#men, too?

Die #MeToo-Debatte hat einmal mehr gezeigt: Es wäre höchste Zeit, dass die Männer, die das Verhalten der Weinsteins, Trumps etc. beschämend finden, selbst sagen, was sie von sich und ihren Geschlechtsgenossen erwarten.



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Verzeihung, hier soll es noch einmal um den Mann gehen; nicht darum, was er angeblich ist, oder was er sein oder auch nicht sein soll, sondern was er sein will, so er denn Mann sein will. Denn es ist Zeit, mit dem schweigenden Einverständnis zu brechen, mit dem Männer bisher die #MeToo-Debatte weitgehend begleitet haben.  Zu wenig wurde dabei deutlich, womit sich das Schweigen eigentlich einverstanden erklärt hat: Mit der Anklage gegen Männer, die Erotik und gewaltsame Eroberung für dasselbe nehmen und entsprechend mit anderen – meist Frauen – umgehen; oder eben doch mit diesen Männern und dem, was sie tun.

Das erstere nehmen – hoffentlich – die meisten aus der schweigenden Männermehrheit für sich in Anspruch, aber das zweite können sie nicht einfach von sich weisen, so lange sie sich nicht äussern. Denn betreten stillzuhalten, wenn Frauen sich beschweren, damit nach einer Pause, «wenn sie sich beruhigt hat», alles so weitergeht wie bisher, gehört zum Lebenswerkzeug des Mannes im Patriarchat; es ist ihm eingeschrieben wie die Überzeugung, dass Frauen mit diesen Beschwerden übertreiben, und wie das Zugeständnis an die «echten Männer», sich zu nehmen, was sie wollen.

Raus aus dem Schweigen

Die Bewunderung für den Typen, der nicht lang fragt, feiern populäre und feinsinnigere Medien bis heute. Und selbst wenn dem nicht so wäre, oder Männer damit nichts zu tun hätten: Es ist nicht gerade souverän, betreten zu schweigen. Und das Schweigen hinterlässt eine Lücke, wo klare Vorstellungen zu artikulieren wären, wie Männer, die sich für Frauen interessieren und sie als Menschen ernst nehmen, diesen gegenüber eigentlich auftreten wollen. Sonst bleibt der Verdacht, sie wüssten es nicht, könnten es nicht besser oder hielten sich – was immer sie tun, um die Aufmerksamkeit der Damenwelt zu erregen – für unterlegen gegenüber dem alten Macho-Gehabe. Es befördert und verfestigt die peinliche Vorstellung, dass Männer von sich aus unter Flirt nichts Besseres zu verstehen vermögen als auftrumpfendes Gehabe, plumpes, beleidigendes Gerede und hilfloses bis bösartiges Gegrapsche – oder anders: dass das angeblich «starke» das stumme und blöde Geschlecht ist, so gern es auch wortreich die Welt erklärt.

Die Konsequenz hat vor einem dreiviertel Jahrhundert Theodor W. Adorno in seinen Minima Moralia beobachtet: «Unterhalb der verlogenen Ideologie, welche den Mann als Überlegenen hinstellt, liegt eine geheime, nicht minder unwahr, die ihn zum Inferioren … herabsetzt.» Das hindert ihn nicht, auf die Armseligkeit der «tough guys» hinzuweisen, «die der Weichlinge als Opfer bedürfen, um nicht zuzugestehen, dass sie ihnen gleichen.» Und sicher, weder sind die «tough guys» wirklich stark, noch ist die Stärke männlich.

Die Zurschaustellung der Rücksichtslosigkeit feiert die Unterdrückung, an deren Fortsetzung alle mitwirken, die das attraktiv finden: die Schwachen, weil sie sich an die Stelle der Starken träumen, denen sie dann jederzeit zur Seite zu stehen bereit sind; die Starken, wieder mit Adorno, indem sie «die vergangene Gewalt gegen sich selbst» wiederholen in Ritualen der stolzen Selbstüberwindung. Die stillschweigende Gemeinschaft in der Missachtung der Anderen und des eigenen Selbst erfreut sich, wie Adorno schreibt, «des Glückes der Einigkeit in der Absenz von Glück», sie ist geradezu das «Geheimnis der Integration» in einer Gesellschaft, die auf Unterdrückung beruht.

Kein Nullsummenspiel

Aus dieser Einigkeit auszubrechen ist nun gerade kein Opfer oder Verlust, den der Mann auf sich zu nehmen hätte, als wäre das Patriarchat eine Ordnung zum Zwecke der Befriedigung seiner Bedürfnisse gewesen. Das kann nur glauben, wer jedweden sozialen Verkehr als Nullsummenspiel begreift, bei dem der Gewinn der einen Seite den gleichen Betrag hat wie der Verlust der anderen und umgekehrt. Nur dann würde stimmen, dass, weil die Frauen etwas verloren haben, die Männer das Gleiche gewannen, was sie jetzt herausgeben und also wieder verlieren sollen. Inzwischen kennt selbst die Vulgärökonomie die «win-win-Situation» und die von ihr Geschulten sollten also auch befähigt sein, die «lose-lose-Situation» zu begreifen. Als Gewaltordnung leitet das Patriarchat die Männer dazu an, gewalttätig zu sein oder sich mit Gewalttätigkeit gemein zu machen, weil jeder ständig unter der Drohung steht, als Nicht-Mann Gegenstand der Gewalt zu werden – und dann noch ohne den brüchigen Schutz, den es den «unschuldigen» Frauen und den Müttern gewährt.

Wer sich geschickt durch die Gewalt manövriert, hier tritt und dort sich duckt, in jedem Falle aber tut, wozu er als Mann berufen ist, der mag sich selbst zeitweilig sicher fühlen; schon seine Familie, seine Freunde und die Frauen, denen er sich immerhin verbunden fühlen mag, sind es nie. Das muss vor sich und anderen verbergen, wer den Gewinn einstreichen will. Im Schatten der Gewalt gedeiht jenseits des «Glücks der Einigkeit» kein Glück und auch keine rechte Beziehung zu anderen Menschen; darum haben die «tough guys» auch keine Freunde, von Freundinnen ganz zu schweigen und, so sehr im Film oder im echten Leben manche Frauen sie auch anhimmeln mögen, erst recht keine Liebesbeziehung, die den Namen verdient.

Vorstellungen vom Ende des Patriarchats

Wer, als Mann, sein Leben also nicht mit Kameraden verbringen möchte, die bestenfalls an ihm bewundern, was sie alle unglücklich macht, mit Lakaien, die nur darauf warten, über ihn herzufallen, mit Frauen und Kindern, die nach Massgabe der ihnen drohenden Gefahr schlecht und recht verbergen, wie wenig sie wirklich von ihm halten; wer nicht möchte, dass sein Genuss nur im Stolz auf überwundene Unlust besteht, sein Gelächter in Verachtung und maskierter Angst, der hat guten Grund, das Ende des Patriarchats zu begrüssen und nach Kräften an ihm mitzuarbeiten.

In jedem Fall sollte es sich für Männer, die solche sein und bleiben wollen, lohnen, darüber nachzudenken, was sie sich eigentlich darunter vorstellen. Androgynität ist eine achtbare Möglichkeit, aber wohl nicht für alle attraktiv, vielleicht nicht einmal für eine Mehrheit – auch wenn es Gegenbeispiele gibt: Wie Morioka Masahiro gezeigt hat, belegt die Karriere der „herbivoren Männer“ in Japan, dass der Abschied von traditionell männlich und die Integration von traditionell weiblich konnotierten Eigenschaften durchaus für grössere Kreise von Männern erstrebenswert sein kann und diese Rekonfiguration sich als erotisch anziehend für das andere Geschlecht zu erweisen vermag.

Daneben ist es wert, zu überlegen und auszusprechen, was Männlichkeit heisst, wenn Dominanz oder gar Gewaltsamkeit kein Element von ihr sein soll. In mancher Hinsicht würde es wohl genügen, explizit herauszustellen, wonach viele Männer sich heute bereits richten oder, vorsichtiger gesagt, wovon sie das gerne glauben würden. Es wäre dabei schon eine wünschbare Modifikation der traditionell (und fälschlich) männlich konnotierten Tugenden «Mut» und «Weitsicht», wenn Männer diese Normen auch entschieden verträten, vor allem natürlich gegenüber Geschlechtsgenossen, die weiterhin meinen, es gehöre zum Mann-sein, sich über Frauen und andere Un-Männliche abschätzig zu äußern, sie zu übergehen und zu schikanieren. Angesichts der Ubiquität, mit der trotz anschwellender Bocksgesänge über «Gender-Wahn» und feministischen mainstream das patriarchale Männerbild weiterhin medial und real in die Welt getragen wird, dürfte es an Gelegenheiten, solchen Mut und solche Weitsicht zu erproben, nicht fehlen.

Achtung und emanzipierte Männlichkeit

Im Übrigen: Es wird ja wohl der Männlichkeit zumindest nicht schaden, anderen Menschen unabhängig von Geschlecht und Status mit Achtung zu begegnen und dafür auch aus Überzeugung einzustehen; wobei Achtung hier nicht die neuerdings viel berufene «Wertschätzung» meint, mit der das Management die Bemühungen der bezahlten Arbeitskräfte belobigt. Solche «Wertschätzung» ist im Gegenteil nur die bunt lackierte Form der Missachtung, die ungeschminkt diejenigen ereilt, welche für die Zwecke des Unternehmens nicht mehr nützlich sind.

Achtung bestünde vielmehr in der Anerkennung der Anderen als Wesen mit eigenem Willen, über den einfach hinwegzugehen sich verbietet – genau das, was die patriarchale Ordnung in aller Offenheit der Frau, versteckter aber auch der grössten Zahl der Männer versagt. Denn wo Männlichkeit zur Dominanz verpflichtet, ist es das Schicksal der meisten Männer, die meiste Zeit keine zu sein, und sich kaum mehr geachtet zu finden als die Frauen. Noch die triumphierendsten unter ihnen müssen das zumindest als Kinder erfahren haben. Doch können sie es sich nicht eingestehen, solange sie diese Ordnung als die ihre begreifen. Sie haben sich damit selbst mit Verachtung gestraft, ohne das auch nur zu wissen oder wissen zu dürfen. Pascals berühmter Spruch «Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point – Das Herz hat seine Gründe, von denen der Verstand nichts weiß» ist das fundamentale Raisonnement aller Unmündigkeit.

Achtung verpflichtet demgegenüber zur Empfänglichkeit, für die anderen wie für sich selbst. Sie verlangt – schon wieder – Mut, nämlich zu wissen, worin der eigene Wille, das eigene Bedürfnis und die des Gegenübers bestehen, und die Stärke, ihren möglichen Widerspruch auszuhalten. Sie befeuert Klugheit, indem sie zur Suche nach Wegen anspornt, solche Widersprüche zu vermitteln, und ermöglicht Weisheit, die im besten Fall daraus erwächst.

Es gäbe also Aussichten für emanzipierte Männlichkeit, und sie sollten formuliert werden, schon um des Lebens willen, das Männer selbst leben wollen. Konsistent wird das nur möglich sein, wo neben dem Patriarchat auch die anderen Formen von Unterdrückung (mindestens also Rassismus und Klassenherrschaft) adressiert werden; denn die schönsten Realisierungen von Gender-Gerechtigkeit etc. treiben ganz ähnliche Blüten wie das Patriarchat, solange das nicht der Fall ist – auch wenn Privilegien wie Gewalt dann anders verteilt sein werden. Zum Schluss daher noch einmal Adorno: «Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft.»