In nur fünf Tagen nach der erneuten Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA schrieb die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek einen Text mit dem Titel ENDSIEG: Stoff zum Nachdenken auch für die Zeit nach den heute in Deutschland stattfindenden Bundestagswahlen.

Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
„Leider höre ich, wie es klingt“. Faschismus nach Elfriede Jelinek
Loading
/

Mit dem Wahl­aus­gang der US-amerikanischen Präsi­dent­schafts­wahlen vom 5. November 2024 hat der Auto­ri­ta­rismus nicht nur ein neues altes Gesicht erhalten. Seit der Amts­ein­füh­rung von Donald Trump am 20. Januar 2025 sind auch die welt­weiten Alli­anzen zwischen all jenen, die im Namen ihres eigenen ‚Volkes‘ glauben spre­chen zu können, besser erkennbar geworden. Diese Alli­anzen gehen so weit, dass der reichste Mann der Welt, Elon Musk, seine Neuaus­le­gung von Demo­kratie – als Käuf­lich­keit – auch in anderen Ländern als den USA gut vermarkten kann.

Im Vorfeld der heute in Deutsch­land statt­fin­denden Bundes­tags­wahlen hat Musk seinen Willen zur Einfluss­nahme nicht nur nicht versteckt. Er hat seine Platt­form X inzwi­schen auch unver­hohlen so aufge­stellt, dass er sie – wie in seinem im Plau­derton gehal­tenen Gespräch mit Alice Weidel vom 9. Januar 2025 – als Instru­ment zur Einfluss­nahme brei­ten­wirksam nutzen kann. Es handelt sich um einen Willen zur Neube­stim­mung der Gewinner und Verlierer in poli­ti­schen Systemen. Und um diese Neube­stim­mung vornehmen zu können, werden entspre­chende Diskurse lanciert.

Diese Diskurse arbeiten mit eingän­gigen Narra­tiven, Verleum­dungen (der Gegner), Selbst­über­hö­hungen, Verkeh­rungen ins Gegen­teil. Zuletzt: Hitler als Linker bei Alice Weidel. Dabei erfolgt die Mani­pu­la­tion von Begriffen und entspre­chenden Diskursen rein stra­te­gi­schen Gesichts­punkten. Was etwa unter dem Deck­mantel von ‚Free Speech‘ als ‚Woke‘ diffa­miert wird, ist oft genug nur der Appell an Grund­rechte, an demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­tion. Und wer am Ende denn genau das ‚Volk‘ sein soll: Das wird im Moment durch den Einsatz von Sprache, aber auch von Bildern und Tönen und ihren medialen Platt­formen und Kanälen gerade massiv formiert, defi­niert, inter­pre­tiert und manipuliert.

Doch nicht nur dies: Die einfäl­tigen Formeln („Make America Great Again“), die dreisten Verdre­hungen und die sprach­li­chen Ein- und Ausgren­zungen haben erheb­liche Auswir­kungen in der Realität, die mit der Sprache einher­geht oder ihr folgt: Sprache bleibt nicht Sprache, Bilder und Töne bleiben nicht bloße Medien, sondern sie zeitigen Folgen, für uns alle. Es stellt sich daher die Frage: Wie kann und wie soll man sich zu diesen Prozessen verhalten?

„Leider höre ich, wie es klingt“

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat mit ihrem Text ENDSIEG eine Antwort auf diese Frage formu­liert. Keine Antwort, die man als klare oder gar als frohe Botschaft verkün­digen könnte. Das nun gerade nicht. Sondern eine Antwort in Form vieler sich verhed­dernder Stimmen: ein Zusam­men­schnitt über­höhter Messi­as­er­war­tungen, pseudo-archaischer Rituale und vulgärer Moti­va­ti­ons­be­kun­dungen. Auch viel Lite­ratur ist unter­ge­mischt: Homers „Ilias“, Sopho­kles’ „Ödipus auf Kolonos“, Celans „Todes­fuge“, Yeats’ „The Second Coming“. Und Popkultur: „Miss Piggy“, aller­dings „als Poly­hymnia“, und „Kermit“ aus der Muppet Show. „Leider“, schrieb Jelinek selbst in einer später geschrie­benen Vorbe­mer­kung, „höre ich, wie es klingt.“

Wie was klingt? – Im Text selbst kommt der Name ‚Trump‘ nicht vor. Das hat seinen Sinn. Denn es geht in ENDSIEG nicht um einzelne Personen. Sondern darum, dass es viele gibt, die ihre Wünsche und Hoff­nungen auf Einzelne proji­zieren und sich von diesen eine Erret­tung von sich als ‚Volk‘ erhoffen. Den Sound dieser Stimmen – „Leider höre ich, wie es klingt“ – bringt Jelinek in ihrem Text, den sie ein „Gedicht“ nennt, der aber auch bereits als Thea­ter­stück insze­niert wurde, zur Auffüh­rung. Bis zum Über­druss. Das spre­chende Wir, das man schon aus früheren Texten und Dramen­stü­cken Jelineks zu kennen glaubt, spricht nicht ganz, aber doch fast unaufhörlich.

Aller­dings spricht in Jelineks Text immer schon auch die Irri­ta­tion mit: „Zum Glück wissen wir nicht, was er ist. Wir wissen nur, wen wir zum Herren machen wollen über uns.“ Auch die folgen­reiche Legende vom Wahl­be­trug bei der Wahl von Joe Biden 2020 kehrt im Text wieder, in der Rede vom „Heiland“, „den wir jetzt wieder bekommen, einmal wurde er uns ja genommen, hier ist er nun wieder, […] denn er wurde uns gestohlen, wir sagen es offen, man hatte ihn uns genommen. Jetzt ist er wieder da.“ Dazwi­schen schießen Worte der Klage: „Welcher Dämon hat es so grausam zerstört, dieses Volk?“

Chro­no­logie der Text­pro­duk­tion und ihrer Folgen

Jelinek schreibt oder erwei­tert ihren ENDSIEG-Text in nur fünf Tagen, direkt nach dem Fest­stehen des Wahl­aus­gangs der US-amerikanischen Präsi­dent­schafts­wahlen vom 5. November 2024. Bereits am 10. November 2024 erscheint ENDSIEG auf der Home­page der Autorin. Am 6. Dezember 2024 wird er im Deut­schen Schau­Spiel­Haus Hamburg in einer „Erst­prä­sen­ta­tion“ als Thea­ter­stück urauf­ge­führt (Regie: Falk Richter).

Am 20. Januar 2025 wiederum, also am Tag der Amts­ein­füh­rung des wieder­ge­kehrten Donald Trump, wurde ENDSIEG gleich­zeitig auf Deutsch – durch Ursina Lardi in Mossul – und in der engli­schen Über­set­zung von Gitta Honegger (ENDSIEG: THE SECOND COMING) – durch Nicole Ansari-Cox in New York – einem (virtuell) breiten Publikum vorge­tragen: Die doppelte inter­na­tio­nale Lesung wurde per YouTube in die Welt gestreamt, die Aufzeich­nungen sind auf der Platt­form nach wie vor zugänglich.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Der Entscheid zu dieser doppelten Lesung erfolgte durch Jelinek selbst, ihre Über­set­zerin Gitta Honegger sowie Milo Rau. Die näheren Umstände und eine anschlie­ßende Diskus­sion lassen sich auf YouTube nachvollziehen.

In der eigens für diese doppelte Lesung geschrie­benen Vorbe­mer­kung bringt Jelinek am Ende auch den bereits erwähnten Hinweis auf das eigene Leiden am Miss­klang des Gehörten. Doch die Vorbe­mer­kung hebt grund­sätz­li­cher an. Und hier nun wird der Name „Trump“ auch explizit erwähnt (ich zitiere tran­skri­bie­rend aus dem deutsch­spra­chigen YouTube-Video):

Das Ersatz­klas­sen­be­wusst­sein der Deklas­sierten ist der Faschismus, der letzt­lich staats­feind­lich ist. Er wächst überall und deckt alles zu. Wie eine Schnee­decke. Er über­zieht alle Klassen. Wenn man sich nichts und niemand zuge­hörig fühlen kann, dann hat man immer noch einen morschen Patrio­tismus, der alles trüge­risch vereint. Das ist Donald Trump gelungen: Make America Great Again.

Diese Anzie­hungs­kraft für die Massen, die alles über­leben wird, auch den Wärmetod des Univer­sums, ist mir letzt­lich rätsel­haft. Und deshalb habe ich schon über die erste Amts­zeit Trumps geschrieben, um diesen Mecha­nismus selbst begreifen zu können. Ich kann es nicht. Aber ich schreibe am liebsten über Dinge, die ich nicht verstehe. Und die Gefahr wächst unauf­hör­lich. Denn auch in Europa bekommen die auto­ri­tären Bestre­bungen immer mehr Zulauf.

Es lohnt sich, diesen Vorbe­mer­kungen im Video weiter zu folgen, erst recht aber dem „Gedicht“ – ENDSIEG –, von dem Jelinek eben­falls in der Vorbe­mer­kung schreibt:

Der Text ist […] wie die Saiten einer Harfe, an denen jemand zupft. Aber ich verstehe nicht mehr, was dahin­ter­steckt. Oder wie es funk­tio­niert. Leider höre ich, wie es klingt.

Ein Gedicht wird aufge­sagt, nämlich dieses.

 

Und nun also dieses „Gedicht“. Es ist ein verstö­render Text. Gerade im Nach­hören der Lesung durch Ursina Lardi oder in der engli­schen Über­set­zung durch Nicole Ansari-Cox wird der Klang, der in der Schrift schon provo­ziert ist, als eine merk­wür­dige Form des Mithö­rens insze­niert. Die Anony­mität der Klänge und ihrer wech­selnden Stimmen fasst wiederum Jelinek an der oben erwähnten Stelle ins Bild der „Saiten einer Harfe, an denen jemand zupft“ – jemand, nicht also unbe­dingt die Autorin, die selbst einräumt: „ich verstehe nicht mehr, was dahintersteckt“.

Lite­ra­ri­sche Zeitgenossenschaft

Die Stimmen des Volkes sind in ENDSIEG als Bahnungen auf dem Weg zu einem Ohr ange­legt (auch das Ohr von Trump nach dem Attentat vom 13. Juli 2024 spielt übri­gens eine Rolle). Dabei sind diese Stimmen von Jelinek so zusam­men­ge­fügt, dass sie einen Echo­raum bilden. Dieser Echo­raum bietet aller­dings nicht nur eine – verfrem­dende – Beschrei­bung der Gegen­wart. Das „Gedicht“ enthält auch Anspie­lungen auf das von Jelinek zu Trumps erster Amts­zeit geschrie­bene Thea­ter­stück Am Königsweg aus dem Jahr 2017 (Urauf­füh­rung eben­falls durch Falk Richter). Und noch weiter greift der Text zurück in die Vergan­gen­heit durch die zahl­rei­chen lite­ra­ri­schen Anspie­lungen, von denen er durch­setzt ist (am Ende auch markiert). Dazu kommen histo­risch dras­tisch aufge­la­dene Begriffe wie der des Titels selbst: „Endsieg“ – Kampf­pa­role, Projek­ti­ons­fläche und Schreck­ge­spenst in einem.

Verbindet man diese Beob­ach­tungen mit den am Anfang des vorlie­genden Textes geschil­derten Bemer­kungen zur Rolle der Sprache, der Bilder und der Töne in den gegen­wär­tigen Indienst­nahmen ‚des Volkes‘, lässt sich die Frage, inwie­fern Jelineks ENDSIEG darauf eine Antwort gibt, noch einmal neu angehen. Lesbar oder hörbar wird dieses „Gedicht“ aus einer solchen Perspek­tive als eine Form lite­ra­ri­scher Zeitgenossenschaft.

Worin besteht diese? Sie besteht darin, dass Jelinek ihre Gegen­wart fort­lau­fend mit Versatz­stü­cken aus der Vergan­gen­heit – den Zitaten auf ganz verschie­denen Ebenen – konfron­tiert. Zudem mit Irri­ta­tionen, die dazu bestimmt sind, in der Gegen­wart der Rezep­tion auch weiterhin als Irri­ta­tionen bemerkbar zu bleiben.

Indem der Strom von Worten ständig unter­bro­chen wird, ist ein bequemes Lesen oder Zuhören fast nicht möglich. Auch Komik hat darin Platz. Dabei wäre es wohl falsch zu sagen, dass diese Irri­ta­tionen einem bestimmten Zweck folgen. Die mögli­chen Wirkungen der zahl­rei­chen Irri­ta­tionen, die den Text durch­ziehen, lassen sich aber doch beschreiben. Die Wahr­neh­mung von ENDSIEG kann tatsäch­lich dazu führen, dass der unter­bro­chene Strom von Worten als eine Art Subtext zur Wirk­lich­keit aus Sprache, Bildern und Tönen erkennbar wird.

Ein Subtext – oder viel­leicht eher noch: ein Paral­lel­text, ja ein perfor­ma­tiver Kommentar zur Wirk­lich­keit, von der dieser Text ja gleich­wohl handelt. Und zwar so sehr, dass man womög­lich durch ihn hell­hö­riger wird auf die Verstim­mungen, Mani­pu­la­tionen und Verdre­hungen, die in der sprach­lich geteilten Wirk­lich­keit, täglich, statt­finden. Der Text wäre demnach als eine Art Schule des Gehörs aufzu­fassen. Eines Gehörs, das gelernt hat, die Miss­klänge und das Durch­ein­ander der Sprache auch und gerade dort mitzu­hören, wo im poli­ti­schen Diskurs Eindeu­tig­keit, Eingän­gig­keit, gar Cool­ness vorherrscht – oder auch nur gespielt wird. Eines Gehörs aber auch, das Erfah­rung dabei gewonnen hat, dass und wie einem eine solche Sprache über­drüssig werden kann („voll­kommen das Volk, immer voll­kommen, immer will­kommen“). Am Ende könnte die Einsicht stehen: Faschismus, auch und gerade in der Sprache, ist das, was einem verleidet sein sollte.