Humor stellt Gesellschaft her und macht Hoffnung auf eine andere Zukunft. Leidet eine Bevölkerung unter einer Besatzung, dann gehören frecher Humor und subtiler Sprachwitz zu den Waffen der Unterdrückten, sei es in der Ukraine heute oder im besetzten Frankreich im Zweiten Weltkrieg.

  • Alya Aglan

    Alya Aglan ist Professorin für zeitgenössische Geschichte an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und Direktorin des Insituts Pierre Renouvin. Zu ihren Veröffentlichungen gehören „Le Temps de la Résistance“ (2008), „La France à l'envers. La guerre de Vichy 1940-1945“ (2020) und „Le rire ou la vie. Anthologie de l'humour résistant 1940-1945“ (2023).

Sowohl in den aktu­ellen Konflikten als auch im besetzen Europa während des Zweiten Welt­kriegs gab und gibt es nichts zu lachen. Dennoch scheint einer der ersten Reflexe von Bevöl­ke­rungen, die unter einer Besat­zung und damit oft auch unter Bombar­die­rungen und Nahrungs­knapp­heit leiden, auf die um sie herr­schende Bruta­lität mit spitzem Humor zu antworten. Kann man sich mäch­tigen Armeen entge­gen­stellen mit Witzen oder Bonmots? Sind diese doch unmit­telbar zur Verfü­gung stehende Waffen des Geistes?

Wenn der Schwache über den Starken lacht, scheint alles möglich. Vor allem wenn es darum geht, die Hoff­nung auf eine zukünf­tige Umkehr des Macht­ge­füges aufrecht­zu­er­halten, oder um den Versuch, eine andere Wirk­lich­keit als die aktuell über­mäch­tige zu gestalten. Unter noch so widrigen Umständen bewahrt sich im Lachen die unaus­lösch­liche Gabe, die Schwere in eine Leich­tig­keit zu verwan­deln. So wie es dem syri­schen Vater gelang, der im Februar 2020 in einem Video, das um die Welt ging, seiner Tochter beibringt, über die Bombar­die­rung zu lachen, um die Angst des Kindes so früh wie möglich zu besiegen und ihr Einhalt zu gebieten. Für alle beide wurde der Lärm der Flug­zeuge nur noch zum Auslöser von Lach­an­fällen und nicht mehr zum Vorboten der Verzweif­lung. Im Lachen des Kindes zerstäubte das Gefühl der Zerstörung.

Humor stellt Gesell­schaft her

In der Ukraine ist Humor sehr schnell zu einer „ener­gi­schen Waffe des Wider­stands“ geworden, glaubt man der Zeit­schrift Charlie Hebdo, die am 25. Mai 2022 den Zeich­nungen ukrai­ni­scher Kari­ka­tu­risten eine Sonder­aus­gabe gewidmet und sie auf diese Weise geehrt hat. Das hervor­ste­chendste Motiv der Kari­ka­turen ist das Lächer­lich­ma­chen der russi­schen Armee, deren blinder Gehorsam zur Quelle von Spott und Verhöh­nung wird. Eine Kari­katur zeigt, wie russi­sche Soldaten mit zertrüm­merten Schä­deln in einer Schlange stehen und darauf warten, dass Putin Zucker­watte in Form von Gehirnen an sie verteilt, mit der ihr offener Schädel wie eine vorher entleerte Konser­ven­büchse gefüllt werden soll.

Die Inva­si­ons­arme mit Spott zu empfangen, sie mit über­malten Stra­ßen­schil­dern zu begrüßen, die Rich­tung Inter­na­tio­nalem Straf­ge­richtshof in Den Haag weisen, nimmt das Verspre­chen vorweg, dass ihre Kriegs­ver­bre­chen verur­teilt werden. Um dem Kriegs­de­saster gemeinsam zu begegnen, bietet sich Humor als ein essen­ti­elles Hilfs­mittel an. Eine junge Ukrai­nerin sagt: „Humor moti­viert zu leben.“ Es sei daran erin­nert, dass mit dem Ehepaar Selen­skyj an der Spitze des Landes, die beide im Comedy-Metier gear­beitet haben, Wider­stand und Spott selbst­ver­ständ­lich zusam­men­gehen: „Wir lachen, weil wir Wider­stand leisten.“ erklärte die First Lady vor laufenden Fernsehkameras.

Die gesamte Gesell­schaft scheint sich ein solches Über­le­bens­motto zu eigen gemacht zu haben. Der Verein der Kari­ka­tu­risten in Odessa hat sich aus dieser Art Selbst­ver­pflich­tung zum Lachen gegründet. Im Comedy Club Kiew erzählt ein Come­dian dem Publikum über eine offen­sicht­lich von allen geteilte Erfah­rung: „Werden Sie auch von Ihren Eltern während des Luft­alarms ange­rufen?“ Da man gemeinsam und nicht alleine lacht, werden überall im Land Abende mit Stand-up-Comedy orga­ni­siert, die in unter­ir­di­schen Schutz­räumen statt­finden, damit die Vorstel­lung nicht von den Bombar­die­rungen unter­bro­chen wird. Als ein Akt der patrio­ti­schen Soli­da­rität geht stets ein Anteil der Eintritts­gelder an die Armee, und der Verkauf von T-Shirts mit dem Aufdruck „Worte sind unsere Waffe“ geht buch­stäb­lich durch die Decke.

Über wen lachen wir?

Wort­spiele und parodis­ti­sche Texte kommen oft aus einer jeweils länder­spe­zi­fi­schen Popu­lär­kultur und werden vom Humor der Wider­stän­digen neu aktua­li­siert. Das war auch im vom Dritten Reich besetzten Europa bereits der Fall. Die verwen­deten Bezüge, die allen bekannt sind, erzeugen Sinn und erlauben die Etablie­rung von Gesell­schaft durch Rede­weisen der Kompli­zen­schaft. Als einzig­ar­tige und zugleich univer­selle Reak­tion erzeugt dieser Wider­stand schon allein durch seine Exis­tenz eine Gegen­ge­sell­schaft und eine Gegen­sprache, deren seman­ti­sche Codes sich am Wieder­aufbau einer Basis gemein­samer Werte betei­ligen. Diese Popu­lär­kultur aus gesundem Menschen­ver­stand und Sarkasmus wurde von den ersten Wider­stands­kämp­fern gegen die feind­li­chen Nazis einge­setzt und vom 14. Juni 1940 an, dem Einmarsch der Wehr­macht in Paris, in der Privat­sphäre der Fran­zosen veran­kert. Jeder fühlte sich ange­spro­chen und konnte in einer Geste der Kompli­zen­schaft die Pointen wieder­holen, die darauf ange­legt waren, durch Mund­pro­pa­ganda weiter­geben zu werden.

Der Humor, der bestimmte Ereig­nisse spie­gelt, hat in sich nichts Stati­sches oder Fixiertes, sondern folgt den Varia­tionen und Entwick­lungen entspre­chend den Zeiten und Orte, an denen die Besat­zungen statt­finden. Mit der Zeit wird das Lachen aggres­siver und roher. Es richtet sich zwar immer noch gegen den Feind und dessen Mitstreiter, doch es über­schreitet nie eine still­schwei­gend aner­kannte Grenze: Niemals richtet es sich gegen Opfer oder Verfolgte, sondern nur die Henker werden der Lächer­lich­keit preisgegeben.

Nach mehr als einem Jahr Krieg in der Ukraine sind die Formen des Sarkasmus auch zu einem „erwach­se­nerem“ und schmerz­vol­lerem Humor über­ge­gangen, in dem sich große Besorgnis ausdrückt, während in den ersten Kriegs­tagen noch eine Kari­katur die Runde machte, in der ein riesiger Hitler einem kleinen Wladimir Putin über die Wange strei­chelt. Die israe­li­schen Come­dians haben sich nach dem 7. Oktober 2023 dazu entschieden, zusammen zu stehen und die Gesell­schaft nicht durch Kritik an der Regie­rung zu spalten. Sie haben sich eine nicht über­schreit­bare Grenze gesetzt. Jede Anspie­lung auf die von der Hamas entführten Geiseln bleibt im Bereich des Unmög­li­chen. Auch die arabisch-israelischen Come­dians sind in der aktu­ellen Konfron­ta­tion, die vor allem zivile Opfer fordert, auf ein Schweigen zurückgeworfen.

Verbo­tener Humor

Para­do­xer­weise gelten für den klan­des­tinen Humor, der keiner Zensur unter­worfen ist, weil er sich ihr eben genau wider­setzt, keinerlei poli­ti­sche Grenzen, da er sich an einer Realität abar­beitet, die er erklär­ter­maßen ausein­an­der­nehmen will. Die Wider­stands­texte im besetzten Frank­reich zielten ausschließ­lich auf die Nazis, die Regie­rung in Vichy und deren staat­liche Kolla­bo­ra­tion mit dem Dritten Reich, auf die prodeut­schen Kolla­bo­rie­renden verschie­dener Dienst­herren und alle Papa­geien der offi­zi­ellen Diskurse, mit denen die Fran­zosen auf die „neue euro­päi­sche Ordnung“ und „natio­nale Revo­lu­tion“ einge­schworen werden sollten. Täglich spru­delten die Bonmots und wurden nach dem Krieg sowohl in Frank­reich als auch in Deutsch­land in Sammel­bänden heraus­ge­geben, wodurch die „geflüs­terten Witze“ in den alli­ierten Besat­zungs­zonen zwischen 1945-47 in aller Öffent­lich­keit publi­ziert wurden (insbe­son­dere im Frei­heit Verlag Heidelberg).

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Eine kleine Geschichte bringt das allge­mein herr­schende Gefühl auf den Punkt: „Wie defi­niert man Kolla­bo­ra­tion? Kolla­bo­ra­tion ist ein ausglei­chender Vorgang, bei dem uns die Deut­schen unsere Uhren wegnehmen und dafür unsere Stunde schlagen.“ Oder auch das in Frank­reich bekannte „Radio-Paris ment, Radio-Paris est alle­mand“, das die Über­nahme der Infor­ma­ti­ons­me­dien durch die Besatzer anklagt (Akus­tisch lässt sich im Fran­zö­si­schen nur schwer unter­scheiden zwischen ment ‚lügt‘ und ‚est allemand‘  – ‚ist deutsch‘). Die Abkür­zung NSDAP wurde umge­hend zu „Nous Sommes Des Alle­mands Provi­so­ires“ (‚Wir sind provi­so­ri­sche Deut­sche‘). Diese Sprüche fanden eine große Verbrei­tung im besetzten Frank­reich und darüber hinaus auf dem gesamten fran­zö­si­schen Terri­to­rium aufgrund des spar­samen Einsatzes ihrer Mittel, die einen substan­zi­ellen Wahr­heits­ef­fekt produ­zieren und durch­schla­genden Erfolg hatten, weil sie leicht zu merken sind. Im Gegen­satz zur lärmenden Propa­ganda, die die Geister verne­belt, ist wider­stän­diger Humor nicht geschwätzig.

Noch vor Kriegs­ende, aber nach der Befreiung Frank­reichs wurde im Dezember 1944 in Toulouse die Ausstel­lung humour interdit (verbo­tener Humor) von einem einige Monate zuvor gegrün­deten Verein fran­zö­si­scher Zeichner und Humo­risten orga­ni­siert. Der Vereins­gründer Léo Soubeille, Zeichner und Wider­stands­kämpfer aus Toulouse, und sein Mitstreiter Serge Ravenel, Regio­nal­chef der FFI (Dach­or­ga­ni­sa­tion der fran­zö­si­schen Wider­stands­gruppen), wollten jene Zeich­nungen ehren, die im Unter­grund entstanden waren und von der deut­schen wie auch fran­zö­si­schen Zensur verboten wurden. Mit dem öffent­li­chen Zeigen der sati­ri­schen Werke von unter­schied­li­chen Ausge­sto­ßenen, d. h. von Wider­stands­kämp­fern, Inter­nierten und Depor­tierten, wurde versucht, die wider­stän­dige Geste am Leben zu halten und weiter­zu­tragen und die immense Krea­ti­vität, die sich gegen die Barbarei entfes­selt hatte, zu dokumentieren.

Humor als Geheimsprache

Der Humor der Wider­stands­kämpfer besteht vor allem darin, die Macht der Sieger zu dekon­stru­ieren, wobei er zugleich eine Kampf­an­sage und eine para­doxe Waffe ist. Die deut­schen Besatzer wurden mit allge­meinen Figuren wie les Fritz oder als Para­siten (Kartof­fel­käfer) bezeichnet oder sie wurden mit anste­ckenden Krank­heiten gleich­ge­setzt, wie die braune Pest oder furor teuto­nicus, was ihnen jegliche Realität absprach und sie in einen unwirk­li­chen Raum verbannte, sie symbo­lisch ausschloss oder gar löschte. Da sich die Pariser stör­risch weigerten, sie anzu­sehen, wurde Paris für die Deut­schen zur „Stadt ohne Blick“. Ihnen jegliche Macht abzu­spre­chen, ist in gewisser Weise auch ein Kampf gegen den „heim­li­chen Wunsch, aufzu­geben“. So lässt sich verhin­dern, dass das Leben mit und neben dem Feind zur Gewohn­heit wird, betonte Jean Texcier in den Conseils à l’occupé, einer Broschüre mit Hinweisen für die Menschen unter der Besat­zung, die er im Sommer 1940 erar­beitet hatte.

Die Nieder­lage durch ätzenden Humor zu verleugnen, ist ein Vertei­di­gungs­re­flex des Rechts auf die Ausübung der eigenen geis­tigen Frei­heit und bedeutet, die Hoff­nung auf die Zukunft nicht aufzu­geben. Charles de Gaulle erklärte in einer Radio­an­sprache auf Radio Londres am 3. August 1940, dass sich der Wider­stand auf diesen Gebrauch der Frei­heit gründet: „Ange­sichts der enormen Umwäl­zungen kommt es auf die Menschen an, die es verstehen, im Rhythmus der schreck­li­chen Ereig­nisse zu denken, zu wollen und zu handeln. Alle anderen werden hinweg­ge­fegt.“ Die Unter­grund­zeit­schrift Panta­gruel verlaut­barte als oberstes Gebot, es sei eine Frage der Würde „selbst zu denken“.

Wenn es darum geht, eine Gemein­schaft wieder herzu­stellen, neigt das Lachen dazu, die Verbin­dungen zu knüpfen oder zu repa­rieren, die von der zerset­zenden Wirkung der Besat­zung zerstört worden sind, indem es für eine poli­ti­sche Einheit sorgt, die über die diversen Tendenzen einer Hand­voll enga­gierter Indi­vi­duen weit hinaus­geht. Als univer­sell einsetz­bares Ventil knüpft der Umgang mit Humor an eine Tradi­tion der poli­ti­schen Respekt­lo­sig­keit an, die seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion eine bedeu­tende histo­ri­sche Rolle spielt. Die fran­zö­si­sche Sprache mit ihren ähnlich klin­genden Worten und zahl­rei­chen Alli­te­ra­tionen eignet sich beson­ders gut für den Einsatz auf dem Schlacht­feld, und viele Flug­blätter bemühten sich, die Sprache für die deut­schen Besatzer auf unver­ständ­liche Weise einzusetzen.

Quelle: privat

An den vielen Vari­anten des „neuen fran­zö­si­schen Alpha­bets“, die in Umlauf waren, wird deut­lich, dass eine neue Geheim­sprache erlaubte auszu­spre­chen, was man nicht buch­stäb­lich genauso hinschreiben konnte. Propa­gan­da­pa­rolen wurden verdreht, um die Botschaften zu unter­wan­dern und die Argu­mente des Gegners auf ihn selbst zurück zu richten. So wurde beispiels­weise ein Loblied auf Pétain in einer Weise gespielt oder abge­wan­delt, dass damit de Gaulle gefeiert wurde. Oder die Miliz wurde beschimpft, die Kolla­bo­ra­tion verun­glimpft, der rassis­ti­sche Blick der Nazis auf sie selbst zurück­ge­wendet, wie in der Beschrei­bung des „arischen Typs: blond wie Hitler, schmal wie Göring und groß wir Goebbels“.

Den Führer, der von der Propa­ganda des Dritten Reichs unauf­hör­lich als unver­hoffter Retter Deutsch­lands darge­stellt wurde, zeich­nete man als Anti­helden und rückte damit die Dinge richtig. In doppel­deu­tigen Anspie­lungen wies man voraus­ah­nend auf das Schicksal von Verrä­tern hin. Darin spie­gelte sich sowohl die Hoff­nung als auch der Sinn des Kampfes. Viele Flug­blätter – wie das im Musée de Bondues über­lie­ferte – waren wie Trau­er­an­zeigen aufge­macht und nahmen den Tod Hitlers vorweg:

„Sie werden gebeten, am Trau­erzug, der Trau­er­feier und der Beer­di­gung teil­zu­nehmen von:
Monsieur Adolf Hitler,
der aufgrund fest­ge­fah­renen Ehrgeizes und des Verschlin­gens von Flug­blät­tern eines über­ra­schenden Todes gestorben ist.
De profundis! [in Frakturschrift]
Es trauern:
sein heiß­ge­liebter Göring,
Goeb­bels (Stell­ver­treter),
Himmler,
Ribbentrop,
all seine Tanten, seine heilige Familie und seine wenigen Freunde.
Zuständig für die Feier­lich­keiten ist die Straßenreinigung.
Nach dem Wunsch des Verstor­benen wird nur eine Krone akzep­tiert, die Dornen­krone (honni soit qui mal y pense).“

Die Entlar­vung der herr­schenden Diskurse und offi­zi­ellen Argu­men­ta­tionen, die Demas­kie­rung und Umkeh­rung mit dem Ziel, die Zukunft so auszu­malen, wie man sie sich erhofft, erweisen sich als mäch­tige Werk­zeuge der Subver­sion. Die Waffe des Humors verleiht dem Unter­grund­kampf des Wider­stands gegen die Unter­drü­ckung eine ewige Aktualität.