A.A. Dhand und Saima Mir sind in England für ihre Krimis bekannt, die in Bradford spielen, einer ehemaligen Textilmetropole mit einer großen Community muslimischer „british asians“. Ihre Literatur spiegelt die lokalen Geschichten der Zuwanderung, Protestbewegungen und Herausbildung einer neuen Mittelklasse und steht für ein neues Selbstbewusstsein jenseits rassistischer und frauenfeindlicher Klischees.

  • Moritz Föllmer

    Moritz Föllmer lehrt Neueste Ge­schichte an der Uni­versität Amster­dam. Er be­schäftigt sich unter anderem mit der Ge­schichte der Indivi­dualität in Deut­schland und West­europa im 20. Jahr­hundert.

„Bradford…it’s a very beau­tiful town and a very hard town“, sagte der Sänger Justin Sullivan 1984, „it’s sort of died“. Die Deindus­tria­li­sie­rung hatte den Heimatort seiner Punk­rock­band New Model Army noch früher und massiver getroffen als andere briti­sche Städte. Das zwischen den Hügeln und Mooren von West York­shire gele­gene Brad­ford war im 19. Jahr­hun­dert durch Textil­pro­duk­tion und -handel reich geworden und hatte neben irischen Land­losen konti­nen­tal­eu­ro­päi­sche, oft jüdi­sche Händler ange­zogen, die im heute als Little Germany bekannten Viertel sand­stei­nerne Lager­häuser errichten ließen. In den moder­nis­ti­schen 1960er Jahren entstanden Beton­ge­bäude, Ausfall­straßen und Hoch­häuser mit Sozi­al­woh­nungen, wobei man im Rathaus von fort­wäh­rendem Wirt­schafts­wachstum und einer mono­kul­tu­rellen Gesell­schaft ausging.

Abb 2: © Moritz Föllmer

©Moritz Föllmer

Doch schon damals verän­derte eine neue Immi­gra­ti­ons­welle Brad­ford grund­le­gend und lief auf eine Art Stadt­pla­nung von unten unter immer schwie­ri­geren ökono­mi­schen Umständen hinaus. Männ­liche Fabrik­ar­beiter und bald ganze Fami­lien vom indi­schen Subkon­ti­nent siedelten sich vor allem in den vikto­ria­ni­schen Reihen­häu­sern rund um das Stadt­zen­trum an, während die Vororte und noch zum Brad­ford Metro­po­litan District gehö­renden Ortschaften (wie das durch die Schwes­tern Brontë bekannte Haworth) ganz über­wie­gend weiß blieben. Obwohl unter den Einwan­de­rer­fa­mi­lien auch Hindus und Sikhs waren und sich eine kleine afro­ka­ri­bi­sche Gemein­schaft bildete, domi­nierten bei weitem Muslime, die meist aus Azad Kaschmir im nord­öst­li­chen Paki­stan stammten.

Musli­mi­sche Proteste, musli­mi­sche Mittelschicht

Das machte die nun post­in­dus­tri­elle Stadt seit den 1980er Jahren zu einem Test­ge­lände für den briti­schen Multi­kul­tu­ra­lismus und insbe­son­dere den Umgang mit dem Islam. Die öffent­liche Verbren­nung von Salman Rush­dies Roman The Satanic Verses 1989 und die Unruhen von 1995 und 2001 sorgten national wie inter­na­tional für Nega­tiv­schlag­zeilen. Seitdem hat sich eine reli­gi­ons­wis­sen­schaft­liche, sozio­lo­gi­sche und zeit­his­to­ri­sche Lite­ratur den Motiven der daran betei­ligten Muslime gewidmet. Diese sahen ihren fried­li­chen oder gewalt­samen Protest in der Konti­nuität eines lokalen Akti­vismus, der zunächst durch rassis­ti­sche Atta­cken und rechts­extreme Agita­tion ausge­löst worden war. Inso­fern vertei­digten sie ihr reli­giös und ethnisch grun­diertes Selbst­ver­ständnis gegen den als blas­phe­misch wahr­ge­nom­menen Schrift­steller Rushdie und später gegen die als feind­selig erfah­rene Polizei.

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Dabei beriefen sie sich auf die Lokal­po­litik, die sich in den 1980er Jahren der Bewah­rung parti­ku­larer Iden­ti­täten verschrieben und somit an eine briti­sche Tradi­tion des Multi­kul­tu­ra­lismus ange­knüpft hatte. Auf die Unruhen reagierte die New Labour-Regierung mit einer Mischung von natio­nalem Inte­gra­ti­ons­streben, ökono­mi­schen Rege­ne­ra­ti­ons­be­mü­hungen und konsu­mis­ti­scher Vielfaltsrhetorik.

Durch das Brad­ford der Gegen­wart zu wandeln, das 2025 UK City of Culture gewesen ist, nötigt Respekt vor der Dynamik dieser Stadt­ge­sell­schaft ab. Manche Textil­fa­briken des 19. Jahr­hun­derts stehen leer, andere sind inzwi­schen zu Apart­ment­kom­plexen umge­baut worden. Die Stim­mung auf dem Platz vor dem riesigen vikto­ria­ni­schen Rathaus ist so gelassen wie im neuen Einkaufs­zen­trum The Broadway, in den Straßen rundum die Univer­sität und im histo­ri­schen Wool Exch­ange, wo man nun im Buch­laden stöbern und im Café lesen kann.

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Vor allem fällt bei aller unüber­seh­baren Armut die Präsenz einer selbst­be­wussten musli­mi­schen Mittel­schicht in einer der unter­neh­mer­freund­lichsten Städte des Landes auf. Man läuft neben verschie­denen Moscheen und Tempeln an Geschäften für „Islamic life­style“ vorbei und verzehrt ein Desi break­fast im auch wochen­tags gut besuchten „J’Adore“, das ebenso im etwas präten­tiösen Namen wie im Preis­ni­veau zur Konsum­welt der engli­schen middle class aufge­schlossen hat. Hatten sich die Unruhen von 2001 unter anderem gegen eine als weiß wahr­ge­nom­mene BMW-Garage in Manningham nörd­lich der Innen­stadt gerichtet, gibt man es nun bald auf, die dort parkierten deut­schen Autos zu zählen.

 

A.A. Dhand und Saima Mir

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Zu diesem neuen Selbst­be­wusst­sein gehören im Land von Sher­lock Holmes und Miss Marple eigene Krimi­nal­ro­mane. A.A. [Amit] Dhand und Saima Mir sind bewusst ange­treten, etwas gegen die kultu­relle Unter­re­prä­sen­ta­tion und verbrei­tete Stereo­ty­pi­sie­rung der British Asians zu tun. Sie stützten sich auf Beob­ach­tungen, die sie im elter­li­chen Nach­bar­schafts­laden und dann als Apotheker bzw. als frühere Lokal­jour­na­listin machen konnten. Dhand, agnos­ti­scher Sohn hindu­is­ti­scher Eltern, wohnt immer noch in seiner Heimat­stadt. Er geht von real exis­tie­renden Gebäuden, Straßen und sogar Restau­rants aus, sodass man seine Bücher als lite­ra­ri­schen Reise­führer nutzen kann. Mir, die mit einem Artikel über ihren Weg von zwei­fa­cher Ehe und Schei­dung zur „eman­ci­pated Muslim woman“ bekannt geworden ist, lebt dagegen seit langem in London. Sie schreibt losge­löster vom konkreten Ort Brad­ford, der dennoch unschwer zu iden­ti­fi­zieren ist.

Sowohl A.A. Dhand als auch Saima Mir bekennen sich stolz zu ihrer Herkunft, äußern sich aber als akade­misch ausge­bil­dete Vertreter*innen der zweiten Einwan­de­rer­ge­nera­tion kritisch über den Konfor­mi­täts­druck, der von konser­va­tiven Fami­lien und geschlos­senen Gemein­schaften ausgeübt wird. Sie werten die immer noch als verarmt und trist geltende Stadt kultu­rell auf und lassen sie gleich­zeitig im düsteren Licht und mora­li­schen Grau von Krimi­nal­ro­manen erscheinen. Vier von Dhands sechs Büchern kreisen um Detec­tive Inspector Hardeep „Harry“ Virdee, der es genre­ty­pisch mit den Regeln der Poli­zei­ar­beit nicht eben genau nimmt. Im Mittel­punkt von Mirs bislang zwei Romanen steht Jia Khan, deren Vater ein krimi­nelles Clan­im­pe­rium führt, bis sie es selbst über­nimmt – eine Konstel­la­tion, die wenig über­ra­schend zu Verglei­chen mit Michael Corleone im Godfa­ther Anlass gegeben hat.

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Entfrem­deter Sikh: Detec­tive Inspector Harry Virdee

Welches Bild der multi­kul­tu­rellen Gesell­schaft zeichnen die beiden Krimiautor*innen? Harry Virdee ist Sikh, hat aber die Muslimin Saima gehei­ratet. Dafür hat ihn sein Vater verstoßen, wobei später deut­lich wird, dass hinter dessen rigider Haltung trau­ma­ti­sche Erin­ne­rungen an Vertrei­bung und Flucht im Zuge der Teilung Indiens 1947 stehen. „I wanted to write about mono­cul­tural meeting multi­cul­tural“, sagt Dhand über eine wich­tige Moti­va­tion hinter seinen Romanen, die in vieler Hinsicht von einer Welt wech­sel­sei­tiger Abschot­tung erzählen. Multi­kul­tu­ra­lität in Dhands Sinne findet bei Harry und Saima zuhause statt. Er ist areli­giös geworden, hält jedoch am Brauch fest, täglich wenn nicht die Füße, so doch die Haus­schuhe seiner Mutter zu berühren. Sie betet, feiert das Ende des Ramadan und legt Wert auf eine Kombi­na­tion von Symbolen und Ritualen aus beiden Reli­gionen. Ihren Sohn haben sie Aaron genannt und ziehen ihn als „British boy“ der Mittel­schicht auf.

© Moritz Föllmer

Für sorg­fäl­tige Fahn­dungs­ar­beit bleibt Harry Virdee keine Zeit, weil das fragile gesell­schaft­liche Neben­ein­ander in Brad­ford wieder­holt gesprengt zu werden droht. Nach dem Mord an einem dubiosen musli­mi­schen Geschäfts­mann fachen rechts­extreme Poli­tiker latente ethni­sche Konflikte an, um eine Neuauf­lage der Unruhen von 2001 zu bewirken. Seine nach Unab­hän­gig­keit stre­bende Nichte wird tot aufge­funden, sodass er seinen krimi­nellen Bruder von einem Rache­feldzug abhalten muss. Ein Seri­en­mörder hat es auf südasia­ti­sche Frauen abge­sehen, die Bezie­hungen zu weißen Männern einge­gangen sind. Eine terro­ris­ti­sche Gruppe hält Gläu­bige, darunter Saima Virdee, in einer Moschee gefangen und droht mit der Zündung einer Bombe. Zur Abwehr dieser Gefahren bewegt sich Harry zwischen weißen Prosti­tu­ierten und musli­mi­schen Taxi­fah­rern, katho­li­schen Nonnen und sexis­ti­schen Auto­me­cha­ni­kern. Er reak­ti­viert sein einge­ros­tetes Punjabi, um mit südasia­ti­schen Fami­lien zu spre­chen, wagt sich verschie­dent­lich in die Häuser­blöcke des sozialen Wohnungs­baus vor, wo weiße Jugend­liche einen Sikh besten­falls als Laden­in­haber dulden, und geht einen Pakt mit dem dubiosen Innen­mi­nister Tariq Islam ein.

© Stephen Craven cc-by-sa/2.0/

Musli­mi­sche Moder­ni­sierin: Clano­ber­haupt Jia Khan

Saima Mirs Prot­ago­nistin Jia Khan ist zu Roman­be­ginn als Straf­ver­tei­di­gerin in London tätig – „twice as good as men and four times as good as white men“. Mit Oxforder Studi­en­ab­schluss, Savile Row-Anzügen und veganer Ernäh­rung hat sie sich von der Welt ihres Vaters und Förde­rers entfernt, eines gläu­bigen Muslims aus Peshawar, der in den 1970er Jahren zum König der Brad­forder Unter­welt aufstieg. Sie hat aber auch ihren Mann Elyas, einen Jour­na­listen, und ihren Sohn Ahad verlassen. Jia kehrt zunächst bloß zur Hoch­zeit ihrer Schwester zurück, doch infolge des Mordes an ihrem Vater über­nimmt sie den Vorsitz der Jirga, der Versamm­lung der Ältesten mit ihren eigenen Regeln. Sie muss nun den Clan ebenso mit Wärme wie mit Kälte zusam­men­halten und ihn erst gegen osteu­ro­päi­sche Drogen­händler und dann gegen eine konser­va­tive Muslimin mit riva­li­sie­renden Ambi­tionen verteidigen.

© Moritz Föllmer

Jia wird zu „the Khan“, indem sie den Über­gang vom Tradi­tio­na­lismus der Ältesten zum Synkre­tismus der Jüngeren gestaltet. Sie heuert tech­no­lo­gisch versierte British Asians an, um das etablierte Drogen­im­pe­rium in das digi­tale Zeit­alter zu über­führen und es mit der Entwick­lung von Software- und Finanz­pro­dukten für den globalen musli­mi­schen Markt zu verqui­cken. Gleich­zeitig ist sie Teil einer komplexen Klein­fa­milie der Mittel­schicht, weil sie, ihr Mann und ihr Sohn sich einander wieder annä­hern, ohne jemals die aus der Tren­nungs­zeit herrüh­rende emotio­nale Distanz und Span­nung über­winden zu können. Jia navi­giert zwischen verschie­denen Welten: Sie hat femi­nis­ti­sche Lite­ratur gelesen und betet täglich, trinkt sowohl engli­schen Tee als auch Chai mit Kardamom, besucht Würste gril­lende osteu­ro­päi­sche Fami­lien und zele­briert die eigenen kuli­na­ri­schen Tradi­tionen. Und sie tritt Ange­hö­rigen der Londoner upper class souverän gegen­über, weil sie um die Stärken der eigenen Gemein­schaft mit ihren pakistanisch-nordenglischen Wurzeln und anti­im­pe­rialen Ener­gien weiß.

© Tim Green cc-by-sa/2.0/

Brad­ford und der Multikulturalismus

Der Brad­forder Konflikt um The Satanic Verses entstand nicht zuletzt aus dem Gegen­satz zwischen dem postmodern-hybriden Kultur­ver­ständnis des Kosmo­po­liten Salman Rushdie und dem Multi­kul­tu­ra­lismus als staat­li­chem Schutz der eigenen Iden­tität, wie ihn die örtli­chen Muslime einfor­derten. A.A. Dhands und Saima Mirs Romane eröffnen eine andere und aktu­el­lere Perspek­tive. Sie präsen­tieren Brad­ford als so zerklüf­tete wie dyna­mi­sche Stadt­ge­sell­schaft und als insti­tu­tio­nell kaum beein­fluss­bares Neben­ein­ander verschie­dener Kulturen – wobei auch dieses bereits in den Außen­quar­tieren und Vororten endet und selbst im Stadt­zen­trum latent zu explo­dieren droht.

© Moritz Föllmer

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Gleich­zeitig verweisen sie auf Verschie­bungen, von der Bewah­rung der jewei­ligen Tradi­tion in einer fremden Umge­bung hin zur selbst­be­wussten Kombi­na­tion verschie­dener Einflüsse und Iden­ti­täten, zu lebens­welt­li­chen Grenz­über­schrei­tungen und zu einer stär­keren Rolle von Frauen. Dhand und Mir stellen einen so verstan­denen Multi­kul­tu­ra­lismus lite­ra­risch dar, reprä­sen­tieren ihn biogra­fisch und treten öffent­lich für ihn ein. Inso­fern verfassen sie nicht „nur“ Krimi­nal­ro­mane, sondern sind intel­lek­tu­elle Stimmen der British Asians aus einer vermeint­lich abge­hängten nord­eng­li­schen Provinzstadt.