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  • Francesca Falk promovierte 2009 mit einer Arbeit zum Konzept der Grenze im politischen Denken des Liberalismus. Sie ist seit 2020 Dozentin für Migrationsgeschichte an der Universität Bern.

Dass sich Migra­tion nach­teilig auf die Eman­zi­pa­tion der Frauen auswirke, ist kein neues Argu­ment, aber ein falsches. Es prägt die öffent­li­chen Debatten seit den 1960er-Jahren. In dieser Zeit wurden Italie­ne­rinnen und Italiener ähnlich wahr­ge­nommen wie die musli­mi­sche Bevöl­ke­rung heute. Mit Unbe­hagen blickte man damals auf die vergleichs­weise höhere Kinder­zahl italie­ni­scher Fami­lien und sprach von der drohenden „Italia­ni­sie­rung“ der Schweizer Bevöl­ke­rung. Auch erregte es Unmut, dass viele Italiener Bahn­höfe als Treff­punkte nutzten – denn sie standen im Ruf, Schwei­ze­rinnen zu beläs­tigen. 1983 weigerte sich eine Imbiss­stube in der Stadt Wil, italie­ni­sche Gäste im vorderen Teil der Räum­lich­keiten zu bedienen – mit der Begrün­dung, dass unbe­glei­tete Frauen es sonst nicht wagen würden, einzu­treten.

Vor diesem histo­ri­schen Hinter­grund ist es wenig erstaun­lich, dass die Nach­kriegs­mi­gra­tion in der wissen­schaft­li­chen Lite­ratur lange als „einsei­tige Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schichte“ erzählt wurde: Italie­ni­sche Frauen hätten demnach erst in der „moder­neren“ Schweiz ihre Frei­heit entdeckt. Dabei ging und geht vergessen, dass Frauen in Italien in vielen Berei­chen besser­ge­stellt waren als in der Schweiz. Das Frau­en­stimm­recht galt dort seit Ende des Zweiten Welt­kriegs und auch die Geschlech­ter­gleich­heit wurde viel früher in der Verfas­sung veran­kert. Die Italie­ne­rinnen trafen also in der Schweiz in vielerlei Hinsichten auf eine rück­stän­dige Situa­tion.

Ausbau der Kinderkrippen-Infrastruktur

In Sachen Gleich­stel­lung war und ist die Schweiz in vielerlei Hinsicht eine Nach­züg­lerin, wobei in der wissen­schaft­li­chen Lite­ratur allge­mein ange­nommen wird, dass die „Gast­ar­beit“ die tradi­tio­nellen Geschlech­ter­rollen und ein bürger­li­ches Fami­li­en­mo­dell noch verstärkt habe. Doch auch diese Geschichte lässt sich anders erzählen, denn der Anteil der Auslän­de­rinnen an der weib­li­chen Erwerbs­ar­beit belief sich zwischen 1950 und 1960 auf drei Viertel. In den so genannten „Boom-Jahren“ stellte sich die Frage nach der Verein­bar­keit von Beruf und Familie also gerade in migran­ti­schen Fami­lien.

Eine direkte Folge des hier viru­lenten Verein­bar­keits­pro­blems war, dass ausser­häus­liche Betreu­ungs­struk­turen für Kinder ausge­baut wurden. Zwar öffneten bereits im 19. Jahr­hun­dert Krippen für Arbei­ter­kinder, doch mit den „Auslän­der­kin­dern“ wuchs der Bedarf signi­fi­kant. Noch bevor sich die gesell­schaft­li­chen Werte wandelten – die Fremd­be­treuung von Kindern war damals in der Schweiz stark stig­ma­ti­siert –, bestand also ein prak­ti­scher Zwang für den Ausbau von Krippen, weil die ‚auslän­di­schen‘ Arbei­ter­frauen in der Wirt­schaft gebraucht wurden.

Mit den Auswir­kungen der Ölkrisen in den 1970er Jahren änderte sich die Situa­tion; in diesen Rezes­si­ons­jahren mussten zahl­reiche Migran­tinnen und Migranten in ihre Heimat­länder zurück­kehren. Die im Zuge der Nach­kriegs­mi­gra­tion etablierte Betreu­ungs­struktur wurde nun vermehrt von der Schweizer Mittel­schicht genutzt und im Laufe der 1980er-Jahre langsam breiter akzep­tiert. Die Exis­tenz von Kinder­krippen führte also, zusammen mit anderen Einflüssen wie etwa der neuen Frau­en­be­we­gung, dazu, dass es im Laufe der Zeit zu einer Norma­li­sie­rung ausser­häus­li­cher Kinder­be­treuung kam. Zusam­men­fas­send lässt sich fest­halten, dass verän­derte Lebens­stile, auch unfrei­willig prak­ti­zierte, zum Ausbau von Infra­struk­turen beitragen können und sich Dyna­miken entfal­teten, die lang­fristig eine Verän­de­rung der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Situa­tion bewirken können.

Zugang zur Hoch­schul­bil­dung und poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion

Nadeschda Suslowa, die erste Doktorin der Univer­sität Zürich; Quelle: tagesanzeiger.ch

Die Schweiz hat bekannt­lich als eines der ersten Länder Europas Frauen den Zugang zu Univer­si­täten gewährt. Es waren aller­dings Studen­tinnen aus Russ­land, die sich in der Schweiz den Zugang zur höheren Bildung erkämpften. An der Univer­sität Zürich waren es zudem vor allem geflüch­tete deut­sche Profes­soren, die sich für das Frau­en­stu­dium stark machten. Auch wenn es zu diesen Vorgängen inzwi­schen exzel­lente Studien gibt, ist dieses Wissen nur partiell in die deutungs­mäch­tigen Über­blicks­werke einge­flossen.

Die frühen Akade­mi­ke­rinnen standen oft an der Spitze des femi­nis­ti­schen Denkens, einige der ersten Studen­tinnen wurden später Schlüs­sel­fi­guren im Kampf um poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion. Dass viele Frau­en­stimm­recht­spio­nie­rinnen Migra­ti­ons­er­fah­rung aufweisen, wurde bisher nicht syste­ma­tisch reflek­tiert und ist nicht Teil unseres Geschichts­bildes geworden. Die feder­füh­rende Betei­li­gung von Frauen mit verschie­denen Arten der Migra­ti­ons­er­fah­rung am Kampf für das Frau­en­stimm­recht kann anhand mehrerer Ikonen der Schweizer Frau­en­stimm­rechts­be­we­gung aufge­zeigt werden.

Stell­ver­tre­tend für andere soll das Beispiel von Ottilia Paky-Sutter genannt werden, die im Appen­zell Inner­rhoden lebte, in jenem Kanton also, der als letzter im Jahr 1990 und erst auf Druck des Bundes­ge­richts das Frau­en­stimm­recht einführte. 1978 grün­dete Ottilia Paky-Sutter eine Frau­en­gruppe mit dem Ziel, das Frau­en­stimm­recht in Appen­zell Inner­rhoden einzu­führen. Paky-Sutter gehörte zu einer der bekann­testen Fami­lien in Appen­zell, denn sie besass ein Gast­haus, in dem sich die lokale Intel­li­gen­zija traf. An der Landes­aus­stel­lung 1939 in Zürich traten die noch unver­hei­ra­tete Ottilia Sutter und ihre Schwester mit dem Fest­spiel „Me sönd halt Appe­zöller“ auf. Als auch noch ein Heimat­film („I han en Schatz gha“, 1941) folgte, verkör­perten die jodelnden Schwes­tern für ein breites Publikum „lokale Tradi­tionen“. Nur wenige Jahre später änderte sich die Situa­tion für Ottilia Paky-Sutter aller­dings dras­tisch, denn sie verlor 1947, nach ihrer Heirat mit einem Öster­rei­cher, ihre Schweizer Staats­bür­ger­schaft. Laut Aussagen ihrer Tochter war dies der entschei­dende Faktor für das poli­ti­sche Enga­ge­ment der Mutter – zumal für Ottilia Paky-Sutter diese Verän­de­rung auch einen sozialen Abstieg nach sich zog. Ihre ganze Familie musste wieder­ein­ge­bür­gert werden, eine sowohl ernied­ri­gende als auch kost­spie­lige Prozedur. Es war mit anderen Worten diese „indi­rekte“ Migra­ti­ons­er­fah­rung, die ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment entfachte.

Das Beispiel Ottilia Paky-Sutter zeigt, dass es produktiv sein kann, auch solche indi­rekten Migra­ti­ons­er­fah­rungen und ihre Auswir­kungen in die histo­ri­sche Analyse einzu­be­ziehen. Heute werden in der Schweiz weniger als die Hälfte der Ehen zwischen Schweizer Bürge­rinnen und Bürgern geschlossen. Auch daher ist es wichtig, die Impli­ka­tionen der Migra­tion umfas­sender zu denken. Migra­ti­ons­po­litik betrifft weit mehr Menschen als dieje­nigen, die gemeinhin als „Migrierte“ gelten.

Wie die Vergan­gen­heit erzählt und die Zukunft vorge­stellt wird

Geschichte, die aus der Migra­ti­ons­per­spek­tive erzählt wird, kann das Selbst­ver­ständnis eines Landes wie der Schweiz verän­dern. Dabei geht es nicht einfach um das Hinzu­fügen einer Migra­ti­ons­ge­schichte zur so genannten „allge­meinen Geschichte“. Migra­tion ist nicht nur in den Blick zu rücken, wenn explizit „Migra­tion“ darauf steht. Wir brau­chen nicht in erster Linie eine Migra­ti­ons­ge­schichte, die sich in Beiträgen findet, die dieses Thema spezi­fisch adres­sieren, viel­mehr brau­chen wir eine Migran­ti­sie­rung der gesamten Geschichts­schrei­bung.

Den Zusam­men­hang zwischen Migra­tion und der Geschichte der Gleich­be­rech­ti­gung in der Schweiz zu unter­su­chen, heisst nicht, Migra­tion zu glori­fi­zieren oder behaupten zu wollen, dass Migra­tion nie ein Hindernis für ‚Eman­zi­pa­tion‘ sein kann. Migra­tion per se ist weder gut noch schlecht. Aber die Bedin­gungen, unter denen sie statt­findet, können eher gut oder eher schlecht sein. Diese Bedin­gungen sind nicht einfach gegeben, sondern sie werden gemacht, gestaltet. Die Art der Gestal­tung wiederum hängt auch davon ab, wie wir die vergan­gene und die gegen­wär­tige Migra­tion wahr­nehmen, ob wir zum Beispiel auch sehen, welchen Beitrag zur gesell­schaft­li­chen Entwick­lung sie leis­tete und leistet. Gerade deshalb ist es wichtig, diesen oft verges­senen Zusam­men­hang von Migra­tion und Eman­zi­pa­tion zu beleuchten.

Eine ausführ­liche Version dieses Arti­kels wird in der Novem­ber­aus­gabe der Zeit­schrift terra cognita publi­ziert. Die wissen­schaft­liche Studie der Autorin zum Thema wird in Kürze beim Verlag Palgrave erscheinen.
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