Kultur im Ausverkauf

Eine Erinnerung an das, was die Zeitschrift Du einmal auszeichnete.



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Bekanntlich gab das Du-Heft Christoph Blocher just vor den Nationalratswahlen und dem Rechtsrutsch im Herbst 2015 eine Plattform, sich den Mitte-Wählern als Kunstmäzen zu präsentieren. Der Journalist Oliver Prange schreibt im Editorial „Der Berg steht und bleibt, auch er ist nicht verdammt“ – der Wortlaut stammt aus dem Interview mit Blocher. Der Chefredakteur Oliver Prange beschwört, dass Blocher Kunst nicht als Kapital betrachtet, er „dachte nie an eine Sammlung, nur an Bilder“. Der Satz stammt auch aus Blochers Mund. Der Herausgeber Oliver Prange schwärmt von der Arbeitskraft Blochers, wenn er „oft nachts aufsteht“. Auch dieser Satz stammt aus dem Interview. Keine der Aussagen von Christoph Blocher wurde im Editorial als Zitat ausgezeichnet. Ein geradezu revolutionärer Schritt in der Schweizer Publizistik. Und prompt schaltete Blocher das ganze Du-Heft für uns alle gratis auf seine Website.

Das Editorial machte sich von A bis Z zum Sprachrohr eines Politikers, der genau jenen Geist verkörpert, gegen den das Du über Jahrzehnte seine Stimme erhob. Durch Polizeischikanen und Arbeitsverbote ‚eingepökelt‘, konnten die geistig tätigen Flüchtlinge von Arnold Kübler bei der Gründung des Du 1941 zwar kaum je direkt einbezogen werden, um jenen politischen Geist zu schärfen, aus dem die Zeitschrift entstand. Dafür erhielten sie über entsprechende Berichterstattungen, Fotos und Dokumentationen um so mehr eine Stimme und ein Gesicht. Davon sind wir inzwischen weit entfernt. Eine Epoche geht zu Ende. Die Kultur steht zum Ausverkauf.

Das Blocher-Heft wurde querfinanziert durch Inserate wie dasjenige der Emil Frey Auto AG, mit deren Finanzmacht der SVP-Politiker Walter Frey nach der kritischen Berichterstattung gegenüber der Autolobby Ende der 1970er, dann über die Zeit der 1980er-Unruhen hinweg bis 1999 durch einen Inserat-Boykott die Redaktion des Tages-Anzeigers in die Knie zu zwingen versuchte. Nun aber scheint es so, als wollten dieselben Kreise gleich die Stimme des Du-Chefs kaufen, was seine Vorgänger skandalisierte. So etwa den langjährigen Du-Chefredakteur Dieter Bachmann:

Es geschah im Herbst des Flüchtlingselends 2015, dass ‚du‘ – oder das, was davon noch übrig ist – eine Nummer Herrn Blocher widmet und seiner gewiss ansehnlichen Sammlung, einem Mann, der […] allem ins Gesicht schlägt, was diese Zeitschrift – ein nationales Kulturerbe! – einst ausgemacht hat. Arnold Kübler begann im Frühling 1941 mit dem ausdrücklichen Vorsatz der Solidarität mit den Geschundenen rund um die Schweiz. Das ‚du‘ als Titel war sein Programm; im Kreis jener Redaktion wurde die Idee des Pestalozzi-Dorfes geboren, Hort für die Kriegswaisen aus den betroffenen Ländern.

Man darf gespannt sein, wie das Schweizerische Nationalmuseum dieses vergessene Erbe Ende dieses Jahres in einer Ausstellung über die Geschichte des Du wieder in unsere Erinnerung rufen wird: und in die Erinnerung all jener, die wie etwa Karl Lüönd, der Verfasser einer fundamentalen Studie über die Geschichte der EMS-Chemie, lieber unerwähnt lassen wollen, dass das Du aus jenem politischen Geist der Solidarität geboren wurde, und dagegen betonen, es sei nach dem Verkauf der Zürcher Illustrierten von Conzett + Huber ins Leben gerufen worden, um die Qualität von deren Farb- und Tiefdrucken zu bewerben. Während die Blocher-Nummer gratis auf der Blocher-eigenen Website zu lesen ist (inkl. Inseraten), kann man auf der retro.seals-Seite der ETH alle alten Du-Hefte als pdf gründlich überprüfen.

Besonders bewegend ist der Tiefdruck jedenfalls beim Bild eines abgemagerten Flüchtlingskindes aus Belgien, das 1941 bewusst in die erste Weihnachtsnummer gesetzt wurde und bei den Lesern einen verstörenden Eindruck hinterließ (Link, PDF). Weiter ging es mit einem Heft über das Rote Kreuz in Genf oder Reportagen über das Pestalozzi-Dorf; und Annemarie Schwarzenbach, deren Cousin James dereinst die berüchtigte fremdenfeindliche Initiative lancieren sollte, berichtete über berühmte Flüchtlinge in Amerika (Link, S. 19, PDF). Im März 1945 folgte dann das denkwürdige Heft, das auf dem Titel ein Boot mit Flüchtlingen in Seenot zeigte. Sinnbild einer ewig aktuellen Situation. Das Titelblatt im März 1945 mit den „Schiffbrüchigen“ (1932) von Heinrich Altherr aus der öffentlichen Kunstsammlung Basel kommentierte damals ein Kunsthistoriker empathisch: „Man ist selber einer von denen im Boote, ein halb Verhungerter.“

Genauso pathetisch eröffnete Arnold Kübler sein Editorial mit dem Zitat: „Gib dem Manne die Hand, denn er ist ein Flüchtling.“ Kübler erinnerte an die 100’000 Menschen, die in der Schweiz Zuflucht gesucht haben und nun vergessen werden. Der mahnende Finger irritiert uns heutige Leser vielleicht, aber weshalb eigentlich? Ist er nicht besonders aktuell? „Wo man das Gesetzbuch kaufen könne, darin die Rechte festgelegt seien, welche dem Flüchtling in der Schweiz zuständen, fragte ein kroatischer Soldat. […] Welche Enttäuschung war es für den Mann, zu hören, dass er ganz und gar von unserem guten Willen abhängig sei. […] Was für ein Idealbild unseres Landes hat er vorher in sich herumgetragen.“ (Link, S. 5, PDF)

Und, so fragte Kübler, mit welchem Bild wird er die Schweiz verlassen? Wird es ihn, falls er je zu Reichtum und Einfluss in einem Konzern kommen wird, veranlassen, mit der Schweiz Geschäfte zu machen, um seinen Dank zu verzinsen? Er kritisierte: „Man hat das Schweizervolk und die Flüchtlinge möglichst weit getrennt“, und empfahl zur Einfühlung als Gegenübung eine marginale Publikation, die im Gegensatz zum Du nicht leicht käuflich war, für die Leser damals jedenfalls weniger als heute ein ganzes Du-Heft: „Ueber die Grenzen, eine Flüchtlingszeitung […], sie ist leider im Handverkauf nicht zu haben; denn obgleich sie den Untertitel Von Flüchtlingen für Flüchtlinge trägt, würde der sesshafte, bewahrte Schweizer sie mit großem Nutzen lesen.“

So spannte das Du für den bürgerlichen Leser, der solche Handzeitungen lieber nicht in die Hand nimmt, den bildungsbürgerlichen Bogen vom Alten Ägypten und die Evangelien bis zum aktuellen „Menschensturz“ und „Völkerrutsch“, wobei in einer akribischen Analyse der „40’000 Zivilflüchtlinge“ aus „20 Nationen“ auch nicht jene „21“ vergessen gehen, die in Nervenheilanstalten eingeliefert – und nicht etwas ausgeschafft – wurden (Link, PDF). Man stößt im Du jener Kriegsjahre nicht nur auf die bewegenden Photographien von Werner Bischof und Hans Staub, die flüchtende Männer mit ihren Kindern neben Panzern zeigen, Frauen mit ihrem Kind hinter Gittern in Zürcher Auffanglagern – sondern auch auf die Bildwelt des Sammlers Blocher, die von Giacometti über Hodler präsent ist, dessen Bild „Ashver“ über den pilgernden und ewig flüchtenden Juden damals im Du und jetzt in Winterthur zu sehen war, aber auch auf ein Notizbuch von Albert Anker und Gemälde von Adolf Dietrich.

Der Geist der Sammlung Blocher scheint letztlich aus dem Geist jenes Du entstanden zu sein, das sich Nummer für Nummer dem Schicksal der Migrationsströme annahm und uns zurief: „Du, Leser, verehrte Leserin, bist aufgerufen, du Eidgenosse, du Freund, du Mutter und jegliches Du, das in unserem Lande den Frieden genießt.“ (Link, S. 21, PDF) Hans Mayer untersucht die letzten vier Flüchtlingswellen in die Schweiz seit 1933, und Otto Zaugg verschweigt in seinem Artikel nicht: „Für ein kleines übervölkertes, auf die Zufuhr von auswärts angewiesenes Land, das nur durch die Anstrengungen und Einschränkungen jedes einzelnen Bürgers die vielen Schwierigkeiten wirtschaftlicher und militärischer Art dieser Kriegszeit zu überwinden vermag, bringt die Beherbergung all dieser Menschen mancherlei Probleme.“ (Link, PDF) Und so verweist das Du in einem weiteren Essay auf „die größten Anstrengungen“, die „vom Flüchtling selbst geleistet werden“ müssen, damit er „aus der bisherigen inneren Isoliertheit in eine Schicksalsgemeinschaft heraustritt, die man nicht mehr als Zwang empfindet, sondern die man bewusst mitzugestalten versucht.“ (Link, S. 19, PDF)

„Und die Schweiz? Soll sie zu allem, was sie schon geleistet hat, noch Neues auf sich nehmen?“ Oder präziser: „Hat sie ihre Pflicht nicht getan?“ Nein, denn, so fährt der Essay von Berta Hohermuth etwas dialektisch fort: „Das Schicksal der Flüchtlinge ist weltbezogen, das Schicksal unseres Landes ist es nicht weniger; darum liegt in der Zukunft der Flüchtlinge auch ein Teil unserer eigenen Zukunft beschlossen.“ Und dann steigert sich das Pathos nochmals in hehre Höhen: „Nothelfen, die Zukunft der Flüchtlinge vorbereiten, heißt daher nicht nur, den Flüchtlingen behilflich sein, sondern ebenso unserem Lande Wege in die Zukunft zu bauen. Darum: Wir müssen uns nicht um die Zukunft der Flüchtlinge kümmern, wir dürfen es.“

Dieses Pathos lesend, verstehe ich, dass viele lieber an den Tiefdruck denken, dessen Vermarktung wir anscheinend die Gründung des Du verdanken. Zumal im Du nicht verschwiegen wurde, dass wir, die Intellektuellen, die bedrohliche Konkurrenz der hochbegabten Flüchtlinge damals mit Arbeitsverbot belegten. „Die Befürchtungen von Schweizer Schriftstellern und Journalisten führten zu einem Arbeitsverbot für literarisch tätige Flüchtlinge.“ Sie wurden „mit helvetischer Propaganda und Polizeischikanen gesalzen“, um sie „gleichsam ein[zu]pökeln“, da man in diesem Land „den Besitz des Schweizerpasses bereits als Talentausweis ansieht.“ (Link, S. 56, PDF)

Das Du aber veröffentlichte von den Schikanierten sogar Bilder in Farbe, in Tiefdruck, etwa von Jacinto Salvado. Gerne hätte Kübler das Du durch nicht nur beratende Hilfe von Flüchtlingen und Migranten noch stärker politisiert, wie er 1957 bei seinem Abgang bedauerte. Immerhin aber befragte er Flüchtlinge mit 145 Fragebogen nach ihrer Lieblingslektüre, aber die Flüchtlinge schreckten vor den Fragebogen oft zurück, sie vermuteten hinterhältige Absichten, bis sie endlich Auskunft gaben über ihre weiten Interessensfelder, ihre geistige Gemeinschaft mit uns. „Welche Art Lektüre und welche Bücher im einzelnen möchten Sie lesen?“ Und „warum?“ (Link, PDF) Eine Frage, die vielleicht der Literaturclub vom 8. März mit Nora Gomringer unter dem Titel „Fluchtwege“ für heute beantworten wird.

„Wie konnte es kommen, dass diese Weltanschauung des Du uns fremd geworden ist?“ – fragte das Du und kritisierte sogar den Landi-Geist von 1939: „Die Herrschaft der ichbezogenen Weltanschauung hat ganze Völker in ihr Ich zerbröckeln lassen.“ (Link, PDF) Von der Gegenwartskritik flüchtet das Magazin in die Zukunft des Jahres 2400 unter dem Titel HOMO MIGRANS, um ein zwiespältiges Lob über die Schweiz auszusprechen: „Dieses ‚Sprechen miteinander‘, dessen erste Anfänge man bis ins zwanzigste Jahrhundert zurück bis zu einer Helvetischen Aktion: ‚me muess halt rede mitendand‘, zurückverfolgen kann, trug zu einer neuen Verbindung von Mensch zu Mensch am meisten bei.“ (Link, PDF) Vielleicht müssen wir diesen Satz so wenig durch die Nennung des „einundzwanzigsten Jahrhunderts“ korrigieren wie Dieter Bachmanns Verweis auf den Geist, aus dem das Du geboren wurde und bereits damals, noch ohne Querfinanzierung durch Parteikollegen, den Kern der Blocher-Sammlung den Lesern in Farbe und Tiefdruck präsentierte.


Dieser Artikel schreibt zwei Texte fort, die zuerst auf kunstundpolitik.ch (Oktober 2015) sowie als Kolumne im Journal #7 des Schauspielhauses Zürich (Januar 2016) erschienen sind.