Sowohl in den aktuellen Konflikten als auch im besetzen Europa während des Zweiten Weltkriegs gab und gibt es nichts zu lachen. Dennoch scheint einer der ersten Reflexe von Bevölkerungen, die unter einer Besatzung und damit oft auch unter Bombardierungen und Nahrungsknappheit leiden, auf die um sie herrschende Brutalität mit spitzem Humor zu antworten. Kann man sich mächtigen Armeen entgegenstellen mit Witzen oder Bonmots? Sind diese doch unmittelbar zur Verfügung stehende Waffen des Geistes?
Wenn der Schwache über den Starken lacht, scheint alles möglich. Vor allem wenn es darum geht, die Hoffnung auf eine zukünftige Umkehr des Machtgefüges aufrechtzuerhalten, oder um den Versuch, eine andere Wirklichkeit als die aktuell übermächtige zu gestalten. Unter noch so widrigen Umständen bewahrt sich im Lachen die unauslöschliche Gabe, die Schwere in eine Leichtigkeit zu verwandeln. So wie es dem syrischen Vater gelang, der im Februar 2020 in einem Video, das um die Welt ging, seiner Tochter beibringt, über die Bombardierung zu lachen, um die Angst des Kindes so früh wie möglich zu besiegen und ihr Einhalt zu gebieten. Für alle beide wurde der Lärm der Flugzeuge nur noch zum Auslöser von Lachanfällen und nicht mehr zum Vorboten der Verzweiflung. Im Lachen des Kindes zerstäubte das Gefühl der Zerstörung.
Humor stellt Gesellschaft her
In der Ukraine ist Humor sehr schnell zu einer „energischen Waffe des Widerstands“ geworden, glaubt man der Zeitschrift Charlie Hebdo, die am 25. Mai 2022 den Zeichnungen ukrainischer Karikaturisten eine Sonderausgabe gewidmet und sie auf diese Weise geehrt hat. Das hervorstechendste Motiv der Karikaturen ist das Lächerlichmachen der russischen Armee, deren blinder Gehorsam zur Quelle von Spott und Verhöhnung wird. Eine Karikatur zeigt, wie russische Soldaten mit zertrümmerten Schädeln in einer Schlange stehen und darauf warten, dass Putin Zuckerwatte in Form von Gehirnen an sie verteilt, mit der ihr offener Schädel wie eine vorher entleerte Konservenbüchse gefüllt werden soll.
Die Invasionsarme mit Spott zu empfangen, sie mit übermalten Straßenschildern zu begrüßen, die Richtung Internationalem Strafgerichtshof in Den Haag weisen, nimmt das Versprechen vorweg, dass ihre Kriegsverbrechen verurteilt werden. Um dem Kriegsdesaster gemeinsam zu begegnen, bietet sich Humor als ein essentielles Hilfsmittel an. Eine junge Ukrainerin sagt: „Humor motiviert zu leben.“ Es sei daran erinnert, dass mit dem Ehepaar Selenskyj an der Spitze des Landes, die beide im Comedy-Metier gearbeitet haben, Widerstand und Spott selbstverständlich zusammengehen: „Wir lachen, weil wir Widerstand leisten.“ erklärte die First Lady vor laufenden Fernsehkameras.
Die gesamte Gesellschaft scheint sich ein solches Überlebensmotto zu eigen gemacht zu haben. Der Verein der Karikaturisten in Odessa hat sich aus dieser Art Selbstverpflichtung zum Lachen gegründet. Im Comedy Club Kiew erzählt ein Comedian dem Publikum über eine offensichtlich von allen geteilte Erfahrung: „Werden Sie auch von Ihren Eltern während des Luftalarms angerufen?“ Da man gemeinsam und nicht alleine lacht, werden überall im Land Abende mit Stand-up-Comedy organisiert, die in unterirdischen Schutzräumen stattfinden, damit die Vorstellung nicht von den Bombardierungen unterbrochen wird. Als ein Akt der patriotischen Solidarität geht stets ein Anteil der Eintrittsgelder an die Armee, und der Verkauf von T-Shirts mit dem Aufdruck „Worte sind unsere Waffe“ geht buchstäblich durch die Decke.
Über wen lachen wir?
Wortspiele und parodistische Texte kommen oft aus einer jeweils länderspezifischen Populärkultur und werden vom Humor der Widerständigen neu aktualisiert. Das war auch im vom Dritten Reich besetzten Europa bereits der Fall. Die verwendeten Bezüge, die allen bekannt sind, erzeugen Sinn und erlauben die Etablierung von Gesellschaft durch Redeweisen der Komplizenschaft. Als einzigartige und zugleich universelle Reaktion erzeugt dieser Widerstand schon allein durch seine Existenz eine Gegengesellschaft und eine Gegensprache, deren semantische Codes sich am Wiederaufbau einer Basis gemeinsamer Werte beteiligen. Diese Populärkultur aus gesundem Menschenverstand und Sarkasmus wurde von den ersten Widerstandskämpfern gegen die feindlichen Nazis eingesetzt und vom 14. Juni 1940 an, dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris, in der Privatsphäre der Franzosen verankert. Jeder fühlte sich angesprochen und konnte in einer Geste der Komplizenschaft die Pointen wiederholen, die darauf angelegt waren, durch Mundpropaganda weitergeben zu werden.
Der Humor, der bestimmte Ereignisse spiegelt, hat in sich nichts Statisches oder Fixiertes, sondern folgt den Variationen und Entwicklungen entsprechend den Zeiten und Orte, an denen die Besatzungen stattfinden. Mit der Zeit wird das Lachen aggressiver und roher. Es richtet sich zwar immer noch gegen den Feind und dessen Mitstreiter, doch es überschreitet nie eine stillschweigend anerkannte Grenze: Niemals richtet es sich gegen Opfer oder Verfolgte, sondern nur die Henker werden der Lächerlichkeit preisgegeben.
Nach mehr als einem Jahr Krieg in der Ukraine sind die Formen des Sarkasmus auch zu einem „erwachsenerem“ und schmerzvollerem Humor übergegangen, in dem sich große Besorgnis ausdrückt, während in den ersten Kriegstagen noch eine Karikatur die Runde machte, in der ein riesiger Hitler einem kleinen Wladimir Putin über die Wange streichelt. Die israelischen Comedians haben sich nach dem 7. Oktober 2023 dazu entschieden, zusammen zu stehen und die Gesellschaft nicht durch Kritik an der Regierung zu spalten. Sie haben sich eine nicht überschreitbare Grenze gesetzt. Jede Anspielung auf die von der Hamas entführten Geiseln bleibt im Bereich des Unmöglichen. Auch die arabisch-israelischen Comedians sind in der aktuellen Konfrontation, die vor allem zivile Opfer fordert, auf ein Schweigen zurückgeworfen.
Verbotener Humor
Paradoxerweise gelten für den klandestinen Humor, der keiner Zensur unterworfen ist, weil er sich ihr eben genau widersetzt, keinerlei politische Grenzen, da er sich an einer Realität abarbeitet, die er erklärtermaßen auseinandernehmen will. Die Widerstandstexte im besetzten Frankreich zielten ausschließlich auf die Nazis, die Regierung in Vichy und deren staatliche Kollaboration mit dem Dritten Reich, auf die prodeutschen Kollaborierenden verschiedener Dienstherren und alle Papageien der offiziellen Diskurse, mit denen die Franzosen auf die „neue europäische Ordnung“ und „nationale Revolution“ eingeschworen werden sollten. Täglich sprudelten die Bonmots und wurden nach dem Krieg sowohl in Frankreich als auch in Deutschland in Sammelbänden herausgegeben, wodurch die „geflüsterten Witze“ in den alliierten Besatzungszonen zwischen 1945-47 in aller Öffentlichkeit publiziert wurden (insbesondere im Freiheit Verlag Heidelberg).
Eine kleine Geschichte bringt das allgemein herrschende Gefühl auf den Punkt: „Wie definiert man Kollaboration? Kollaboration ist ein ausgleichender Vorgang, bei dem uns die Deutschen unsere Uhren wegnehmen und dafür unsere Stunde schlagen.“ Oder auch das in Frankreich bekannte „Radio-Paris ment, Radio-Paris est allemand“, das die Übernahme der Informationsmedien durch die Besatzer anklagt (Akustisch lässt sich im Französischen nur schwer unterscheiden zwischen ment ‚lügt‘ und ‚est allemand‘ – ‚ist deutsch‘). Die Abkürzung NSDAP wurde umgehend zu „Nous Sommes Des Allemands Provisoires“ (‚Wir sind provisorische Deutsche‘). Diese Sprüche fanden eine große Verbreitung im besetzten Frankreich und darüber hinaus auf dem gesamten französischen Territorium aufgrund des sparsamen Einsatzes ihrer Mittel, die einen substanziellen Wahrheitseffekt produzieren und durchschlagenden Erfolg hatten, weil sie leicht zu merken sind. Im Gegensatz zur lärmenden Propaganda, die die Geister vernebelt, ist widerständiger Humor nicht geschwätzig.
Noch vor Kriegsende, aber nach der Befreiung Frankreichs wurde im Dezember 1944 in Toulouse die Ausstellung humour interdit (verbotener Humor) von einem einige Monate zuvor gegründeten Verein französischer Zeichner und Humoristen organisiert. Der Vereinsgründer Léo Soubeille, Zeichner und Widerstandskämpfer aus Toulouse, und sein Mitstreiter Serge Ravenel, Regionalchef der FFI (Dachorganisation der französischen Widerstandsgruppen), wollten jene Zeichnungen ehren, die im Untergrund entstanden waren und von der deutschen wie auch französischen Zensur verboten wurden. Mit dem öffentlichen Zeigen der satirischen Werke von unterschiedlichen Ausgestoßenen, d. h. von Widerstandskämpfern, Internierten und Deportierten, wurde versucht, die widerständige Geste am Leben zu halten und weiterzutragen und die immense Kreativität, die sich gegen die Barbarei entfesselt hatte, zu dokumentieren.
Humor als Geheimsprache
Der Humor der Widerstandskämpfer besteht vor allem darin, die Macht der Sieger zu dekonstruieren, wobei er zugleich eine Kampfansage und eine paradoxe Waffe ist. Die deutschen Besatzer wurden mit allgemeinen Figuren wie les Fritz oder als Parasiten (Kartoffelkäfer) bezeichnet oder sie wurden mit ansteckenden Krankheiten gleichgesetzt, wie die braune Pest oder furor teutonicus, was ihnen jegliche Realität absprach und sie in einen unwirklichen Raum verbannte, sie symbolisch ausschloss oder gar löschte. Da sich die Pariser störrisch weigerten, sie anzusehen, wurde Paris für die Deutschen zur „Stadt ohne Blick“. Ihnen jegliche Macht abzusprechen, ist in gewisser Weise auch ein Kampf gegen den „heimlichen Wunsch, aufzugeben“. So lässt sich verhindern, dass das Leben mit und neben dem Feind zur Gewohnheit wird, betonte Jean Texcier in den Conseils à l’occupé, einer Broschüre mit Hinweisen für die Menschen unter der Besatzung, die er im Sommer 1940 erarbeitet hatte.
Die Niederlage durch ätzenden Humor zu verleugnen, ist ein Verteidigungsreflex des Rechts auf die Ausübung der eigenen geistigen Freiheit und bedeutet, die Hoffnung auf die Zukunft nicht aufzugeben. Charles de Gaulle erklärte in einer Radioansprache auf Radio Londres am 3. August 1940, dass sich der Widerstand auf diesen Gebrauch der Freiheit gründet: „Angesichts der enormen Umwälzungen kommt es auf die Menschen an, die es verstehen, im Rhythmus der schrecklichen Ereignisse zu denken, zu wollen und zu handeln. Alle anderen werden hinweggefegt.“ Die Untergrundzeitschrift Pantagruel verlautbarte als oberstes Gebot, es sei eine Frage der Würde „selbst zu denken“.
Wenn es darum geht, eine Gemeinschaft wieder herzustellen, neigt das Lachen dazu, die Verbindungen zu knüpfen oder zu reparieren, die von der zersetzenden Wirkung der Besatzung zerstört worden sind, indem es für eine politische Einheit sorgt, die über die diversen Tendenzen einer Handvoll engagierter Individuen weit hinausgeht. Als universell einsetzbares Ventil knüpft der Umgang mit Humor an eine Tradition der politischen Respektlosigkeit an, die seit der Französischen Revolution eine bedeutende historische Rolle spielt. Die französische Sprache mit ihren ähnlich klingenden Worten und zahlreichen Alliterationen eignet sich besonders gut für den Einsatz auf dem Schlachtfeld, und viele Flugblätter bemühten sich, die Sprache für die deutschen Besatzer auf unverständliche Weise einzusetzen.

Quelle: privat
An den vielen Varianten des „neuen französischen Alphabets“, die in Umlauf waren, wird deutlich, dass eine neue Geheimsprache erlaubte auszusprechen, was man nicht buchstäblich genauso hinschreiben konnte. Propagandaparolen wurden verdreht, um die Botschaften zu unterwandern und die Argumente des Gegners auf ihn selbst zurück zu richten. So wurde beispielsweise ein Loblied auf Pétain in einer Weise gespielt oder abgewandelt, dass damit de Gaulle gefeiert wurde. Oder die Miliz wurde beschimpft, die Kollaboration verunglimpft, der rassistische Blick der Nazis auf sie selbst zurückgewendet, wie in der Beschreibung des „arischen Typs: blond wie Hitler, schmal wie Göring und groß wir Goebbels“.
Den Führer, der von der Propaganda des Dritten Reichs unaufhörlich als unverhoffter Retter Deutschlands dargestellt wurde, zeichnete man als Antihelden und rückte damit die Dinge richtig. In doppeldeutigen Anspielungen wies man vorausahnend auf das Schicksal von Verrätern hin. Darin spiegelte sich sowohl die Hoffnung als auch der Sinn des Kampfes. Viele Flugblätter – wie das im Musée de Bondues überlieferte – waren wie Traueranzeigen aufgemacht und nahmen den Tod Hitlers vorweg:
„Sie werden gebeten, am Trauerzug, der Trauerfeier und der Beerdigung teilzunehmen von:
Monsieur Adolf Hitler,
der aufgrund festgefahrenen Ehrgeizes und des Verschlingens von Flugblättern eines überraschenden Todes gestorben ist.
De profundis! [in Frakturschrift]
Es trauern:
sein heißgeliebter Göring,
Goebbels (Stellvertreter),
Himmler,
Ribbentrop,
all seine Tanten, seine heilige Familie und seine wenigen Freunde.
Zuständig für die Feierlichkeiten ist die Straßenreinigung.
Nach dem Wunsch des Verstorbenen wird nur eine Krone akzeptiert, die Dornenkrone (honni soit qui mal y pense).“
Die Entlarvung der herrschenden Diskurse und offiziellen Argumentationen, die Demaskierung und Umkehrung mit dem Ziel, die Zukunft so auszumalen, wie man sie sich erhofft, erweisen sich als mächtige Werkzeuge der Subversion. Die Waffe des Humors verleiht dem Untergrundkampf des Widerstands gegen die Unterdrückung eine ewige Aktualität.