Donald Trump und seine neue Regierung haben einen umfassenden Angriff auf die Menschenrechte von transgender, nicht-binären, intergeschlechtlichen und queeren Menschen gestartet. Die Lage ist brandgefährlich – doch es regt sich auch Widerstand.

  • Annika Brockschmidt

    Annika Brockschmidt ist freie Journalistin und Autorin. Ihr aktuelles Buch, „Amerikas Gotteskrieger - wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet" landete auf der Spiegel Bestsellerliste. Sie schreibt außerdem für den Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau, Zeit Online und Religion Dispatches. Außerdem hostet sie den Podcast „Kreuz und Flagge", der sich mit der amerikanischen Demokratie befasst.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Leug­nung, Ausgren­zung und Auslöschung
Loading
/

Die Leug­nung und versuchte Auslö­schung der Exis­tenz von trans Personen war Teil von Donald Trumps Wahl­kampf – und ist jetzt eines der Haupt­ziele seiner Regierung. 

Trumps trans­feind­liche Politik ist ein Zuge­ständnis an die Reli­giöse Rechte, einen wich­tigen Teil seiner MAGA-Koalition, die in den letzten Jahren ihren Fokus von Homo­se­xu­el­len­feind­lich­keit auf Trans­feind­lich­keit verschoben hat. Und dies nicht, weil sie tole­ranter geworden wären, was Gay Rights betrifft, sondern weil sie sich größere Chancen ausrechnen, mit ihrer Hetze gegen trans Personen Erfolg zu haben – einer noch viel klei­neren Gruppe. 

Die Shock and Awe-Taktik des Trump-Teams hat sicher­lich dazu beigetragen, dass große Medi­en­häuser mit einigen Ausnahmen bisher wenig über die aggres­siven Angriffe auf und die Einschrän­kungen der Menschen­rechte von trans­gender, nicht-binären und inter­ge­schlecht­li­chen Personen in den USA berichten. Doch der Unter­schied in der Bericht­erstat­tung zu der vor acht Jahren ist so gravie­rend, dass der Schluss nahe­liegt, dass in der Medi­en­land­schaft trans­feind­liche Narra­tive nicht nur will­kommen (das waren sie schon zuvor), sondern zum Main­stream geworden sind – und auch das ein Grund ist für die sehr verhal­tene Bericht­erstat­tung über die Angriffe auf die Menschen­rechte dieser extrem gefähr­deten Gruppe.

Diskri­mi­nie­rende Maßnahmen und Auswirkungen

Die Angriffe kommen in hoher Schlag­zahl: In Orwell’schem Doppel­sprech verkün­dete Trump schon kurz nach Amts­an­tritt Maßnahmen zur „Vertei­di­gung von Frauen gegen Gender-Ideologie-Extremismus und Wieder­her­stel­lung biolo­gi­scher Wahr­heit in der Bundes­re­gie­rung“. Diese Exeku­tiv­ver­ord­nung, die Trump am 20. Januar, dem ersten Tag seiner zweiten Amts­zeit, unter­schrieb, muss als funda­men­taler Angriff auf das Leben von nicht-binären, trans­gender und inter­ge­schlecht­li­chen Menschen verstanden werden, deren Exis­tenz und Iden­tität er leugnet  und die er so für nicht exis­tent erklären will. Als Folge dieser Verord­nung hat das State Depart­ment alle Anträge auf eine Ände­rung von Geschlechts­ein­trägen auf Eis gelegt und hat Aussagen zur Exis­tenz von trans­gender, nicht-binären und inter­ge­schlecht­li­chen Personen von seinen Webseiten getilgt – statt Hinweisen für LGBTQI+-Reisende findet man nur noch das Akronym LGB. 

Die Folgen für die Betrof­fenen sind drama­tisch: Das State Depart­ment hat seitdem aufge­hört, Pässe mit dem Geschlechts­marker X auszu­stellen – eine Option, die bisher zahl­reiche nicht-binäre Personen genutzt haben. Das wirft weitere Fragen auf: Wenn eine Person mit einem gültigen US-amerikanischen Pass mit dem Geschlechts­marker X nach einem Aufent­halt im Ausland wieder in die USA einreist, wird der Pass dann als ungültig klas­si­fi­ziert und würde der Einrei­se­ver­such damit als illegal gelten? Könnten die betrof­fenen Personen fest­ge­halten werden? Aufgrund solcher Unsi­cher­heiten warnen einige Jurist*innen momentan Menschen, in deren Pass das X steht, das Land zu verlassen, weil sie bei der Wieder­ein­reise von Grenzbeamt*innen in Gewahrsam genommen werden könnten, „bis das Außen­mi­nis­te­rium einen alter­na­tiven Ausweis ausstellt“.

Die Trump-Regierung hat zwar verkündet, dass gültige Pässe mit Marker X weiter gültig sind, doch ob man der Regie­rung das glauben kann, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem ist unklar, was geschieht, wenn trans Menschen ihren Pass verlän­gern oder neu bean­tragen wollen. Inner­halb der trans und queeren Commu­nity sind Verun­si­che­rung und Angst groß. Zaya Pery­sian, eine 22-jährige Content Crea­torin aus Los Angeles, bean­tragte einen Tag nachdem Trump die oben genannte Exeku­tiv­ver­ord­nung unter­zeichnet hatte, einen Eilan­trag für einen neuen Pass in der Hoff­nung, noch vor dem Inkraft­treten der Verord­nung einen Pass mit dem zutref­fenden Geschlechts­merkmal weib­lich zu erhalten. Doch als ihr neuer Pass per Post zuge­stellt wurde, fand sich dabei ein Vermerk des Amtes, dass ihr Antrag auf männ­lich „korri­giert“ worden sei. Pery­sian sagt: „Alle meine anderen Doku­mente wurden auf weib­lich ausge­stellt. Ich habe mich einer voll­stän­digen medi­zi­ni­schen und chir­ur­gi­schen Geschlechts­an­glei­chung unter­zogen. Es gibt nichts mehr an mir, was äußer­lich auf einen Mann hindeutet. Ihre Weige­rung, in meinen Pass eine weib­liche Form einzu­tragen, bewirkt einzig und allein, mich auf Reisen in Gefahr zu bringen. Sie tun das nur, um Menschen wie mir Angst zu machen, weil sie uns nicht im öffent­li­chen Leben haben wollen.“ Auch die Euphoria-Schauspielerin Hunter Schafer berich­tete in einem TikTok Video, dass das Geschlecht auf ihrem Pass, das seit sie Teen­ager ist, als weib­lich einge­tragen ist, gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen in männ­lich geän­dert wurde. 

Wer noch einen gültigen Pass hat, aber jetzt einen Antrag auf Ände­rung seines Geschlechts­ein­trags stellt, nimmt große Risiken in Kauf. Die American Civil Liber­ties Union warnt: „Alle Anträge auf Ände­rung der Geschlechts­an­gabe werden auf Eis gelegt, während das Außen­mi­nis­te­rium diese Richt­linie ändert. Jeder, der jetzt einen Antrag auf Ände­rung stellt, läuft Gefahr, während der Bear­bei­tung seines Antrags den Zugriff auf seinen Reise­pass und seine Doku­mente zu verlieren.“ 

Einer von denje­nigen, die nicht wissen, was mit ihren Doku­menten nun passiert, ist Ash Lazarus Orr. Orr ist trans, lebt im konser­va­tiven West Virginia und kämpft dort für die Rechte von Trans­men­schen. Aus Angst vor der trans­feind­li­chen Politik der neuen Regie­rung bean­tragte Orr am 16. Januar, also noch vor Trumps Amts­ein­füh­rung die Ände­rung von Namen und Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit in seinem noch gültigen Reise­pass – doch der Antrag wurde erst nach der Amts­ein­füh­rung Trumps bear­beitet. Auf Nach­frage, was mit dem Antrag und Orrs Papieren geschehen sei, sagte man Orr ledig­lich, dass seine Doku­mente „beiseite gelegt“ worden seien. Die Behörde behält Geburts­ur­kunde, Heirats­ur­kunde und Pass ein und niemand sagt Orr, wann und ob er diese wieder bekommen wird. 

Was ist mit Menschen, die keinen gültigen Reise­pass haben? Auch das weiß niemand genau. Nicht ausreisen zu können, während die Situa­tion für trans Personen in den USA immer gefähr­li­cher wird, ist für viele eine uner­träg­liche Vorstel­lung. Einen Tag, nachdem Trump ins Oval Office zurück­ge­kehrt war, ging Lisa Suhay mit ihrer 21-jährigen Tochter Mellow in Norfolk, Virginia, zum Amt um einen Pass zu bean­tragen. Ihre Familie will, dass Mellow, die trans ist, eine Ausrei­se­mög­lich­keit hat, sollte es für sie wegen Trumps Regie­rung in den USA zu gefähr­lich werden. Weil sie weiß, dass Trumps Regie­rung ihre Iden­tität nicht aner­kennt, hat sie bei der Bean­tra­gung ihres neuen Passes das ihr bei der Geburt zuge­teilte Geschlecht männ­lich ange­kreuzt, obwohl sie eine trans Frau ist und ihr Geschlecht in ihrem Führer­schein als weib­lich ange­geben ist. Aber ob Mellow ihren neuen Pass tatsäch­lich bekommt, ist nicht klar. Trumps trans­feind­liche Politik zwingt Mellow und andere, die verzwei­felt versu­chen, einen gültigen Pass zu erhalten, das falsche Geschlecht anzu­geben, um sich zu retten.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Trumps Regie­rung hat die Erwäh­nung von trans, nicht-binären, inter­ge­schlecht­li­chen und queeren Personen sowie dies­be­züg­liche Info­ma­te­ria­lien von diversen Regie­rungs­web­sites getilgt. Es ist ein zutiefst beun­ru­hi­gendes Signal, denn es könnte ein Schritt in die Rich­tung sein, Gleich­gül­tig­keit gegen­über Grau­sam­keiten an einer margi­na­li­sierten Gruppe gesell­schaft­lich akzep­tabel zu machen, sie aus der Geschichte und der Öffent­lich­keit heraus­zu­schreiben. Das hat System: Wenn trans und queere Personen nicht mehr in der Öffent­lich­keit sichtbar sind, wenn sie recht­lich nicht mehr exis­tieren sollen, bemerkt niemand, wenn ihnen Gewalt und Unrecht angetan werden. 

Trumps Regie­rung versucht zudem, die Gesund­heits­ver­sor­gung von trans Menschen einzu­schränken. Gender affir­ming Gesund­heits­ver­sor­gung – medi­zi­ni­sche Behand­lungen, die von Ärzt*innen und Mediziner*innen welt­weit empfohlen werden, weil sie nach­ge­wie­se­ner­maßen die Suizi­da­lität von trans Kindern und Jugend­li­chen senken, sollen für Menschen unter 19 Jahren nicht mehr möglich sein, lautet eine weitere Exeku­tiv­ver­ord­nung Donald Trumps. Der Erlass sieht „viele Hand­lungs­mög­lich­keiten vor, darunter die Strei­chung der Deckung für geschlechts­an­glei­chende Behand­lungen aus den staat­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rungs­po­licen, die Ände­rung der Anfor­de­rungen im Rahmen des Affordable Care Act und – sehr wichtig – die Verhin­de­rung der Bereit­stel­lung von geschlechts­an­glei­chenden Behand­lungen, einschließ­lich Puber­täts­blo­ckern oder anderen Medi­ka­menten, durch Kran­ken­häuser oder andere medi­zi­ni­sche Anbieter, die Medi­care oder Medi­caid akzep­tieren oder Bundes­mittel für Forschung oder Bildung erhalten“, warnt die Human Rights Campaign. Fami­lien und Ärzt*innen haben bereits Klage einge­reicht. 

Trump hat außerdem ein Dekret unter­zeichnet, das trans Menschen vom Mili­tär­dienst ausschließt. Die Human Rights Campaign und Lambda Legal, eine Bürger­rechts­or­ga­ni­sa­tion, haben verkündet, gegen Trumps Verbot für trans­gender Personen im Militär klagen zu wollen. Jennifer C. Pizer, Chief Legal Officer bei Lambda Legal, ließ verlauten: „Der Präsi­dent kann nicht mit einem Feder­streich die Realität, wer Menschen sind, verän­dern, und die Tatsache, dass wir als Commu­nity exis­tieren. Wir haben Anrecht auf die glei­chen Rechte, genau wie jeder Mensch.”  

Wider­stand aus der Geschichte lernen

Es gibt aber auch Wider­stand: So versam­melten sich Mitte Februar hunderte Menschen am Stone­wall National Monu­ment in New York, dem Ort, der an den Kampf für LGBTQI+Rechte von 1969 erin­nert. Die Demons­trie­renden protes­tierten gegen die Ände­rung auf der Website des National Park Services von LGBTQI+ zu LGB. Trans Menschen spielten beim Aufstand 1969 in Green­wich Village eine zentrale Rolle. Gegen das Bestreben, ihre histo­ri­sche Rolle beim Kampf gegen Diskri­mi­nie­rung unsichtbar zu machen, gingen die Menschen jetzt auf die Straße und skan­dierten: „Wenn sie mit uns fertig sind, werden sie hinter euch her sein – wacht auf, wacht auf, das ist auch euer Kampf!” – eine eindring­liche Warnung an cisgender Lesben, Schwule und Bise­xu­elle, dass auch sie unter dieser Regie­rung nicht sicher sind, da die Angriffe auf die Rechte von trans Menschen nur der Anfang sind. Einige Demons­trie­rende trugen Schilder, die an die histo­ri­sche Rolle von trans Personen erin­nerten, darunter Plakate wie „Die Back­steine haben sich nicht von selbst geworfen“, hielten Fotos von Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera hoch, zwei trans Frauen und Akti­vis­tinnen, die bei Stone­wall ebenso wie im weiteren Kampf um LGBTQI+Rechte tragend waren, wie die Jour­na­listin Erin Reed berichtete.

Jenna Taylor, eine trans Akti­vistin und Femi­nistin, warnt: „Trans­gender Personen sind mit einer wach­senden Welle von Entmensch­li­chung, Ausgren­zung und gezielter Beläs­ti­gung konfron­tiert. […] Indem wir die Geschichte als Anlei­tung nutzen, müssen wir diese Warn­zei­chen iden­ti­fi­zieren, bevor sie unum­kehrbar werden. Steht auf, nutzt eure Stimme, und wehrt euch.“ In deut­schen Medien war von diesen Protesten wie von der Auslö­schung der Erin­ne­rung an die Leis­tungen von trans­gender Personen an diesem histo­ri­schen Ort kaum zu lesen, im Deutsch­land­funk gab es immerhin am 15. Februar einen Beitrag dazu. 

Die trans Commu­nity hat damit gerechnet, dass die zweite Trump Admi­nis­tra­tion ihre Grund­rechte aggressiv angehen würde. „Ich habe mit dem Angriff gerechnet”, sagte Max Kuzma, ein trans Mann aus Cleve­land, Ohio, dem Guar­dian. Trotzdem habe es sich ange­fühlt wie ein Messer­stich, zu sehen, wie Trump die Rechte von nicht-binären und trans Personen einschränkt. Die American Civil Liber­ties Union (ACLU), eine Bürger­rechts­or­ga­ni­sa­tion, klagt im Namen von sieben Personen gegen Trumps Exeku­tiv­ver­ord­nung zur Ausstel­lung von Pässen. Die Orga­ni­sa­tion gibt an, dass sie von 1.500 Personen kontak­tiert wurde, die Angst wegen ihrer eigenen Reise­frei­heit oder der ihrer Freund*innen und Ange­hö­rigen haben. „Es handelt sich hierbei um ein weiteres Beispiel der Trump-Regierung, trans Personen die Würde zu verwei­gern und sie aus dem öffent­li­chen Leben zu drängen“, sagte Jessie Rossman, leitende Juristin der ACLU Massa­chu­setts, die die Klage vor Gericht gebracht hat. „Diese Bemü­hungen sind grausam, unfair und verstoßen gegen das Gesetz. Wir fechten diese verfas­sungs­wid­rige Pass-Politik an, weil alle Menschen die Frei­heit verdienen, ihr Leben sicher und in Würde zu leben.“ 

Neben Demons­tra­tionen und Klagen vor Gericht wehren sich Mitglieder der Commu­nity auch gegen ihre Auslö­schung aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung und Geschichts­schrei­bung, indem sie beispiels­weise in Zusam­men­ar­beit mit der New York Public Library im „NYC Trans Oral History Project“ das Leben und die Geschichte von trans Personen fest­halten. Auch erste Teil­siege vor Gericht wurden bereits erstritten: So stoppte ein Bundes­richter für den Moment die Über­füh­rung von drei inhaf­tierten trans Frauen, die in Männer-Gefängnisse gebracht werden sollten, wo sie der massiven Gefahr sexu­eller und körper­li­cher Gewalt  ausge­setzt wären. Ein weiterer Erfolg: Ein Bundes­ge­richt stoppte am 18. April das Verbot der Regie­rung des Geschlechts­mar­kers X für neue Pässe – vorerst. Trotz dieser einzelnen Erfolge ist klar: Die Trump Regie­rung wird nicht aufhören, die Rechte von trans Menschen massiv anzugreifen.