Lyrik wird von einigen geliebt, von vielen ignoriert und von manchen gehasst. Wie vielseitig sie ist, wird dabei oft nicht wahrgenommen. Im Lyriksommer auf GdG bringen wir bis Ende August Artikel, die zeigen, wie brisant Sprachkunst auf überschaubarem Raum auch heute noch ist.

Nach dem letzt­jäh­rigen GdG-Seriensommer wenden wir uns in diesem Sommer der Lyrik zu. Das Feld ist breiter und leben­diger, als man meinen könnte: Song­texte gehören ebenso dazu wie Graf­fi­t­i­slo­gans an Haus­wänden. Expe­ri­men­telle Texte in Lyrik­zeit­schriften und kurze Posts auf Social-Media-Plattformen können sich glei­cher­maßen als Lyrik erweisen – ebenso wie Poetry-Slam-Beiträge oder Sprich­wörter, die von Mund zu Mund weiter­ge­tragen werden. Die Grenzen zu Sprü­chen aus der Werbung oder zu poli­ti­schen State­ments sind flie­ßend, die Defi­ni­tionen strittig wie eh und je.

Am besten viel­leicht so: Um Lyrik handelt es sich, wenn a) das Geschrie­bene, Gesagte oder Gesun­gene viel Weiß oder über­haupt viel Frei­raum um sich lässt und wenn b) Sprache darin so eigen­artig und im besten Sinne merk­würdig verwendet wird, dass es zu ihrer Wahr­neh­mung Zeit und Aufmerk­sam­keit bedarf. Der Frei­raum erhält dadurch auch einen Sinn.

Gibt es Gedichte, die dieser Defi­ni­tion nicht entspre­chen? Ich kenne keine. Nachdem Reim und Metrik keine zuver­läs­sigen Krite­rien mehr sind, muss man sich auf das verlassen, was an mögli­chen Bestim­mungen übrig­bleibt. Dazu gehört auch der Vers, sofern man ihn als Gestal­tungs­ein­heit begreift, der jeweils durch die Arbeit an und mit der mögli­chen Länge einer Zeile auf dem Papier oder auf dem Bild­schirm oder an den Laut­folgen, Rhythmen und Pausen im Fort­gang der Worte beim Spre­chen defi­niert ist.

Wie radikal und poli­tisch Lyrik in diesem Sinne sein kann, hat jüngst die Thea­ter­re­gis­seurin und Dich­terin Jewge­nija Berko­witsch vor Gericht in Moskau gezeigt, als sie sich in Vers­form gegen­über der absurden Anschul­di­gung, Terro­rismus zu recht­fer­tigen, vertei­digte. Wie denn auch sonst? Wenn die verlo­gene Verwen­dung von Sprache keine Grenze mehr kennt, ergibt es schlicht gar keinen Sinn mehr, auf eine andere Sprache zu vertrauen als eben auf eine, die sich dem vermeint­li­chen Gebot, auf eine bestimmte Weise zu spre­chen, nicht unterwirft.

Gerade vorges­tern gab die Deut­sche Akademie für Sprache und Dich­tung den Preis­träger des Georg-Büchner-Preises 2024 bekannt: Oswald Egger. Das ist eine gute Nach­richt. Auch für den hier nun eröff­neten Lyrik­sommer. Durch­ge­hend zeigen die Texte Eggers auf, dass und wie lyri­sches Schreiben und Spre­chen statt­finden kann: über­ra­schend, eigen­sinnig, weit ausgrei­fend und dabei in Bereiche vorsto­ßend, die ziem­lich quer zu dem liegen, was man an Sinn­erwar­tungen an Texte heran­zu­tragen gewohnt ist.

Lyrik erfor­dert, wo es sie gibt, eine bestimmte Art von Aufmerk­sam­keit. Andern­falls kriegt man von ihr einfach nichts mit. Diese Aufmerk­sam­keit benö­tigt Zeit. Wer sie sich nimmt, wird besten­falls belohnt. Im weiteren Sinne der ‚Poesie‘ – die den Aspekt der ‚Hervor­brin­gung‘ (poiesis) betont – bringt Lyrik Gegen­wart hervor: die Gegen­wart der Lektüre, der Rezep­tion, der sprach­lich evozierten Verschrän­kung von Erin­ne­rung und Erwartung.

Eine Geschichte der Gegen­wart – ihrer Produk­tion und Refle­xion – ließe sich entspre­chend allein für den Bereich der Lyrik fort­lau­fend neu schreiben. Einen Eindruck davon werden die kommenden Artikel des Lyrik­som­mers auf GdG verschaffen. Immer am Sonntag, gele­gent­lich auch am Mitt­woch, werden wir aktu­elle Beiträge zur Gegen­wart der Lyrik bringen. Wer Lust hat, sich auf den Lyrik­sommer einzu­stimmen, kann gerne auf die folgenden Artikel aus unserem Archiv zurückgreifen:

 

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Amelia Glaser

Nation der Dichter*innen. Was uns ukrai­ni­sche Lyriker*innen über Krieg und Sprache lehren

Wie lässt sich die Geschichte einer multi­eth­ni­schen, schon von unzäh­ligen vergan­genen Grau­sam­keiten gezeich­neten Nation erzählen – und wie lassen sich die Schre­cken des jüngsten Krieges in Worte fassen? Zeit­ge­nös­si­sche ukrai­ni­sche Lyriker*innen glauben, dass ihre Sprache dafür das rich­tige Gefäß ist. (GdG-Artikel vom 13.7.2022)

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Jörg Scheller und Mithu Sanyal

Poesie im Parla­ment: Naive Utopie oder Alter­na­tive zum Maschinendenken?

Braucht es poli­ti­sche Poesie oder poeti­sche Politik? Vor kurzem erhob die Schrift­stel­lerin Mithu Sanyal zusammen mit Dmitrij Kapi­telman und Simone Buch­holz die Forde­rung nach einer Parla­ments­poetin. Was diese Forde­rung für Sprache und Politik bedeutet, fragt der Kunst­wis­sen­schaftler Jörg Scheller bei Mithu Sanyal nach. (GdG-Artikel vom 2.2.2022)

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Sandro Zanetti

Schräg durch die Zeit – Emily Dick­inson als Serie

Emily Dick­inson gilt heute als die bedeu­tendste ameri­ka­ni­sche Dich­terin des 19. Jahr­hun­derts. Zu Lebzeiten war sie unbe­kannt. Ihre Gedichte rasen seither durch die Zeit. Die TV-Serie „Dick­inson“ kommt ihnen dabei entgegen. (GdG-Artikel vom 26.5.2021)

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Chris­tine Lötscher

Zähne ziehen. Lite­ratur und Legitimation

Was ist die Aufgabe der Lite­ratur? Wie poli­tisch darf, ja muss sie sein? Immer wieder hört man, dass Lite­ratur, die wirksam werden will, sich über ausser­li­te­ra­ri­sche Krite­rien legi­ti­mieren muss. Das gilt von der poli­ti­schen Bühne bis in die Kinder­zimmer hinein. (GdG-Artikel vom 10.2.2021)

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Janosch Steuwer

Weiter­geben. Theodor Kramers Gedichte von der Angst

In den Anti-Corona-Protesten bricht sich ein neuer Geschichts­re­vi­sio­nismus Bahn. Wer ihm öffent­lich wider­spricht, adelt die Provo­ka­tionen mit Aufmerk­sam­keit. Sie könnten aber auch Anlass für eigene Ausein­an­der­set­zungen mit den NS-Verbrechen sein. Zum Beispiel durch die leisen Angst­ge­dichte von Theodor Kramer. (GdG-Artikel vom 6.12.2020)

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Sandro Zanetti

Akute Dich­tung: Celans Zumutungen

Vor fünfzig Jahren nahm Paul Celan sich das Leben. Vor knapp hundert Jahren kam er zur Welt. Er hinter­ließ Gedichte, die er als Hände­druck oder als Flaschen­post verstand: Wen oder wer ein Gedicht trifft, sollte verän­dert aus der Begeg­nung hervor­gehen. (GdG-Artikel vom 19.4.2020)

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Claudia Benthien

Public Poetry: Lyrik im urbanen Raum

Urban Poetry ist mehr als nur ein Gedicht, das auf eine Fassade geschrieben wird und mehr als die Debatte, die es auslöst. Im besten Fall verän­dert spoken-word-Poesie, Poetry in Motion oder Gedichte auf Flyern und Post­karten unsere Wahr­neh­mung von Öffent­lich­keit und von Dich­tung. (GdG-Artikel vom 8.9.2019)

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Sylvia Sasse

„Der Mili­zionär kommt ins Spiel“ – Wie Pussy Riot den Dichter Dmitrij Prigov zitieren und das Poli­ti­sche poetisch wird

Der Mili­zionär, den Pussy Riot am Sonntag während des WM-Finals in Moskau „ins Spiel brachte“, ist eine Kult­figur der Moskauer Kunst­szene der 1980er Jahre. Sie stammt von Dmitrij Prigov, dessen Todestag sich gerade zum elften Mal jährte. (GdG-Artikel vom 22.7.2018)