Mein #Anführer. Die unfreiwillige Wahrheit einer Vorsilbe

Vorsilben sagen manchmal mehr als ganze Worte. Zumindest wenn es um den ‚Führer‘ und den ‚Anführer‘ geht. Über die Schwierigkeiten der deutschsprachigen Presse, den ‚leader‘ ins Deutsche zu übersetzen.



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Seit Staatspräsidenten sich selbst als starke „leader“ bezeichnen, taucht in der deutschsprachigen Presse immer wieder der „Anführer“ als Figur auf. Es liegt nahe, das Erscheinen dieses Anführers als Übersetzungsproblem zu lesen. Wie sonst soll man „leader“ ins Deutsche übersetzen, ohne „Führer“ sagen zu müssen? Also hat man sich wohl für den „Anführer“ entschieden. Das liest sich dann so: „Alles für den Anführer. Die US-Republikaner können Trump nicht bändigen.“ Oder: „Trump sparte nicht an Lob für Kim und nannte ihn einen „großen Anführer“. Aber auch Merkel wird immer wieder zur „Anführerin der freien Welt“ stilisiert und als solche gefeiert, zuletzt in Harvard („the scientist who became a world leader“).

Aber auch beim Versuch, einen Tweet von Emanuel Macron zu übersetzen, landet die deutschsprachige Presse einstimmig beim Anführer: „Kein Anführer ist von Ewigkeit.“ („Aucun dirigeant n’est éternel“). Was also auf den ersten Blick nur ein Übersetzungsproblem zu sein scheint, ist zugleich ein Ersetzungsproblem, denn dort, wo schon im Original die Amtsbezeichnung stehen könnte, etwa „Präsident“ oder „Kanzlerin“ oder „Regierungschef“ oder „Bundesrätin“, steht „dirigeant“ oder „leader“, was dann unbeholfen zum „Anführer“ oder zur „Anführerin“ wird. In solchen Fällen lenkt der Anführer oder die Anführerin die Aufmerksamkeit weg vom Amt hin auf die Person, weg von der notwendigen Stellvertreterschaft hin zur Verkörperung als Regierungsprinzip.

Vom Führer zum Anführer

Bleiben wir noch kurz beim Anführer. Der Duden ist da recht eindeutig. Der Anführer ist „Führer einer Gruppe, Bande.“ Noch deutlicher wird es bei den möglichen Synonymen, die da auch den „Bandenführer, den Gangchef und den Rädelsführer“ nennen. Die Semantik von „Anführer“ geht in der deutschen Sprache, im Unterschied zum „Führer“, ganz klar in eine Richtung: Ein Anführer führt keinen Staat, sondern eine Bande. Ein Anführer hat kein Amt, er ist tendenziell ein Rebell oder ein Krimineller.

Will man jenseits der Übersetzungskomik und der Ersetzung des Amtes durch die Person an der aktuellen ungelenken Verwendung des Wortes „Anführer“ im Deutschen etwas ablesen, dann dessen unfreiwilligen Realismus: den um sich greifenden Gangsterstyle in der Politik.

Putin inszeniert sich gern mit Spiegelbrille und Pistole, die er wie ein Filmmafiaboss hält, Jair Bolsonaro hatte im Wahlkampf die Finger zur Pistole geformt, die Geste wurde zu seinem Markenzeichen. Trump ist dafür bekannt, wie ein Gangsterboss aus einem B-Movie zu sprechen, und auch er gestikuliert hin und wieder mit Luftpistole, Salvini posiert mit Maschinengewehr, Erdoğan wirbt für sich als „Heldenkrieger“, in der Hand eine Waffe.

Diese Selbstinszenierungen von Präsidenten und Politikern bilden das aktuelle Schreckenskabinett politischer Ikonographie. Auf den Fotos zeigen sie sich nicht nur als Möchtegern-Rambos, sondern auch als Instrument der Waffenindustrie. Aber auch jenseits der primitiven Pose: Einige Staatschefs sind vermutlich, andere nachgewiesenermaßen kriminell. Gegen einige laufen Ermittlungsverfahren, andere werden von einem politisch abhängigen Justizapparat geschützt, wieder andere werden bei ihren korrupten Geschäftsanbahnungen durch Videos entlarvt.

Demokratiedefekte

Als „autoritäre Versuchung“ (Heinz Verfürth) oder als „Aufstieg einer neuen autoritären Internationalen“ (Jan-Werner Müller) bezeichnen Politikwissenschaftler die aktuelle politische Situation „defekter Demokratien“. Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt veröffentlichte jüngst ein Buch, in dem er Shakespeares Tyrannen mit Trump vergleicht, ohne Trump im Buch selbst ein einziges Mal zu nennen. Der Publizist Georg Seeßlen hatte im vergangenen Jahr von der Wiedergewinnung des Heroischen in der Politik durch die Etablierung eines „heroischen Opfer-Status“ geschrieben. Und in der Tat, die neuen „Anführer“ wollen als Rebellen wahrgenommen werden, als Widerstandskämpfer und Befreier.

Mit einem solchen erneuten Interesse für einzelne politische Figuren, die die Demokratie gefährden bzw. ablehnen, hatte noch vor zwanzig Jahren niemand gerechnet. Sowohl die Theorien zur Postdemokratie als auch jene zum Postkommunismus beschäftigten sich nicht mehr mit dem „autoritären Charakter“ (Reich, Fromm, Adorno), mit Führern oder Tyrannen und deren „Bewunderung für das Verbrechen“ (Arendt). Vielmehr war die Kritik vor allem auf Systeme, Strukturen, Diskurse gerichtet. Der Philosoph Jacques Rancière und der Politikwissenschaftler Colin Crouch machten den postdemokratischen Zustand jüngst noch am „Ungleichgewicht zwischen der Rolle der Interessen der Unternehmen und denen aller übrigen Gruppen der Gesellschaft“ fest. Sie hatten weder die Aufhebung der Gewaltenteilung noch die staatliche Eindämmung der Pressefreiheit durch autokratische Interessen im Blick. Das System oder die Struktur, die Tyrannen oder „Anführer“ ermöglicht bzw. nicht verhindert, stand dabei nicht zu Debatte. Aber auch die Zeitdiagnostik zur Wiederbelebung des Autoritären erzählt nur die halbe Geschichte, es ist eben genau nicht einfach der autoritäre „leader“, der auf der politischen Bühne auftaucht, es ist der „Anführer“, der eine Allianz zwischen politisch Autokratischem und ökonomisch Korruptem eingeht.

Vielleicht „Schurken“?

Haben wir es bei der Verbindung von Autokraten und „Dealern“ mit einer ‚Schurkisierung‘ des Politischen zu tun? Der Philosoph Jacques Derrida hatte schon 2003 mit dem Begriff des Schurken versucht, die Bedrohung der Demokratie und des Politischen zu fassen. Allerdings hatte er mit dem Schurken damals nicht „Anführer“ wie Trump oder Putin oder Strache im Sinn, vielmehr bezog er sich auf die Kritik eines politischen Sprechaktes, mit dem die USA andere Länder zu „Schurkenstaaten“ machen.

Derrida reagierte auf zwei Publikationen, die eine aus dem Jahr 2000 von Robert S. Litwak, dem Direktor für internationale Sicherheitsstudien am Woodrow Wilson International Center für Wissenschaftler in Washington, die andere vom Linguisten Noam Chomsky, die dieser 2001, noch vor 9/11 verfasst hatte. Litwak hatte darauf aufmerksam gemacht, dass Schurken bzw. Schurkenstaaten diejenigen sind, die die USA als solche kennzeichnet – zur Selbstlegitimierung von militärischen Programmen und Aktionen: „A rouge State is whoever The United States says it is“. Darauf bezugnehmend weist Chomsky, so Derrida, dann nach, „dass der schurkischste der Schurkenstaaten eben derjenige ist, der einen Begriff wie den des Schurkenstaates folgenreich in Umlauf gebracht hat – mit der Sprache, der Rhetorik, dem juristischen Diskurs und den militärisch-strategischen Konsequenzen, die wir alle kennen. Nämlich die USA“.

Derrida selbst gibt nochmal eine andere Definition von Schurkenstaaten, es sind solche, „die ihre Staatspflichten gegenüber der Weltgemeinschaft und die Verpflichtungen des Völkerrechts missachtet, das Recht verhöhnt und den Rechtsstaat verspottet“ haben. Das klingt sehr aktuell. Auch Trump hat den Begriff immer wieder verwendet – zur Kennzeichnung der Politik im Iran oder in Nordkorea. Andere „Schurkenstaaten“ – Türkei oder Saudiarabien – hat er, wie auch seine Vorgänger, aus nationalem, d.h. wirtschaftlichem Eigeninteresse von der Liste gestrichen. Trump wäre also im Sinne von Chomsky und auch von Derrida ein Schurke.

Kriminalisierung der Politik

Aber Präsidenten wie Trump oder Politiker wie Strache sind auch Schurken in einem anderen Sinne. Für Derrida richtete sich das Schurkische auf ein Streben nach Souveränität, die nach außen gerichtet war; das Schurkische betraf vor allem das Verletzen des Völkerrechts im Namen des Stärkeren (Stellvertreterkriege) oder auch im Namen des Arbeitsplatzes (Waffenexporte in Krisenländer). Die schurkische Wende jedoch, die wir im Moment erleben, wendet Souveränität – wie in Autokratien üblich – zusätzlich nach innen. Diese nach innen gerichtete Dimension des Schurkischen zielt insbesondere auf die Verfassung, auf Minderheitenrechte und auf Kritiker. Sie geht oft – ausgerechnet – mit dem Versuch einher, den eigenen Gesetzesübertritt (Korruption, Ämterpatronage, Verhaftung von Kritikern) durch die Kriminalisierung von anderen bzw. dem Anderen zu verschleiern. Oder anders formuliert: Diejenigen, deren politische Korrumpierbarkeit immer wieder öffentlich wird (zuletzt „Ibizagate“), sind auch diejenigen, die Kriminalität grundsätzlich bei der Ausländerin, dem Asylbewerber oder den Armen (Stichwort „Sozialhilfebetrug“) vermuten.

Wenn Derrida letztlich eingesteht, dass alle Staaten Schurkenstaaten seien, weil es eigentlich keine souveräne Macht, keine souveräne Demokratie ohne den „zweideutigen Gebrauch von Macht“ geben könne, dann ist das philosophisch richtig beobachtet. Diese Einsicht sollte aber nicht davon abhalten zu fragen, warum und welche Strukturen der jetzigen Demokratien für das Schurkische besonders anfällig sind. Wann und wodurch erweisen sich Gesellschaften und Strukturen als widerstandsfähiger? Etwa gesellschaftlich, wenn wie aktuell in Tschechien Zehntausende gegen ihren korrupten Premierminister auf die Strasse gehen. Oder strukturell dadurch, dass etwa – wie in der Schweiz – schurkische Souveränität am dialogischen Prinzip, dem Kollegialprinzip des Bundesrats abprallt. Oder in den USA, wo Gerichte politische Entscheide wieder aufheben oder zumindest aufschieben (Einreisedekrete, Abschiebung von Asylsuchenden nach Mexiko, Trennung von Kindern und Eltern bei Migration).

Wird es in den USA nach Trump Bestrebungen geben, die Macht des Präsidenten – der, wie wir beobachten können, in der Lage ist, Demokratie leicht auszuhebeln – stärker einzuschränken? Wird es neue Gesetze zur Parteienfinanzierung geben, wenn das jetzige Gesetz, wie sich im Fall Strache zeigt, so leicht zu umgehen ist?

Die Frage, die sich heute stellt, lautet schlicht: Wie lässt sich verhindern, dass die internationale Geldelite das Politische, dessen Merkmal das gemeinsame, sprich demokratische Verhandeln von gesellschaftlichen Konflikten ist, der Logik des „Deals“ unterordnet? Wie lässt sich verhindern, dass  aus dem „Anführer“ als Übersetzungsfehler ein dauerhaftes politisches Modell wird?