(Queer-)feministische und anti-rassistische Positionen treffen derzeit auf den Vorwurf, sie würden die Wissenschaftsfreiheit gefährden. Doch dieser vermeintlichen Freiheitsbedrohung liegt eine selektive, politisch motivierte Dramatisierung von Einzelfällen zugrunde, die Machtasymmetrien ausblendet. Ein emanzipatorisches Verständnis von Wissenschaftsfreiheit führt zu einer anderen Lageeinschätzung.

  • Robin Celikates ist Professor für Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin und stellvertretender Direktor des Center for Humanities and Social Change Berlin. Gegenwärtig arbeitet er vorwiegend zu zivilem Ungehorsam, Demokratie, Migration und Rassismus aus Perspektive der kritischen Theorie. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Critical Times: Interventions in Global Critical Theory“. (Photo: Rainer Christian Kurzeder)
  • Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Sie forscht und lehrt in den Bereichen der soziologischen, politischen und feministischen Theorie sowie der allgemeinen Soziologie.
  • Daniel Loick ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Er ist Associate Professor für Politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universität Amsterdam. Loick beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Ausarbeitung einer kritischen Theorie des Rechts und der Staatsgewalt sowie mit Formen subalterner Sozialität.
  • Martin Nonhoff unterrichtet Politische Theorie an der Universität Bremen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Demokratietheorie, Hegemonie- und Machttheorie sowie politischen Diskursforschung. Er ist u.a. Mitglied des Bremer Graduiertenkollegs "Contradiction Studies".
  • Eva von Redecker ist Philosophin; sie schreibt über Eigentum, radikalen Wandel und manchmal auch über Leben und Tod. Sie forscht derzeit als Marie-Skłodowska-Curie-Fellow an der Universität Verona zu Phantombesitz und Autoritarismus. Ihr jüngstes, bereits mehrfach übersetztes Buch "Revolution für das Leben" (S.Fischer, 2020) analysiert kapitalistische Zerstörungsdynamiken, zeichnet aber auch ein hoffnungsvolles Portrait gegenwärtiger Protestbewegungen. (Photo: Sophie Brand)
  • Frieder Vogelmann lehrt Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der politischen Epistemologie sowie der Sozialphilosophie; aktuell arbeitet er zur Beziehung zwischen (Un)Wahrheit und Demokratie, zu einem realistischen Verständnis wissenschaftlicher Praktiken sowie zur Genealogie des Normativitätsbegriffs.

Seit Monaten geis­tern Schlag­worte wie „Cancel Culture“, „Poli­tical Correct­ness“ und „Wokeism“ durch das deut­sche Feuil­leton: Die drei Phäno­mene, so heißt es regel­mäßig, würden zuneh­mend die öffent­liche Debatte prägen. Alle drei diskur­siven Marker dienen auch dazu, eine Bedro­hung der akade­mi­schen Wissen­schafts­frei­heit von links herauf­zu­be­schwören. Zuletzt hatte insbe­son­dere der Fall der briti­schen Philo­so­phin Kath­leen Stock Aufmerk­sam­keit auf sich gezogen. Diese war in Sussex nach Protesten und einer teils gewaltsam entgleisten Social-Media-Kampagne queerer Aktivist:innen gegen die von ihr vertre­tenen trans­feind­li­chen Posi­tionen von ihrer Professur zurück­ge­treten. Nur wenige Tage nach ihrem Rück­tritt wurde bekannt, dass sie nunmehr als Fellow an die neu gegrün­dete Univer­sity of Austin berufen wurde, die explizit einen Ort des „Anti-Wokism“ schaffen will.

Gegen diesen Miss­brauch von „Wissen­schafts­frei­heit“ hielten und halten wir Kritik für drin­gend geboten. Wir sind ein Autor:innenkollektiv aus Mitglie­dern des Frank­furter Arbeits­kreises für poli­ti­sche Theorie und Philo­so­phie, einem Zusam­men­schluss von Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen, die sich im Kontext der neueren kriti­schen Theorie verorten. In dem Beitrag „Wissen­schafts­frei­heit, die wir meinen“ (Zeit v. 18.11.2021) hatten wir vor dem oben skiz­zierten Hinter­grund für ein eman­zi­pa­to­ri­sches Verständnis von Wissen­schafts­frei­heit plädiert, das von der selek­tiven Fokus­sie­rung auf und poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­rung von Einzel­fällen Abstand nimmt und beson­ders auf die Analyse und Infra­ge­stel­lung der univer­si­tären Macht­ver­hält­nisse abhebt. Die Univer­sität ist histo­risch ein von Asym­me­trien und Ausschlüssen durch­zo­gener Ort, so unser Argu­ment, an dem margi­na­li­sierte Stimmen häufig keinen Eingang in den wissen­schaft­li­chen Diskurs finden. Gegen diese Hier­ar­chien zu kämpfen, ist daher ein Eintreten für (wohl­ver­stan­dene) Wissen­schafts­frei­heit, keine Bedro­hung derselben.

Ironi­scher­weise sind es weder Vermittlungs- noch Über­zeu­gungs­stra­te­gien, mit denen der angeb­li­chen Bedro­hung von links begegnet wird. Die reflex­ar­tigen Erwi­de­rungen verlassen rasch die sach­liche Ebene zugunsten von Unter­stel­lungen und persön­li­chen Angriffen. Oder sie gehen gleich dazu über, Schwei­ge­ge­bote auszu­spre­chen, wie sie etwa Uwe Stein­hoff auf seiner Home­page und auf Twitter an die Adresse von Paula-Irene Villa rich­tete. Auch unser Beitrag hat wütende Reak­tionen hervor­ge­rufen. Die Repliken „Was man nicht kriti­sieren darf von Uwe Stein­hoff (FAZ v. 22.11.2021) und „Gezielte Kampa­gnen“ von Vojin Saša Vuka­di­nović (Zeit v. 25.11.2021) bringen die Debatte auf genau jenes Niveau der Diskus­sion drama­ti­scher Einzel­fälle, auf dem sich sowohl die Wissen­schafts­frei­heit als auch ihre tatsäch­li­chen Gefähr­dungen schnell verzerrt darstellen – und einfa­cher verzerren lassen. Solche Verzer­rungen folgen einem Muster, das drei rheto­ri­sche Stra­te­gien kombi­niert, die im Kampf gegen die vermeint­liche „Cancel Culture“ beson­ders beliebt sind: die Drama­ti­sie­rung von Einzel­fällen, den Vorwurf der Täter-Opfer-Umkehr und die Verbrei­tung wider­legter Mythen.

Erstens ist es für die anti-woken Verteidiger:innen der Debat­ten­kultur typisch, apodik­tisch zu konsta­tieren, die Wissen­schafts­frei­heit sei beson­ders durch „Trans­ak­ti­visten oder Gender-Studies-Personal“ gefährdet. Es folgt – z.B. bei Vuka­di­nović – die Aufzäh­lung einer Reihe von Fällen in Groß­bri­tan­nien und die Formu­lie­rung des Vorwurfs, die andere Seite erwähne „nichts, was dort in den letzten Jahren eine zentrale Rolle spielte“. Das geht gleich doppelt an der Debatte vorbei: Niemand leugnet die Exis­tenz oder die Rele­vanz dieser Fälle, doch diese bedürfen einer Einord­nung in die univer­si­tären und gesell­schaft­li­chen Macht­ver­hält­nisse. Dann jedoch müsste man außerdem eine Reihe von Fällen berück­sich­tigen, die Vuka­di­nović unter­schlägt, weil sie das gängige und von ihm repro­du­zierte Narrativ in Frage stellen, die akade­mi­sche Frei­heit werde vor allem durch trans- und andere woke social justice warriors gefährdet. Denn er verliert kein Wort zu Lisa Tilley, die im August ihre Stelle am Birk­beck College in London aufgab, um auf die Bedro­hung der akade­mi­schen Frei­heit durch ihren Kollegen, den bekannten Rechts­in­tel­lek­tu­ellen Eric Kauf­mann, aufmerksam zu machen, der gezielt von ihm als links iden­ti­fi­zierte Studie­rende und Kolleg:innen atta­ckiert; kein Wort zu der von Sara Ahmed doku­men­tierten Tatsache, dass Beschwerden über Macht­miss­brauch von Kolleg:innen, Vorge­setzten und Univer­si­täts­lei­tungen oft unter den Teppich gekehrt und unter Andro­hung von Vergel­tung aktiv unter­bunden werden, wenn Ange­hö­rige von Minder­heiten oder in der insti­tu­tio­nellen Hier­ar­chie schlechter Gestellte sie äußern; kein Wort dazu, dass (aus Sicht der NGO Liberty und des Joint Committee on Human Rights) die Meinungs­frei­heit an den Univer­si­täten in Groß­bri­tan­nien vor allem durch die Prevent Agenda der Regie­rung gefährdet ist, da beson­ders BAME (Black, Asian, and mino­rity ethnic) Studie­rende schnell des Extre­mismus verdäch­tigt werden, wenn sie „zu radi­kale“ Ansichten vertreten, und daher zur Selbst­zensur gedrängt werden; kein Wort schließ­lich dazu, dass auch in Groß­bri­tan­nien, wie in Frank­reich und in den USA, regel­mäßig insbe­son­dere Forschung zu Rassismus von der Regie­rung als unwis­sen­schaft­lich atta­ckiert wird. Alles nur „projek­tive Proble­ma­ti­sie­rungen“? Beiträge wie jener von Vuka­di­nović führen genau jene selek­tive Drama­ti­sie­rung von Einzel­fällen vor, an der die Debatte insge­samt krankt: ein spezi­eller Fall wird als reprä­sen­tativ für die gesamte Lage behauptet, ohne zu unter­su­chen, welche realen Macht­ver­hält­nissen diese Lage bereits strukturieren.

Zwei­tens läuft auch der Vorwurf der Täter-Opfer-Umkehr ins Leere. Eigent­lich sollte es keiner weiteren Erläu­te­rung bedürfen, dass der Hinweis auf die Kritik­wür­dig­keit einer ganzen Reihe doku­men­tierter Aussagen von Stock und auf die Einsei­tig­keit der medialen Bericht­erstat­tung über ihren Fall keine Recht­fer­ti­gung von Mord­dro­hungen darstellt. Der Kampf „mit allen Mitteln“ ist eine rechte Stra­tegie, die außer­halb der Wissen­schaft ganz genauso zu kriti­sieren ist wie inner­halb.  Auch eman­zi­pa­to­risch ange­legter Akti­vismus kann in Bedro­hungen umschlagen, insbe­son­dere wenn er mit auf Social Media-Plattformen geführten Kampa­gnen einher­geht. Sach­lich formu­lierte offene Briefe und begrün­dete Proteste sind demge­gen­über nicht nur legi­time Mittel des Protests, sondern Herz­stück demo­kra­ti­scher Willens­bil­dung, und zwar im Kontext des Streits um poli­ti­sche Stel­lung­nahmen – wie dieje­nigen von Stock in Sachen Rechte von Trans-Personen – auch inner­halb von Univer­si­täten. Diese Stra­te­gien mit hate tweets, Einschüch­te­rungs­ver­su­chen und gar Mord­dro­hungen in einen Topf zu werfen, ist eine unlau­tere Stra­tegie, berech­tigte Kritik zu delegitimieren.

Diffe­ren­zie­rungen sind aller­dings nicht die Sache Vuka­di­no­vićs, was ange­sichts seiner früheren Atta­cken auf das Werk von Judith Butler und „die Gender Studies“ nicht über­rascht. Trotz der an anderer Stelle (etwa von Sabine Hark und Judith Butler sowie von Paula-Irene Villa) bereits mit starken Gründen einge­for­derten Nuancen schreibt Vuka­di­nović – ebenso wie auch Stock in ihrem Buch Mate­rial Girls – weiterhin gegen einen Popanz an: „die Gender Studies“ und ihre „post­mo­derne“ Leug­nung der Realität. Schon die Behaup­tung, Autor:innen wie Foucault und Butler würden die Realität leugnen, ist absurd; die Fiktion einer einheit­li­chen Posi­tion in „den Gender Studies“ zum Thema Geschlecht und Geschlech­ter­iden­tität schlicht unwis­sen­schaft­lich. Wie viel­schichtig und kontro­vers die entspre­chenden Debatten tatsäch­lich sind, kann man sich schnell vor Augen führen, wenn man die entspre­chenden Zeit­schriften (z.B. Femi­nis­ti­sche Studien oder Hypatia: A Journal of Femi­nist Philo­sophy) und die einschlä­gigen Beiträge in Online-Enzyklopädien (z.B. https://plato.stanford.edu/entries/feminism-gender/ oder https://plato.stanford.edu/entries/feminism-trans/) konsul­tiert. Diese für wissen­schaft­liche Debatten typi­sche Komple­xität kommt bei Stock und Vuka­di­nović an keiner Stelle vor. Sie fordern zwar Respekt für ihre vermeint­lich rein wissen­schaft­li­chen Einlas­sungen, lassen aber ein Mindestmaß an wissen­schaft­li­cher Serio­sität vermissen und igno­rieren willent­lich, dass man die rele­vanten theo­re­ti­schen Fragen auch disku­tieren kann, ohne Menschen die Legi­ti­mität ihrer Geschlechts­iden­ti­täten und ihres Anspruchs auf ein Leben ohne Angst vor Gewalt abzu­spre­chen. Das legt nahe, dass es ihnen tatsäch­lich um etwas anderes geht als einen Beitrag zur akade­mi­schen Diskus­sion: nämlich um die Verun­mög­li­chung von Kritik und die Durch­set­zung einer trans­feind­li­chen poli­ti­schen Agenda unter dem Deck­mantel der Wissen­schafts­frei­heit (die zudem, immer wenn es stra­te­gisch opportun erscheint, mit der Meinungs­frei­heit gleich­ge­setzt wird, obwohl sie klarer­weise anderen Stan­dards und Logiken folgt). Damit stellen sie sich selbst in die Nähe derje­nigen, die auf ebenso schwa­cher Grund­lage „LGBT-Ideologiefreie Zonen“ fordern und Butler für die Verkör­pe­rung des Teufels halten.

Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen sowie LGBTQ*-Initiativen weisen seit langer Zeit darauf hin, dass Trans­per­sonen gravie­renden Anfein­dungen und Über­griffen im Alltag, Diskri­mi­nie­rungen im Beruf und Benach­tei­li­gungen im öffent­li­chen Leben ausge­setzt sind. Gestützt werden diese Ausschlüsse, die massives physi­sches und psycho­so­ziales Leid bewirken, etwa durch Vorur­teile, Hassideo­lo­gien und kultu­rell domi­nante Narra­tive. Diese Erfah­rungen – und dies ist die dritte rheto­ri­sche Stra­tegie – werden baga­tel­li­siert, wenn Trans­feind­lich­keit einfach als eine wissen­schaft­liche „Meinung“ unter anderen darge­stellt wird – wie es etwa Uwe Stein­hoff tut, der zugleich offen ausspricht, was viele nur denken, nämlich dass vulnerable Personen ohnehin „an einer Univer­sität fehl am Platze“ seien. Vuka­di­nović geht einen Schritt weiter und bedient selbst trans­feind­liche Vorur­teile, indem er empi­risch wider­legte Mythen kolpor­tiert, die belegen sollen, dass von trans Personen sowohl als Campus-Aktivist:innen als auch im Alltag eine so große Gefahr ausgehe, dass wir ihre Geschlechts­iden­tität nicht aner­kennen sollten. Nur so ist seine den Anschein empi­ri­scher Evidenz erschlei­chende Behaup­tung zu verstehen, dass aufgrund der Rechte von trans Personen nun Frauen „noch im Gefängnis Risiko laufen, verge­wal­tigt zu werden“. Hier wird ein Feind­bild beschworen, das Sexu­al­panik auslösen soll. Die Fantasie geht auf einen einzigen Fall zurück, einen folgen­schweren Justiz­skandal, im Zuge dessen ein wegen Verge­wal­ti­gung verur­teilter Häft­ling in ein briti­sches Frau­en­gefängnis verlegt wurde. (Die gravie­rende und gras­sie­rende sexua­li­sierte Gewalt, der trans Frauen in Männer­ge­fäng­nissen ausge­setzt sind, kommt selbst­ver­ständ­lich nicht zur Sprache). Damit soll die Furcht verbreitet werden, dass unter dem Deck­mantel der Trans­se­xua­lität gewalt­tä­tige Männer in Frau­en­räume eindringen – neben Gefäng­nissen werden häufig Toiletten genannt. Doch diese Argu­men­ta­tion ist absurd: Nirgends sonst nehmen wir eine ganze Gruppe in Haftung, um der Möglich­keit eines gewalt­samen Über­griffs vorzu­beugen. So wird sexua­li­sierte Gewalt über­wie­gend von Männern in Fami­lien und auf der Straße verübt – trotzdem dürfen Männer Fami­lien haben und vor die Tür. Dass Gewalt aber über­wie­gend von Männern ausgeht, verweist genau auf die Ebene struk­tu­reller Macht­ver­hält­nisse. Das Problem geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt muss durch femi­nis­ti­sche, gesamt­ge­sell­schaft­liche Reformen ange­gangen werden. Sobald der Gegner Patri­ar­chat heißt und nicht „Transgender-Ideologie“ ist es aller­dings schwer, Beifall von einer breiten Quer­front zu bekommen.

Stein­hoffs und Vuka­di­no­vićs Texte zeigen wie im Lehr­stück, wie unter Bezug­nahme auf „Wissen­schafts­frei­heit“ asym­me­tri­sche Macht­ver­hält­nisse verschleiert werden, die Forschung und Lehre durch­ziehen: Ein rein formaler Begriff von Wissen­schafts­frei­heit, der weder nach den zugrun­de­lie­genden Ausschluss­ver­hält­nissen noch nach den poten­ziell gewalt­för­migen Konse­quenzen von Forschung fragt, repro­du­ziert bestehende Macht­ver­hält­nisse – und schließt damit echte Wissen­schafts­frei­heit aus. Die Pose der „Neutra­lität“ ermög­licht es domi­nanten Gruppen, hand­feste poli­ti­sche Inter­essen als „unvor­ein­ge­nom­mene“ oder „ratio­nale“ Forschungs­er­geb­nisse zu präsen­tieren und gleich­zeitig margi­na­li­sierte poli­ti­sche Inter­essen als „mora­lis­tisch“ oder „ideo­lo­gisch“ (so Stein­hoff) zu disqua­li­fi­zieren. Selten liegen die poli­ti­schen Inter­essen so offen auf der Hand wie bei den deut­schen Anhänger:innen von Kath­leen Stock, die sich aktuell vor allem gegen die von der Ampel-Koalition geplante Libe­ra­li­sie­rung des Perso­nen­stands­ge­setzes richten (so etwa Stein­hoff im rechts­kon­ser­va­tiven Magazin Cicero). Häufig geht es um viel subti­lere – ökono­mi­sche, kultu­relle und habi­tu­elle – Ausschlüsse. Wer an echter Wissen­schafts­frei­heit inter­es­siert ist, muss diese Ungleich­heiten angehen: Denn ohne vormals ausge­schlos­sene Perspek­tiven einzu­be­ziehen, läuft der wissen­schaft­liche Diskurs nicht nur Gefahr, soziale Herr­schafts­ver­hält­nisse zu repro­du­zieren, sondern auch die Wissens­pro­duk­tion künst­lich einzu­schränken und sich Wege zu einer robus­teren Objek­ti­vität zu verbauen.

Den Blick auf die struk­tu­relle Ebene zu richten, heißt nicht, bestimmten Gruppen a priori Recht zu geben. Oft heißt es sogar, Grup­pen­zu­schrei­bungen zu histo­ri­sieren und zu proble­ma­ti­sieren (also Iden­ti­täts­po­litik zu kriti­sieren). Ebenso wichtig ist es, immer wieder neu danach zu fragen, wo sich auch in ehemals margi­na­li­sierten Posi­tionen neue Macht- und Gewalt­ver­hält­nisse heraus­bilden können. Es ist hingegen hoch­pro­ble­ma­tisch von der Gewalt, die Stock entge­gen­schlug, auf die allge­meinen Verhält­nisse kurz­zu­schließen. Auch wenn jeder Einzel­fall zählt, sind Versuche mora­li­scher Panik­mache, die sich weder auf die empi­ri­sche Bedro­hungs­lage noch auf die in der philo­so­phi­schen Debatte vertre­tenen Posi­tionen stützen können, Hinder­nisse für eine ernst­hafte Debatte über die Bedro­hungen von Wissen­schafts­frei­heit. Ein eman­zi­pa­to­ri­sches Verständnis von Wissen­schafts­frei­heit bedarf – und fördert! – klare Macht­ana­lysen, keine weitere Verbrei­tung von Mythen.

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  • Robin Celikates ist Professor für Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin und stellvertretender Direktor des Center for Humanities and Social Change Berlin. Gegenwärtig arbeitet er vorwiegend zu zivilem Ungehorsam, Demokratie, Migration und Rassismus aus Perspektive der kritischen Theorie. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Critical Times: Interventions in Global Critical Theory“. (Photo: Rainer Christian Kurzeder)
  • Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Sie forscht und lehrt in den Bereichen der soziologischen, politischen und feministischen Theorie sowie der allgemeinen Soziologie.
  • Daniel Loick ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Er ist Associate Professor für Politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universität Amsterdam. Loick beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Ausarbeitung einer kritischen Theorie des Rechts und der Staatsgewalt sowie mit Formen subalterner Sozialität.
  • Martin Nonhoff unterrichtet Politische Theorie an der Universität Bremen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Demokratietheorie, Hegemonie- und Machttheorie sowie politischen Diskursforschung. Er ist u.a. Mitglied des Bremer Graduiertenkollegs "Contradiction Studies".
  • Eva von Redecker ist Philosophin; sie schreibt über Eigentum, radikalen Wandel und manchmal auch über Leben und Tod. Sie forscht derzeit als Marie-Skłodowska-Curie-Fellow an der Universität Verona zu Phantombesitz und Autoritarismus. Ihr jüngstes, bereits mehrfach übersetztes Buch "Revolution für das Leben" (S.Fischer, 2020) analysiert kapitalistische Zerstörungsdynamiken, zeichnet aber auch ein hoffnungsvolles Portrait gegenwärtiger Protestbewegungen. (Photo: Sophie Brand)
  • Frieder Vogelmann lehrt Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der politischen Epistemologie sowie der Sozialphilosophie; aktuell arbeitet er zur Beziehung zwischen (Un)Wahrheit und Demokratie, zu einem realistischen Verständnis wissenschaftlicher Praktiken sowie zur Genealogie des Normativitätsbegriffs.