KI Slop ist überall. Übernimmt KI die öffentliche Sphäre? Bestimmt sie den Diskurs? Die einfache Antwort auf diese Frage ist: Nein! KI ist nicht und wird nicht autonom, aber Menschen nutzen diese Technologien, um damit den öffentlichen Diskurs in ihrem Sinne zu prägen. Felix Stalder mit einer medientheoretischen Analyse über den Einfluss KI-generierter Bilder auf öffentliche Debatten.

  • Felix Stalder

    Felix Stalder ist Professor an der Zürcher Hochschule der Künste und leitet aktuell das Forschungsprojekt "Latent Spaces: Performing Ambiguous Data" (2021-24). Er ist auch Vorstandsmitglied des World Information Institute in Wien, Mitglied des freien Forschungsprojekt "Technopolitics" und langjähriger Moderator der internationalen Mailingliste/Fediverse Instanz . Zuletzt erschienene Bücher: Der Autor am Ende der Gutenberg Galaxis (2014), Kultur der Digitalität (2016), Aesthetics of the Commons (2021), Digital Unconscious (2021) und From Commons to NFTs (2022). Website: felix.openflows.com

KI Slop ist überall. Über­nimmt KI die öffent­liche Sphäre? Bestimmt sie den Diskurs? Die einfache Antwort auf diese Frage ist: Nein! KI ist nicht und wird nicht autonom, aber Menschen nutzen diese Tech­no­lo­gien, um damit den öffent­li­chen Diskurs in ihrem Sinne zu prägen.

Eine etwas diffe­ren­zierte Antwort muss aber lauten: KI schreibt mit! Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern nimmt eine Erfah­rung von Fried­rich Nietz­sche mit seiner schlecht funk­tio­nie­renden Schreib­ma­schine auf, der 1882 in einem Brief fest­stellte: „Unser Schreib­zeug arbeitet mit an unseren Gedanken.

Tech­no­lo­gien, so lässt sich Nietz­sches oft zitierter Satz verstehen, verän­dern die Voraus­set­zungen des Denkens (und des Handelns). Marshall McLuhans berühmte Formel dafür lautete: „the medium is the message“. Medien trans­por­tieren nicht nur Ideen und Inhalte, sondern prägen grund­sätz­lich die Bedin­gungen ihrer Arti­ku­la­tion. Dies wird in Zeiten medialen Wandels beson­ders sichtbar: Das galt für Nietz­sche, als er von der Feder zur Schreib­ma­schine zu wech­seln versuchte, und es gilt für uns, die wir uns mit neuen Formen des Medi­en­wan­dels befassen müssen. Damit stellt sich die Frage, wie KI am öffent­li­chen Diskurs mitschreibt – und wie wir diese Art und Weise des Mitschrei­bens beein­flussen können.

Klas­si­fi­ka­tion und Regres­sion. Grund­ope­ra­tionen der KI

Beginnen wir mit der einfachsten Frage: Wie funk­tio­niert die aktuell domi­nante Form der KI? Tech­nisch gesehen berechnet sie die Wahr­schein­lich­keit einer Annahme („auf diesem Bild ist eine Katze“), auf Basis eines statis­ti­schen Verhält­nisses einer Viel­zahl von meist unbe­kannten Varia­blen, die aus einem oft unüber­schaubar großen Daten­satz extra­hiert wurden.

Zudem verfügt sie über Mecha­nismen, sich selbst zu verbes­sern, indem die Vorher­sage mit dem beob­ach­teten Ereignis abge­gli­chen wird („auf dem Bild ist tatsäch­lich eine Katze“). Es geht also, in aller Kürze, um die Wahr­schein­lich­keit, mit der eine Aussage als richtig ange­nommen werden kann. Egal wie die Daten­lage auch aussieht, die errech­nete Wahr­schein­lich­keit ist immer größer als 0 % und immer kleiner als 100 %. Ein Rest an Unsi­cher­heit bleibt immer.

Dabei lassen sich im Wesent­li­chen zwei Arten von Aussagen unter­scheiden: Klas­si­fi­ka­tion und Vorhersage.

Gene­ri­sche Streu­dia­gramme (scatter plots) für Klas­si­fi­ka­tion (links) und Vorher­sage (rechts), Quelle: Dey, Sankhya. “LINEAR REGRESSION:A Machine Lear­ning Algo­rithm.” The Startup, July 4, 2020.

Klas­si­fi­ka­tion heißt, dass einem an sich bedeu­tungs­losen Muster eine Bedeu­tung zuge­wiesen wird: Dieses Muster an Pixeln stellt mit Wahr­schein­lich­keit X eine Katze dar. Auch hier gilt: Die Wahr­schein­lich­keit ist tech­nisch gesehen nie 100 %. Im Fall des obigen Streu­dia­gramms ist die Wahr­schein­lich­keit, dass ein Punkt rechts der Linie dunkel­grün (und nicht hell­grün) ist, etwas mehr als 75 %. Wie hoch die Wahr­schein­lich­keit X – der soge­nannte Schwel­len­wert (thres­hold) – sein muss, damit ein System die Antwort als „richtig“ akzep­tiert, wird beim System­de­sign fest­ge­legt. Das Gesamt­ergebnis muss am Ende einfach „gut genug“ sein.
Bei der Vorher­sage wiederum geht es darum, eine unbe­kannte Variable von einer bekannten Variable abzu­leiten – etwa die wahr­schein­liche Körper­größe auf Grund­lage des gemes­senen Körper­ge­wichts. Dazu misst man zunächst beide Werte und trägt sie in eine Matrix ein, das Gewicht auf der X-Achse, die Größe auf der Y-Achse. Die Regres­sion redu­ziert die entste­hende Punkt­wolke auf eine Linie, aus der sich nun zu jedem beob­acht­baren Gewicht – jedem X-Wert – die entspre­chende Größe – der Y-Wert – „vorher­sagen“ lässt. Ob dabei ein Korrelations- oder ein Kausa­li­täts­ver­hältnis vorliegt, ist mathe­ma­tisch gesehen ununterscheidbar.

Lernen bedeutet in diesem Rahmen: Jede neue Beob­ach­tung wird zur Grund­lage genommen, die Wahr­schein­lich­keit einer Aussage neu zu berechnen. Mit jeder neuen Berech­nung verschiebt sich die Linie, die das Streu­dia­gramm durch­zieht, ein kleines Stück, bis die Pass­form in den Augen der Systementwickler:innen, bezie­hungs­weise ihrer Auftraggeber:innen, bezie­hungs­weise gemäß den gesetz­li­chen Vorgaben, wenn es denn solche gibt, gut genug ist.

Korre­la­tionen: Epis­te­mo­logie der KI

Corre­la­tion, Quelle: https://xkcd.com/552

Korre­la­tion ist nicht Kausa­lität – diesen Satz kennt jede und jeder, der oder die je mit Wissen­schaft in Berüh­rung gekommen ist. Die moderne Wissen­schaft zielt auf kausale Erklä­rungen ab. A ist die Ursache für B. Durch dieses Wissen ergibt sich die Möglich­keit der Vorher­sage, wenn A, dann B.

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Das epis­te­mi­sche Verspre­chen der KI ist ein anderes. Man könnte es so formu­lieren: Aus einer Viel­zahl an Korre­la­tionen ergibt sich die best­mög­liche Vorher­sa­ge­wahr­schein­lich­keit. Der entschei­dende Punkt hier ist die große Menge an beob­ach­teten Korre­la­tionen, die im Einzelnen weder nach­voll­ziehbar noch unmit­telbar sinn­haft sein müssen, in der Summe aber eine Aussage ermög­li­chen sollen. Dabei wird die Erklä­rung zu Gunsten der Vorher­sage fallen­ge­lassen. Statt einer Aussage vom Typ „Wenn A dann B“ erhalten wir solche vom Typ „Es besteht eine x % Wahr­schein­lich­keit, dass B eintritt, warum auch immer“. Die Gültig­keit solcher Vorher­sagen ist dabei stets zeit­lich begrenzt: Sie gilt nur so lange, bis sie auf Basis neuer Daten neu berechnet wird. In der Finanz­in­dus­trie, in der viele dieser mathe­ma­ti­schen Verfahren ursprüng­lich entwi­ckelt wurden, kann der zeit­liche Hori­zont auf Sekun­den­bruch­teile zusammenschrumpfen.

Diese Form der Erkennt­nis­ge­win­nung hat einige Stärken. Viel­leicht die größte: Lernen, in dem hier beschrie­benen Sinn, lässt sich auto­ma­ti­sieren – Algo­rithmen können sich selbst anpassen. Damit können Aussagen auf Grund­lage unvoll­stän­diger Daten gemacht werden, die sich mit dem Eintreffen neuer Daten konti­nu­ier­lich verän­dern, idea­ler­weise verbes­sern. Auch lassen sich so Aussagen zur Wahr­schein­lich­keit nicht wieder­hol­barer Ereig­nisse treffen („Der Kurs einer Aktie wird in den nächsten 10 Sekunden steigen.“). Und man kann Aussagen über Systeme machen, deren innere Struktur als Blackbox nicht beob­achtbar oder zu komplex und dyna­misch für eine Analyse ist.

Diesen Stärken stehen jedoch ebenso bedeu­tende Schwä­chen gegen­über. Eben weil das System lern­fähig ist, ändern sich Aussagen fort­lau­fend und sie sind mehr­fach kontin­gent: in Bezug auf die Daten­lage, die Ausgangs­hy­po­these und den einge­stellten Schwel­len­wert, der eine Aussage als verläss­lich einstuft. Und das ist viel­leicht die grund­le­gendste Einschrän­kung: Mit dieser Methode lässt sich nicht zwischen Wahr­schein­lich­keiten und Tatsa­chen unter­scheiden. Wahr­heit wird subjektiv: wahr genug, um zu handeln. Wertpapierhändler:innen wollen die Börse nicht analy­tisch erfassen, sondern zum rich­tigen Zeit­punkt kaufen oder verkaufen, basie­rend auf dem eigenen Risikoprofil.

Diese Form der KI hallu­zi­niert, im Sinne der fehlenden Unter­schei­dung zwischen Wahr­schein­lich­keit und Fakti­zität, immer. Nur dass in vielen Fällen der statis­ti­sche Output den mensch­li­chen Rezipient:innen als richtig erscheint. Nur lässt sich eben nicht vorher­sagen, in welchen Fällen das so ist. Deshalb wird die „Intel­li­genz“ der KI oft als zerklüftet (jagged) bezeichnet. Spitzen und Täler liegen oft, in nicht vorher­seh­barer Weise, sehr nahe beiein­ander. Das ist kein Fehler dieser Systeme, sondern eine der Grund­ei­gen­schaften der „konnek­tio­nis­ti­schen KI“ zu der alle heute domi­nanten LLMs und Diffu­si­ons­mo­delle gehören.

Analy­tisch, gene­rativ, agentisch

Aus dieser grund­le­genden Funk­ti­ons­weise – der Berech­nung von Wahr­schein­lich­keiten auf Basis multi­pler Korre­la­tionen – wurde in den letzten 15 bis 20 Jahren ein ganzes Spek­trum an Anwen­dungen entwi­ckelt, das sich ideal­ty­pisch in drei Grund­typen einteilen lässt: analy­ti­sche, gene­ra­tive und agen­ti­sche KI. Diese Unter­schei­dung ist dabei nicht in erster Linie eine tech­ni­sche, der entschei­dende Unter­schied liegt viel­mehr im Anwen­dungs­feld. Er zeigt sich am deut­lichsten daran, welcher Aussa­ge­typus jeweils produ­ziert wird.

Analy­ti­sche KI macht Aussagen über Muster, die in den Daten bereits vorhanden sind. Klas­si­sche Beispiele sind die opti­sche Zeichen­er­ken­nung oder die quan­ti­ta­tive Text­ana­lyse. Die Aussage, die hier erzeugt wird, ist eine faktisch-analytische: Sie ist entweder richtig oder falsch. Ein Bild stellt den Buch­staben „S“ dar oder nicht. Analy­ti­sche Systeme sind dabei in aller Regel auf klar umris­sene Aufga­ben­felder zuge­schnitten. Ein Programm, das darauf trai­niert ist, Buch­staben zu erkennen, kann keine Katzen identifizieren.

Gene­ra­tive KI setzt an einem anderen Punkt an. Auch sie beruht auf der Analyse von Mustern in Daten, geht jedoch einen Schritt weiter. Auf der Basis bestehender Muster erzeugt sie neue, ähnliche Muster. Das Neue entsteht durch kontrol­lierte Momente des Zufalls – weshalb es nur bedingt vorher­sehbar und grund­sätz­lich nicht wieder­holbar ist. Damit verschiebt sich auch der Maßstab, an dem man das Ergebnis misst. Es geht nicht mehr um analy­ti­sche Krite­rien, sondern um normativ-ästhetische. Sie lauten entspre­chend nicht mehr „richtig oder falsch“, sondern „gelungen oder miss­lungen“, „schön oder hässlich“.

Die dritte Form ist die agen­ti­sche KI. Auch sie geht von der Analyse vorhan­dener Muster aus, nutzt diese aber, um Verän­de­rungen in der externen Welt vorzu­nehmen. Das Para­de­bei­spiel ist das selbst­steu­ernde Auto: Das Modell verän­dert die Bewe­gung des Fahr­zeugs, beob­achtet die Reak­tionen der Umwelt und leitet daraus den nächsten Eingriff ab. Das Krite­rium, mit dem das Handeln dieser Form der KI beur­teilt wird, ist funktional-teleologisch: Wurde das Ziel erreicht?

Für die Frage der gene­rierten Bilder ist vor allem der Über­gang vom ersten zum zweiten Typus von Bedeu­tung. Wo analy­ti­sche KI noch an einem – wenn auch statis­tisch erzeugten – Maßstab von richtig und falsch gemessen werden kann, entzieht sich gene­ra­tive KI dieser Bewer­tung, denn es geht um normativ-ästhetische Urteile. Genau das macht sie, wie sich zeigen wird, für die Frage des öffent­li­chen Diskurses so voraussetzungsreich.

Zeichen und Signale. Gene­rierte Bilder im öffent­li­chen Diskurs

Viele Kommu­ni­ka­ti­ons­ka­näle werden aktuell über­flutet mit gene­rierten Bildern. Manche sind von klas­si­schen Fotos kaum zu unter­scheiden, andere klar als solche erkennbar. Doch für beide gilt: Sie sind keine Abbilder einer externen Welt. Was in diesem Zusam­men­hang als „Realismus“ firmiert, verweist folg­lich nicht auf ein Verhältnis zur Realität, sondern auf ein Set visu­eller Reprä­sen­ta­tionen und Konven­tionen, die das Modell repro­du­ziert, ohne sich dabei je auf etwas außer­halb seiner selbst zu beziehen.

Was wir also tatsäch­lich vor uns haben, wenn wir ein gene­riertes Bild betrachten, sind statis­ti­sche Verhält­nisse: Die am häufigsten auftre­tenden Muster eines Daten­satzes werden zu einer neuen Konfi­gu­ra­tion verdichtet, die es in dieser Form empi­risch nicht gibt. Man könnte dieses Verfahren, in Anleh­nung an Max Weber, als Bildung eines Ideal­typus beschreiben. Ähnlich wie Webers Ideal­typus, der ja in seiner begriff­li­chen Rein­heit auf keine konkrete Erschei­nung mehr zutrifft, stei­gern gene­rierte Bilder einseitig bestimmte Regel­mä­ßig­keiten eines Daten­satzes und verdichten sie zu einem in sich stim­migen, aber nicht-indexikalischen Bild. Wo Weber jedoch den Ideal­typus ledig­lich als analy­ti­sches Hilfs­mittel betrach­tete, ist das gene­ra­tive Bild das Endpro­dukt: Es verharrt in der reduk­tio­nis­ti­schen Klar­heit des „Ideals“, das in einem kontra­fak­ti­schen Verhältnis zur empi­ri­schen Wirk­lich­keit steht.

Quelle: Truth Social, 26.02.2025 (/posts/114068387897265338)

Gene­ra­tive Bilder greifen auf Daten und Muster der Vergan­gen­heit zurück, um daraus poten­zi­elle Zukünfte zu entwerfen: Dinge, die es – noch – nicht gibt, die es aber geben könnte. Die Ziel­rich­tung der Bilder weist damit, bei aller Rück­wärts­ge­wandt­heit ihres Ausgangs­ma­te­rials, letzt­lich auf ein utopi­sches (oder auch dysto­pi­sches) Anderswo hin. Die poli­ti­sche Wirkung dieser Bilder im öffent­li­chen Diskurs ist die Kolo­ni­sie­rung der Zukunft durch die Steue­rung der Imagination.

Viele werden sich an das soge­nannte „Trump-Gaza“-Video erin­nern. Niemand wird es mit der Wirk­lich­keit verwech­seln. Es behauptet auch nicht, die Wirk­lich­keit darzu­stellen, sondern entwirft eine visuell konkrete Zukunft des Gaza­strei­fens, in eine Situa­tion hinein, in der niemand weiß, wie diese aussehen könnte. Dass dabei das größte Hindernis dieser Vision, die dafür notwen­dige gezielte ethni­sche Säube­rung, bereits als fait accompli in der Vergan­gen­heit liegt, ist Teil des Programms. Und dass so viele von uns sich so gut an dieses Video erin­nern können, obwohl wir in der Zwischen­zeit tausende weitere gesehen haben, spricht für die Macht seiner Wirkung. Als Teil einer poli­ti­schen Stra­tegie wird die Zukunft hier vorweg­ge­nommen, mit dem Ziel, eine spezi­fi­sche Version denk- und handelbar zu machen. Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist keine faktisch-analytische, sondern eine normativ-ästhetische und damit poli­ti­sche: Wollen wir diese Zukunft?

Scrollen statt Lesen

Das von Trump geteilte Video sagt nicht mehr als „Gaza wird Dubai“. Es ist Slop. Aber diese klischee­hafte Simpli­fi­ka­tion ist genau ihre Stärke, denn diese Bilder (und Videos) sind nicht zum genauen Lesen, sondern zum beiläu­figen Scrollen gemacht. Im Kontext sozialer Medien werden gene­rierte, wie inde­xi­ka­li­sche Bilder in einer solchen Menge und mit einer solchen Geschwin­dig­keit verbreitet, dass eine inhalt­liche Lektüre im eigent­li­chen Sinn kaum mehr statt­finden kann. Statt­dessen werden sie über ihren unmit­tel­baren affek­tiven Gehalt rezi­piert. Bedeu­tung entsteht, wenn über­haupt, nicht mehr aus dem einzelnen Bild, sondern über Muster­er­ken­nung im Sinne von Wieder­ho­lung und Diffe­renz über die Viel­zahl der Bilder hinweg, die durch den Feed rauschen.

Diese Muster­er­ken­nung findet dabei in zwei­fa­cher Hinsicht statt: zum einen auf der Ebene der algo­rith­mi­schen Filte­rung, die Produzent:innen im Auge behalten müssen, wenn ihre Bilder über­haupt zirku­lieren sollen; zum anderen auf der Ebene der Rezep­tion durch Nutzer:innen, die sich durch endlose Feeds scrollen. Aus dem Zusam­men­spiel dieser beiden Ebenen entsteht etwas, das man algo­rith­mi­sche Konfor­mität nennen könnte – die ewig glei­chen, doch im Detail immer wieder anders vari­ierten Bilder schöner Menschen, groß­ar­tiger Reisen, perfekter Wohnungen, oder eben eines Gaza­strei­fens, der aufblüht wie Dubai. Diese Konfor­mität wurde auf Platt­formen wie Insta­gram seit vielen Jahren eingeübt; die gene­ra­tive KI trifft inso­fern auf bereits ideal vorstruk­tu­rierte Bildkulturen.

Damit verän­dert sich aber die Wirkungs­weise der Bilder grund­le­gend. Semio­tisch gespro­chen verschiebt sich das Gewicht weg vom Zeichen­cha­rakter des Bildes – also von Fragen der Bedeu­tung – hin zum Signal­cha­rakter. Signale wurden in der Semiotik lange vernach­läs­sigt. Es war vor allem Félix Guat­tari, der neben bedeu­tungs­ge­ne­rie­renden, signi­fi­kanten Zeichen die Wich­tig­keit der affekt- bzw. hand­lungs­ge­ne­rie­renden, a-signifikanten Signale betonte. Beide Dimen­sionen sind immer vorhanden, können aber in ihren rela­tiven Gewichten stark vari­ieren. Während erstere über das Bewusst­sein vermit­telt sind und auf eine Bezeich­nung, einen Sinn, zielen, docken letz­tere unmit­telbar an den Körper an, ohne den Umweg über Bewusst­sein und Bedeu­tung zu nehmen. Mit anderen Worten produ­zieren sie also nicht in erster Linie Sinn, sondern vor allem Affekte, Begeh­rens­weisen, Emotionen, Wahr­neh­mungen. Auch hier werden zwar Bilder einge­setzt, doch nicht, um Sinn oder Bedeu­tung hervor­zu­bringen, sondern um eine Hand­lung, eine Reak­tion, ein Verhalten, eine Haltung auszulösen.

Das Ziel ist demnach nicht Indok­tri­na­tion, sondern Muster­ver­stär­kung. Wir befinden uns damit nicht mehr im Feld der klas­si­schen Propa­ganda, die noch auf Über­zeu­gung, also auf Bedeu­tung, zielte, sondern im Feld einer Infor­ma­ti­ons­theorie, die bekannt­lich ohne Semantik auskommt. Das Resultat lässt sich als eine Art „Vibe Shift“ beschreiben: Die Zukunft, und mit ihr auch die Gegen­wart, fühlt sich plötz­lich anders an, ohne dass sich dies auf eine einzelne Aussage zurück­führen ließe. Wenn wir von „Slop“ spre­chen, meinen wir für gewöhn­lich den redu­zierten seman­ti­schen Gehalt solcher Bilder als Zeichen. Wir über­sehen dabei aber leicht, dass sie über eben diese Reduk­tion, in Verbin­dung mit ihrer Geschwin­dig­keit und Wieder­ho­lung, gerade an Signal­cha­rakter gewinnen und darüber ihre eigent­liche Wirkung entfalten.

Die sozialen Medien sind, was Produk­tion und Rezep­tion betrifft, die ideale Umge­bung für gene­rierte Inhalte und deren Beto­nung der Signal­di­men­sion. Oder, wie es der Podcaster Vijay­endra Mohanty kürz­lich formu­lierte: „Social media is a fire, AI is kero­sene“. Tech­no­lo­gisch lässt sich die Produk­tion von Signalen leicht skalieren, sei es aus kommer­zi­ellen, sei es aus propa­gan­dis­ti­schen Motiven, wobei sich beide in der Praxis oft kaum trennen lassen. Was wir mit KI-generierten Inhalten also erleben, ist im Kern die Auto­ma­ti­sie­rung der Signal­pro­duk­tion inner­halb einer algo­rith­mi­schen Umge­bung, die schon vor der gene­ra­tiven KI primär auf Affekt-generierende Signale, nicht auf Bedeutungs-generierende Zeichen ausge­legt war.

Die Gestal­tung des Mitschreibens

Auch wenn man annimmt, dass Medien am Denken mitschreiben, und dass KI die Konsti­tu­tion von Öffent­lich­keit verän­dert, so heißt das nicht, dass hier ein tech­no­lo­gi­scher Deter­mi­nismus am Werk ist. Tech­no­lo­gien werden erst über die Einbet­tung in gesell­schaft­liche Prozesse wirkungs­mächtig. Die Frage ist also, wie sie einge­bettet werden sollen, um den demo­kra­ti­schen öffent­li­chen Diskurs nicht noch weiter zu schwä­chen. Klare Antworten darauf kann ich an dieser Stelle nicht anbieten, aber zumin­dest drei Felder benennen, auf denen ich indi­vi­du­elle und gesell­schaft­liche Hand­lungs­mög­lich­keiten sehe.

Erstes Feld: Anwen­dung und Grenzen der algo­rith­mi­schen Epistemologie

Wenn wir KI, wie ich es hier vorge­schlagen habe, als eine spezi­fi­sche Epis­te­mo­logie verstehen, dann stellt sich unmit­telbar die Frage, für welche Felder und für welche Probleme diese Epis­te­mo­logie über­haupt ange­messen ist. Meine Vermu­tung ist, dass korre­la­ti­ons­ba­sierte Verfahren dort am viel­ver­spre­chendsten sind, wo sie sich auf klar umris­sene Anwen­dungs­ge­biete mit guter Daten­lage beschränken, also tenden­ziell im Bereich der analy­ti­schen Anwendungen.

Anstelle der Vision einer KI für alle Zwecke sollten wir uns folg­lich für die Erhal­tung epis­te­mi­scher Viel­falt einsetzen: für ein Neben­ein­ander unter­schied­li­cher, jeweils an ihren Gegen­stand ange­passter Erkennt­nis­ver­fahren, deren Methoden und sozialen Formen der Verhand­lung und Vermitt­lung, anstatt eines einzigen, univer­sell bean­spruchten. Es braucht eben nicht nur die Infor­matik, sondern viel­fäl­tige wissen­schaft­liche und künst­le­ri­sche Erkenntnisweisen.

Zweites Feld: Die Ebene der Zeichen. Kenn­zeich­nung und Verantwortlichkeit

Ein zweiter Ansatz­punkt liegt auf der Ebene der Lesbar­keit, das heißt der Zeichen. Das bedeutet zunächst, dass man versu­chen kann, gene­rierte Bilder als solche durch Kenn­zeich­nung zu iden­ti­fi­zieren. Dazu gibt es frei­wil­lige Ansätze der Tech-Firmen, deren prak­ti­scher Nutzen aber sehr limi­tiert ist. Doch selbst wenn, wie im EU AI Act (Art 50.2) gefor­dert, eine verbind­liche Kenn­zeich­nungs­pflicht für KI-generierte Inhalte umge­setzt werden sollte, hilft diese nichts gegen­über jenen, die eine solche Kenn­zeich­nung aktiv umgehen wollen. Und sie trägt nichts zur Frage der Steue­rung der Imagi­na­tion bei, die sich ja gerade nicht auf der Ebene der Zeichen, sondern auf jener der Signale abspielt.

Ein verwandter, aber unter­schied­li­cher Ansatz­punkt setzt bei der inhalt­li­chen Verant­wor­tung für den gene­rierten Output an. Im Mai 2026 entschied das Land­ge­richt München I, dass Google als Unter­nehmen für die Inhalte der KI-Zusammenfassungen von Such­re­sul­taten („AI Over­view“) verant­wort­lich ist und für darin enthal­tene Falsch­aus­sagen haftet. Wie genau dieses Urteil ausge­staltet wird, ist noch offen. Dieser Weg funk­tio­niert aller­dings nur dort, wo sich der Output eines Systems über­haupt am Maßstab von richtig und falsch beur­teilen lässt, also im Bereich der analy­ti­schen KI. Für gene­rierte Bilder, deren Aussagen primär normativ-ästhetischer Natur sind, greift dieses Modell der Verant­wort­lich­keit kaum.

Drittes Feld: Die Ebene der Signale. Geschäfts­mo­dell der sozialen Medien

Da die Signal­ebene der Bilder für ihre gesell­schaft­liche Wirkung von entschei­dender Bedeu­tung ist, müssen wir an den Mecha­nismen ihrer Zirku­la­tion ansetzen. Solange soziale Medien ihr Geschäfts­mo­dell auf affek­tives Enga­ge­ment ausrichten, wird die Signal­ebene der Bilder die Ebene der Zeichen struk­tu­rell dominieren.

Die Frage ist also, wie ein solcher Eingriff aussehen könnte. Es ist sogar für die EU sehr schwierig, die US-amerikanisch domi­nierten sozialen Medien regu­la­to­risch von diesem Geschäfts­mo­dell abzu­bringen oder es auch nur rele­vant zu beschneiden. Was aber offen­steht, ist, uns von diesen Platt­formen unab­hän­giger zu machen. Aktuell wird viel von digi­taler Souve­rä­nität gespro­chen, ohne dass eine klare Stra­tegie oder wirk­li­cher poli­ti­scher Wille erkennbar wäre. Dabei wäre es drin­gend geboten, an anderen Prin­zi­pien orien­tierte Alter­na­tiven zu entwi­ckeln oder die bereits exis­tie­renden Ansätze (etwa das dezen­trale Fedi­verse) konse­quenter auszu­bauen. Ein solches Vorhaben zu forcieren, ist gewiss nicht einfach. Mögli­cher­weise ist der Zeit­punkt dafür aber, Trump und Musk sei Dank, güns­tiger, als es noch vor kurzem den Anschein hatte.

Welche Rolle gene­ra­tive KI im öffent­li­chen Diskurs spielen wird, liegt nicht (nur) an der Verfasst­heit der KI selbst, sondern viel­mehr auch an den gesell­schaft­li­chen Rahmen­be­din­gungen, unter denen sie in soziale Prozesse einge­bettet wird. Und diese haben wir selbst in der Hand.

Dieser Text ist eine stark über­ar­bei­tete Fassung des Eröff­nungs­vor­trags, den Felix Stalder im Juni 2026 bei der Tagung „Schreibt KI Geschichte? an der Gedenk- und Bildungs­stätte Haus der Wann­see­kon­fe­renz gehalten hat.