Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine stellt die auch Geschlechtsverhältnisse auf die Probe. Werden Geschlechterrollen aufgebrochen, weil viele Frauen und Queere als Soldat:innen an die Front gehen – oder überwiegen nach wie vor traditionelle Frauenbilder und die Vorurteile gegenüber LGBTQ+-Menschen?

  • Olena Strelnyk habilitierte sich 2018 in Soziologie an der Taras Shevchenko Kyiv National University, Ukraine. Sie ist die Autorin von “Childcare as work. A sociological perspective on mothering” (2017). Ihre jüngsten Forschungs- und Expertentätigkeiten in der Ukraine konzentrierten sich unter anderem auf die Situation von Frauen aus nationalen Minderheiten (OSZE, 2021). Seit April 2022 ist sie Visiting Scholar im Rahmen des Programms zur Förderung ukrainischer Wissenschaftler der Technischen Universität München.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
„Männer als Beschützer, Frauen als Beschützte“ – Der Krieg als Heraus­for­de­rung für den ukrai­ni­schen Feminismus
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Im Februar 2022 berei­teten meine Freun­dinnen aus femi­nis­ti­schen Gruppen und ich den jähr­li­chen femi­nis­ti­schen Marsch in den Städten der Ukraine anläss­lich des Inter­na­tio­nalen Frau­en­tags am 8. März vor. Wir über­legten, ob es ange­messen sei, in einer Situa­tion zu marschieren, in der ein ausge­wach­sener Krieg drohte.

Fried­liche Versamm­lungen waren damals zwar nicht verboten, doch bestand die Gefahr, dass der Marsch in der Öffent­lich­keit als „unzeit­gemäß“ kriti­siert werden könnte. Im Team der Organisator:innen des Marsches in der Stadt Poltava beschlossen wir, ihn abzu­halten und geeig­nete Botschaften zu entwi­ckeln, um das Ereignis der breiten Öffent­lich­keit im Kontext der Sicher­heits­her­aus­for­de­rungen zu vermit­teln. Aus offen­sicht­li­chen Gründen haben wir den Marsch nicht durch­ge­führt. Die Über­le­gungen über die Bedeu­tung des Gleich­stel­lungs­pro­blems bleiben jedoch auch ange­sichts einer groß ange­legten russi­schen Inva­sion bestehen.

Die Menschen­rechte und die Gleich­stel­lung der Geschlechter sind von entschei­dender Bedeu­tung für das Verständnis der Lage der Ukraine, die heute einen extrem hohen Preis für den Aufbau der Demo­kratie, für ihre Frei­heit und Unab­hän­gig­keit zahlt. Denn der Krieg findet nicht allein an der Front statt, er spielt sich auf der Ebene der Wahr­neh­mungen und der Diskurse ab.

Daher ist es jetzt, im Kontext des Krieges, wichtig, sich an die Fort­schritte der Ukraine auf dem Weg zur Gleich­stel­lung der Geschlechter zu erin­nern und sie zu würdigen. Der ukrai­ni­sche Staat ist mehrere Verpflich­tungen im Bereich der Menschen­rechte einge­gangen, insbe­son­dere nach 2014, als das Asso­zi­ie­rungs­ab­kommen mit der EU unter­zeichnet wurde. Diese Prozesse bringen die ukrai­ni­sche Gesell­schaft näher an die Werte der Demo­kratie heran und unter­scheiden uns gleich­zeitig von der kolo­nialen Idee der „russi­schen Welt“ („Russkij mir“), in der diese Werte keinen Platz haben. Darüber hinaus haben die russi­schen poli­ti­schen Eliten und die „Anti-Gender“-Bewegungen die einzig­ar­tige Mission Russ­lands stets auf den Schutz der Fami­li­en­werte ausge­richtet, indem sie die Ideen der Gleich­stel­lung der Geschlechter bekämpften und das russi­sche Volk vor dem „mora­lisch degra­dierten Westen“ und „Gayrope“ schützten.

Equa­lity March, Kyiv, 19.9.2021: Quelle: reuters.com

Natür­lich bleiben viele Probleme in der Ukraine unge­löst oder schwierig. In der ukrai­ni­schen Gesell­schaft gibt es immer noch viele Vorur­teile gegen­über den Ideen des Femi­nismus sowie gegen­über LGBT+-Menschen.  Laut einer von der sozio­lo­gi­schen Gruppe „Rating“ im August 2021 durch­ge­führten Umfrage haben 47 % der Ukrainer:innen eine nega­tive Einstel­lung zu LGBT-Menschen. Der Anteil dieser Befragten ist jedoch in der Alters­gruppe 16-24 Jahre am nied­rigsten (24 %).

Die Ukraine war elf Jahre lang nicht imstande, die „Istanbul-Konvention“ zur Bekämp­fung von Gewalt gegen Frauen zu rati­fi­zieren, vor allem wegen des Wider­stands reli­giöser Orga­ni­sa­tionen, die aktive Gegner:innen der Gleich­stel­lungs­ideen sind. Schließ­lich stimmte das ukrai­ni­sche Parla­ment am 20. Juni 2022 für die Rati­fi­zie­rung, die mögli­cher­weise von der eigent­li­chen Absicht ange­trieben wurde, der Ukraine den Status eines EU-Beitrittskandidatin zu verleihen.

Die Ukraine hat jedoch viele Errun­gen­schaften auf dem Gebiet der Menschen­rechte und der Gleich­stel­lung der Geschlechter vorzu­weisen: Forschung zu verschie­denen Themen, die Akti­vi­täten femi­nis­ti­scher Orga­ni­sa­tionen und Initia­tiv­gruppen, viele Medien, die die Ideen der Gleich­stel­lung der Geschlechter fördern, und eine entwi­ckelte Gesetz­ge­bung. So hat die Ukraine beispiels­weise 2005 das Gesetz zur Gewähr­leis­tung glei­cher Rechte und Chancen für Frauen und Männer verab­schiedet, und seit 2018 ist häus­liche Gewalt in der Ukraine strafbar. Jedes Jahr werden zahl­reiche Gesetze zur Gleich­stel­lung der Geschlechter verab­schiedet, und ein natio­naler Mecha­nismus für die nach­hal­tige Umset­zung der staat­li­chen Gleich­stel­lungs­po­litik auf allen Regie­rungs­ebenen funktioniert.

Während des Krieges steht der ukrai­ni­sche Femi­nismus vor der Heraus­for­de­rung, neue Botschaften zu entwi­ckeln, um die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlechter zu kommu­ni­zieren, insbe­son­dere vor dem Hinter­grund der Tatsache, dass Männer der mili­tä­ri­schen Mobi­li­sie­rung unter­liegen und die große Mehr­heit der Männer das Land während des Kriegs­rechts nicht verlassen darf. Und während die Kritik am Femi­nismus, insbe­son­dere im Zusam­men­hang mit der Mobi­li­sie­rung, vor der umfas­senden Inva­sion Russ­lands nur spora­disch auftrat, besteht jetzt die reelle Gefahr einer zuneh­menden anti­fe­mi­nis­ti­schen und gleich­stel­lungs­feind­li­chen Rhetorik.

Mili­tär­dienst: seine Pflicht, ihr Recht

Quellle: euronews.com

In Kriegs­zeiten können tradi­tio­nelle Vorstel­lungen von Frauen- und Männer­rollen verstärkt werden, da in den meisten Ländern, auch in der Ukraine, Frauen nicht zum Wehr­dienst einge­zogen werden. Auch die Staats­bür­ger­schaft ist stark geschlechts­spe­zi­fisch geprägt.  Demnach ist es die Pflicht eines Mannes als Bürger, sein Land im Krieg zu vertei­digen. Es ist die Bürger­pflicht der Frauen, die Männer im Krieg zu unter­stützen. So werden in Kriegs­zeiten Geschlech­ter­vor­stel­lungen konstru­iert, die auf der essen­tia­lis­ti­schen Vorstel­lung beruhen, dass Männer Beschützer sind, während Frauen durch ihre angeb­lich verletz­liche „Natur“ geschützt werden.

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Das im Februar 2022 in der Ukraine verab­schie­dete Gesetz über das Kriegs­recht basiert auf dieser Perspek­tive: Die meisten zivilen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren können mobi­li­siert werden und dürfen das Land nicht verlassen. Dieses Gesetz bedeutet nicht, dass alle Männer einge­zogen werden: Verschie­dene Mobi­li­sie­rungs­wellen umfassen die Mobi­li­sie­rung unter­schied­li­cher Gruppen von Männern. Vorwie­gend wird nun die bishe­rige mili­tä­ri­sche Erfah­rung berück­sich­tigt. Bestimmte Gruppen von Männern sind von der Mobi­li­sie­rung ausge­nommen und dürfen das Land verlassen, oder sie können nur mit ihrer Zustim­mung mobi­li­siert werden. Es handelt sich um Männer, die von der medi­zi­ni­schen Kommis­sion aus gesund­heit­li­chen Gründen als wehr­un­fähig einge­stuft wurden; Männer, die drei oder mehr Kinder unter 18 Jahren haben; Männer, die Kinder unter 18 Jahren allein erziehen; Männer, die ein Kind mit einer Behin­de­rung erziehen, Studenten und andere.

Einige Gruppen von zivilen Frauen mit bestimmten Berufen können eben­falls mobi­li­siert werden, z. B. Ärztinnen. Nach Angaben der Mili­tär­be­hörden wurde bis Juni 2022 keine zivile Frau ohne ihre Zustim­mung zum Mili­tär­dienst einberufen.

In der Zwischen­zeit sind Frauen, die trans sind (sofern sie ihre Papiere nicht geän­dert haben), gezwungen, im Land zu bleiben. Sie können auch mobi­li­siert werden, es ist wahr­schein­lich, dass sie im Militär Aggres­sionen und Diskri­mi­nie­rung durch Kame­raden erfahren.

Auch wenn nicht alle Männer oder nicht einmal die Mehr­heit von ihnen an der Front sind, sind die geschlechts­spe­zi­fi­schen Erwar­tungen, dass Männer kämpfen sollen oder müssen, ziem­lich stark. Laut einer CEDOS-Studie über den ersten Monat des Krieges gaben einige Binnen­ver­trie­bene an, sie hätten eine nega­tive Einstel­lung zu sich selbst. Dies galt vor allem für Männer, da die Vorstel­lung vorherrschte, Männer seien Vertei­diger und sollten kämpfen, aber nicht in sicheren Gebieten bleiben. Einigen Befragten zufolge führten diese Vorur­teile zu Hinder­nissen beim Zugang zu Wohn­raum: Die Leute wollten Männern nicht immer eine Wohnung geben.

Das erheb­liche geschlechts­spe­zi­fi­sche Gefälle bei der Betei­li­gung von Frauen und Männern an den Streit­kräften ist verständ­lich, da Frauen nie einge­zogen wurden, sondern ihnen nur die Berufs­armee zur Auswahl stand.

Die Frage nach der Stel­lung der Frauen in der Armee ist in der Ukraine nicht neu. Ab 2014, als der Krieg im Donbass begann, nahm die Zahl der Frauen in der Berufs­armee zu.  Aller­dings waren die Frauen mit der Tatsache konfron­tiert, dass ihnen viele Posi­tionen in der Armee verwehrt waren.

Ambassa­do­rinnen des Invi­sible Battalion; Quelle: invisiblebattalion.org

Die Situa­tion hat sich im Rahmen des Bera­tungs­pro­jekts des ‚Unsicht­baren Batail­lons‘ im Jahr 2015 geän­dert, als eine erste Unter­su­chung über Probleme von Frauen in der Armee durch­ge­führt wurde. Es stellte sich beispiels­weise heraus, dass eine Frau als Kämp­ferin agierte, aber laut den Unter­lagen offi­ziell als Buch­hal­terin ange­stellt war, da zu dieser Zeit viele mili­tä­ri­sche Berufe für Frauen aufgrund tradi­tio­neller Geschlech­ter­ste­reo­typen über die Rolle der Frau in der Armee verboten waren. Dann wurde die Liste der für Frauen zuläs­sigen Mili­tär­be­rufe erheb­lich erwei­tert. „Nachdem in der Studie fest­ge­stellt wurde, dass Frauen in ihrem Dienst mit recht­li­chen Hinder­nissen konfron­tiert sind und keine beson­deren Dienst­be­din­gungen für sie vorge­sehen sind, wurde die Notwen­dig­keit einer voll­stän­digen Gleich­stel­lung der Geschlechter im Sicher­heits­sektor und die Besei­ti­gung der ‚gläsernen Decke‘ zum Gegen­stand der öffent­li­chen Debatte“, so Hanna Hryt­senko, Mitau­torin der Studie.

Vor Beginn des Krieges dienten 31 757 Frauen bei den ukrai­ni­schen Streit­kräften, was 22 % der Gesamt­zahl der Mili­tär­an­ge­hö­rigen entspricht. Dennoch sehen sich Frauen inner­halb der mili­tä­ri­schen Struk­turen immer noch mit Heraus­for­de­rungen und daher mit Vorur­teilen und Sexismus konfrontiert.

Auf der Ebene der Vorstel­lungen und Erwar­tungen wurden die Streit­kräfte in der Vorkriegs­zeit stark mit Männ­lich­keit asso­zi­iert. So ist es beispiels­weise in vielen ukrai­ni­schen Schulen Tradi­tion, dass Jungen am ukrai­ni­schen Feiertag „Tag des Vertei­di­gers“ (dem Ehrentag der ukrai­ni­schen Streit­kräfte) als „zukünf­tige Vertei­diger“ beglück­wünscht werden.

Gleich­zeitig gibt es öffent­liche Diskus­sionen über die Rele­vanz dieser Praxis ange­sichts des hohen Frau­en­an­teils in den Streit­kräften der Ukraine.  Im Jahr 2021 wurde der „Tag des Vertei­di­gers“ auf Initia­tive von weib­li­chen Abge­ord­neten des Parla­ments offi­ziell in „Tag der Vertei­diger und Vertei­di­ge­rinnen“ umbe­nannt („Den zakhyst­nyka ta zakhysnytsi“).

Es wird ange­nommen, dass der Krieg die Sicht­bar­keit von Frauen in den Streit­kräften erhöhen wird, insbe­son­dere derje­nigen, die an der Front sind.  So werden beispiels­weise in jeder Rede von Volo­dymyr Zelen­skyj nach Kriegs­be­ginn die „Verteidiger:innen“ beider Geschlechter erwähnt.

Nicht nur ein Opfer: neue Bilder und Rollen von Frauen

Die ukrai­ni­schen Frauen leisten einen unglaub­li­chen Beitrag zum Sieg der Ukraine: Sie leisten Frei­wil­li­gen­ar­beit, kümmern sich um die Bedürf­nisse der Front und der Zivil­be­völ­ke­rung, evaku­ieren Menschen aus Kampf­ge­bieten, kümmern sich oft allein um Kinder und arbeiten weiter.

Auch die große Mehr­heit der femi­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tionen in der Ukraine arbeitet weiter. Sie haben ihre Akti­vi­täten umstruk­tu­riert, um huma­ni­täre Hilfe für Frauen, einschließ­lich gefähr­deter Gruppen, zu leisten. Die meisten femi­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tionen sind aktiv am Aufbau eines Systems betei­ligt, mit dem auf Fälle von geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt reagiert und den Opfern geholfen werden kann.

Quelle: genderindetail.org.ua

Feminist:innen und femi­nis­ti­sche Ressourcen tragen außerdem wesent­lich dazu bei, die Sicht­bar­keit von Frauen während des Krieges zu erhöhen. Anläss­lich des Mutter­tags, der in der Ukraine im Mai begangen wird, rief die beliebte Inter­net­seite „Gender in Detail“ dazu auf, Geschichten über die Rolle der Mütter während des Krieges zu erzählen.

Eine wich­tige Botschaft dieser Geschichten und Frau­en­bilder ist nicht nur die Sicht­bar­keit von Frauen während des Krieges, sondern auch die Heraus­bil­dung eines alter­na­tiven Diskurses über weib­liche Subjek­ti­vität und Agency im Gegen­satz zum Diskurs der Viktimisierung.

Es gibt einige Initia­tiven, die nicht als femi­nis­tisch bezeichnet werden, die aber eben­falls zur Bildung eines neuen Diskurses über die Hand­lungs­macht von Frauen während des Krieges beitragen, im Gegen­satz zur Unter­stüt­zungs­rolle der Frauen.

Geschlecht ist im Krieg kein Krite­rium mehr für Nütz­lich­keit oder Unnütz­lich­keit. So stellt Natalya Savranska in einer Reihe von Zeich­nungen unter dem Titel „Jeder hat seine eigene Front“ die Idee unter­schied­li­cher und gleich­wer­tiger Beiträge zum Sieg verschie­dener Gruppen von Frauen und Männern dar: „Danke an die Mütter“, „Danke an die Tierschützer:innen“, „Danke an die frei­wil­ligen Psycholog:innenen“, „Danke an die Bäuer:innen“. In den ukrai­ni­schen Medien wird auch viel über das „alltäg­liche Held:innentum“ ukrai­ni­scher Frauen berichtet: Arbei­te­rinnen im Evaku­ie­rungszug, Verkäu­fe­rinnen, Ärztinnen, Post­an­ge­stellte, Lehre­rinnen. Und schließ­lich widmete das Kalush Orchestra, Gewinner des Euro­vi­sion Song Contest 2022, sein Musik­video „Stefania“ den Frauen und Müttern im Krieg.

Kalush Orchestra, „Stefania“; Quelle: youtube.com

Natür­lich ist das nur ein Ausschnitt aus der komplexen Situa­tion der ukrai­ni­schen Gesell­schaft, und meine Sicht­weise ist durch meine femi­nis­ti­sche Posi­tion und teil­weise durch meine eigene Infor­ma­ti­ons­blase geprägt. Neben den posi­tiven Tendenzen gibt es auch negative.

Lesia Nikituk; Quelle: instagram.com

Zum Beispiel konstru­ieren einige von ihnen immer noch die zweit­ran­gige Rolle der Frau, wie ein Flashmob der ukrai­ni­schen TV-Moderatorin Lesia Niki­tiuk „Schön­heit für die Streit­kräfte“ mit einem Aufruf an Mädchen, „Männer, die an der Front sind, durch die Schön­heit der Frauen zu inspirieren“.

Es besteht die Gefahr, dass Frau­en­körper im Diskurs über die Verant­wor­tung der Frauen für den Wieder­aufbau des Landes nach dem Krieg instru­men­ta­li­siert werden, insbe­son­dere in Bezug auf die Demo­grafie. Kürz­lich wurden am selben Tag, dem 23. Mai, vier Peti­tionen von verschie­denen Autoren zum Abtrei­bungs­verbot regis­triert. Ich hoffe jedoch, und bin mir sogar sicher, dass sie nicht zur Grund­lage poli­ti­scher Entschei­dungen werden (bis zum 7. Juni erhielt eine der Peti­tionen nur 903 von den erfor­der­li­chen 25.000 Stimmen).

Retra­di­tio­na­li­sie­rung oder mehr Gleichstellung?

Kritik an Frauen, die für die Gleich­stel­lung der Geschlechter eintreten, gab es und wird es geben. Die Aufgabe des ukrai­ni­schen Femi­nismus besteht jedoch darin, nicht zuzu­lassen, dass sie zur Richt­schnur wird, wodurch die Sicht­bar­keit der Frauen verloren geht und ihr unglaub­li­cher Beitrag zum Sieg abge­wertet wird. Einer­seits kann man nach den zahl­rei­chen Berichten über die unge­heuren Heraus­for­de­rungen, mit denen Frauen im Krieg konfron­tiert waren, und den heraus­ra­genden Beitrag der Frauen zum Sieg eine diskur­sive Verschie­bung in der Gesell­schaft in Bezug auf Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlechter erwarten. Ande­rer­seits besteht auch die Gefahr, dass sich tradi­tio­nelle Geschlech­ter­vor­stel­lungen und -erwar­tungen verfes­tigen. Ein komple­xeres Szenario ist wahr­schein­li­cher, wenn verschie­dene wider­sprüch­liche Diskurse und Frau­en­bilder gleich­zeitig von unter­schied­li­chen Akteuren rekon­stru­iert werden.

Die ukrai­ni­sche Frau­en­be­we­gung wird nicht nur mit kommu­ni­ka­tiven und diskur­siven Heraus­for­de­rungen konfron­tiert sein, sondern auch mit komple­xeren, insti­tu­tio­nellen und struk­tu­rellen Problemen als Folge des Krieges. Drama­ti­scher Rück­gang der Wirt­schafts­tä­tig­keit von Frauen, erwar­teter Anstieg der häus­li­chen Gewalt, Hilfe für Opfer kriegs­be­dingter sexu­eller Gewalt, Verrin­ge­rung der insti­tu­tio­nellen Ressourcen für die Kinder­be­treuung (z. B. sichere Kinder­gärten), Verschlech­te­rung der Lage gefähr­deter Frau­en­gruppen aufgrund gekürzter Sozi­al­aus­gaben. All diese und viele andere Probleme werden große Anstren­gungen der Frau­en­or­ga­ni­sa­tionen der Ukraine erfordern.

  • Olena Strelnyk habilitierte sich 2018 in Soziologie an der Taras Shevchenko Kyiv National University, Ukraine. Sie ist die Autorin von “Childcare as work. A sociological perspective on mothering” (2017). Ihre jüngsten Forschungs- und Expertentätigkeiten in der Ukraine konzentrierten sich unter anderem auf die Situation von Frauen aus nationalen Minderheiten (OSZE, 2021). Seit April 2022 ist sie Visiting Scholar im Rahmen des Programms zur Förderung ukrainischer Wissenschaftler der Technischen Universität München.