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  • Margarita Lerman studierte Übersetzungswissenschaft und Konferenzdolmetschen an den Universitäten Leipzig, Concepción und Havanna. Aktuell beendet sie ihren MA European Studies in Leipzig und Jerusalem. Seit 2016 ist sie in der wissenschaftlichen Redaktion des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow tätig.

Als die israe­li­sche Kultur- und Sport­mi­nis­terin Miri Regev im Herbst 2017 für einen Fami­li­en­ur­laub nach Kuba reiste, berich­teten israe­li­sche Zeitungen inter­es­siert von dem Besuch. Übli­cher­weise erfahren die Urlaubs­pläne von Politiker:innen wenig Aufmerk­sam­keit; das Land, das sie besuchte, hatte jedoch vor mehr als vierzig Jahren, im September 1973, seine diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zu Israel abge­bro­chen und bis dato nicht wieder aufge­nommen. Im Allge­meinen gilt Kubas Verhältnis zu Israel bis 1973 als „freund­schaft­lich“ bis „neutral“. In diesem Zusam­men­hang wird häufig auf die vermeint­liche Abwe­sen­heit von Anti­se­mi­tismus in dem Land rekur­riert – so gibt es keine Berichte über anti­jü­di­sche Ausschrei­tungen im Rahmen der revo­lu­tio­nären Unruhen seit 1953 oder danach und keine der fünf Synagogen in Havanna wurde nach Castros Sieg 1959 geschlossen. Dementspre­chend wird der diplo­ma­ti­sche Bruch als eine rein geopo­li­ti­sche Geste in Rich­tung der arabi­schen Staaten inter­pre­tiert. Die Bericht­erstat­tung in der Granma, dem Kommu­ni­ka­ti­ons­organ des Zentral­ko­mi­tees der Kommu­nis­ti­schen Partei Kubas und der aufla­gen­stärksten Zeitung der Insel, zeichnet jedoch ein anderes Bild der kubanisch-israelischen Bezie­hungen.

Diplo­ma­ti­scher Balan­ceakt

Israels UNO-Botschafter Chaim Herzog 1975 in der UN-Vollversammlung; Quelle: Post.com

Vor 45 Jahren, im November 1975, verab­schie­dete die Gene­ral­ver­samm­lung der Vereinten Nationen die bis 1991 gültige Reso­lu­tion 3379, in der Zionismus als eine Form des Rassismus gebrand­markt wurde. In der Liste der Befür­worter des Beschlusses sticht Kuba heraus: Es ist das einzige latein­ame­ri­ka­ni­sche Land, das für die Reso­lu­tion stimmte. Dabei begannen die zwischen­staat­li­chen Bezie­hungen mit Israel viel­ver­spre­chend.

Israel gehörte 1960 zu den ersten Ländern, die die revo­lu­tio­näre Regie­rung Kubas aner­kannten. Zwischen den beiden Staaten exis­tierten Koope­ra­tionen in der Land­wirt­schaft, Che Guevara bewun­derte die Kibbuz-Bewegung für ihr agrar­so­zia­lis­ti­sches Ethos und der israe­li­sche Botschafter zu Panama und Haiti, Morde­chai Arbell, besuchte Havanna sogar kurz nach der geschei­terten Inva­sion in der Schwei­ne­bucht, die Kubas Sorge vor einer mili­tä­ri­schen Einfluss­nahme der USA auf der Insel hatte wahr werden lassen. Entspre­chend gab es Bemü­hungen, bila­te­rale Bezie­hungen zwischen den Ländern aufzu­bauen. Mitte der 1960er Jahre verschärften sich jedoch zuse­hends die Konflikt­li­nien des Kalten Krieges, der letzt­end­lich den wesent­li­chen Faktor für das kubanisch-israelische Verhältnis darstellte: Israel und der Groß­teil der Länder Latein­ame­rikas orien­tierten sich tradi­tio­nell an den USA, wohin­gegen sich arabi­sche Staaten zuneh­mend in der Block­freien Bewe­gung orga­ni­sierten, zu deren Grün­dungs­mit­glie­dern auch Kuba gehörte. Diese näherte sich spätes­tens in den 1970er Jahren stärker der Sowjet­union an, als sich mehr und mehr der dort vertre­tenen Ländern von der Theorie der „zwei Impe­ria­lismen“ (einer von Westen und einer von Osten) abwandten.

Che Guevara in Algier, 1965; Quelle: twitter.com

Obwohl Kuba und Israel also schon bald nach der Aufnahme diplo­ma­ti­scher Bezie­hungen riva­li­sie­renden Blöcken ange­hörten, fand das Verhältnis zu Israel in den ersten Jahren nach der kuba­ni­schen Revo­lu­tion nur wenig öffent­liche Aufmerk­sam­keit. Guevara etwa nahm bei einer Konfe­renz in Alge­rien 1965 nur indi­rekt auf das Land Bezug, als er vom „helden­haften Volk Paläs­tinas“ sprach, das „Nein!“ sage „zum impe­ria­lis­ti­schen Feind“. Deut­li­cher wurde eine „Reso­lu­tion zum arabisch-israelischen Konflikt“, die im Januar 1966 im Rahmen der in Havanna abge­hal­tenen Confe­rencia Tricon­ti­nental verab­schiedet wurde. Diese Konfe­renz, zu der auch Abge­sandte der Pales­tine Libe­ra­tion Orga­niz­a­tion (PLO) einge­laden waren, brachte Dele­gierte natio­naler Befrei­ungs­be­we­gungen des globalen Südens in der kuba­ni­schen Haupt­stadt zusammen.

In der Reso­lu­tion wurde der „zionis­ti­sche Emigran­ten­staat“ als „Bedro­hung für die Entwick­lung des Fort­schritts“ im Nahen Osten bezeichnet; und die Teil­neh­menden wurden dazu aufge­rufen, „ihre Anstren­gungen zu verdop­peln, um die zionis­ti­sche Infil­trie­rung und Durch­drin­gung ihrer jewei­ligen Länder zu bekämpfen und die Abkommen mit Israel aufzu­kün­digen“. Trotz der klaren Worte traten kuba­ni­sche Funk­tio­näre nach dem Ende der Konfe­renz an den Dele­gierten Israels auf der Insel, Shlomo Lavav, heran, um ihm zu versi­chern, dass sich Kuba dieser Reso­lu­tion nicht verpflichtet fühle, da es sich um eine Konfe­renz von Parteien und nicht von Staaten gehan­delt habe. Diese argu­men­ta­tive Schein­dif­fe­renz verdeut­licht den Balan­ceakt, den Kuba zwischen Soli­da­ri­sie­rung mit dem tercer­mun­dismo, der außen­po­li­ti­schen Konzen­tra­tion auf die soge­nannte Dritte Welt, einer­seits und der Akzep­tanz Israels ande­rer­seits in den 1960er Jahren noch versuchte.

Das Schick­sals­jahr 1967

Israe­li­sche Truppen rücken auf die Golan­höhen in Syrien vor; Quelle: welt.de

Der Sechs­ta­ge­krieg 1967 markierte einen Wende­punkt. Kurz nach Kriegs­ende rich­tete sich der stän­dige Vertreter Kubas bei den Vereinten Nationen, Ricardo Alarcón, erst­mals direkt an Israel. In seiner Rede vor der Gene­ral­ver­samm­lung nannte er den israe­li­schen Präven­tiv­schlag gegen Ägypten einen „Über­ra­schungs­an­griff, sorg­fältig im Vorfeld im Nazi-Stil geplant“. Auch in der Granma war mehr­mals, so beispiels­weise am 15. Juni 1967, von einem „Angriff im Nazi-Stil“ und von der Verwen­dung der „glei­chen Methoden des Blitz­kriegs [wie] Hitler­deutsch­land“ die Rede.

Die Paral­le­li­sie­rung mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land ermög­lichte es, ein etabliertes Feind­bild auf den israe­li­schen Staat zu über­tragen; der von Deut­schen an Juden began­gene Völker­mord und dessen Zusam­men­hang mit dem jüdi­schen Staat fand dabei – wie auch in der Bericht­erstat­tung der Granma insge­samt – keinerlei Erwäh­nung. Am selben Tag erklärte die Zeitung den arabi­schen Ländern kämp­fe­risch, dass Angst und Feig­heit vor Hitler der Grund für den Kriegs­aus­bruch gewesen seien und deswegen in der aktu­ellen Situa­tion drin­gend abge­legt werden müssten: „Der Weg der Zuge­ständ­nisse ist derje­nige, der vor dreißig Jahren zum Zweiten Welt­krieg geführt hat.“ Damit wurde Israel nicht nur eine ähnliche Inten­tion wie Nazi­deutsch­land unter­stellt, sondern vor allem ein analoges Vorgehen, das seiner Imagi­na­tion als Vertreter des impe­ria­lis­ti­schen Gegners USA im Nahen Osten entsprach.

Kuba hingegen sah sich in der Tradi­ti­ons­linie des Wider­standes. In einer im Juli 1967 gehal­tenen Rede Fidel Castros erklärte der kuba­ni­sche Staats­chef: „Vor der Aggres­sion im Nahen Osten gab es die Aggres­sion in Vietnam und die Über­ra­schungs­an­griffe in Girón [Strand im Osten der Schwei­ne­bucht] und diese verrä­te­ri­sche Gewohn­heit im Morgen­grauen Über­ra­schungs­an­griffe durch­zu­führen, um zu versu­chen, die Kampf­mittel zu zerstören“. Der Verweis auf die Schwei­ne­bucht­in­va­sion, in die Israel genauso wenig invol­viert gewesen war wie in den Viet­nam­krieg, schaffte eine Iden­ti­täts­re­la­tion zwischen den USA und Israel, in der das konkrete Vorgehen des jüdi­schen Staates keine Rolle spielte.

Der tercer­mun­dismo, Kuba und die UdSSR

Die Partei­zei­tung Granma zum Mili­tär­ein­satz Kubas in Angola, 1976; Quelle: mercadolibre.com.pe

Das Welt­bild anti­im­pe­ria­lis­ti­scher Bewe­gungen in den 1960er und stärker noch in den 1970er Jahren beruhte auf starren Freund-Feind-Zuschreibungen, die nicht nur national, sondern global gedacht wurden. Dabei diente die Verknüp­fung einzelner natio­naler Kämpfe zu einem welt­um­fas­senden „Befrei­ungs­kampf“ nicht zuletzt der Legi­ti­ma­tion eigener Ziele. Für Kuba war die Iden­ti­fi­ka­tion mit solchen Kämpfen bedeutsam, um an der eigenen Vorrei­ter­stel­lung in der soge­nannten Dritten Welt zu arbeiten und sie ab Mitte der 1970er zu sichern. Diese Posi­tion verdich­tete sich bereits in den Wahr­neh­mungs­weisen des Sechs­ta­ge­krieges: Zur Unter­strei­chung der innigen kubanisch-ägyptischen Bezie­hungen betonte die Granma den Respekt, der den kuba­ni­schen Funktionär:innen gezollt werde, die trotz des Kriegs­zu­stands in Ägypten geblieben seien.

Ganz im Sinne des Revo­lu­ti­ons­mottos „Patria o Muerte“ („Heimat oder Tod“) berich­tete der in Ägypten für den Handel zustän­dige Vertreter Kubas, „dass allen Kuba­nern, die sich in Kairo befinden, inklu­sive der Kinder der Beamten, in dieser Phase des Kampfes gegen den Impe­ria­lismus das gleiche Schicksal wider­fahren wird wie dem ägyp­ti­schen Volk“. Das Erbringen dieses „ulti­ma­tiven Opfers“, die Inkauf­nahme des Todes auch der Unschul­digsten, stand sinn­bild­lich für die Vorstel­lung einer gemein­samen anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Front, die vom Nahen zum Fernen Osten und bis nach Mittel­ame­rika reichte. Diese kompro­miss­lose Haltung teilte auch Ricardo Alarcón: Sollte ein zukünf­tiger Vorschlag zum Frie­dens­schluss verän­derte Grenz­li­nien beinhalten, sei einem solchen Abkommen „der Tod des letzten Bürgers“ des Landes vorzu­ziehen.

Sowohl in der Zeitungs­be­richt­erstat­tung zum Sechs­ta­ge­krieg 1967 als auch in der Rede Alar­cóns vor den Vereinten Nationen zeigt sich eine anti­is­rae­li­sche Tendenz, die in den folgenden Jahren verstärkt zum Ausdruck kam. Trotz der Nähe zu den arabi­schen Staaten unter­nahm Kuba 1967 aller­dings keine bila­te­ralen Schritte gegen­über Israel, was dem Land von seinen Verbün­deten bis zum schluss­end­li­chen diplo­ma­ti­schen Bruch 1973 regel­mäßig vorge­worfen wurde. Für Kuba spielte die Verbin­dung zu Israel im Hinblick auf die UdSSR eine Schlüs­sel­rolle. Die Verwei­ge­rung des Landes, die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zu Israel nach dem Sechs­ta­ge­krieg abzu­bre­chen – so wie es die Sowjet­union und alle ihre Satel­li­ten­staaten bis auf Rumä­nien getan hatten – wird zumeist als Demons­tra­tion der eigenen Unab­hän­gig­keit verstanden. Diese geopo­li­ti­sche Über­le­gung spie­gelte sich jedoch nicht in den kuba­ni­schen Zeitungen, die sich fast ausschließ­lich auf sowje­ti­sche und arabi­sche Quellen beriefen.

Natio­nales Selbst­ver­ständnis und inter­na­tio­nale Posi­tio­nie­rung

Der Blick in das Partei­organ, das für die kuba­ni­sche Führungs­riege den Ort der Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung und für die Bevöl­ke­rung den wesent­li­chen Refe­renz­punkt für ihre Meinungs­bil­dung darstellte, deutete bereits vor 1973 auf ein israel­feind­li­ches Klima auf der Insel hin. Dies äußerte sich nicht in passiver Zurück­wei­sung mili­tä­ri­scher Hand­lungen des israe­li­schen Staates, sondern in aktiver Partei­nahme und destruk­tiver Rhetorik. Als Folge der in die „Dritte Welt“ gerich­teten Politik wurden die arabi­schen Staaten – oftmals unab­hängig von ihrem tatsäch­li­chen Vorgehen – zu progres­siven Verbün­deten stili­siert, während Israel und der Zionismus in seiner Inter­pre­ta­tion als kolo­nia­lis­ti­sche und zerstö­re­ri­sche Ideo­logie das Gegen­kon­zept verkör­perten.

So stellte die Fokus­sie­rung auf Israel die Möglich­keit dar, die Gering­schät­zung gegen­über den USA durch eine Umwegkom­mu­ni­ka­tion kund­zutun, gerade unter Verwen­dung anti­is­rae­li­scher diskur­siver Stra­te­gien. Im September 1967 äußerte Fidel zwar in einem viel­zi­tierten Inter­view, dass wahre Revo­lu­tio­näre einem anderen Land niemals mit der Vernich­tung drohen würden. Dennoch lief die Bericht­erstat­tung der Granma auf die voll­stän­dige Diskre­di­tie­rung des Staates Israel hinaus – nicht indes im Sinne einer expli­ziten Infra­ge­stel­lung des Exis­tenz­rechtes, sondern im Sinne einer prin­zi­pi­ellen Dele­gi­ti­mie­rung, die aus seiner imagi­nierten Posi­tion als „Brücken­kopf des Impe­ria­lismus“ herrührte, was etwa Jean Améry 1969 in seinem poin­tierten Artikel Der ehrbare Anti­se­mi­tismus kritisch analy­sierte.

Obwohl keine unmit­tel­baren außen­po­li­ti­schen Maßnahmen getroffen wurden, kann nach der Betrach­tung der Staats­me­dien nicht von einer neutralen oder gar freund­schaft­li­chen Posi­tio­nie­rung gegen­über Israel gespro­chen werden. Viel­mehr zeichnet sich darin bereits eine poli­ti­sche Haltung ab, die auf diplo­ma­ti­scher Ebene erst um einiges später zum Tragen kam. So eröffnet sich ein diffe­ren­zier­teres Bild der als oppor­tu­nis­tisch verstan­denen zwischen­staat­li­chen Entschei­dungen Kubas. Die Weichen für die Entwick­lung, die ihren Höhe­punkt in der Reso­lu­tion 3379 im November 1975 fand, wurden demnach nicht erst im Abbruch der diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen 1973, sondern bereits sechs Jahre zuvor, im Juni 1967, gelegt. Das Verhältnis zu Israel reprä­sen­tierte für Kuba nicht bloß eine rand­stän­dige diplo­ma­ti­sche Frage, sondern stellte im Rahmen der Annä­he­rung an die Block­freie Bewe­gung und des Konflikts mit den USA einen zentralen Refe­renz­punkt des natio­nalen Selbst­ver­ständ­nisses dar. Die Ausein­an­der­set­zung um Israel eröff­nete dem Land die Möglich­keit, seinen natio­nalen Absichten auf einer inter­na­tio­nalen Bühne – mit laut­starker, auch anti­se­mi­ti­scher Unter­stüt­zung – Gehör zu verschaffen.

 

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  • Margarita Lerman studierte Übersetzungswissenschaft und Konferenzdolmetschen an den Universitäten Leipzig, Concepción und Havanna. Aktuell beendet sie ihren MA European Studies in Leipzig und Jerusalem. Seit 2016 ist sie in der wissenschaftlichen Redaktion des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow tätig.