„Make America great again“. Zur politischen Psychologie des Ressentiments

Eine neue Staatsform ist auf dem Wege, sich zu etablieren: Diese ist zwar demokratisch legitimiert, stützt sich aber nicht auf die Aushandlung von Interessen, sondern auf die Bewirtschaftung des Ressentiments.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/make-america-great-again-zur-politischen-psychologie-des-ressentiments/

Unter aufrechten Demokraten geniesst Nietzsche keinen guten Ruf. Er gilt wegen seiner Verachtung für die Demokratie als Wegbereiter des Faschismus. Sein oft kritisierter Vorwurf an die Demokratie lautet: Dass sie sich von jenem Ressentiment nährt, das sie selbst züchtet. Doch die Nachrichten von jenseits des Teiches scheinen Nietzsche Recht zu geben. Eine neue Staatsform ist auf dem Wege, sich zu etablieren, die zwar demokratisch legitimiert ist, sich aber nicht auf die Aushandlung von Interessen, sondern auf die Bewirtschaftung des Ressentiments stützt.

Nicht nur der Wahlerfolg Trumps, sondern auch diejenigen der AfD, des Front National, von Geert Wilders, Viktor Orbán, Tayyip Erdoğan, der polnischen, slowakischen und tschechischen Regierung verdanken sich einem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein und dafür einerseits Flüchtlinge und sonstige Fremde, andererseits „die da oben“, „Brüssel“ oder „Washington“ verantwortlich machen. All diese Bewegungen punkten mit dem Versprechen, das Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins zu tilgen. Das Gefühl wohlverstanden und nicht die reale Benachteiligung.

Die Schlechtweggekommenen

Die Frage kann also nicht sein, ob die Gefühle der „Schlechtweggekommenen“ (Nietzsche) berechtigt sind oder nicht. Ohne Zweifel sind die Menschen im Norden Englands, die mehrheitlich für den Brexit gestimmt haben, Verlierer der Globalisierung und Opfer der Liberalisierung der Märkte. Ihre Ängste um ihre wirtschaftliche Zukunft sind mehr als begründet. Doch ebenso wenig Zweifel kann es daran geben, dass sich mit einer restriktiven Flüchtlingspolitik daran kaum etwas ändern wird. Weshalb also lassen sich Menschen durch einen Groll leiten, der ihren Interessen möglicherweise sogar zuwiderläuft?

Der locus classicus des Ressentiments ist die Genealogie der Moral von 1887, wo Nietzsche die Herkunft des Ressentiments durch einen beinahe hegelianischen Dreischritt erklärt. „Gut“ sei zunächst eine Selbstbeurteilung der Mächtigen gewesen: Was sie taten, war gut, weil sie es taten. Im Wesentlichen war dies die Überwältigung der Schwachen, deren Tun entsprechend als schlecht galt. In der nächsten historischen Phase wird das Gute als Überwältigung nach innen gewendet: Die Priesterkaste verlangt von den „Sklaven“ Selbstüberwindung durch Askese. Diese Internalisierung des Kampfes gegen das Schlechte – nun das Böse genannt – führt zu einem unbändigen Hass gegen die Mächtigen, die diesen Kampf nicht auf sich nehmen müssen und sich nicht überwinden müssen. Dieses merkwürdige Amalgam von Selbstüberwindung und Hass gegen oben verfestigt sich als Moral. Im dritten Schritt externalisieren die „Schlechtweggekommenen“ diesen Kampf wieder in Form des Ressentiments gegen die Mächtigen, denen sie die Schuld für ihr Unglück in die Schuhe schieben. Ressentiment ist für Nietzsche im Wesentlichen Groll darüber, das Gesetz des Handelns nicht bestimmen zu können und dafür denen die Schuld zu geben, die noch aktiv sein dürfen. Ressentiment ist das reaktive Gefühl schlechthin: „Das Ressentiment“, schreibt Gilles Deleuze, „es ist deine Schuld, es ist deine Schuld … projektive Anklage und projektive Gegenbeschuldigung. Es ist deine Schuld, wenn ich schwach und unglücklich bin.“

Vieles, was Nietzsche beschreibt, erkennen wir in der heutigen politischen Landschaft wieder: Der Groll über das Gefühl, nicht (mehr) Subjekt der Geschichte zu sein, bestimmen das Abstimmungs- und Wahrverhalten in weiten Teilen der Welt. Der Hass entlädt sich dabei, anders als von Nietzsche analysiert, in zwei Richtungen: Gegen (vermeintliche) Konkurrenten im Kampf um die spärlichen Ressourcen und gegen „die da oben“, die die Zukurzgekommenen nicht vor dem sozialen Abstieg schützen.

Überhaupt denkt Nietzsche das Ressentiment nicht weit genug, vielleicht, weil er, wie Cioran meint, sein eigenes Ressentiment nicht durchschaut. Er hat seinen Hegel nicht ernst genug genommen: Der (Herren-)Mensch ist keineswegs so unabhängig vom Ressentiment (des Knechts), wie er (und Nietzsche) gerne glauben möchte, bezieht er doch seine Macht von ihm.

Das Versprechen der Reinheit

Dafür fordern die Schlechtweggekommenen auch etwas von den Führern ein: sie sollen die Geschichte rückgängig machen. Die Rhetorik des Ressentiments beschreibt die Geschichte als Verschmutzung eines ursprünglich reinen Zustandes, als Vermischung und als Dekadenz. Reinheit ist immer erträumter Ursprung, als wollten wir vergessen, dass inter faeces et urinam nascimur. Wenn aber Geschichte Verschmutzung und Vermischung ist, hat die Politik die Aufgabe, die Reinheit des Ursprungs wiederherzustellen. Und genau dies versprechen die Mächtigen dieser Welt: Wenn Erdoğan das osmanische Reich, Putin die Sowjetunion oder wahlweise das Zarenreich, Orbán die alte ungarische Grösse oder Benjamin Netanjahu Grossisrael beschwören, so geht es ihnen weniger um die schiere Ausdehnung ihres Reiches als um ein von aller Verunreinigung befreites Gebiet. „Ethnic cleansing“ ist der barbarischste Ausdruck dieser Sehnsucht nach ursprünglicher Reinheit.

Damit der Führer sein Versprechen – nach Nietzsche die höchste Form der Souveränität, weil es selbst das eigene Ich dem Willen zur Macht unterstellt –, die unbefleckte Reinheit wieder herzustellen, einlösen kann, muss er die Geschichte ungeschehen machen. Denn Reinheit gab es nur im Ursprung. Make America Great Again verspricht eine grossartige, mythische und reine Vergangenheit wieder herzustellen. Doch ein Versprechen ohne Adressat, der es einfordern und ohne Zeugen, der es garantieren kann, ist hohl und leer. Der Versprecher bleibt vom Adressaten abhängig.

Schon Jean Améry hat das Ressentiment als Forderung, Geschichte ungeschehen zu machen, diagnostiziert. Gerade die Absurdität dieser Forderung soll für Améry aber Garant gegen das Vergessen und Stachel im Fleisch der Wohlmeinenden und Wohlgesinnten sein. Doch das Bewusstsein für die Absurdität der Forderung geht den heutigen Trägern des Ressentiments ab. Sie beharren auf dem realen Pfund Fleisch. Zu diesem Zweck erschaffen sie eine Figur – den Führer, den „Leader“ –, der die Fähigkeit zugesprochen wird, Wirklichkeit ausser Kraft zu setzen und die Geschichte ungeschehen zu machen. Investigative Journalisten zeigen pausenlos die selbstherrlichen Gesetzesbrüche und infamen Lügen dieser neuen politischen Führer auf und wundern sich, dass ihre Enthüllungen weder an der Urne noch vor Gericht Konsequenzen haben. Doch die Gesetzlosigkeit ist kein Kollateralschaden der politischen Ordnung, sondern geradezu ihr Fundament. Nur wer das Gesetz aufheben kann, ist in der Lage, Geschichte umzukehren – und Reinheit herzustellen.

Der Clown und der Held

Zwei Formen der Gesetzlosigkeit haben sich in den letzten Jahren etabliert: Der Clown und der Held. Der Typus Clown, wie ihn Berlusconi und Trump perfekt verkörpern, trickst das Gesetz zwar aus, hebt es aber nicht auf (und bei beiden ist die Frisur die Insignie des Clownesken).

Das Gesetz gilt, aber nicht für mich! sagt der Furbo, und seine Legitimation ist die Lächerlichkeit des Gesetzes: An ein Gesetz, dass die Krümmung der Banane festlegt (wie angeblich das EU-Recht), muss man sich nicht halten. Mit dem Clown kann sich jedermann identifizieren: Was er kann, kann ich auch, was er darf, darf ich auch.

Der Held hingegen ist nicht der Doppelgänger des Bürgers, sondern sein Erlöser. Hegel analysiert in seiner Ästhetik die Funktion des Helden in der Moderne glasklar: Der Bürger, frustriert, nur noch ein kleines Rädchen im Räderwerk des bürgerlichen Staates zu sein, phantasiert sich eine Figur herbei, deren individuelle Taten noch eine Bedeutung haben und etwas bewirken können. Allerdings muss dazu der bürgerliche Staat aufgehoben werden, denn in ihm gibt es für individuelles Heldentum kein Platz.

Der Held (oder die Heldin wie im Falle der Antigone) suspendiert also den bürgerlichen Staat zugunsten eines höheren Gesetzes – der Gerechtigkeit selbst. Dieses höhere Recht soll einst am mythischen Ursprung gestanden haben und durch die Geschichte korrumpiert worden sein. Doch weil das bürgerliche Gesetz Geltung behalten muss, endet Heldentum immer tragisch. Hegel stellt klar, dass der Held eine bloss ästhetische Figur sein kann, die zugleich der Projektion bürgerlicher Sehnsüchte nach Individualität als auch der Warnung vor denselben dient. Das Ressentiment ist also nicht, wie Nietzsche meint, die Schwundform des heldischen (Über)-Menschen, sondern der Held ist die eigentliche Schöpfung des Ressentiments.

Josef Früchtl hat gezeigt, dass der Westernheld genau nach dem Hegelschen Muster gestrickt ist. Und tatsächlich verkörpern Vladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan bis in die Ikonographie ihrer Selbstinszenierung den Westernhelden. Hegel hatte wohl nicht damit gerechnet, dass die ästhetische Figur des Helden dereinst die Buchdeckel verlassen und in die politische Realität hinüberwechseln könnte. Mit dem Übertritt in den Raum der Wirklichkeit verliert die Saga vom Helden allerdings ein wesentliches Moment ihrer literarischen oder kinematographischen Existenz: Das Scheitern. Sie inszenieren sich als Führer, die die Gesetzmässigkeiten der Geschichte tatsächlich ausser Kraft setzen und die Welt des Ressentiments wieder in Ordnung bringen können.

Die westeuropäische Form des Ressentiments

Das westeuropäische Ressentiment unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von den eben beschriebenen Formen: Die Führerfiguren spielen eine geringere Rolle. Sie werden angegriffen (Frauke Petri) oder ausgewechselt (Lutz Bachmann, Nigel Farange, Jean Marie le Pen), ohne dass die Bewegung wesentlichen Schaden nimmt.

Vielleicht bietet jener ominöse Satz, den Angela Merkel am 31. August 2015 ausgesprochen hat „Wir schaffen das“ einen Zugang zum Verständnis des westeuropäischen Ressentimentalismus. Wörtlich sagte die Kanzlerin damals: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!“

Die Empörung kam verzögert, aber umso heftiger und sie kostete Merkel beinahe die Kanzlerschaft. Doch man versteht nicht recht, wogegen sich die Empörung richtet. Die Antwort kann nur sein: Das Ressentiment will es gar nicht schaffen. Es will weder im Sinne Merkels und noch im Sinne Nietzsches stark sein, weil es sonst seine Existenzgrundlage verliert. Es will in seinem Unglück verharren und es auskosten, weil es nur so das Unglück ausdrücken kann. Überzeugt – und nicht einmal zu Unrecht – dass das Gesetz des Handels nicht bei ihm liegt, zieht er sich auf die souveräne Sphäre der freien Meinung zurück. Mit der Einleitung „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ inszeniert es den freien Ausdruck als Widerstands gegen die Obrigkeit, der unterstellt wird, die Wahrheit unterdrücken zu wollen. Das westeuropäische Ressentiment ist weit weniger auf den Führer angewiesen, weil es selbst den Freiheitshelden verkörpert: der Held der freien Meinung.

Die Souveränität dieses Ressentiments erfüllt sich nicht im Handeln, sondern im blossen Ausdrücken. Plato hat die Meinung nicht deswegen verabscheut, weil sie falsch wäre, sondern weil sie nicht begründet und deshalb nicht legitimiert ist. Die Meinung des Ressentiments ist hingegen dadurch legitimiert, dass sie souveräner Akt der ausdrückenden Person ist. Die Meinung legitimiert also ebenso die Individualität, wie die Person die Meinung legitimiert. Ein geschlossener Kreis.

Das Ressentiment im „postfaktischen Zeitalter“ und die „Sorgen der Menschen“

In jüngster Zeit wurde immer wieder das postfaktische Zeitalter beschworen: Meinungen werden ohne Rücksicht auf die Fakten in die Welt gesetzt und beherrschen die politische Agenda. Um dem Ressentiment freien Lauf lassen zu können, werden die Fakten beiseitegeschoben. Die Verleugnung der Wirklichkeit wird somit als unliebsame Nebenwirkung der Droge Ressentiment gedeutet. Doch dies scheint mir nicht weit genug zu gehen. Der Akt des Meinens ist als Ausdruck der individuellen Souveränität besonders triftig, wenn er selbst die Wirklichkeit hinter sich lässt. „Lügenpresse, Lügenpresse“ ist einer der beliebtesten Rufe an den Demonstrationen der Pegida. Die Wirklichkeit wird ebenso gehasst wie die Fremden und die Eliten.

An die Stelle der Wirklichkeit oder der Begründung als Legitimationsinstanz tritt das Gefühl: Die Subjektivität des „Es ist wahr, weil Ich es so fühle“ ist der unglückliche Restitutionsversuch verlorener Subjektivität. Allerdings – und darin liegt der Widerspruch des blossen Meinens – funktioniert die Wiedergewinnung der Individualität nur im Kollektiv, nur wenn es von anderen geteilt wird.

Den anderen die Schuld für das eigene Unglück zu geben, gilt nicht nur Nietzsche als Hauptcharakteristikum des Ressentiments. Dies ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Die Diagnose impliziert nämlich – auch bei Nietzsche –, dass im Grunde die Zukurzgekommenen selbst dafür verantwortlich sind, aber nicht bereit sind, die Verantwortung auch zu übernehmen. Doch am Niedergang der Schwerindustrie im Norden Englands tragen gewiss nicht die Stahl- und Kohlearbeiter die Schuld. Es geht also weniger darum, jemanden für das eigene Unglück verantwortlich zu machen, als in der Sphäre des blossen Meinens den letzten Zufluchtsort zerstörter Souveränität zu finden, der, von der Faktizität des Wirklichen befreit, dem Ich und seinen Gefühlen als letzte Legitimationsinstanz dient. Es ist wahr, weil ich es finde, weil mein Gefühl es mir sagt. Gerade im schonungslosen und faktenfreien Ausdruck der Meinung findet das Subjekt das Gesetz des Handels und die Souveränität des Ichs wieder, das es, da hat Nietzsche wohl recht, so schmerzlich vermisst hat: Ich kann zwar nichts ändern, aber ich kann jede beliebige Meinung äussern.

Die übliche Reaktion der Wohlmeinenden auf das Ressentiment lautet: „Man muss die Ängste ernst nehmen.“ Diese ebenso verlogene wie herablassende Haltung nähert sich bis zur Unkenntlichkeit dem Ressentiment an: Auch sie erklärt das Gefühl zur höchsten Instanz. In Tat und Wahrheit ist das Ressentiment eine Verleugnung der Angst. Im kollektiven Getöse der wiedergewonnenen Souveränität – oder vielmehr: in dieser Schrumpfform von Souveränität – geht die Angst unter. Wer mit anderen in derselben Meinung vereint ist, braucht keine Angst mehr zu haben. Dabei gilt: Erst wenn sich echte Angst, vor dem, was kommt, und vor dem, was schon ist, Bahn bricht, kann auf Widerstand gegen die Verhältnisse gehofft werden.