„Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.“ Die Gleichsetzung von Freiheit und Waffenbesitz ist ein gefährlicher Anachronismus

In der Schweiz schwelt ein neuer Konflikt mit der EU. Die Armeewaffe „Sturmgewehr 90“, gelagert im heimischen Kleiderschrank und zugleich Lieblingswaffe der Sportschützen, ist mit dem verschärften europäischen Waffenrecht nicht kompatibel. Die Waffenlobby rüstet zum Kampf – allerdings mit schlechten Argumenten.



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Am 5. Januar 2018 endete die Vernehmlassung für das neue Schweizer Waffenrecht, das im Zuge der Verschärfung der EU-Waffenrichtlinien von 2016 ausgearbeitet wurde. Als Mitglied von Schengen muss die Eidgenossenschaft die Richtlinien nachvollziehen. Seit Bekanntgabe wird in der Schweiz heiss diskutiert, wie auf diesen Beschluss „fremder Richter“ zu reagieren sei. Bereits im Vorfeld erwirkte die Schweizer Waffenlobby (u.a. Schweizerischer Schiesssportverband, Interessengemeinschaft Schiessen Schweiz, Pro Tell) zahlreiche Lockerungen der Richtlinien, der Bundesrat schickte eine „pragmatische Lösung“ in die Vernehmlassung: Der Gesetzesentwurf sieht unter anderem eine Begrenzung der Magazingrösse vor und will Besitzerinnen und Besitzern von halbautomatischen Waffen die Mitgliedschaft im Schützenverein oder regelmässiges Training verordnen, aber keine medizinischen oder psychologischen Tests. Militär- und Jagdwaffen sollen weiterhin problemlos erworben werden können. Im Frühling wird der Bundesrat sein weiteres Vorgehen bekanntgeben.

In der Schweiz befinden sich auf gut acht Millionen EinwohnerInnen rund zwei Millionen Waffen in Privatbesitz. Diesen Zustand anzuklagen, ist hierzulande ein unmögliches Unterfangen: Ein Grossteil davon sind Armee- und Vereinsschützenwaffen, beide gut in der schweizerischen Traditionslandschaft verankert. Insbesondere Vertreter der Schützinnen und Schützen berufen sich gerne auf ihre Tradition und dabei auf einen weltbekannten Exponenten ihrer Gattung, Wilhelm Tell. Auch die Lobbyorganisation Pro Tell trägt den Meisterschützen im Namen. In ihrer Antwort auf die Vernehmlassung bezeichnete sie die neuen Richtlinien als grundsätzliche Infragestellung der „Freiheit der Schweizerinnen und Schweizer“. In Tell steckt allerdings mehr als ein Freiheitsheld und Apfelschütze.

Tell historisch – Tell dramatisch

Sprechen wir heute von Wilhelm Tell, rekurrieren wir meistens auf das Schiller-Drama von 1804, das Schweizerische Nationalepos. Schiller hatte das Werk aus dem wohlbekannten Mythenstoff vom Meisterschützen Tell entwickelt. Laut Überlieferung wurde Tell vom sadistischen Landvogt Gessler dazu gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Der Schuss glückte, doch anstatt dem Schützen die versprochene Freiheit zu gewähren, nahm ihn der Landvogt gefangen und beabsichtigte, Tell in seiner Burg einzukerkern. Auf dem Weg nach Küssnacht gelang dem Helden die Flucht und später auch die Rache, als er in einem Hinterhalt seinen Peiniger Gessler niederstreckte. Spannender Stoff. Die Geschichte, die sich laut Überlieferung um 1300 abgespielt haben soll, tauchte erstmals in dieser Form um 1470 auf und wird seitdem weitererzählt und -gedichtet, nach ganz Europa und sogar in die zukünftigen Vereinigten Staaten von Amerika exportiert. Tell blieb bei diesem „Import und Export“ (Groebner/Blatter) nicht immer der gleiche, sondern wandelte sich vom Edelmann, der den inhumanen Vogt ausschaltete, um die gerechte Herrschaft des Kaisers wieder zu installieren, zum Mann des Volkes, der wider die Tyrannei kämpfte, und schliesslich zum Gebirgsjäger, der die Schweiz befreite und damit die Grundlagen für Demokratie, Unabhängigkeit und Neutralität der modernen Schweiz legte. Den Gerechtigkeitskämpfer griff Friedrich Schiller auf und verpackte ihn in sein Drama. Er gab Tell eine Stimme und einen Kontext. Und machte ihn definitiv unsterblich.

Der Kontext allerdings, in dem die Schiller die Tellsgeschichte spielen lässt, ist historisch alles andere als verbürgt – in der Innerschweiz sind um 1300 weder sadistische Reichsvögte noch Volksaufstände in Quellen dokumentiert. Zweifel an der Historizität der Tellfigur haben seit der Schrift „Der Wilhelm Tell, ein dänisches Mährgen“ von 1760 (Freudenberger/von Haller) eine beinahe dreihundertjährige Tradition – was indessen der Wirkungsmacht der Geschichte bis heute keinen Abbruch tut. Der Schütze Tell brachte es im Zuge der Bundesstaatsgründung zur wichtigen Integrationsfigur für die junge Schweiz und wurde während des ganzen 20. Jahrhunderts als Beleg für die Wehrhaftigkeit des Schweizervolkes angeführt und angerufen. Invention of tradition (Hobsbawm/Ranger) lässt grüssen. Gegen Ende des Kalten Krieges aber geriet er in die Krise. Kritische Kreise dekonstruierten den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft und Tell gleich mit. Die Gründung von Pro Tell 1978 wirkt so wie eine Rettungsaktion für den Meisterschützen am Ende dieses kritischen Jahrzehnts.

Der Desperado

Doch was steckt eigentlich in diesem Freiheitshelden Tell? Ein Held ist Tell, weil er im Alleingang, nur mit seiner Armbrust bewaffnet, einen Tyrannen besiegt hat und mit dieser Tat ein ganzes Volk befreite. Daran ist nichts auszusetzen. Spannender sind die Details dieser nur oberflächlich bekannten Figur: Der Literaturwissenschaftler und Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma hat die Schillersche Tell-Figur in einem luziden Essay unter die Lupe genommen (Vertrauen und Gewalt, 2008). Zum einen suchte er das Heldenhafte Tells in Schillers Drama, zum anderen beurteilte er Tells Handeln aus einer ethisch-normativen Perspektive der Gegenwart. Sein erstes Urteil ist ernüchternd: Tell ist kein Held. Das ganze Drama sei so angelegt, dass Tell zu seiner Handlung gedrängt werde und seinem Schicksal mehrfach aufs Unterwürfigste zu entgehen suche: „‚Verzeih mir lieber Herr! Aus Unbedacht, nicht aus Verachtung Eurer ists geschehn, wär ich besonnen, hiess ich nicht der Tell, Ich bitt um Gnad‘, es soll nicht mehr begegnen“, versucht sich Tell dem Apfelschuss zu entziehen. Heldenmut klingt anders.

Aus gegenwärtiger Perspektive sei Tell ein Desperado, ein Einzelgänger ausserhalb von Gesetz und Sozialverband. Reemtsma zieht dazu einen Vergleich mit den Hauptfiguren der Spaghetti-Western: Kompromisslos und vermeintlich heldenhaft streckten diese ganze Gangsterbanden nieder. Vermeintlich, weil sich immer herausstelle, dass sie nicht aus Ablehnung des Verbrechens, sondern aus persönlicher Rache handelten und weil sie, ähnlich wie Tell, ihre Gegner nicht im Zweikampf besiegten, sondern aus dem Hinterhalt, mit überlegenen Waffen oder raffinierten Plänen. Ein weiteres Vergleichsmerkmal ist laut Reemtsma die Wortkargheit: Weder die Desperados noch Tell sprächen mehr als unbedingt nötig. Tell würge aufkeimende Diskussionen mit markigen Sprüchen im Stile von „Der Starke ist am mächtigsten allein“ ab. Eine Legitimation der Taten gibt in diesen Szenerien niemand.

Reemtsma findet in Schillers Drama etliche weitere Stellen, um sein abschliessendes Fazit zu untermauern: Bevor der Held sein Heim gen Altdorf verlässt, repariert er sein Gartentor, was Reemtsma mit der Befestigung seines Heims gleichsetzt; das Bonmot „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, das Schillers Tell bei dieser Gelegenheit äussert, legt Reemtsma als Beleg für Tells Autarkiebestreben aus. In Tells Welt gibt es keine Arbeitsteilung, kein staatliches Gewaltmonopol, keine inhaltliche Diskussion. Tell ist in seiner Handlungsweise archaisch, vormodern und opportunistisch, schlussfolgert Reemtsma.

Tradition, Gewaltmonopol und Freiheit

Man stutzt. Das ist nicht unser Tell. Reemtsmas Interpretation ist reizvoll, aber nur eine unter vielen, zudem eine kaum bekannte. Etwas an ihr erscheint mir aber besonders gelungen: Reemtsma betont die Ambivalenz, die in Schillers Drama und dessen Rezeption steckt. Zwar ist das Resultat von Tells Handeln heldenhaft, aber dessen Motiv der Rache ist es nicht. Jeglicher Versuch, den Privatwaffenbesitz mit Wilhelm Tell zu legitimieren, muss an dieser Feststellung scheitern. Doch schauen wir genauer, wie die Schweizer Waffenlobby Pro Tell für den Waffenbesitz argumentiert. Laut Statuten sei dieser „für die Wehrfähigkeit unseres Landes unabdingbar.“ Verlangt das 21. Jahrhundert als Zeitalter der digitalen Kriegsführung noch nach dem bewaffneten Mann? Viel eher ist die Waffe im Privathaushalt eine notwendige Bedingung für etwas anderes, weniger Ehrenhaftes: Die Schweiz hat von allen Industrieländern nach den USA und Südafrika am meisten Tote durch Schusswaffen zu beklagen, denn dank der Milizarmee gehört die Schweiz zu den Nationen mit der höchsten Waffendichte pro Kopf.

Die Milizarmee hat als politischer Wille ihre Berechtigung. Aber sie bleibt Teil des staatlichen Gewaltmonopols, während die Armeewaffe zum Hybrid von privat und staatlich wird. Trug die Schweizer Milizarmee im 19. Jahrhundert zur Emanzipation des Bürgertums und zur Gemeinschaftsstiftung bei, indem sie alle männlichen Bürger bewaffnete, hat sie diese Funktion längst verloren. Bürgerrechte drücken sich heute nicht mehr durch Waffenbesitz aus.

Die Waffenlobby als „Freiheitslobby“ (so die Selbstbezeichnung von Pro Tell, in: Der Bund, 14.10.17) zu verstehen, ist ein Affront gegen jegliche moderne Staatlichkeit. Absolute Autarkie, das Prinzip des Stärkeren untergräbt das Gewaltmonopol. Im Sozialverband bedeutet die Privatwaffe eine latente Bedrohung der Freiheit des anderen. Das spätmoderne Individuum braucht weder halbautomatische Waffen noch Schalldämpfer, um frei zu sein.

Natürlich schränkt das Gesetz den privaten Waffenbesitz und damit die Freiheit des Individuums ein, doch tut es dies zum Schutz eines grösseren Guts, dem Recht auf Leben. Die kompromisslose Opposition gegen eine Verschärfung des Waffengesetzes durch Pro Tell ist Ausdruck einer genuin libertären Haltung, die dem Staat jegliche Verantwortung und Macht aberkennt. Womit sie Ausdruck jener politischen Tendenz ist, die das Individuelle gegenüber dem Gemeinschaftlichen massiv überhöht. Vielleicht ist Pro Tell – und Tells Beispiel der Selbstjustiz – damit näher am gesellschaftlichen Mainstream, als man es von diesem Verein aus der Zeit des Kalten Kriegs geglaubt hätte.