: Anste­ckung oder Bestrafung.“

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Die Behörden des 17. Jahr­hun­derts, so Foucault, träumten den „poli­ti­schen Traum“ der Diszi­plin, das heißt die Vision einer „in die Tiefe gehenden Orga­ni­sa­tion der Über­wa­chung und der Kontrollen, [der] Inten­si­vie­rung und Verzwei­gung der Macht“. Foucault spricht nicht von Städten, in denen wirk­lich die Pest ausge­bro­chen war, sondern von der „Utopie der voll­kommen regierten Stadt/Gesellschaft“, für die „die Pest (jeden­falls die zu erwar­tende) die Probe auf die ideale Ausübung der Diszi­pli­nie­rungs­macht“ ist. Die Regie­renden „träumten vom Pest­zu­stand, um die perfekten Diszi­plinen funk­tio­nieren zu lassen“, so wie die Juristen und Staats­theo­re­tiker vom Natur­zu­stand träumten, um die idealen Gesetze zu denken.

Das Pocken-Modell

Der Weg zum dritten Modell ist verschlun­gener als jener vom Lepra- zum Pest-Modell. Foucault waren in der Zwischen­zeit Zweifel an seiner doch sehr dunkeln Macht­theorie gekommen. Es erschien ihm zuneh­mend unplau­sibel, moderne Gesell­schaften nach dem Muster einer großen Diszi­pli­nar­ma­schine zu denken, wie er das in Über­wa­chen und Strafen vorge­schlagen hatte – gerade so, als wären moderne Gesell­schaften voll­ständig über­wachte und kontrol­lierte Pest-Städte… 

In seiner Analyse moderner Regie­rungs­ra­tio­na­lität erschien nun die – primär ökono­mi­sche – Frei­heit der Indi­vi­duen in neuer Weise als etwas Irre­du­zi­bles, „etwas absolut Grund­le­gendes“: Die moderne, konkret die libe­rale Gouver­ne­men­ta­lität sei eine Form des Regie­rens, „die nur durch die Frei­heit und auf die Frei­heit eines jeden sich stüt­zend sich voll­ziehen kann“. Um diesen histo­ri­schen Wandel klar zu machen, entwi­ckelte Foucault ein neues Modell: „die Pocken oder die Impfpraktiken“. 

Das Problem stelle sich hier ganz anders; es gehe nicht mehr um Diszi­pli­nie­rung wie noch zu Zeiten der Pest: „[D]as grund­le­gende Problem ist viel­mehr zu wissen, wie viele Leute von Pocken befallen sind, in welchem Alter, mit welchen Folgen, welcher Sterb­lich­keit, welchen Schä­di­gungen und Nach­wir­kungen, welches Risiko man eingeht, wenn man sich impfen lässt, wie hoch für ein Indi­vi­duum die Wahr­schein­lich­keit ist, zu sterben oder trotz Impfung an Pocken zu erkranken, welches die statis­ti­schen Auswir­kungen bei der Bevöl­ke­rung im allge­meinen sind […].“ Dem entspre­chend sei es ange­sichts der Pocken um „das Problem der Epide­mien und der medi­zi­ni­schen Feld­züge [gegangen], mit denen man epide­mi­sche oder ende­mi­sche Phäno­mene einzu­dämmen versucht“.

Die Behörden des 18. Jahr­hun­derts reagierten auf die Pocken statis­tisch beob­ach­tend, indem sie das Vorkommen von Krank­heits­fällen maßen, und empi­risch, indem sie mit der Impfung die Bevöl­ke­rung vor Anste­ckung zu schützen versuchten. Ein auf diesen Problem­wahr­neh­mungen basie­rendes Risi­ko­ma­nage­ment durfte nun aber – und das war, so Foucault, der sprin­gende Punkt – im Rahmen der libe­ralen Gouver­ne­men­ta­lität nicht so weit gehen, dass es in die Diszi­pli­nie­rung der Indi­vi­duen umkippt, weil dies deren system­not­wen­dige Frei­heit unter­graben würde. Daher hätte „zu viel regieren bedeutet, gar nicht mehr zu regieren“. Ein zu starker Staat zerstört seine eigenen Ziele – er muss die rela­tive „Undurch­dring­lich­keit“ der Gesell­schaft respek­tieren, und zwar auch um den Preis eines gewissen Infektionsrisikos. 

Mit anderen Worten: Das Pocken­mo­dell der Macht basiert im Wesent­li­chen darauf, dass die Macht den Traum aufgibt, die Patho­gene, die Eindring­linge, die Krank­heits­keime voll­ständig auszu­merzen, die Gesell­schaft wie in Zeiten der Pest „in die Tiefe“ hinein zu über­wa­chen und die Bewe­gungen aller Indi­vi­duen zu diszi­pli­nieren. Die Macht koexis­tiert viel­mehr mit dem patho­genen Eindring­ling, weiß um sein Vorkommen, sammelt Daten, erstellt Statis­tiken, lanciert „medi­zi­ni­sche Feld­züge“, die durchaus den Charakter der Normie­rung und Diszi­pli­nie­rung der Indi­vi­duen annehmen können – aber die Diszi­plin, gar die voll­stän­dige, kann in der Moderne kein vernünf­tiges Ziel der libe­ralen Macht mehr sein. Nur dort, wo sie dies dennoch anstrebt, wo die Macht vom Pocken-Modell zum Pest-Modell zurück­kehren möchte, wird sie auto­ritär, ja letzt­lich totalitär. 

Einige Schluss­fol­ge­rungen ange­sichts von Corona

Es ist klar: Foucault sprach nicht über reale Pande­mien, sondern verwen­dete Infek­ti­ons­krank­heiten als Denk­mo­delle, um Formen der Macht nach ideal­ty­pi­schen Mustern zu ordnen. Wir sind in einer andren Lage: Wir leben inmitten einer Pandemie und sind unter­schied­li­chen Erschei­nungs­weisen der Macht und des Regie­rens unter­worfen bzw. beob­achten sie über die Medien. Was also lehren die drei Modelle, die Foucault entwickelte?

Erstens: Es gibt Über­gänge zwischen den verschie­denen Formen. Die Absper­rung von ganz Wuhan folgt rigoros dem Pest-Modell, und jede Ausgangs­sperre letzt­lich auch. Die Modelle machen klar: Ausgangs­sperren erscheinen dann notwendig, wenn man jenes statis­ti­sche Wissen nicht gewinnen kann, welches das libe­rale Pocken-Modell erst ermöglicht.

Quelle: Finan­cial Times, 24.3.2020

Nur wenn wie etwa in Südkorea oder in Singapur dank syste­ma­ti­scher Tests massen­haft Daten über Nicht-Infizierte und Infi­zierte vorliegen, erlauben diese Daten, sich auf die Isolie­rung der Infi­zierten zu beschränken und für die übrige Bevöl­ke­rung bloße Vorsicht zu empfehlen, ohne aber einen Lock­down verordnen zu müssen. Man kann das ganz ohne Ironie und Häme sagen: Dass in Südkorea oder auch in Singapur das Leben in der Öffent­lich­keit weiter­geht und die Wirt­schaft weiter funk­tio­niert, ist genau das libe­rale Verspre­chen des Pocken-Modells.

Zwei­tens: Das Pest-Modell bleibt eine Drohung, ja eine Gefahr. Dazu gehört etwa, dass in Marokko die Corona-bedingte Ausgangs­sperre mit Panzern in den Straßen und harschen mili­tä­ri­schen Mitteln durch­ge­setzt wird; dass in Israel promi­nente Stimmen davon spre­chen, dass Benjamin Netan­yahu unter dem Vorwand der Covid-19-Bekämpfung einen „Coup“ durch­führe; dass Victor Orbán in Ungarn den Über­gang zur Regie­rung per Dekret plant – oder dass in den USA Justiz­mi­nister Barr eine Anord­nung anstrebt, wonach Gefan­gene auch ohne Gerichts­ver­fahren auf unbe­stimmte Zeit fest­ge­halten werden können. Dazu gehört aber auch, dass zum Beispiel die Spei­che­rung und Auswer­tung von Bewe­gungs­daten aller, die ein Handy in der Tasche tragen, nach der Krise wohl nicht unbe­dingt so leicht wieder in den Bereich des bloß tech­nisch Denk­baren zurück­ge­stuft wird. Das libe­rale Pocken-Modell erfor­dert es grund­sätz­lich und immer, die Macht des Staates argwöh­nisch im Auge zu behalten.

Drit­tens: Das Pocken-Modell der Macht beschreibt, mehr oder weniger, aber doch ganz zutref­fend die Form des Regie­rens in Zeiten der Pandemie, der trotz aller Unter­schiede und trotz vieler natio­naler Egoismen die euro­päi­schen Regie­rungen folgen. Die Stra­tegie #flat­ten­the­curve bedeutet, mit dem Erreger zwar zu rechnen, zu wissen, dass er nicht auszu­rotten ist, seine Vertei­lung über die Zeit aber so zu „stre­cken“, dass das Gesund­heits­system mit ihm umgehen kann. Und die Stra­tegie, Versamm­lungen von mehreren Menschen zu verbieten, bedeutet keine Diszi­pli­nie­rung – auf welches Ziel hin denn auch? –, sondern ist mehr so etwas wie ein zwar enger, aber immerhin gut begrün­deter und nach­voll­zieh­barer staat­li­cher Rahmen für indi­vi­du­elles Verhalten. Über­haupt gehört die Auffor­de­rung, die Regeln etwa des „social distancing“ einzu­halten, zwei­fellos in den Bereich der libe­ralen Regie­rungs­tech­niken, die grund­sätz­lich auf der Frei­heit der Indi­vi­duen beruhen und von dieser Frei­heit auszu­gehen haben. Für sich selbst zu sorgen, sich zu schützen, aber auch, wie gegen­wärtig viel­fach zu beob­achten, sich nach­bar­schaft­lich oder sonst soli­da­risch zu orga­ni­sieren, sind Selbst­tech­niken, die die libe­rale Kontur des Pocken-Modells mit dem konkreten Stoff gesell­schaft­li­cher Selbst­or­ga­ni­sa­tion füllen.

Vier­tens: … doch im Hinter­grund lauert das Lepra-Modell. Es beschreibt jene da und dort auftau­chende Idee, man könne doch die Alten jetzt einfach sterben lassen, “to save the economy” – oder es wird fakti­sche Real­tität, wenn Alten- und Pfle­ge­heime aufge­geben werden und die Insas­sinnen und Insassen darin einge­schlossen alleine sterben, wie das gegen­wärtig zum Beispiel aus Spanien berichtet wird.

Nach­trag zu den Selbsttechniken

Foucault hat in seinen Vorle­sungen zur Geschichte der Gouver­ne­men­ta­lität, in denen er das Pocken-Modell entwi­ckelte und ausführ­lich über den Neoli­be­ra­lismus sprach, den Begriff der Selbst­tech­niken nicht verwendet. Auch wenn es einen inneren Zusam­men­hang zwischen seiner durchaus posi­tiven Bewer­tung des (Neo-)Liberalismus und seinem erst in den 1980er Jahren am Beispiel der Antike unter­suchten Konzept der Selbst­tech­niken gibt, ist es keines­wegs so, dass Foucault die Selbst­technik als eine bloß in die Hülle der Libe­ra­lität gehüllte Form der Macht sah, wie das heute so oft behauptet wird (er hat genau diese Inter­pre­ta­tion in seinen Vorle­sungen auch explizit zurück­ge­wiesen). Das Gegen­teil war der Fall – das „Verhältnis seiner zu sich selbst“ und damit die Möglich­keit, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten, die eben nicht von der Macht vorge­geben ist, war für ihn die Grund­lage für die Frei­heit des Subjekts. Daher sei das „Verhältnis zu sich selbst“, wie Foucault 1982 in einer Vorle­sung sagte, „der letzte Anker­punkt des Wider­standes“. Er meinte: des Wider­standes gegen die Macht. Er würde heute viel­leicht noch hinzu­fügen: und des Wider­standes gegen das Virus. Oder einfach: take care.

 

 

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