Das zentrale Argument für die Corona-Impfung ist die Verletzlichkeit und das Wohlergehen der anderen. Das Beharren auf der eigenen körperlichen Unversehrtheit findet seine Grenze folglich dort, wo die Verweigerung der Impfung die Gesundheit und das Leben der anderen bedroht.

  • Sabine Hark lehrt als Professor*in für Gender Studies an der Technischen Universität Berlin. Die Überlegungen zu einem Ethos des Zusammenlebens, in dem Freiheit und Sorge nicht als Antipoden auftreten, sondern zusammen wirklich werden, hat Hark in dem Essay Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der Kohabitation (Suhrkamp Verlag Berlin 2021) vorgestellt.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Mit dem Virus leben. Poli­tiken der Sorge in der Pandemie
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In meinem ersten Impf­buch, ein dünnes Heft im Oktav­format, rehbrauner, genarbter Karton­um­schlag, im rechten oberen Eck des Umschlags ist ein großes W einge­druckt, findet sich auf der ersten Seite ein kurzer Text, in dem der Sinn von Impfungen erklärt und die Funk­tion des Impf­bu­ches erläu­tert wird. Eini­ger­maßen feier­lich heißt es gleich im ersten Satz, dass die „medi­zi­ni­sche Wissen­schaft es heute ermög­licht, durch Schutz­imp­fungen eine Reihe von Krank­heiten zu verhüten“. Die erste doku­men­tierte Impfung ist die Pockenschutz-Impfung; ich war nicht einmal ein Jahr alt, als ich sie erhielt. Die Impfung gegen Pocken war gesetz­lich verpflich­tend; das entspre­chende Impf­ge­setz fast ein Jahr­hun­dert vor meiner Geburt, am 8. April 1874, in Kraft getreten. Bismarck hatte es gegen Wider­stände durch­ge­setzt. Preußen war damit inter­na­tional Vorreiter. Meine Eltern haben keine Sekunde gezö­gert, dieser Pflicht nach­zu­kommen und ihre Kinder der durchaus schmerz­haften Prozedur, bei der die Haut mit einer Bifur­ka­ti­ons­nadel einge­ritzt und so der Impf­stoff inji­ziert wird, unter­ziehen zu lassen. Impfen gehörte schlicht dazu. Stolz zeigten meine Spielkamerad*innen und ich uns später, als wir größer waren, wech­sel­seitig unsere kreis­runden Impf­narben am Oberarm. Es fühlte sich auf unbe­stimmte Weise erwachsen an, geimpft zu sein. 1976 wurde die Pocken­impf­pflicht in der BRD aufge­hoben, die DDR folgte einige Jahre später, 1982. Die Pocken gelten seitdem als besiegt.

Die nächsten Einträge sind die in dichter zeit­li­cher Abfolge verab­reichten Schluck­imp­fungen gegen die soge­nannte Kinder­läh­mung, Polio­mye­litis. Sie waren gesetz­lich nicht verpflich­tend, aber es stand außer Frage, dass alle Kinder daran teil­nahmen. In langen Schlangen fanden wir uns im dörf­li­chen Schul­ge­bäude bei den regel­mäßig vom Gesund­heitsamt durch­ge­führten Impf­ter­minen ein. Wie bei der Narbe, die die Pocken­imp­fung in unserem Arm hinter­lassen hatte, erfasste uns auch hier ein vages Gefühl von Wich­tig­keit, nachdem wir unser Stück Würfel­zu­cker geschluckt hatten. Wir hatten etwas beigetragen, wozu genau wussten wir zwar nicht, verstanden aber hatten wir, dass es wichtig war, sich impfen zu lassen. Und das nicht nur, weil es uns indi­vi­duell schützte, sondern weil die Impfung auf eine für uns undurch­sich­tige Weise alle schützen würde. „Kinder­läh­mung ist grausam, Schluck­imp­fung ist süß.“ Auch die Schluck­imp­fung wurde poli­tisch kontro­vers disku­tiert, doch keine in den 1960er und 70er Jahren in West­deutsch­land aufge­wach­sene Person, die diese Losung nicht kennt.

Ein halbes Jahr­hun­dert später hat ein eher prosa­isch daher­kom­mender digi­taler Code, abrufbar mit meinem Smart­phone, den poesie­al­bum­haften Impf­pass meiner Kinder­tage ersetzt. Seit gut einem Jahr haben wir das Privileg, uns kostenlos gegen das inzwi­schen mehr­fach mutierte Sars-CoV-2-Virus impfen zu lassen. Und ja: Kosten­lose Impfungen sind ein exklu­sives Privileg, erst recht ange­sichts der Tatsache, dass welt­weit noch immer viele Menschen nicht geimpft sind, da der Zugang zu Impf­stoffen zwischen reichen und armen Ländern extrem ungleich verteilt ist. Wir haben damit nicht nur indi­vi­duell die Chance, mit sehr hoher Wahr­schein­lich­keit der Gefahr einer poten­tiell lebens­be­droh­li­chen Erkran­kung mit Covid-19 zu entgehen, wir können, wie damals bei der Schluck­imp­fung, einmal mehr auch etwas beitragen. Zual­ler­erst natür­lich zum Ende der Pandemie, wofür es nach allem uns derzeit zur Verfü­gung stehenden wissen­schaft­li­chen Wissen eben eine fast voll­stän­dige, impf­ba­sierte Grund­im­mu­nität der Bevöl­ke­rung braucht. Viel­leicht aber ebenso sehr zu dem, was wir als Kinder bei der Schluck­imp­fung nur undeut­lich begriffen hatten: das Glück, beizu­tragen zu etwas, das größer ist als wir selbst, zu „etwas, das nicht ‚Ich‘“ ist, wie die polni­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gerin Olga Tokar­czuk in ihrer Stock­holmer Preis­rede im Dezember 2019, wenige Wochen vor Ausbruch der Pandemie, formulierte.

Was uns gemeinsam ist

Die poli­ti­sche Theorie spricht hier vom Allge­meinen, von dem, was uns allen gemeinsam ist oder uns doch allen gemeinsam sein sollte, etwa die Idee der Gleich­heit aller Menschen. Eine Idee, aus der für mich zwin­gend resul­tiert, dass das, was uns gemeinsam ist, auch die Verant­wor­tung einschließt, Gemein­wesen zu schaffen, die, wie die femi­nis­ti­sche Theo­re­ti­kerin Silvia Fede­rici argu­men­tiert, nicht auf dem Leid anderer gründen dürfen und folg­lich so beschaffen sein müssen, dass sie allen erlauben, ein von Zwang und Gewalt befreites Leben mit anderen führen zu können. Doch, statt diese Chance zu ergreifen, pocht ein nicht gerade kleiner Teil dieser Bevöl­ke­rung beharr­lich und ausschließ­lich auf einem solip­sis­ti­schen „Ich, ich, ich“ und der abso­luten Unbe­dingt­heit der Frei­heit und des Rechts auf körper­liche Selbst­be­stim­mung dieses „Ich, ich, ich“. Abend für Abend flim­mern die entspre­chenden Berichte über die soge­nannten Anti-Impf-Spaziergänge und die Demons­tra­tionen und Kund­ge­bungen derje­nigen, die die Exis­tenz der Pandemie und des poten­ziell tödli­chen Sars-CoV-2 leugnen, über meinen TV-Bildschirm. Aggressiv und mit wach­sender Gewalt­be­reit­schaft streiten die Demons­trie­renden dafür, sich nicht impfen lassen zu müssen – wozu sie bislang nicht verpflichtet sind. Sie bemühen bisweilen deut­lich anti­se­mi­tisch grun­dierte Verschwö­rungs­ideo­lo­gien, verwi­schen den Unter­schied zwischen Wissen­schaft und Mythos, indem sie buch­stäb­lich Schritt für Schritt die auf begrün­detem Zweifel und metho­disch gelei­teter Nach­voll­zieh­bar­keit basie­renden Wahr­heits­re­geln verschieben und pran­gern die vermeint­lich konspi­ra­tiven Maßnahmen einer vorgeb­lich auto­ri­tären oder gar dikta­to­ri­schen Regie­rung an, gegen die sie meinen, sich mit allem Fug und Recht zur Wehr setzen zu müssen. Sie mögen zahlen­mäßig in der Minder­heit sein und unter ihnen auch viele, die noch immer erreichbar sind für Dialog und Aufklä­rung, doch die Gefahr, die von ihnen ausgeht, kann gar nicht hoch genug einge­schätzt werden. So erkennt der Philo­soph Jürgen Habermas aufgrund des mani­festen „rechts­ex­tremen Kerns“ in diesen Protesten bereits Anzei­chen für das „wach­sende Poten­tial eines ganz neuen, in liber­tären Formen auftre­tenden Extre­mismus der Mitte“. Die ohnehin längst von unter­schied­li­chen Kräften betrie­bene Zerset­zung libe­raler Demo­kra­tien und der damit einher­ge­hende Vertrau­ens­ver­lust der Bürger*innen in ihre poli­ti­schen Repräsentant*innen und die poli­ti­schen Insti­tu­tionen droht so, weiter beför­dert zu werden.

Fins­tere Zeiten

Hannah Arendt hat Zeiten, in denen sich solches ereignet, „fins­tere Zeiten“ genannt. In der Geschichte seien diese nicht eben selten, führte sie 1959 in ihrer Rede anläss­lich der Verlei­hung des Lessing-Preises der Stadt Hamburg aus. Es seien Zeiten, „in denen der Raum des Öffent­li­chen sich verdun­kelt und der Bestand der Welt so frag­würdig wird, daß die Menschen von der Politik nicht mehr verlangen, als daß sie auf ihre Lebens­interessen und Privat­frei­heit die gehö­rige Rück­sicht nehme“. Für Arendt ist solche Fins­ternis die Dystopie. Sinn­bild einer Welt, in der die Menschen verlassen sind und einander verlassen haben, sie den Erschei­nungs­raum zwischen sich zerstört haben und einander nicht mehr antworten. Wo sie näher an jene heran­rü­cken, die sie als vertraut empfinden, und sie von den anderen nichts wissen wollen. Umschrei­bung für eine Welt ohne Gespräch, bevöl­kert von glei­cher­maßen sorg­losen wie Sorge verwei­gernden Einzelnen, deren Verständnis von dem, was uns gemeinsam ist, geprägt ist von Desin­ter­esse und solip­sis­ti­scher Selbst­be­spie­ge­lung, von der Verwei­ge­rung von Dialog und alar­mis­ti­scher Kommu­ni­ka­tion, von Igno­ranz und Respekt­lo­sig­keit und nicht zuletzt von der Leug­nung der uns allen gemein­samen Ange­wie­sen­heit aufeinander.

Als „rohe Bürger­lich­keit“ hat der Sozio­loge Wilhelm Heit­meyer ein solches In-der-Welt-sein bezeichnet. Eine Bürger­lich­keit pass­genau einge­fugt in eine in Zonen der Gedeih­lich­keit und Prospe­rität und solche der Dürre und Knapp­heit aufge­spal­tene Welt. Eine Welt zudem, die unter­scheidet zwischen jenen, die Anspruch auf the pursuit of happi­ness haben, wie es in der US-amerikanischen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung heißt, und deren Rechte und Unver­sehrt­heit geschützt werden, und jenen, deren Recht auf Gedeihen und Zuge­hö­rig­keit ausge­setzt wird und denen folg­lich „beschieden ist, zu vergehen und zu verschwinden“, wie Michel Foucault einst das „Leben der infamen Menschen“ umschrieb.

Rohe Bürger­lich­keit ist der Anti­pode zu demo­kra­ti­scher Empa­thie, der mani­feste Ausdruck roher gesell­schaft­li­cher Verhält­nisse und Ausdruck der Bereit­schaft, das soziale Band mit den anderen zu kappen. Nicht anders können wir den Satz von Alice Weidel, Frak­ti­ons­vor­sit­zende der AfD im Deut­schen Bundestag, während der Orien­tie­rungs­de­batte des Parla­ments zur Frage einer allge­meinen Impf­pflicht, wir müssten „mit dem Virus leben“, verstehen. Auch die von der AfD betrie­bene Geiße­lung der Impf­pflicht als „Corona-Faschismus“ atmet den Geist der rohen Bürger­lich­keit. Was es seit Beginn der Pandemie zu lernen gilt, nämlich von der Verwund­bar­keit der anderen und nicht von der eigenen Immu­nität ausge­hend zu handeln – eine Verwund­bar­keit, die zugleich meine eigene ist –, das ‚Ich, ich, ich‘ also nicht abso­lu­tis­tisch in den Mittel­punkt zu rücken, wird hier in sein Gegen­teil verkehrt. Denn der Gedanke, dass wir mit dem Virus in Gemein­schaft leben, zielte ja gerade nicht darauf, dass es gewis­ser­maßen Schicksal ist, wer über­lebt und wer nicht, weil die Stärke des eigenen Immun­sys­tems es richtet, sondern darauf, die unhin­ter­geh­baren Verflech­tungen zwischen mensch­li­cher und nicht-menschlicher Natur ins Bewusst­sein zu heben, wir also aufgrund dieser Verflech­tungen Abstand halten, Masken tragen, uns regel­mäßig die Hände waschen – und uns impfen lassen.

Politik der Sorge

Im Hinblick auf eine mögli­cher­weise gesetz­lich gere­gelte Impf­pflicht würde eine so verstan­dene Politik der Sorge um sich, um andere und um die Welt, die von der Versehrt­heit der anderen und nicht vom Vorrang der eigenen Immu­nität her denkt, nicht das souverän gedachte Indi­vi­duum, seine grund­ge­setz­lich geschützte Unver­sehrt­heit und seine Auto­nomie in den Vorder­grund der Debatte rücken, sondern den Umstand, dass wir alle abhängig sind von unter­stüt­zenden Infra­struk­turen, von ökono­misch, kultu­rell, sozial und poli­tisch gestif­teten Netz­werken und Bindungen und von Aner­ken­nungs­ver­hält­nissen, die uns im Leben halten. Es ist eine Abhän­gig­keit, die wir nicht über­gehen können, ein nicht verhan­del­barer Umstand unseres Seins als körper­liche Wesen; Grund und Gegen­stand auch unserer Würde als Person, die an unsere Exis­tenz als Körper geknüpft ist. Auch jenen, die sich der Impfung verwei­gern, wird medi­zi­ni­sche und pfle­ge­ri­sche Sorge nicht verwei­gert, wenn das Virus sie erwischt. Sie können und dürfen zu Recht auf die gesell­schaft­lich orga­ni­sierte Soli­da­rität der anderen vertrauen.

Das zentrale Argu­ment für die Impfung ist daher nicht meine eigene Gesund­heit, sondern das Wohl­ergehen der anderen, denn Covid-19 betrifft mich nie allein, es ist kein indi­vi­du­elles Vorsor­ge­pro­blem. Am Wohl­ergehen der anderen muss sich frei­lich auch die Impf­ver­wei­ge­rung messen lassen. Denn das Beharren auf dem Recht der eigenen körper­li­chen Unver­sehrt­heit findet seine Grenze dort, wo diese Verwei­ge­rung die Gesund­heit und das Leben der anderen bedroht. So sehr wir es mithin alle in der Hand haben, die Pandemie zu beenden, kann dies dennoch nicht dem Gutdünken der Einzelnen über­lassen bleiben. Ohne den soli­da­ri­schen Beistand der Bürger*innen wird es dem Staat nicht gelingen, die Pandemie zu beenden. Was wir als Kinder bei der Schluck­imp­fung vage begriffen hatten, dass es hier um etwas ging, das größer ist als wir selbst, dazu gilt es auch heute beizu­tragen – und nicht, weil das Gesetz es viel­leicht von uns verlangen wird, sondern weil wir aus freien Stücken alles tun, „um unsere Welt so zu erhalten, fort­dauern zu lassen und wieder­her­zu­stellen, dass wir so gut wie möglich in ihr leben können“, wie die femi­nis­ti­sche Care-Theo­re­ti­kerin Joan Tronto erläutert.

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So umstellt, heraus­ge­for­dert und kompro­mit­tiert Sorge als gesell­schaft­liche Praxis und Bezie­hung auch ist, einge­bettet in wider­sprüch­lich orga­ni­sierte, patriarchal-kapitalistische und kolonial-rassistische globale gesell­schaft­liche Verhält­nisse, einge­schnürt in atemlos machende, verding­lichte und verding­li­chende Herrschafts­zustände, so mise­rabel die Bedin­gungen für Sorge und Pflege auch sind – und sie sind es –, und so sehr Sorge, wie uns die Pandemie gelehrt hat, Gesell­schaft auch spalten und ausein­ander treiben und zum Banner von Welt und Leben vernich­tender Politik werden kann, an der Neuerfin­dung von Sorge als soli­da­ri­scher, welt­um­span­nender, repa­ra­tiver Praxis führt kein Weg vorbei. Bring into being that which is needed. Bring into being that which is absent. Because more than ever we’re going to have to take care of each other, sagte die Schrift­stel­lerin, lesbi­sche Akti­vistin und Grün­derin des Lesbian Herstory Archive in New York City, Joan Nestle, im Ange­sicht eines im Herbst 2020 vernich­tend wütenden Virus. Demo­kratie, mit anderen Worten, ist nicht umstandslos eine caring demo­cracy, aber ohne Sorge ist Demo­kratie nichts.