Putins rhetorische Spitzen gegen queere Menschen, „Gender“ und Feminismus werden meist als politischer Nebenschauplatz abgetan. Doch dieser ‚Kulturkampf‘ gegen den Westen gehört zu einer Rhetorik, die nationale Identität mit patriarchaler Ordnung verbindet und für den russischen Angriffskrieg die Begründung liefert.

  • Agnieszka Graff ist außerordentliche Professorin am Zentrum für Amerikanische Studien der Universität Warschau. Sie ist Kulturwissenschaftlerin mit Forschungsinteressen in den Bereichen Gender Studies, feministische Geschichte, Nationalismus und öffentlicher Diskurs über Gender. Ihre jüngste Veröffentlichung, gemeinsam mit Elżbieta Korolczuk, ist das Buch „Anti-Gender Politics in the Populist Moment“ (Routledge 2021).
  • Elżbieta Korolczuk, Soziologin, arbeitet an der Södertörn Universität in Stockholm und am Zentrum für Amerikastudien der Universität Warschau. Ihre Forschungsinteressen sind: Geschlecht, soziale Bewegungen und Zivilgesellschaft. Zu den jüngsten Veröffentlichungen gehören „Civil Society Revisited: Lessons from Poland“, hg. mit Kerstin Jacobsson (Berghahn Books, 2017), sowie die gemeinsam mit Agnieszka Graff verfasste Monographie „Anti-gender Politics in the Populist Moment“ (Routledge 2021).

Libe­rale Kommentator*innen führen den Ursprung des russi­schen Angriffs auf die Ukraine zu Recht auf Russ­lands impe­ria­lis­ti­sche Politik zurück. Sie haben jedoch Unrecht, wenn sie meinen, die Realität dieses Krieges lasse alle ‚irrealen‘ Ausein­an­der­set­zungen unbe­deu­tend werden, insbe­son­dere solche, die sich um Fragen der Kultur und der gesell­schaft­li­chen Konven­tionen, d. h. um Geschlecht und Sexua­lität, drehen. Zugleich zeigen sich dieselben Kommen­tie­renden davon über­rascht, in welchem Ausmaß Putins Politik in Russ­land unter­stützt wird, und stellen ungläubig fest, dass der Vatikan Russ­land noch immer nicht eindeutig verur­teilt hat. Aus ihrer Perspek­tive sind Patri­arch Kirills Worte über die Notwen­dig­keit, den Donbas gegen Gay-Pride-Paraden zu vertei­digen, Putins Äuße­rungen über cancel culture oder J.K. Rowling bloße Ausrut­scher, die nicht der Rede wert sind. Beide Äuße­rungen erfolgten jedoch nach Beginn der bewaff­neten Ausein­an­der­set­zungen, und waren alles andere als zufäl­lige Schnitzer. Das libe­rale Dogma von der Unbe­deut­sam­keit kultu­reller Ausein­an­der­set­zungen macht uns unfähig, die Mecha­nismen zu verstehen, die diesen Krieg nicht nur möglich, sondern – in den Augen eines beträcht­li­chen Teils der russi­schen Bevöl­ke­rung – unver­meid­lich und legitim gemacht haben. Seit über einem Jahr­zehnt wird ein globaler Kultur­krieg geführt, der wesent­lich dazu beigetragen hat, uns in diesen realen Krieg zu treiben.

Anti-Gender als Soft Power

In der russi­schen Kampagne gegen die Euro­päi­sche Union und den Westen kommen Geschlecht und Sexua­lität eine zentrale Stel­lung zu. Man könnte sogar sagen, dass Russ­land, indem es sich gegen die vermeint­liche mora­li­sche Auflö­sung und Dege­ne­ra­tion des Westens wendet, die durch das engli­sche Wort  „Gender“ zum Ausdruck gebracht wird, eine ganz eigene Soft Power ausübt. Der Westen wird in den russi­schen Medien nicht nur als poli­ti­scher Gegner darge­stellt, sondern auch als ‚verkehrte Welt‘, die auf ihr Ende zusteuert, da sie sich dem gesunden Menschen­ver­stand widersetzt.

Demo­plakat in Moskau; Quelle: bpb.de

Voller Entsetzen werden die Länder der EU als Orte beschrieben, an denen Kinder aus normalen Fami­lien gerissen werden, um sie Homo­se­xu­ellen und Pädo­philen zu über­lassen, als Orte, an denen Ehen mit dem faden­schei­nigen Argu­ment zerstört werden, Frauen müssten vor Gewalt geschützt werden und an denen Jugend­liche im Namen einer kranken „Gender-Ideologie“ zwangs­weise Geschlechts­um­wand­lungen unter­zogen werden. Laut Kreml-Propaganda, die von der russisch-orthodoxen Kirche nach­ge­plap­pert wird, wird dieser Wahn­sinn heim­tü­ckisch in den Osten expor­tiert: Schwule regieren Europa (oder besser gesagt „Gayropa“), und die von denselben Schwulen terro­ri­sierten euro­päi­schen Insti­tu­tionen zwingen den Ländern, welche in die Fänge des Westens geraten, Gay-Pride-Paraden auf.

Als Putin davon sprach, dass J.K. Rowling wegen Trans­feind­lich­keit „gecan­celt“ worden sei, meinte er in Wirk­lich­keit die Vikti­mi­sie­rung Russ­lands durch den Westen: Die Kritik an der Schrift­stel­lerin soll „ein Beweis dafür sein, dass der Westen gerne Menschen ‚entwertet‘, und jetzt wird Russ­land genauso behan­delt“. Inner­halb dieses globalen Kriegs des Guten gegen das Böse wird die Ukraine – die auf ein Bündnis mit dem Westen drängt und sich um die Aufnahme in die EU bewirbt – als Gefah­ren­quelle und zugleich als kolo­ni­siertes Land gezeichnet, das durch Russ­land gerettet werden muss. In dieser Erzäh­lung spielt somit die Frage nach Geschlecht und Sexua­lität keine margi­nale, sondern eine überaus entschei­dende Rolle.

Selbst­ver­tei­di­gung ist ange­sichts der „kolo­nialen Aggres­sion“ des Westens und seiner Verbün­deten in der Region also bittere Notwen­dig­keit. Diese Vision brachte Patri­arch Kirill am 6. März 2022 klar zum Ausdruck, als er die Notwen­dig­keit der Putin­schen „Sonder­ope­ra­tion“ erläu­terte. Seine Erklä­rung ist es wert, in aller Ausführ­lich­keit zitiert zu werden, denn ihr Ton und ihre Rhetorik sagen viel darüber aus, wie die Macht­haber des heutigen Russ­lands denken:

Seit acht Jahren wird versucht, das zu zerstören, was im Donbas exis­tiert. Alles nur, weil dieses Land die so genannten Werte, die von denje­nigen ange­boten werden, die das Recht auf Welt­herr­schaft bean­spru­chen, grund­sätz­lich ablehnt. Heute gibt es einen Test für die Loya­lität gegen­über dieser Auto­rität, eine Art Passier­schein für diese ‚glück­liche‘ Welt, eine Welt des über­mä­ßigen Konsums, eine Welt der falschen Frei­heit. Wissen Sie, was dieser Test ist? Es ist die Gay-Pride-Parade. Die Forde­rung, eine Gay-Pride-Parade abzu­halten, ist ein Test für die Loya­lität zu dieser mäch­tigen Welt; und wir wissen, dass Menschen oder Staaten, die sich dieser Forde­rung wider­setzen, von dieser Welt abge­lehnt und als Fremde behan­delt werden.

Vladimir Putin und Patri­arch Kirill; Quelle: europeantimes.news

Die west­li­chen Werte werden in diesem Narrativ als leer, falsch und konsum­ori­en­tiert darge­stellt. Der Westen bleibt dennoch eine bedroh­liche Macht; seine Opfer sind einfache Menschen, denen das Böse aufge­zwungen wird. Russ­land wiederum habe eine große zivi­li­sa­to­ri­sche Mission zu erfüllen: Seine Aufgabe bestehe darin, die lokalen Gemein­schaften vor dem Unheil der west­li­chen „Kolo­ni­sie­rung“ zu schützen und auf längere Sicht der christ­li­chen Welt mora­li­sche Erneue­rung zu bringen ­­– und den Westen vor sich selbst zu retten. In diesem Narrativ ist Russ­land der Hort jener Werte, die einst die Achse der west­li­chen Welt bildeten, und die der Westen unter­dessen aufge­geben hat. Diese wahren Werte – die der Donbas, natür­lich mit Hilfe Russ­lands, zu vertei­digen versucht – sind die Tradi­tion (einschließ­lich der so genannten tradi­tio­nellen Familie), die natür­liche Sexu­al­ord­nung, klare soziale Hier­ar­chien und die domi­nie­rende Rolle der Reli­gion, die es erlaubt, Tugend und Laster vonein­ander zu unter­scheiden. All dies habe der Westen vergessen, betört von einer falschen Vision der Frei­heit, die von Marx und Freud und später den gegen­kul­tu­rellen, femi­nis­ti­schen und LGBTQ-Bewegungen propa­giert wurde. Der Wider­stand gegen die „Gender-Ideologie“ ist in Russ­land inte­graler Bestand­teil des impe­ria­lis­ti­schen Diskurses, der von den so genannten neuen Tradi­tio­na­listen propa­giert wird, die unter anderem von Alex­ander Dugin inspi­riert wurden.

Putin wandte sich dieser Art von Konser­va­tismus in den Jahren 2011 bis 2013 zu, als Reak­tion auf die Massen­pro­teste gegen den Wahl­be­trug, mit denen seine dritte Amts­zeit als Präsi­dent begann. Diese Wende erwies sich als außer­or­dent­lich erfolg­reich, vor allem da sie auf frucht­baren Boden fiel: Die russi­sche akade­mi­sche und intel­lek­tu­elle Elite hatte einen neuen Konser­va­tismus propa­giert, der auf einer Kombi­na­tion aus anti­west­li­chem Natio­na­lismus, Oppo­si­tion zum Sozia­lismus und Appellen an soge­nannte tradi­tio­nelle Werte beruhte. Der Wandel, den unsere Region nach 1989 erlebt hat, ist in dieser Vision das Ergebnis der Vorherr­schaft des libe­ralen Westens einer­seits und einer Reihe von Demü­ti­gungen des Ostens ande­rer­seits. Impe­riale Nost­algie und Größen­wahn durch­ziehen diese Rhetorik.

Der tradi­tio­nelle Osten vertei­digt sich gegen den deka­denten Westen

Seit Jahren werden diese Ansichten nicht nur von den russi­schen Medien verbreitet, sondern auch – in leicht abge­wan­delter Form – von ultra­kon­ser­va­tiven Publi­ka­tionen, die die „Gender-Ideologie“ in ganz Europa kriti­sieren und von Redner*innen auf Veran­stal­tungen wie dem „Welt­kon­gress der Fami­lien“, welcher übri­gens Ende der 1990er Jahre von Russ*innen und Vertreter*innen der ameri­ka­ni­schen reli­giösen Rechten ins Leben gerufen wurde. Von der beson­deren Mission Russ­lands im Anti-Gender-Kreuzzug spricht zum Beispiel die deut­sche Sozio­login Gabriele Kuby, eine der Vorrei­te­rinnen der euro­päi­schen Bewe­gung gegen die „Gender-Ideologie“. In einem Inter­view stellte sie klar, dass „Russ­land heute das einzige Land ist, in dem es der Kirche und dem Staat möglich ist, die Grund­lagen der Familie wieder­her­zu­stellen“. In dieser moralisch-politischen Geografie verläuft eine scharfe Grenze zwischen dem athe­is­ti­schen Westen und dem der Deka­denz wider­ste­henden christ­li­chen Osten.

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Poli­zei­ein­satz gegen die Gay-Pride-Parade in St. Peters­burg 2013; Quelle: taz.de

In Russ­land wird diese Botschaft direkt in die Gesetz­ge­bung über­setzt. Seit gut zehn Jahren bilden Narra­tive vom deka­denten und gleich­zeitig aggres­siven Westen die Grund­lage für die Aushöh­lung der Zivil­ge­sell­schaft, das harte Vorgehen gegen sexu­elle Minder­heiten und die Einschrän­kung der Frau­en­rechte. Im Jahr 2012 verab­schie­dete die Duma ein Gesetz, in dem Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen als „Orga­ni­sa­tionen, die die Funk­tionen auslän­di­scher Agenten wahr­nehmen“, bezeichnet wurden. 2017 wurde der Geltungs­be­reich des Gesetzes erwei­tert, um alle Medien, die direkt oder indi­rekt aus dem Ausland finan­ziert werden, als „auslän­di­sche Agenten“ zu diskre­di­tieren. Im Jahr 2013 wurde ein Verbot „homo­se­xu­eller Propa­ganda“ erlassen; in der Praxis bedeutet dies ein Verbot der Bereit­stel­lung von Infor­ma­tionen über die Situa­tion von LGBTQ-Personen, des Anbrin­gens von Regen­bo­gen­sym­bolen und der öffent­li­chen Zurschau­stel­lung von Zunei­gung durch gleich­ge­schlecht­liche Paare, ganz zu schweigen von Demons­tra­tionen. Im selben Jahr trat ein Adop­ti­ons­verbot von russi­schen Kindern durch Personen aus Ländern in Kraft, in denen die Ehe für gleich­ge­schlecht­liche Paare geöffnet wurde. Russ­land hat die Istanbul-Konvention, die Opfer häus­li­cher Gewalt schützt, nicht rati­fi­ziert; außerdem hat Putin 2017 ein Gesetz unter­zeichnet, das einma­lige Fälle von inner­fa­mi­liärer Gewalt entkri­mi­na­li­siert, wenn sie nicht zum Tod oder zu schwerer Körper­ver­let­zung führen.

Die Umset­zung dieser Geset­zes­än­de­rungen erfuhr im Allge­meinen starke gesell­schaft­liche Unter­stüt­zung, was weniger auf den russi­schen mora­li­schen Konser­va­tismus als viel­mehr auf die Wirk­sam­keit einer Rhetorik verweist, die die Gleich­stel­lung der Geschlechter als Ausdruck des west­li­chen Expan­sio­nismus und als Bedro­hung für die einfa­chen Menschen verteu­felt. Die Begeis­te­rung für Gesetze, die Gewalt gegen Frauen und sexu­elle Minder­heiten legi­ti­mieren, deutet darauf hin, dass es Putins Propagandist*innen gelungen ist, der Gesell­schaft eine Angst vor allem West­li­chen einzu­impfen – eine Angst, die sich auch in der Darstel­lung von Geschlecht und Sexua­lität nieder­schlägt. Die derzei­tige öffent­liche Akzep­tanz der Inva­sion der Ukraine ist eine natür­liche Folge dieser Propa­ganda. In beiden Fällen werden die Rollen von Täter und Opfer geschickt vertauscht und Russ­land als Opfer kultu­reller Kolo­ni­sie­rung, wirt­schaft­li­cher Ausbeu­tung und mili­tä­ri­scher Aggres­sion darge­stellt. Wer bei Patri­arch Kirills Worten genau hinhört, erkennt, wie hauch­dünn die Grenze zwischen Kultur­krieg und realem Krieg tatsäch­lich ist.

Wir haben es hier mit zwei parallel verlau­fenden Prozessen zu tun. Einer­seits greift der „Krieg gegen Gender“ zu immer radi­ka­leren Methoden, da seine Befürworter*innen zur Recht­fer­ti­gung von Gewalt neigen und Aggres­sion als notwen­dige Vertei­di­gung darstellen. Ande­rer­seits wird der mili­ta­ris­ti­sche und auto­ri­täre Diskurs zuneh­mend von der Rhetorik von Geschlecht und Familie durch­drungen. Dies gilt nicht nur für Russ­land, sondern auch für die popu­lis­ti­sche Rechte in ganz Europa. Patri­arch Kirills Worte oder Putins zahl­lose Äuße­rungen über die Bedro­hung durch „Gayropa“ sind ein extremes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn diese beiden Tendenzen aufeinandertreffen.

Die Vorstel­lung, Russ­land vertei­dige die tradi­tio­nelle Familie, indem es in der Ukraine Zivilist*innen ermordet, mag jemandem, der diesen Krieg in den west­li­chen Medien verfolgt hat und beispiels­weise Fotos von verge­wal­tigten Kindern in Butscha gesehen hat, völlig absurd erscheinen. Doch dies ist mehr als nur eine Meta­pher. Für Konsument*innen russi­scher Medien bleibt die Argu­men­ta­tion über­zeu­gend: Ange­sichts der jahre­langen „west­li­chen Expan­sion“ wird die  „Inter­ven­tion“ in der Ukraine zu einem Akt der Selbst­ver­tei­di­gung. Es geht nicht nur um die terri­to­riale Inte­grität Russ­lands ange­sichts einer mögli­chen Erwei­te­rung der NATO, sondern auch um einen Kampf zwischen Gut und Böse, Vernunft und Wahn­sinn, zwischen geis­tigem Erbe und mora­li­scher Dege­ne­ra­tion. Doch so oder so – Durchschnittsruss*innen werden die Fotos aus Butscha nie zu Gesicht bekommen.

Russ­land, ein Leucht­turm der Hoff­nung für Europa?

Die Ableh­nung der angeb­li­chen „Gender-Ideologie“ – gleich­ge­setzt mit Abtrei­bung, Homo­se­xua­lität, Trans-Rechten, Sexu­al­erzie­hung und Gender Studies – ist in den letzten Jahren zu jenem Kitt geworden, der ultra­kon­ser­va­tive Orga­ni­sa­tionen (oftmals mit reli­giösen Wurzeln) mit rechts­ra­di­kalen und popu­lis­ti­schen Bewe­gungen in ganz Europa verbindet. Die Forsche­rinnen Wero­nika Grze­balska, Eszter Kováts und Andrea Petö haben Geschlech­ter­fragen als „symbo­li­schen Kitt“ bezeichnet, der selbst extreme Natio­na­listen aus verschie­denen Ländern zusam­men­zu­halten vermag.

Plakat der Lega Nord gegen gleich­ge­schlecht­liche Ehen, 2012; Quelle: fallacielogiche.it

Im Früh­jahr 2019 traf Jarosław Kaczyński, Vorsit­zender der polni­schen Regie­rungs­partei Recht und Gerech­tig­keit (Prawo i Spra­wi­ed­li­wość, PiS), die denk­wür­dige Aussage, dass  „die LGBT-Bewegung und die Gender-Ideologie eine Bedro­hung für unsere Iden­tität, eine Bedro­hung für unsere Nation und eine Bedro­hung für den polni­schen Staat sind“. Ähnliche Argu­mente wie jene Kaczyńskis finden sich in Äuße­rungen von Poli­ti­kern rechter Parteien wie Fidesz in Ungarn, Lega Nord in Italien, Vox in Spanien, der AfD in Deutsch­land und der SVP in der Schweiz, obwohl sie sich nicht überall als glei­cher­maßen wirksam erweisen. Je nach Kontext ändert sich die Rhetorik: Während die polni­schen Anti-Gender-Kampagnen, die seit 2012 mit unter­schied­li­cher Inten­sität andauern, offen homofeind­lich sind, zieht es die poli­ti­sche Rechte in Deutsch­land oder Schweden vor, Studi­en­gänge der Geschlech­ter­for­schung und Queer­fe­mi­nismus ins Visier zu nehmen, während sie gleich­zeitig Geflüch­tete und Migrant*innen aus musli­mi­schen Ländern als Bedro­hung für weiße Frauen und „unsere Schwulen“ verteu­felt. In den west­li­chen Ländern vertei­digen die Rechten weder das Recht des Mannes, seine Frau zu schlagen, noch schlagen sie (wie in Polen) ein totales Abtrei­bungs­verbot vor, doch sie verun­glimpfen eifrig die „Perver­sionen“ des Femi­nismus, der bei der Verfol­gung einer egali­tären Politik angeb­lich „zu weit gegangen“ ist.

Was rechts­ex­treme Parteien und ultra­kon­ser­va­tive Bewe­gungen verbindet, ist nicht nur ihre gemein­same Einstel­lung zum Thema Geschlecht. Wie aus dem Bericht von Neil Datta vom Euro­pean Parlia­men­tary Forum hervor­geht, erhielt die Anti-Gender-Bewegung in Europa in den Jahren 2009 bis 2019 Finanz­mittel in Höhe von mindes­tens 188 Millionen US-Dollar aus der Russi­schen Föde­ra­tion. Dieses Geld fließt zwar über Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen und verschie­dene „Geld­wasch­an­lagen“, stammt aber haupt­säch­lich aus den Taschen russi­scher Olig­ar­chen (die Schlüs­sel­fi­guren sind Vladimir Jakunin und Konstantin Malo­fejev). Das bedeutet nicht, dass Russ­land der einzige oder gar der Haupt­sponsor von Kampa­gnen gegen die „Queer-Ideologie“ ist: Im glei­chen Zeit­raum wurden 437 Millionen Dollar in der EU selbst aufge­bracht, und 81 Millionen Dollar kamen aus den USA, haupt­säch­lich von konser­va­tiven Think Tanks. Dennoch zeigen diese Finanz­ströme, wer in Europa durch gemein­same Ansichten und Geld mit Putin verbunden ist.

Demo anläss­lich des World Congress of Fami­lies, Verona 2019; Quelle: guardian.ng

Der Kampf gegen „Gender“ ist nicht nur eine Ausein­an­der­set­zung über unter­schied­liche Welt­an­schau­ungen – und er kann ange­sichts des tatsäch­li­chen Krieges nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Er ist ein Krieg des Guten gegen das Böse, in dem der Feind vernichtet werden muss – nicht nur symbo­lisch, sondern buch­stäb­lich. Auf dem Welt­kon­gress der Fami­lien 2019 in Verona, an dem die Crème de la Crème der euro­päi­schen und welt­weiten ultra­kon­ser­va­tiven Orga­ni­sa­tionen, der rechts­ex­tremen Parteien und der verschie­denen Zweige des Chris­ten­tums teil­nahm, erklärte einer der Orga­ni­sa­toren, Jacopo Coghe, dass die Bewe­gung gegen die „Gender-Ideologie“ in Wirk­lich­keit gegen „die Ideo­lo­gien des Todes“ kämpfe, „die den Menschen und die mensch­liche Realität zerstören. Wenn die Mutter nicht mehr die Gebä­rende ist, und der Vater nicht mehr der Erzeuger, wenn Kinder käuf­lich sind und das Geschlecht im Kopf entschieden wird, wenn jeder Wunsch zum Recht wird, dann steht nicht nur ein neues Gesell­schafts­mo­dell auf dem Spiel, sondern ein neues Para­digma der Mensch­heit“. Die Rhetorik ist so aufge­baut, dass sie präven­tive Gewalt als notwen­dige Vertei­di­gung recht­fer­tigt. Putin versucht dies, wie wir bereits wissen, derzeit auszu­nutzen. Doch wo situ­ieren sich die euro­päi­schen „Gender“-Gegner*innen in all dem?

Matteo Salvini mit Putin-T-Shirt vor dem Kreml; Quelle: .lavanguardia.com

Bis Februar 2022 war die Faszi­na­tion, die das puti­nis­ti­sche Russ­land auf diese Milieus ausübte, kein Geheimnis. Heute jedoch ist sie zu einer beschä­menden Last geworden: Marine Le Pen musste über eine Million Wahl­kampf­bro­schüren in den Papier­korb werfen, auf denen sie mit Putin posierte, und Matteo Salvini würde am liebsten alle Erin­ne­rungen an die Fotos auslö­schen, auf denen er in einem T-Shirt mit dem Konterfei des russi­schen Präsi­denten zu sehen ist. Die als Putin-Sympathisanten bekannten Führer der spani­schen Partei Vox weigerten sich zunächst, den russi­schen Angriff auf die Ukraine zu verur­teilen, schwenkten dann aber um und verglei­chen sich nun lieber mit Zelen­skyj. Doch werden diese Kehrt­wenden Bestand haben? Bedeuten sie, dass diese Parteien in Bezug auf die Fragen nach der mora­li­schen Geografie Europas und auf ihre Haltung zur Euro­päi­schen Union einen Poli­tik­wechsel voll­ziehen? Nein, natür­lich nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass die popu­lis­ti­sche Rechte die  „tradi­tio­nelle Familie“ und die „Kinder“ weiterhin vertei­digen und Brüssel weiterhin angreifen wird, dass sie jedoch ihre pro-russischen Sympa­thien etwas besser verste­cken wird.

Globale ultra­kon­ser­va­tive Bewe­gungen und rechts­po­pu­lis­ti­sche Parteien sind durch eine ‚oppor­tu­nis­ti­sche Synergie‘ mitein­ander verbunden: Erstere erhalten poli­ti­sche und finan­zi­elle Unter­stüt­zung für ihre Projekte, während letz­tere rheto­ri­sche Mittel erhalten, die es ihnen ermög­li­chen, soziale Ängste zu schüren. Ein perfektes Beispiel dafür ist das Bündnis zwischen Ordo Iuris und der poli­ti­schen Rechten in Polen. Das Ordo Iuris-Institut hat enormen poli­ti­schen Einfluss erlangt und zahl­reiche Regie­rungs­posten mit seinen Leuten besetzt; die rechten Poli­tiker wiederum können so die Frus­tra­tionen und Ängste der Wähler vor „dege­ne­rierten Eliten, die Jungen in Mädchen­kleider stecken wollen“ besser kana­li­sieren. Narra­tive über die Notwen­dig­keit, den Wahn­sinn der „Gender-Ideologie“ zu bekämpfen, sind ein nütz­li­cher Deck­mantel für auto­ri­täre und faschis­toide Haltungen, die behaupten, das Kinds­wohl zu vertei­digen. Im Falle Russ­lands tragen sie dazu bei, die Bürger davon zu über­zeugen, dass die Tötung von Zivilist*innen ein notwen­diger Preis sei, der für die Zukunft der christ­li­chen Zivi­li­sa­tion bezahlt werden muss.

Das Schweigen des Papstes

Papst Fran­ziskus und Patri­arch Kirill auf Kuba, 2016; Quelle: merkur.de

Wie steht der Vatikan zu dieser Ange­le­gen­heit? Warum schweigt der Papst? Dies ist in der Tat schwer zu verstehen, wenn man die aktu­ellen kultu­rellen Spal­tungen nicht ernst nimmt. Der Vatikan ist einer der Haupt­ver­ur­sa­cher des „Gender“-Kulturkriegs und eine der Haupt­kriegs­par­teien. Seit den 1990er Jahren bekämpft die katho­li­sche Kirche die „Gender-Agenda“ – d. h. Frauen- und Minder­hei­ten­rechte sowie sexu­ellen Libe­ra­lismus – als gefähr­liche Erfin­dung der west­li­chen „Zivi­li­sa­tion des Todes“. Anfang der 2010er Jahre verur­teilten sowohl der dama­lige Papst als auch die nach­fol­genden Episko­pate – einschließ­lich des polni­schen – „Gender“, da sie darin eine Bedro­hung für die Zivi­li­sa­tion sahen. Im Februar 2016 fand ein histo­ri­sches Treffen zwischen Papst Fran­ziskus und Patri­arch Kirill in Kuba statt; bei dieser Gele­gen­heit gaben sie eine gemein­same Erklä­rung ab, in der sie die Ehe für alle verur­teilten. Der Fair­ness halber sei gesagt, dass Fran­ziskus am Welt­kon­gress der Fami­lien 2019 in Verona nicht teil­nahm, und dass er sich von der brasi­lia­ni­schen ultra­kon­ser­va­tiven Orga­ni­sa­tion TFP (Tradi­tion, Familie, Eigentum), die ihm feind­lich gesinnt ist, fern­hält. Von Zeit zu Zeit distan­ziert er sich auch öffent­lich von offener Homofeind­lich­keit. Dennoch hat er weder die offene Konfron­ta­tion mit dem ultra­kon­ser­va­tiven Flügel der Kirche gesucht noch katho­li­sche Bischöfe zur Ordnung gerufen, die wie der Krakauer Marek Jędra­szewski öffent­lich von einer „Regen­bo­gen­plage“ spre­chen und homo­phobe Gewalt unter­stützen. Ganz im Gegen­teil: Er selbst warnte wieder­holt vor einer „Kolo­ni­sie­rung durch Gender“.

Das Ober­haupt der katho­li­schen Kirche schweigt zu Russ­lands barba­ri­schem Krieg nicht nur aufgrund einer langen Tradi­tion der Neutra­lität und des Wunsches, eine Vermitt­ler­rolle einzu­nehmen. Den Vatikan und die russisch-orthodoxe Kirche verbindet die gemein­same Über­zeu­gung, dass der konser­va­tive Osten ein Gegen­ge­wicht zum libe­ralen Westen bildet. Doch was sagt der Vatikan zu Russ­lands Posi­tion, die Vertei­di­gung der „wahren Werte“ erfor­dere den Tod von Zivilist*innen? Diese „Notwen­dig­keit“ beklagt der Papst zwei­fels­ohne, doch während der Gene­ral­au­dienz am 24. August sprach er lieber Alex­ander Dugin sein Beileid zum Tod seiner Tochter aus, als die zahl­losen Gräu­el­taten zu verur­teilen, die russi­sche Soldaten an den Töch­tern ukrai­ni­scher Bürger*innen begangen haben. Daran zeigt sich, dass die öffent­li­chen Äuße­rungen des Papstes zum Thema Krieg weder Zufälle noch Verspre­cher sind, sondern dass sie im Gegen­teil die ideo­lo­gi­sche Nähe zwischen Russ­land und dem Ober­haupt der katho­li­schen Kirche widerspiegeln.

Über­setzt aus dem Engli­schen von Anne Krier