Am 14. Juni 2026 stimmen die Schweizer:innen über eine Volksinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) ab, die eine Bevölkerungsobergrenze von 10 Millionen in die Verfassung festschreiben will. Das Ziel der „Nachhaltigkeit“ ist vorgeschoben: Denn vor dem historischen Wechselspiel zwischen Asyl- und Sozialpolitik wird erkennbar, dass Abschottung immer auch der Einschränkung von Sozialleistungen dient.

  • Jonathan Pärli

    Jonathan Pärli ist Historiker. Er lehrt und forscht am Departement Geschichte der Universität Basel zur Geschichte von Flucht, Asyl, Migration und Integration sowie zur Geschichte sozialer Bewegungen und der Sozial- und Bildungspolitik. Seine Dissertation „Die andere Schweiz: Asyl und Aktivismus 1973–2000“ ist 2024 bei KUP/Wallstein erschienen. Die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte hat Pärli 2022 den Preis für die Forschungsfreiheit verliehen.

Im Kern geht es bei der Initia­tive „Keine 10-Millionen-Schweiz“ nicht um die Zahl der Zuwan­dernden, auch wenn die SVP sich unter diesem Titel eine Begren­zung der stän­digen Wohn­be­völ­ke­rung in der Verfas­sung fest­schreiben lassen möchte. Und noch weniger geht es um die in der Initia­tive ange­ru­fene ökolo­gi­sche oder soziale „Nach­hal­tig­keit“, auch wenn die SVP im Abstim­mungs­kampf urplötz­lich ein Herz für die Miete­rinnen und die Natur aus dem Zylinder zaubert. Um zu verstehen, worüber die Schweizer Stimm­be­rech­tigten am 14. Juni 2026 letzt­lich entscheiden, ist ein Ausspruch hilf­reich, mit dem Max Frisch vor bald sechzig Jahren die Schweizer Migra­ti­ons­po­litik auf den Punkt brachte.

Arbeits­kräfte und Menschen

„Man hat Arbeits­kräfte gerufen, und es kommen Menschen“. Mit diesem Satz eröff­nete Frisch 1965 das Vorwort zum Buch Siamo Italiani, das die zum Poli­tikum gewor­denen italie­ni­schen Arbeits­mi­granten zu Wort kommen liess. Das Buch basierte auf dem gleich­na­migen Doku­men­tar­film, mit dem Alex­ander Seiler, June Kovach und Rob Gnant im Vorjahr eine breite Diskus­sion ange­stossen hatten. Frisch fasste gekonnt zusammen, worauf das 1931 einge­führte Saisonnier-Statut für die Betrof­fenen hinaus­lief: Chrampfen in der Schweizer Fremde, aber das Mensch­sein möglichst daheim in Italien, Spanien, Portugal oder der Türkei lassen.

Die hundert­tau­senden „Fremd­ar­beiter“ (die auch Frauen waren) hielten also in den Fabriken, auf dem Bau oder in der Land­wirt­schaft die Hoch­kon­junktur am Laufen und sollten sich nach getanem Tagwerk in die Bara­cken verziehen; das Fami­li­en­glück oder sozi­al­staat­liche Leis­tungen waren jeden­falls im Heimat­land zu beziehen. Und das behörd­liche „Rota­ti­ons­prinzip“ sorgte dafür, dass die Saison­niers jeweils nach einem knappen Jahr in der Schweiz wieder dorthin zurück­kehren und eine neue Arbeits­be­wil­li­gung bean­tragen mussten (die bei schlechtem Betragen wie z. B. dem Lesen linker Zeitungen verwei­gert werden konnte).

Foto­mon­tage von Walter Erb: Weiss­wasch­ser­vice (Geld­scheine, Wasch­ma­schine, Mann mit Schwei­zer­kreuz), Schwei­ze­ri­sches Sozi­al­ar­chiv, Signatur: F 5031-Fc-1209

Seit 2002 ist das Saisonnier-Statut in der Schweiz Geschichte. Die Perso­nen­frei­zü­gig­keit mit der EU hat das Recht der euro­päi­schen Arbeitsmigrant:innen deut­lich gestärkt, nebst Arbeits­kraft auch Mensch zu sein. Genau das ist es, was die super­reiche Führungs­riege der SVP (neben Chris­toph Blocher figu­riert etwa auch SVP-Nationalrat und Partei­lei­tungs­mit­glied Thomas Matter regel­mässig auf der Bilanz-Liste der 300 Reichsten im Land) wieder rück­gängig machen möchte. Es geht der Partei keines­wegs darum, Arbeitsmigrant:innen von der Schweiz fern­zu­halten, solange diese von den Unter­nehmen nach­ge­fragt werden. Es geht darum, die vom „Wirt­schafts­standort“ ange­zo­genen auslän­di­schen Arbeit­neh­menden (wieder) zu entrechten, soweit es die Umstände zulassen. Mit Frisch kann man sagen: Die SVP möchte, dass die Konzerne und Betriebe wieder nach Arbeits­kräften rufen können, die ihr Mensch­sein an der Grenze abstreifen müssen, weil etwa der Fami­li­en­nachzug kein Recht mehr darstellt, sondern ein Privileg. Dieses Privileg soll die Schweiz allen­falls im Einzel­fall inter­na­tional beson­ders gesuchten Spezialist:innen gewähren, die ihre Arbeits­kraft ansonsten woan­ders verkaufen.


Migra­tion und Steuerpolitik

Um zu erfassen, was mit der jüngsten SVP-Initiative auf dem Spiel steht, reicht es indes nicht, die leid­volle Geschichte des Saisonnier-Status zu erin­nern und Frischs Diktum im Wort­laut auf die Gegen­wart zu über­tragen. Wer die heutige Situa­tion in einem Satz zur Sprache bringen will, muss sagen: Wir rufen nach Kapital und Konzernen, und es kommen auch Arbeits­kräfte. Wobei das „Wir“ umge­hend präzi­siert werden muss: Es ist in der Schweiz zwar längst nicht nur, aber durchaus insbe­son­dere die SVP, der prak­tisch jedes Mittel recht ist, um die wirt­schaft­liche und finanz­po­li­ti­sche „Stand­ort­at­trak­ti­vität“ des Landes auf die Spitze zu treiben. Der effek­tive Steu­er­satz für Unter­nehmen ist seit 2003 von damals bereits „inter­na­tional rekord­tiefen 20 auf noch tiefere 13 Prozent“ gefallen, wie der Wirtschafts- und Polit­jour­na­list Yves Wegelin am 11. Mai 2026 in einem lesens­werten Artikel in der Repu­blik schrieb.

Die Zuwan­de­rung ist seit 2000 allein infolge der Tief­steu­er­po­litik um etwa eine halbe Million Menschen gestiegen, wenn man den Fami­li­en­nachzug einbe­zieht, wie Wegelin aufgrund der verfüg­baren Daten errechnet und schätzt. In dieser Periode sind die auslän­di­schen Direkt­in­ves­ti­tionen von circa 100 Milli­arden auf das knapp zwölf­fache im bishe­rigen Rekord­jahr 2020 gestiegen. 2014 waren in der Schweiz 13’000 auslän­disch kontrol­lierte multi­na­tio­nale Konzerne ange­sie­delt, 2023 waren es gemäss Bundesamt für Statistik bereits 19’000.

Wenn ich mich nicht täusche, ist Wegelin zumin­dest in der Deutsch­schweiz die einzige Stimme in der Medi­en­land­schaft, die verständ­lich macht, wie entschei­dend die Steuer- und Wirt­schafts­po­litik die Arbeits­mi­gra­tion antreibt. Nur wer dies im Blick hat, kommt zur folgenden, poli­tisch zentralen Fest­stel­lung: Die SVP, die sich seit Jahr­zehnten als kompro­miss­lose Kämp­ferin gegen (zu viel) Zuwan­de­rung stili­siert, ist in Wahr­heit jene Partei, die mit ihrer Politik den Zuzug von Arbeits­kräften in die Schweiz mit Abstand am stärksten fördert.

Die SVP schafft es bisher nicht nur, diesen program­ma­ti­schen Wider­spruch weit­ge­hend zu verschleiern, sondern versteht es, das Span­nungs­ver­hältnis für das eigene poli­ti­sche Projekt produktiv zu machen. Aus dem versteckten Zusam­men­spiel zwischen aggres­siver Tiefsteuer- und Stand­ort­po­litik sowie rheto­ri­scher Migra­ti­ons­ab­wehr hat die SVP ein perfides „perpe­tuum mobile“ gezim­mert, wie es Wegelin tref­fend beschreibt: „Die SVP lockt Arbeits­kräfte an, stellt sich dann vor den Mikro­fonen gegen sie, um bei Wähle­rinnen zu punkten – womit sie dem bürger­li­chen Lager eine Mehr­heit für weitere Steu­er­sen­kungen verschafft, die wiederum neue Zuwan­derer bringen.“

Der sprin­gende Punkt ist nicht, dass die SVP für das „Problem“ der Zuwan­de­rung mass­geb­lich mitver­ant­wort­lich ist. Menschen sind nicht an sich ein Problem: Das gute und gleich­be­rech­tigte Zusam­men­leben ist immer primär eine Frage der demo­kra­ti­schen Teil­habe und der poli­ti­schen Gestal­tung. Die inter­na­tional unfaire, von der SVP und den Bürger­li­chen forcierte Migra­tion des Kapi­tals und der Konzerne in Rich­tung der um jeden Preis „stand­ort­at­trak­tiven“ Schweiz hingegen ist ein echtes Problem: Sie vermin­dert den politisch-demokratischen Spiel­raum in anderen Staaten und Regionen, weil diesen syste­ma­tisch Arbeits­plätze und Steu­er­erträge entzogen werden.

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„Asyl­miss­brauch“ und Sozialabbau

Wie passt die Asyl­po­litik ins Bild? Hier bietet eine kurze Passage eines anderen berühmten Lite­raten einen Denk­an­stoss, der auch die Asyl­po­litik der SVP in neuem Licht sehen lässt. Im Gegen­satz zu Frischs geflü­geltem Wort ist die folgende Aussage von Peter Bichsel bislang prak­tisch unbe­kannt geblieben – er äusserte sie an einem asyl­po­li­ti­schen Anlass in seiner Heimat­stadt Solo­thurn: „,Asyl­miss­brauch‘. Der Ausdruck ist berech­tigt. Die SVP miss­braucht die Asyl­po­litik, um den ganzen Sozi­al­staat anzu­greifen. Gemeint sind nicht die Fremden, sondern wir alle und vor allem auch jene, die SVP wählen, die Alten, die Armen, die Jungen.“

Bichsel machte diese Aussage im Januar 2000 an einem Banquet répu­bli­cain der „anderen Schweiz“, wie sich die Asyl­be­we­gung auch nannte. Diese war in Reak­tion auf den restrik­tiven asyl­po­li­ti­schen Kurs entstanden, auf den die „offi­zi­elle Schweiz“ ähnlich anderer west­li­cher Staaten einschwenkte, als seit den späten 1970er-Jahren die Flücht­linge nicht mehr beinahe exklusiv aus real­so­zia­lis­ti­schen Staaten und vor allem aus Osteu­ropa kamen, sondern zuneh­mend auch aus Ländern des Globalen Südens stammten. Bichsel war der haupt­säch­lich von sozial enga­gierten christ­li­chen und linken Kreisen getra­genen Asyl­be­we­gung seit deren Anfängen in den frühen 1980er-Jahren verbunden gewesen.

Inso­fern erstaunt nicht, dass Bichsel, als er den Miss­brauchs­be­griff am Bankett in Solo­thurn gegen die damals aufstre­bende „neue SVP“ wendete, an asyl­be­wegte Argu­mente und Analysen anschloss. Bichsel nahm auf, was ich die Auswei­tungs­these nenne. Die Akti­vis­tinnen und Akti­visten gingen davon aus, dass die Asyl­po­litik ein Einfallstor für sozial regres­sive und auto­ri­täre Entwick­lungen darstelle und versuchten, diese These in die poli­ti­sche Debatte und die Öffent­lich­keit zu tragen.

In den frühen 1980er Jahren funk­tio­nierte die Auswei­tungs­these im Modus der warnenden Voraus­sage. Der kurdi­sche Iraner Yadi Ahmadi beispiels­weise, der sich bei der Bewe­gung für eine Offene, Demo­kra­ti­sche und Soli­da­ri­sche Schweiz (BODS) enga­gierte, drückte dies 1987 wie folgt aus: „Wir Ausländer und Auslän­de­rinnen (lies: Nicht­eu­ro­päer) haben eine Funk­tion als Kata­stro­phen­alarm: Die Revi­sion der bisher lukra­tiven Ausländer- und Asyl­po­litik ist der Eintritts­preis für den aktiven Abbau der demo­kra­ti­schen Rechte. Wenn die erste Attacke des Bürger­tums gegen Fremde ohne nennens­werten Wider­stand durch­ge­führt wird, dann ist die Zeit als günstig einzu­stufen, um gegen die übrigen demo­kra­ti­schen Errun­gen­schaften loszuschiessen.“

Bis in die frühen Nuller­jahre sah sich die Asyl­be­we­gung in ihren Befürch­tungen bestä­tigt. Die Auswei­tungs­these diente nun dazu, insbe­son­dere den Um- und teil­weisen Rückbau des Sozi­al­staats zu verstehen und zu erklären, der im Verlauf der 1990er Jahre einge­setzt hatte. 

Wie auch das Zitat von Bichsel zeigt, sah die Bewe­gung in der beson­ders (wenn auch längst nicht einzig) von der SVP forcierten Miss­brauchs­rhe­torik das entschei­dende Verbin­dungs­ele­ment zwischen der Asyl- und der Sozi­al­po­litik. Die lang­jäh­rige Asyl­ak­ti­vistin Anni Lanz schrieb 2006 im Buch Die Fremd­ma­cher: Zwanzig Jahre Wider­stand gegen die schwei­ze­ri­sche Asyl- und Migra­ti­ons­po­litik: „Der gene­relle Miss­brauchs­ver­dacht, ein Konstrukt neoli­be­raler Ideo­logie, rich­tete sich“, nachdem er in der Asyl­po­litik zum Einsatz gekommen war, „gegen weitere gesell­schaft­lich Benach­tei­ligte, die von ihren Rechten Gebrauch machten, wie die IV-Renten-, Arbeitslosengeld- und SozialhilfebezügerInnen.“

Nun ist es zwar plau­sibel, dass die stän­dige Rede vom „Asyl­miss­brauch“ in den 1980er und 1990er Jahren den Boden mitbe­rei­tete, dass der entspre­chende Vorwurf mit leichter zeit­li­cher Verzö­ge­rung auch in der Sozi­al­po­litik grosse Reso­nanz und Wirkung erzielte. Die Geschichts­schrei­bung zu früheren Phasen der Armen­für­sorge oder der Sozi­al­ver­si­che­rungen zeigt indes, dass angeb­liche miss­bräuch­liche Inan­spruch­nahme von Leis­tungen oder Unter­stüt­zung histo­risch immer wieder zur Gefahr oder zum weit­rei­chenden Problem erklärt wurde. So gesehen greift es sicher zu kurz, die restrik­tive Wende in der Asyl­po­litik der 1980er Jahre umstandslos als entschei­denden Grund oder Faktor der sozi­al­po­li­ti­schen Entwick­lung ab den 1990er Jahren anzu­sehen. Aber: Syste­ma­tisch erforscht ist das zeit­ge­schicht­liche Wech­sel­spiel von Asyl- und Sozi­al­po­litik, zumal in der Optik der Auswei­tungs­these, bisher nicht.

Die asyl­be­wegte Auswei­tungs­these ist, trotz des obigen Vorbe­halts, nicht einfach aus der Luft gegriffen, wie ich in einem frisch erschie­nenen Band zum Verhältnis von Sozi­al­po­litik und Migra­ti­ons­kon­trolle in den deutsch­spra­chigen Ländern am Beispiel der Schweiz und mit Seiten­blick auf die USA darlege. 2015 verstärkte die SVP ihren seit Jahren laufenden Angriff auf die Sozi­al­hilfe und publi­zierte das Posi­ti­ons­pa­pier Miss­brauch und ausufernde Sozi­al­in­dus­trie stoppen – Zur Siche­rung der Hilfe für die wirk­lich Bedürf­tigen. Das Doku­ment markierte den Beginn einer Kampagne und enthielt Vorlagen für Vorstösse auf Gemeinde- und Kantons­ebene. In der Einlei­tung versprach die SVP zwar in fett gedruckten Lettern, sie wolle „die Sozi­al­hilfe weder abschaffen noch eine gene­relle Kürzung aller Leis­tungen erwirken“. Dennoch brachte die Partei die Idee ins Spiel, Jugend­liche könnten, wenn sie sich „nicht wirk­lich um Arbeit bemühen […], in einer Art Durch­gangs­heim“ unter­ge­bracht werden, um die Sozi­al­hilfe für diese weniger attraktiv zu machen. Das ist unter dem Gesichts­punkt der Auswei­tungs­these rele­vant, weil Durch­gangs­heime heut­zu­tage vor allem kollek­tive Unter­künfte für Asyl­su­chende bezeichnen.

Der Begriff „Durch­gangs­heim“ stammt aus einer weiter zurück­rei­chenden Tradi­tion der Kinder- und Jugend­für­sorge, verwan­delte sich indes im Verlauf der 1980er Jahre zum Inbe­griff jener Orte, wo Asyl­su­chende unter­ge­bracht werden. Unter „Durch­gangs­heim“ oder „Durch­gangs­zen­trum“ stellt man sich seither herun­ter­ge­kom­mene Unter­künfte vor, die bescheiden ausge­stattet sind, wenig Privat­sphäre bieten und peri­pher gelegen sind. Wich­tiger aber ist, was das Papier zum Thema „Grund­be­darf“ sagte: „Ange­lehnt an das vom Bundes­ge­richt fest­ge­setzte abso­lute Exis­tenz­mi­nimum kann als Grund­be­darf für eine Person heute ein Betrag von 12.- pro Tag bzw. 360.- pro Monat fest­ge­legt werden“. Damit bezeich­nete die SVP einen Betrag als „ausrei­chend“, der um fast zwei Drittel tiefer liegt, als die dama­lige Empfeh­lung der einschlä­gigen Schwei­ze­ri­schen Konfe­renz für Sozi­al­hilfe (SKOS).

Die zwölf Franken täglich stammten aus einem Entscheid des Schwei­ze­ri­schen Bundes­ge­richts vom März 2005. Dieses Urteil drehte sich um die Frage des von der Verfas­sung garan­tierten Rechts auf Hilfe in Notlage für abge­wie­sene Asyl­su­chende. Diesen Umstand verschwieg die SVP und nannte auch die Signatur des Entscheids nicht (BGE 131 I 166). So konnte sich das Papier abstrakt auf die Auto­rität des höchsten Gerichts beziehen, um nicht klar auszu­spre­chen, dass die SVP darauf zielt, die Sozi­al­hilfe für alle auf jenes Minimum zu senken, dass gemäss Bundes­ge­richt selbst Menschen ohne Aufent­halts­recht nicht verwei­gert werden darf. Es ist kein Zufall, dass die SVP ausge­rechnet an dieser Stelle die asyl­po­li­ti­sche Kompo­nente verschwieg. Ansonsten scheute sie sich im Papier nicht, zu behaupten, die Probleme der Sozi­al­hilfe entstünden primär wegen den „Auslän­dern und Asylanten“, wo eine „Menta­lität, sich auf Kosten des Staates durch­füt­tern zu lassen“, verbreitet sei.

Die SVP und der Autoritarismus

Auch die aktu­elle „10-Millionen-Schweiz“-Initiative will den Eindruck erwe­cken, dass primär die Asyl­su­chenden (und in zweiter Linie die übrigen Zuwan­dernden) für die vermeint­li­chen und realen Miss­stände im Land verant­wort­lich seien und deshalb auch diese als erstes und am stärksten getroffen würden, wenn die Initia­tive am 14. Juni eine Mehr­heit findet (dabei haben Asyl­su­chende, selbst wenn man den Schutz­status S für ukrai­ni­sche Geflüch­tete dazu­rechnet, in den letzten Jahren und Jahr­zehnten kaum etwas zum Bevöl­ke­rungs­wachstum beigetragen). Für die Einhei­mi­schen hingegen, so sugge­riert die Kampagne, würden sich die – durchaus drän­genden – Probleme wie die „unbe­zahl­baren Mieten“ und die „Zube­to­nie­rung der Natur“ endlich erledigen.

Die SVP aber wird sich bereits am Tag nach der Abstim­mung – gerade auch wenn ein Ja zu ihrer Initia­tive resul­tiert – mit all ihrer Kraft gegen eine grif­fige Wohnbau-, Raumplanungs- und Umwelt­schutz­po­litik stemmen. Und sie wird, gemäss Initia­tiv­text, darauf drängen, die Perso­nen­frei­zü­gig­keit aufzu­künden, die flan­kie­renden sozial- und arbeits­markt­po­li­ti­schen Mass­nahmen zu strei­chen und aus der Euro­päi­schen Menschen­rechts­kon­ven­tion auszu­steigen. Das weiter zerrüt­tete Verhältnis zur EU und die Schwä­chung der Menschen­rechte und des Arbeit­neh­mer­schutzes werden alle zu spüren bekommen, die in der Schweiz leben – profi­tieren wird von dieser Entwick­lung nur, wer die Schweiz, wie die SVP-Spitze, an das auto­ri­täre und olig­ar­chi­sche Projekt von Trump und Konsorten anglei­chen und inte­grieren will.

Die SVP will in den Köpfen die Grenze zwischen Innen und Aussen, zwischen zuge­hörig und fremd befes­tigen, um sie poli­tisch weiter bewirt­schaften und miss­brau­chen zu können. Die der SVP und der Wirt­schafts­elite unan­ge­nehmen Verteilungs- und Teil­ha­be­fragen können so in den Hinter­grund gedrängt werden. Was derzeit in der Schweiz ähnlich wie vieler­orts in der (west­li­chen) Welt auf dem Spiel steht, hat Ibram X. Kendi in seinem soeben erschienen Buch Chain of Ideas: Great Repla­ce­ment Theory and the Origins of Our Autho­ri­ta­rian Age darge­stellt. Mit Kendi kann man sagen: Nur die „gemein­same Kraft anti­ras­sis­ti­scher Demo­kratie“ kann die olig­ar­chi­sche Herr­schaft der Super­rei­chen über uns alle aufbre­chen, die wir (mitt­ler­weile) Einhei­mi­sche oder (kürz­lich) Zuge­wan­derte sind. Diese Einsicht wird über den 14. Juni 2026 hinaus wichtig bleiben: Mit der so genannten „Grenz­schutz­in­itia­tive“ hat die SVP bereits die nächste Verfas­sungs­in­itia­tive lanciert, die – im Bichsel’schen Sinn – Asyl­miss­brauch darstellt.