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  • Raji C. Steineck ist Philosoph und Philologe. Er lehrt Japanologie an der Universität Zürich und forscht über symbolische Formen, die Geschichte der Zeitauffassungen und die kritische Theorie der Kultur.

Verzei­hung, hier soll es noch einmal um den Mann gehen; nicht darum, was er angeb­lich ist, oder was er sein oder auch nicht sein soll, sondern was er sein will, so er denn Mann sein will. Denn es ist Zeit, mit dem schwei­genden Einver­ständnis zu brechen, mit dem Männer bisher die #MeToo-Debatte weit­ge­hend begleitet haben.  Zu wenig wurde dabei deut­lich, womit sich das Schweigen eigent­lich einver­standen erklärt hat: Mit der Anklage gegen Männer, die Erotik und gewalt­same Erobe­rung für dasselbe nehmen und entspre­chend mit anderen – meist Frauen – umgehen; oder eben doch mit diesen Männern und dem, was sie tun.

Das erstere nehmen – hoffent­lich – die meisten aus der schwei­genden Männer­mehr­heit für sich in Anspruch, aber das zweite können sie nicht einfach von sich weisen, so lange sie sich nicht äussern. Denn betreten still­zu­halten, wenn Frauen sich beschweren, damit nach einer Pause, «wenn sie sich beru­higt hat», alles so weiter­geht wie bisher, gehört zum Lebens­werk­zeug des Mannes im Patri­ar­chat; es ist ihm einge­schrieben wie die Über­zeu­gung, dass Frauen mit diesen Beschwerden über­treiben, und wie das Zuge­ständnis an die «echten Männer», sich zu nehmen, was sie wollen.

Raus aus dem Schweigen

Die Bewun­de­rung für den Typen, der nicht lang fragt, feiern popu­läre und fein­sin­ni­gere Medien bis heute. Und selbst wenn dem nicht so wäre, oder Männer damit nichts zu tun hätten: Es ist nicht gerade souverän, betreten zu schweigen. Und das Schweigen hinter­lässt eine Lücke, wo klare Vorstel­lungen zu arti­ku­lieren wären, wie Männer, die sich für Frauen inter­es­sieren und sie als Menschen ernst nehmen, diesen gegen­über eigent­lich auftreten wollen. Sonst bleibt der Verdacht, sie wüssten es nicht, könnten es nicht besser oder hielten sich – was immer sie tun, um die Aufmerk­sam­keit der Damen­welt zu erregen – für unter­legen gegen­über dem alten Macho-Gehabe. Es beför­dert und verfes­tigt die pein­liche Vorstel­lung, dass Männer von sich aus unter Flirt nichts Besseres zu verstehen vermögen als auftrump­fendes Gehabe, plumpes, belei­di­gendes Gerede und hilf­loses bis bösar­tiges Gegrap­sche – oder anders: dass das angeb­lich «starke» das stumme und blöde Geschlecht ist, so gern es auch wort­reich die Welt erklärt.

Theodor W. Adorno: Cover der Erst­aus­gabe der Minima Moralia

Die Konse­quenz hat vor einem drei­viertel Jahr­hun­dert Theodor W. Adorno in seinen Minima Moralia beob­achtet: «Unter­halb der verlo­genen Ideo­logie, welche den Mann als Über­le­genen hinstellt, liegt eine geheime, nicht minder unwahr, die ihn zum Infe­rioren … herab­setzt.» Das hindert ihn nicht, auf die Armse­lig­keit der «tough guys» hinzu­weisen, «die der Weich­linge als Opfer bedürfen, um nicht zuzu­ge­stehen, dass sie ihnen glei­chen.» Und sicher, weder sind die «tough guys» wirk­lich stark, noch ist die Stärke männ­lich.

Die Zurschau­stel­lung der Rück­sichts­lo­sig­keit feiert die Unter­drü­ckung, an deren Fort­set­zung alle mitwirken, die das attraktiv finden: die Schwa­chen, weil sie sich an die Stelle der Starken träumen, denen sie dann jeder­zeit zur Seite zu stehen bereit sind; die Starken, wieder mit Adorno, indem sie «die vergan­gene Gewalt gegen sich selbst» wieder­holen in Ritualen der stolzen Selbst­über­win­dung. Die still­schwei­gende Gemein­schaft in der Miss­ach­tung der Anderen und des eigenen Selbst erfreut sich, wie Adorno schreibt, «des Glückes der Einig­keit in der Absenz von Glück», sie ist gera­dezu das «Geheimnis der Inte­gra­tion» in einer Gesell­schaft, die auf Unter­drü­ckung beruht.

Kein Null­sum­men­spiel

Aus dieser Einig­keit auszu­bre­chen ist nun gerade kein Opfer oder Verlust, den der Mann auf sich zu nehmen hätte, als wäre das Patri­ar­chat eine Ordnung zum Zwecke der Befrie­di­gung seiner Bedürf­nisse gewesen. Das kann nur glauben, wer jedweden sozialen Verkehr als Null­sum­men­spiel begreift, bei dem der Gewinn der einen Seite den glei­chen Betrag hat wie der Verlust der anderen und umge­kehrt. Nur dann würde stimmen, dass, weil die Frauen etwas verloren haben, die Männer das Gleiche gewannen, was sie jetzt heraus­geben und also wieder verlieren sollen. Inzwi­schen kennt selbst die Vulgär­öko­nomie die «win-win-Situation» und die von ihr Geschulten sollten also auch befä­higt sein, die «lose-lose-Situation» zu begreifen. Als Gewalt­ord­nung leitet das Patri­ar­chat die Männer dazu an, gewalt­tätig zu sein oder sich mit Gewalt­tä­tig­keit gemein zu machen, weil jeder ständig unter der Drohung steht, als Nicht-Mann Gegen­stand der Gewalt zu werden – und dann noch ohne den brüchigen Schutz, den es den «unschul­digen» Frauen und den Müttern gewährt.

Tisch­fuss­ball: Foto von Bruno Aguirre; unsplash.com

Wer sich geschickt durch die Gewalt manö­vriert, hier tritt und dort sich duckt, in jedem Falle aber tut, wozu er als Mann berufen ist, der mag sich selbst zeit­weilig sicher fühlen; schon seine Familie, seine Freunde und die Frauen, denen er sich immerhin verbunden fühlen mag, sind es nie. Das muss vor sich und anderen verbergen, wer den Gewinn einstrei­chen will. Im Schatten der Gewalt gedeiht jenseits des «Glücks der Einig­keit» kein Glück und auch keine rechte Bezie­hung zu anderen Menschen; darum haben die «tough guys» auch keine Freunde, von Freun­dinnen ganz zu schweigen und, so sehr im Film oder im echten Leben manche Frauen sie auch anhim­meln mögen, erst recht keine Liebes­be­zie­hung, die den Namen verdient.

Vorstel­lungen vom Ende des Patri­ar­chats

Wer, als Mann, sein Leben also nicht mit Kame­raden verbringen möchte, die besten­falls an ihm bewun­dern, was sie alle unglück­lich macht, mit Lakaien, die nur darauf warten, über ihn herzu­fallen, mit Frauen und Kindern, die nach Mass­gabe der ihnen drohenden Gefahr schlecht und recht verbergen, wie wenig sie wirk­lich von ihm halten; wer nicht möchte, dass sein Genuss nur im Stolz auf über­wun­dene Unlust besteht, sein Gelächter in Verach­tung und maskierter Angst, der hat guten Grund, das Ende des Patri­ar­chats zu begrüssen und nach Kräften an ihm mitzu­ar­beiten.

Morioka Masa­hiro, Cover von Sōsho­kukei danshi no ren’aigaku (Lessons in Love for Herbi­vore Men)

In jedem Fall sollte es sich für Männer, die solche sein und bleiben wollen, lohnen, darüber nach­zu­denken, was sie sich eigent­lich darunter vorstellen. Andro­gy­nität ist eine acht­bare Möglich­keit, aber wohl nicht für alle attraktiv, viel­leicht nicht einmal für eine Mehr­heit – auch wenn es Gegen­bei­spiele gibt: Wie Morioka Masa­hiro gezeigt hat, belegt die Karriere der „herbi­voren Männer“ in Japan, dass der Abschied von tradi­tio­nell männ­lich und die Inte­gra­tion von tradi­tio­nell weib­lich konno­tierten Eigen­schaften durchaus für grös­sere Kreise von Männern erstre­bens­wert sein kann und diese Rekon­fi­gu­ra­tion sich als erotisch anzie­hend für das andere Geschlecht zu erweisen vermag.

Daneben ist es wert, zu über­legen und auszu­spre­chen, was Männ­lich­keit heisst, wenn Domi­nanz oder gar Gewalt­sam­keit kein Element von ihr sein soll. In mancher Hinsicht würde es wohl genügen, explizit heraus­zu­stellen, wonach viele Männer sich heute bereits richten oder, vorsich­tiger gesagt, wovon sie das gerne glauben würden. Es wäre dabei schon eine wünsch­bare Modi­fi­ka­tion der tradi­tio­nell (und fälsch­lich) männ­lich konno­tierten Tugenden «Mut» und «Weit­sicht», wenn Männer diese Normen auch entschieden verträten, vor allem natür­lich gegen­über Geschlechts­ge­nossen, die weiterhin meinen, es gehöre zum Mann-sein, sich über Frauen und andere Un-Männliche abschätzig zu äußern, sie zu über­gehen und zu schi­ka­nieren. Ange­sichts der Ubiquität, mit der trotz anschwel­lender Bocks­ge­sänge über «Gender-Wahn» und femi­nis­ti­schen main­stream das patri­ar­chale Männer­bild weiterhin medial und real in die Welt getragen wird, dürfte es an Gele­gen­heiten, solchen Mut und solche Weit­sicht zu erproben, nicht fehlen.

Achtung und eman­zi­pierte Männ­lich­keit

Im Übrigen: Es wird ja wohl der Männ­lich­keit zumin­dest nicht schaden, anderen Menschen unab­hängig von Geschlecht und Status mit Achtung zu begegnen und dafür auch aus Über­zeu­gung einzu­stehen; wobei Achtung hier nicht die neuer­dings viel beru­fene «Wert­schät­zung» meint, mit der das Manage­ment die Bemü­hungen der bezahlten Arbeits­kräfte belo­bigt. Solche «Wert­schät­zung» ist im Gegen­teil nur die bunt lackierte Form der Miss­ach­tung, die unge­schminkt dieje­nigen ereilt, welche für die Zwecke des Unter­neh­mens nicht mehr nütz­lich sind.

Achtung bestünde viel­mehr in der Aner­ken­nung der Anderen als Wesen mit eigenem Willen, über den einfach hinweg­zu­gehen sich verbietet – genau das, was die patri­ar­chale Ordnung in aller Offen­heit der Frau, versteckter aber auch der grössten Zahl der Männer versagt. Denn wo Männ­lich­keit zur Domi­nanz verpflichtet, ist es das Schicksal der meisten Männer, die meiste Zeit keine zu sein, und sich kaum mehr geachtet zu finden als die Frauen. Noch die trium­phie­rendsten unter ihnen müssen das zumin­dest als Kinder erfahren haben. Doch können sie es sich nicht einge­stehen, solange sie diese Ordnung als die ihre begreifen. Sie haben sich damit selbst mit Verach­tung gestraft, ohne das auch nur zu wissen oder wissen zu dürfen. Pascals berühmter Spruch «Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point – Das Herz hat seine Gründe, von denen der Verstand nichts weiß» ist das funda­men­tale Raison­ne­ment aller Unmün­dig­keit.

Achtung verpflichtet demge­gen­über zur Empfäng­lich­keit, für die anderen wie für sich selbst. Sie verlangt – schon wieder – Mut, nämlich zu wissen, worin der eigene Wille, das eigene Bedürfnis und die des Gegen­übers bestehen, und die Stärke, ihren mögli­chen Wider­spruch auszu­halten. Sie befeuert Klug­heit, indem sie zur Suche nach Wegen anspornt, solche Wider­sprüche zu vermit­teln, und ermög­licht Weis­heit, die im besten Fall daraus erwächst.

Es gäbe also Aussichten für eman­zi­pierte Männ­lich­keit, und sie sollten formu­liert werden, schon um des Lebens willen, das Männer selbst leben wollen. Konsis­tent wird das nur möglich sein, wo neben dem Patri­ar­chat auch die anderen Formen von Unter­drü­ckung (mindes­tens also Rassismus und Klas­sen­herr­schaft) adres­siert werden; denn die schönsten Reali­sie­rungen von Gender-Gerechtigkeit etc. treiben ganz ähnliche Blüten wie das Patri­ar­chat, solange das nicht der Fall ist – auch wenn Privi­le­gien wie Gewalt dann anders verteilt sein werden. Zum Schluss daher noch einmal Adorno: «Keine Eman­zi­pa­tion ohne die der Gesell­schaft.»

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