• Alexander Markin ist Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Schriftsteller; er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Zürich.

Die beiden „Inter­views“ mit dem russi­schen Präsi­denten Vladimir Putin, die zu Sommer­be­ginn in den USA ausge­strahlt wurden, sorgten kaum für Aufre­gung. Wie überall ist der Sommer auch im ameri­ka­ni­schen Fern­sehen eine dead season, das Publikum geht in die Ferien, TV-Exekutives reser­vieren die Zeit für skur­rile Serien und lang­wei­lige Reality-Shows. Kein Wunder also, dass man die Inter­views mit Putin in diesem Sommer­loch plat­ziert hat.

Die ameri­ka­ni­sche Star-Moderatorin Megyn Kelly, die im Früh­ling 2017 ihren Arbeits­geber FOX News verließ und zum NBC wech­selte, wollte ihre Karriere beim neuen Sender eigent­lich mit einem Bang! starten. Sie reiste nach Sankt Peters­burg, um ein Gespräch mit Vladimir Putin während des Inter­na­tional Economic Forums aufzu­nehmen. Das Inter­view mit Mr. Presi­dent Putin in Sunday Night with Megyn Kelly wurde jedoch von den Zuschauern auf Social Media gnadenlos verrissen: Wie kann es sein, dass eine Frau, die vor einigen Monaten die syste­ma­ti­schen sexu­ellen Beläs­ti­gungen und den Macht­miss­brauch durch die Leitung von FOX-Network ans Licht gebracht hatte, so passiv vor einem der größten Frau­en­ver­achter sitzt, wie ein Kanin­chen vor der Schlange, und mit ihm über Bana­li­täten redet?

Still aus Oliver Stones „The Putin Inter­views“, Quelle: youtube.com

Auch die vier­tei­lige Doku-Serie The Putin Inter­views von Oliver Stone, die der Kabel­sender Show­time Mitte Juni ausstrahlte, wurde heftig kriti­siert. Mag sein, dass Stones Serie viel komplexer und nuan­cierter ist als Kellys Inter­view, immerhin ist Stone ein erfah­rener Filme­ma­cher – trotzdem sind auch seine Fragen kultu­rell stereotyp, poli­tisch harmlos und drama­tur­gisch bere­chenbar. Sie sind noch nicht einmal als Versuch lesbar, die glatte Ober­fläche von Putin anzu­kratzen: Matrjoschkas, Atom­bombe, rote Sterne und die Türme des Kreml werden schon im Vorspann mit herz­zer­rei­ßender Balalaika-Musik unter­malt.

Am einfachsten wäre es, diese Inter­views als jour­na­lis­ti­sche bzw. filmi­sche Miss­er­folge, als epic fails, schlicht beisei­te­zu­legen, ohne sich zu fragen, warum sie schei­terten, und zwar ironi­scher­weise kurz vor der Eska­la­tion der Konfron­ta­tion zwischen den USA und Russ­land. Ausge­strahlt wurden sie auf dem ersten Höhe­punkt der Inves­ti­ga­tion der Bezie­hungen zwischen Russ­land und dem Kabi­nett Trump.

Wer ist der Regis­seur?

Beide Inter­views bestehen aus Lügen, Zynismus und Propa­ganda. Putin repro­du­ziert gängige Narra­tive der Polit­tech­no­logie des Kremls, welche man sowohl in Russ­land wie auch – mithilfe von RT und Sputnik – im Westen verbreitet. Dabei geht es nicht um einzelne alter­na­tive facts, sondern um eine komplette alter­na­tive Geschichts­deu­tung, die das Ende der Diktatur 1991 und den versuchten Aufbau des demo­kra­ti­schen Systems auf ein wirt­schaft­li­ches Desaster redu­ziert: „Die soziale Siche­rung wurde komplett vernichtet. Ganze Indus­trien zerstört. Die Medizin ruiniert. Die Armee befand sich in einem erbärm­li­chen Zustand. Millionen von Leuten wurden in die Armut getrieben.“ Der Alko­ho­liker Jelzin habe das Land an Olig­ar­chen verkauft und nur er selbst, Putin, habe die totale Verelen­dung des russi­schen Volkes verhin­dern können. Er selbst habe die Wirt­schaft wieder aufge­baut und für Prospe­rität gesorgt. Für Putin gibt es auch keinen Krieg im Donez­be­cken, es sei einfach so, dass die russisch­spra­chige Bevöl­ke­rung, die Mehr­heit dort, die Politik von Kiev nach der Abset­zung von Viktor Janu­ko­wytsch nicht akzep­tieren wollte, was der ukrai­ni­schen natio­na­lis­ti­schen Regie­rung nicht gefallen habe. „Man hätte mit den Leuten in Donezk alles verhan­deln können“ – behauptet Putin – „statt­dessen wurde die ukrai­ni­sche Armee nach Donezk geschickt.“ Und über­haupt beute die ukrai­ni­sche Regie­rung ihr Volk schamlos aus und betrüge es nach Strich und Faden. Die armen Ukrainer seien der west­li­chen Verschwö­rung zum Opfer gefallen, deren Ziel es sei, Russ­land trotz aller Über­ein­kommen von allen Seiten mit feind­li­chen NATO-Mitgliedern zu umringen. Der Westen selbst werde von einer unsicht­baren Hand regiert. Nur in Russ­land gebe es eine rich­tige Demo­kratie, während in den USA die Demo­kra­ti­sche Partei zum kommu­nis­ti­schen Polit­büro geworden sei. Und so weiter und so fort.

Putins Geschichts­nar­rativ ist bekannt, er liefert nichts Neues. In rechten und einigen linken Kreisen hat sich diese Erzäh­lung aber mitt­ler­weile als „kriti­sche“ Gegen­erzäh­lung zur west­li­chen etabliert. Putin ist zu einer Figur geworden, die es für diese so unter­schied­li­chen Kreise ermög­licht, von außen Kritik am eigenen System zu üben. Das funk­tio­niert selbst­ver­ständ­lich nur dann, wenn man bereit ist auszu­blenden, dass Putin das, was er an anderen kriti­siert, selbst verkör­pert.

Stones Fehl­lek­türe

Warum also schei­tert Stone? Er hält den Helden seines Inter­views allen Ernstes für einen Sozia­listen, der in eine Reihe mit Fidel Castro und Hugo Chávez – beide waren Prot­ago­nisten vorhe­riger Doku­men­tar­filme des Regis­seurs – passt. Entspre­chend ist der Zerfall der UdSSR auch für Stone nicht das Ende, sondern der Anfang des Sozi­al­staats: Nach den Jahren des Chaos kam der glor­reiche Erlöser des russi­schen Volkes Vladimir Putin, der die Wirt­schaft wieder­lebte, die Armut besiegte, die Wissen­schaft förderte und die ethni­schen Konflikte beru­higte.

Still aus Oliver Stone „The Putin Inter­views“, Quelle: youtube.com

Putin insze­niert sich dank Stone – wie das auch bei anderen Poli­ti­kern derzeit zu beob­achten ist – als „effek­tiver Manager“, als CEO der Firma „Russ­land“. Effi­zienz: Sie ist denn auch das Krite­rium, das Putin an seinem „Vorgänger“ Stalin so sehr schätzt, dass dessen Terror rück­wir­kend blass und neben­säch­lich wird. Sicher­lich sei Stalin ein Tyrann gewesen, der Millionen von Menschen ermordet hat, er sei aber auch ein Manager gewesen, ein „effek­tiver Geschäfts­mann“, der das größte Land auf Erden unter Kontrolle hatte und dabei die Welt vom Faschismus befreite.

Wie Stalin, der sich in seinen Gesprä­chen mit H. G. Wells, Romain Rolland oder Lion Feucht­wanger als intel­li­genten, bele­senen Mann gezeigt hat, demons­triert auch Putin seine Kennt­nisse der poli­ti­schen Theorie. So verwendet er mal bekannte „linke“ Narra­tive, etwa dass der Kalte Krieg vom ameri­ka­ni­schen Territorial-Imperativ und von der ameri­ka­ni­schen Angst vor der kommu­nis­ti­schen Ideo­logie, die alle physi­schen Grenzen über­winden kann, domi­niert wurde. Die kommu­nis­ti­sche Ideo­logie, sagt Putin, gibt es nicht mehr, aber Amerika versucht immer noch, sich mithilfe der NATO geogra­phisch auszu­breiten. Auch die Beob­ach­tung, dass man äußere Feinde brauche, um die Bevöl­ke­rung vom perma­nenten Krieg im eigenen Land abzu­lenken, verwendet er nicht etwa zur Selbst­be­schrei­bung, sondern ausschließ­lich zur Charak­te­ri­sie­rung des Westens: „Russ­land wird erneut als Feind darge­stellt, damit die ameri­ka­ni­sche Regie­rung die krassen inneren Konflikte in den USA verschweigen kann.“

Gleich­zeitig kombi­niert er diese Kritik mit den Theo­rien der „konser­va­tiven Intel­lek­tu­ellen“ aus seinem Umkreis – wie Alek­sandr Dugin oder Nikolaj Starikov. Entspre­chend liegt während des Inter­views das Buch von Starikov, Die Natio­na­li­sie­rung des Rubels. Der Weg Russ­lands in die Frei­heit neben Oliver Stones The Untold History of the United States auf dem Arbeits­tisch. Starikov ist z.B. der Meinung, dass Gorbat­schov wegen der Zerschla­gung der Sowjet­union vor Gericht müsste. Starikov und Dugin sind aber vor allem dieje­nigen, die in zahl­rei­chen Publi­ka­tionen das Ideal der „totalen staat­li­chen Souve­rä­nität“ (kultu­rell, ökono­misch, mili­tä­risch) predigen, das Putin ihrer Meinung nach ideal verkör­pert. Die „totale staat­liche Souve­rä­nität“ wird als Antwort darge­stellt, als eine Art Wider­stand gegen Amerika, gegen die Globa­li­sie­rung, gegen die Univer­sa­lität der Menschen­rechte, gegen den west­li­chen Libe­ra­lismus und die „tota­li­täre“ Markt­wirt­schaft, also gegen alles, was Amerika für diese „Denker“ reprä­sen­tiert.

Still aus Oliver Stones „The Putin Inter­views“, Quelle: youtube.com

Was zeigen also die Inter­views von Oliver Stone? Sie zeigen, dass Stone mit seiner Fehl­lek­türe der ideale Drama­turg von Putins Ideo­logie ist. Und nicht nur dies, er reali­siert sogar Putins Begehren, sich selbst als Souverän in jeder Lebens­lage zu insze­nieren, als Action­held, Spit­zen­sportler, Krieger. Im Laufe von zwei Jahren – so lange drehte Oliver Stone seine Inter­views – wech­selten die Genres entspre­chend: eine Film­bio­gra­phie (es wird über Putins Kind­heit, Jugend und seinen poli­ti­schen Aufstieg erzählt) wird zu einem Kriegs­film (Putin wird in einem Mili­tär­zelt gezeigt), ein Sport­film (der Judoka-Präsident kämpft auf Tatami und spielt Hockey) wird zum Paranoia-Thriller (die Geschichte von Edward Snowden wird erzählt) und schließ­lich zum Action­film (Oliver Stone filmt Putin an Bord des Luxus-Flugzeugs des Präsi­denten).

Das Fort­leben des Sowje­ti­schen

Aber da ist noch ein zweites Phänomen, das die „Putin Inter­views“ nolens volens aufde­cken: das Fort­leben des sowje­ti­schen Systems im heutigen Russ­land. Stone mag Putin als Sozia­listen sehen, doch was er zeigt, ist das Agieren einer undurchsichtig-autokratischen Macht. Putin wird in der Interview-Serie als äußerst tätiger, immer beschäf­tigter Mann darge­stellt. Ständig liest er irgend­welche Doku­mente und Berichte, andau­ernd unter­schreibt er etwas, trifft irgend­welche Entschei­dungen, hat Sitzungen und Konsul­ta­tionen. Frei­lich präsen­tiert sich auch der ameri­ka­ni­sche Präsi­dent Trump gerne auf ähnliche Weise. Doch während man in Amerika oft ganz genau weiß, womit sich der Präsi­dent beschäf­tigt (oder auch nicht beschäf­tigt), bleiben im Fall Putin die Inhalte seiner Ange­le­gen­heiten ein Geheimnis. Der Präsi­dent lässt sich nicht in die Karten schauen – schon gar nicht vom Volk. Genau das „Volk“, das in Putins Rhetorik eine zentrale Rolle spielt, bildet in der Doku von Stone denn auch die große Leer­stelle. Die Räume um Putin sind menschen­leer. Natür­lich tauchen ab und zu Leute aus Putins Team und der Film-Crew von Stone auf, aber was aus diesen Inter­views außer dem glän­zenden Gesicht von Putin im Gedächtnis bleibt, ist die beein­dru­ckende, fast unheim­liche Leere, die überall herrscht: im Kreml, im Hockey­sta­dion, in der riesigen Sotschi-Residenz, auf den Straßen Moskaus. Ebenso leer ist Putins Begriff des „russi­schen Volkes“ – eine inhalts­lose Abstrak­tion, eine Virtua­lität, eine Projek­tion auf einer weißen Lein­wand. Putin regiert die Leere und in der Leere.

Still aus Oliver Stones „The Putin Inter­views“, Quelle: youtube.com

Die Abge­schie­den­heit von Herr­schenden und die Reduk­tion der Bevöl­ke­rung zur Abstrak­tion kennt man in Russ­land aus den Zeiten der sozia­lis­ti­schen Diktatur. Fort­ge­setzt wird etwas, das der griechisch-französische Philo­soph Corne­lius Casto­riadis in seiner Analyse Le Regime social de la Russie bereits 1975 benannte: ein „totaler büro­kra­ti­scher Kapi­ta­lismus“. Casto­riadis behaup­tete schon damals, es gebe in der UdSSR gar keinen Sozia­lismus. Laut Casto­riadis ist alles, was auf der Ebene der Regie­rung passiert, Konflikt zwischen verschie­denen Grup­pie­rungen und Cliquen. Der Staat wird von einem „poli­ti­schen“ Orga­nismus domi­niert, der zur ulti­ma­tiven Instanz aller Entschei­dungen und aller Macht wird und seine Erschei­nungen streng kontrol­liert. Diese Instanz verbietet es, ein „echtes Image der Zustände im Land zu präsen­tieren […] ermög­licht keine Diskus­sion über die Gesell­schaft und verhin­dert alle Initia­tiven, die außer Kontrolle geraten können“. Casto­riadis vermu­tete, dass der Zynismus der russi­schen Büro­kratie und die Diskre­panz zwischen dem von der Partei kontrol­lierten System der Reprä­sen­ta­tion der Gesell­schaft und der tatsäch­li­chen Realität zu einem Bruch des Regimes führen werden.

Was er nicht voraus­sehen konnte, war die Adap­ti­ons­fä­hig­keit dieses Regimes. Frei­lich behauptet Putin am Anfang seines Inter­views mit Oliver Stone, dass er das sowje­ti­sche System komplett abge­baut habe. In Wirk­lich­keit aber passierte genau das Gegen­teil: Nach dem Kollaps der Sowjet­union und der kurzen Periode der Verlo­ren­heit in den 1990er Jahren hat sich die sowje­ti­sche Büro­kratie erneut konso­li­diert, neue Grup­pie­rungen inner­halb der ehema­ligen Nomen­klatur wurden gebildet, und so tauchte das alte zyni­sche Regime in einem neuen Gewand auf. Nun bestimmt statt der Kommu­nis­ti­schen Partei Vladimir Putin die Produk­tion von Gesell­schafts­bil­dern. Stone tut Putin sogar den Gefallen, dies auch im Vorspann zu den „Putin Inter­views“ zu zeigen: Dort wird das Gesicht des russi­schen Präsi­denten mit der Karte Russ­lands über­blendet.

Still aus Oliver Stones „The Putin Inter­views“, Quelle: youtube.com

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