Nach dem letztjährigen GdG-Seriensommer wenden wir uns in diesem Sommer der Lyrik zu. Das Feld ist breiter und lebendiger, als man meinen könnte: Songtexte gehören ebenso dazu wie Graffitislogans an Hauswänden. Experimentelle Texte in Lyrikzeitschriften und kurze Posts auf Social-Media-Plattformen können sich gleichermaßen als Lyrik erweisen – ebenso wie Poetry-Slam-Beiträge oder Sprichwörter, die von Mund zu Mund weitergetragen werden. Die Grenzen zu Sprüchen aus der Werbung oder zu politischen Statements sind fließend, die Definitionen strittig wie eh und je.
Am besten vielleicht so: Um Lyrik handelt es sich, wenn a) das Geschriebene, Gesagte oder Gesungene viel Weiß oder überhaupt viel Freiraum um sich lässt und wenn b) Sprache darin so eigenartig und im besten Sinne merkwürdig verwendet wird, dass es zu ihrer Wahrnehmung Zeit und Aufmerksamkeit bedarf. Der Freiraum erhält dadurch auch einen Sinn.
Gibt es Gedichte, die dieser Definition nicht entsprechen? Ich kenne keine. Nachdem Reim und Metrik keine zuverlässigen Kriterien mehr sind, muss man sich auf das verlassen, was an möglichen Bestimmungen übrigbleibt. Dazu gehört auch der Vers, sofern man ihn als Gestaltungseinheit begreift, der jeweils durch die Arbeit an und mit der möglichen Länge einer Zeile auf dem Papier oder auf dem Bildschirm oder an den Lautfolgen, Rhythmen und Pausen im Fortgang der Worte beim Sprechen definiert ist.
Wie radikal und politisch Lyrik in diesem Sinne sein kann, hat jüngst die Theaterregisseurin und Dichterin Jewgenija Berkowitsch vor Gericht in Moskau gezeigt, als sie sich in Versform gegenüber der absurden Anschuldigung, Terrorismus zu rechtfertigen, verteidigte. Wie denn auch sonst? Wenn die verlogene Verwendung von Sprache keine Grenze mehr kennt, ergibt es schlicht gar keinen Sinn mehr, auf eine andere Sprache zu vertrauen als eben auf eine, die sich dem vermeintlichen Gebot, auf eine bestimmte Weise zu sprechen, nicht unterwirft.
Gerade vorgestern gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Preisträger des Georg-Büchner-Preises 2024 bekannt: Oswald Egger. Das ist eine gute Nachricht. Auch für den hier nun eröffneten Lyriksommer. Durchgehend zeigen die Texte Eggers auf, dass und wie lyrisches Schreiben und Sprechen stattfinden kann: überraschend, eigensinnig, weit ausgreifend und dabei in Bereiche vorstoßend, die ziemlich quer zu dem liegen, was man an Sinnerwartungen an Texte heranzutragen gewohnt ist.
Lyrik erfordert, wo es sie gibt, eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit. Andernfalls kriegt man von ihr einfach nichts mit. Diese Aufmerksamkeit benötigt Zeit. Wer sie sich nimmt, wird bestenfalls belohnt. Im weiteren Sinne der ‚Poesie‘ – die den Aspekt der ‚Hervorbringung‘ (poiesis) betont – bringt Lyrik Gegenwart hervor: die Gegenwart der Lektüre, der Rezeption, der sprachlich evozierten Verschränkung von Erinnerung und Erwartung.
Eine Geschichte der Gegenwart – ihrer Produktion und Reflexion – ließe sich entsprechend allein für den Bereich der Lyrik fortlaufend neu schreiben. Einen Eindruck davon werden die kommenden Artikel des Lyriksommers auf GdG verschaffen. Immer am Sonntag, gelegentlich auch am Mittwoch, werden wir aktuelle Beiträge zur Gegenwart der Lyrik bringen. Wer Lust hat, sich auf den Lyriksommer einzustimmen, kann gerne auf die folgenden Artikel aus unserem Archiv zurückgreifen:
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Amelia Glaser
Nation der Dichter*innen. Was uns ukrainische Lyriker*innen über Krieg und Sprache lehren
Wie lässt sich die Geschichte einer multiethnischen, schon von unzähligen vergangenen Grausamkeiten gezeichneten Nation erzählen – und wie lassen sich die Schrecken des jüngsten Krieges in Worte fassen? Zeitgenössische ukrainische Lyriker*innen glauben, dass ihre Sprache dafür das richtige Gefäß ist. (GdG-Artikel vom 13.7.2022)
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Jörg Scheller und Mithu Sanyal
Poesie im Parlament: Naive Utopie oder Alternative zum Maschinendenken?
Braucht es politische Poesie oder poetische Politik? Vor kurzem erhob die Schriftstellerin Mithu Sanyal zusammen mit Dmitrij Kapitelman und Simone Buchholz die Forderung nach einer Parlamentspoetin. Was diese Forderung für Sprache und Politik bedeutet, fragt der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller bei Mithu Sanyal nach. (GdG-Artikel vom 2.2.2022)
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Sandro Zanetti
Schräg durch die Zeit – Emily Dickinson als Serie
Emily Dickinson gilt heute als die bedeutendste amerikanische Dichterin des 19. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten war sie unbekannt. Ihre Gedichte rasen seither durch die Zeit. Die TV-Serie „Dickinson“ kommt ihnen dabei entgegen. (GdG-Artikel vom 26.5.2021)
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Christine Lötscher
Zähne ziehen. Literatur und Legitimation
Was ist die Aufgabe der Literatur? Wie politisch darf, ja muss sie sein? Immer wieder hört man, dass Literatur, die wirksam werden will, sich über ausserliterarische Kriterien legitimieren muss. Das gilt von der politischen Bühne bis in die Kinderzimmer hinein. (GdG-Artikel vom 10.2.2021)
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Janosch Steuwer
Weitergeben. Theodor Kramers Gedichte von der Angst
In den Anti-Corona-Protesten bricht sich ein neuer Geschichtsrevisionismus Bahn. Wer ihm öffentlich widerspricht, adelt die Provokationen mit Aufmerksamkeit. Sie könnten aber auch Anlass für eigene Auseinandersetzungen mit den NS-Verbrechen sein. Zum Beispiel durch die leisen Angstgedichte von Theodor Kramer. (GdG-Artikel vom 6.12.2020)
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Sandro Zanetti
Akute Dichtung: Celans Zumutungen
Vor fünfzig Jahren nahm Paul Celan sich das Leben. Vor knapp hundert Jahren kam er zur Welt. Er hinterließ Gedichte, die er als Händedruck oder als Flaschenpost verstand: Wen oder wer ein Gedicht trifft, sollte verändert aus der Begegnung hervorgehen. (GdG-Artikel vom 19.4.2020)
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Claudia Benthien
Public Poetry: Lyrik im urbanen Raum
Urban Poetry ist mehr als nur ein Gedicht, das auf eine Fassade geschrieben wird und mehr als die Debatte, die es auslöst. Im besten Fall verändert spoken-word-Poesie, Poetry in Motion oder Gedichte auf Flyern und Postkarten unsere Wahrnehmung von Öffentlichkeit und von Dichtung. (GdG-Artikel vom 8.9.2019)
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