• Cécile Stehrenberger forscht am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, unter anderem zur Geschichte der Katastrophenforschung und zur Geschichte Äquatorialguineas.

Die Allge­gen­wart der „Kata­strophe“ rührt daher, dass perma­nent über sie gespro­chen wird. In verschie­denen gesell­schaft­li­chen Berei­chen wie Info­tain­ment und Kunst, Wissen­schaft und Politik legi­ti­miert das Katastrophen-Sprechen gewisse Prak­tiken und ruft zu einem bestimmten Tun auf. Und da es selbst auch eine Hand­lung, ein Sprechakt ist, bringt es bisweilen das hervor, was es benennt oder führt zu Reak­tionen, die alles andere als beab­sich­tigt waren.

Katastrophen-Training

Anfang der 1950er Jahre beschäf­tigten sich US-amerikanische Mediziner*innen und Sozialwissenschaftler*innen, die Mitglieder neu gegrün­deter armee­fi­nan­zierter „disaster rese­arch groups“ waren, mit dem „disaster syndrome“. Darunter verstanden sie einen Komplex von Verhal­tens­weisen, die sie in ihren empi­ri­schen Unter­su­chungen regis­trierten: mensch­liche Kata­stro­phen­re­ak­tionen während und unmit­telbar nach Erdbeben, Wirbel­stürmen oder Fabrik­ex­plo­sionen. Sie trafen dabei auf Menschen, die im Ange­sicht der Kata­strophe „benommen“ und „apathisch“ an Ort und Stelle verharrten. Ein solches Verhalten erschien ihnen proble­ma­tisch, stand es doch außer Frage, dass Menschen, die über Radio, Fern­sehen oder Laut­spre­cher die Worte „Alarm“, „Notfall“ oder eben auch „Kata­strophe“ hörten, handeln mussten. Unver­züg­lich sollten sie Schutz suchen oder sich an Rettungs­ar­beiten betei­ligen und dabei den Anwei­sungen von Bürger­meis­tern, Zivil­schutz­be­amten und anderen „Auto­ri­täten“ Folge leisten. Im Ideal­fall erüb­rigten sich diese Anwei­sungen, weil die Subjekte quasi instinktiv das Rich­tige täten.

„Preparedness“-Film des ameri­ka­ni­schen Zivil­schutzes, 1950er Jahre; Quelle: youtube.com

Hinter der Grün­dung der Katastrophen-forschungsgruppen, die sich zwischen 1949 und 1963 an mehreren US-amerikanischen Forschungs­ein­rich­tungen etablierten, stand die prak­ti­sche Frage, durch welche staat­li­chen Maßnahmen sich falsches Kata­stro­phen­ver­halten verhin­dern und rich­tiges fördern ließe. Dabei ging es den mili­tä­ri­schen Sponsor*innen der Studien in erster Linie um die Reak­tionen der ameri­ka­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung im Falle eines nuklearen Angriffs auf die USA. Das Studium von zivilen Kata­stro­phen, von denen ange­nommen wurde, dass sie solchen Angriffen ähnelten, sollte ein Wissen liefern, das sich für die Vorher­sage und Regu­lie­rung der mensch­li­chen Reak­tionen nutzen ließe. Natür­lich war dieses Wissen auch für das Krisen­ma­nage­ment nach Erdbeben oder Flut hilf­reich. Seine zivile Verwen­dung bildete jedoch nicht den Haupt­zweck der Studien.

Anfang der 1950er Jahre kamen die Katastrophenforscher*innen zu dem Schluss, dass man Menschen in ihrem Alltag darauf vorbe­reiten müsse, im Ausnah­me­fall auto­ma­tisch richtig zu handeln. Diese Ansicht wurde in Nord­ame­rika und in verschie­denen west- und nord­eu­ro­päi­schen Ländern von einer Viel­zahl zeit­ge­nös­si­scher Politiker*innen und Expert*innen geteilt, die sich mit dem Kata­stro­phen­schutz beschäf­tigten. Schon Schul­kinder wurden regel­mäßig darin trai­niert, sich beim Ertönen von Sirenen unter ihre Bänke zu kauern oder schnell und dennoch geordnet in Luft­schutz­bunker zu fliehen („Duck and Cover“). Ihre Eltern sollten das Aufsetzen von Gasmasken und den Gang in ihre privaten Schutz­räume üben und Vorräte regel­mäßig inven­ta­ri­sieren. Insbe­son­dere in US-amerikanischen Groß­städten orga­ni­sierten die Zivil­schutz­be­hörden aufwän­dige Groß­übungen, bei denen ein nuklearer Angriff auf die USA simu­liert wurde. In manchen Bundes­staaten war die Teil­nahme an den „Opera­tion Alert“-Trainings gesetz­lich vorge­schrieben.

Unge­wollte Wirkungen

Pazifist*innen demons­trierten gegen diese Übungen und spätes­tens Anfang der 1960er Jahre wurde immer klarer, dass sie nicht die einzigen waren, die sich dem Zivilschutz-Programm verwei­gerten. Umfra­ge­er­geb­nisse zeigten, dass die Mehr­heit der Amerikaner*innen ihm mit „Apathie“ begeg­nete, weder Vorräte noch private Schutz­räume anlegte und die community-shelters mehr schlecht als recht kannte. Auch dafür wurden (wissen­schaft­liche) Erklä­rungen gesucht und gefunden.

Der Psycho­loge Jum Nunn­ally etwa inter­pre­tierte die Zivilschutz-„Apathie“ als eine Art „Rück­zugs­re­ak­tion“ auf bedroh­liche „Bestrafungs“-Szenarien, zu denen er neben der „ther­mo­nu­klearen Kata­strophe“ auch „ökono­mi­sche Depres­sion“ und „Lungen­krebs“ zählte. Für die ther­mo­nu­kleare Kata­strophe galt dabei, wie er betonte, dass einer­seits unklar war, wann genau sie eintreten würde, ande­rer­seits aber fest­stand, dass sie – egal welche Maßnahmen auch ergriffen würden – für viele Menschen den sicheren Tod bedeute. Ein Spre­chen, das mit solchen Szena­rien operiere, bewirke mitunter ein „back­firing“: das genaue Gegen­teil dessen, was es beab­sich­tige. Statt zu einem Vorbe­rei­tet­sein („prepa­red­ness“) führe es zu Angst­zu­ständen („anxiety“), die dann eine Gelähmt­heit („apathy“) nach sich ziehen würden.

Öffent­li­cher Atom­schutz­bunker in Zürich; Quelle: pinterest.com

Schon rund zehn Jahre vor Nunn­allys Ausfüh­rungen waren die Forschungs­gruppen auf einen anderen proble­ma­ti­schen Effekt des Kata­stro­phen­spre­chens aufmerksam geworden. Ihre Auftrag­geber waren davon ausge­gangen, dass Menschen in Kata­stro­phen dazu tendieren würden, in (Massen-)Panik zu geraten, „anti-soziale“ Verhal­tens­weisen wie Plün­dern an den Tag zu legen und „Auto­ri­täten in Frage zu stellen“. Diese Annahmen konnten die Forscher*innen nicht bestä­tigen, sahen sie doch mehr­heit­lich „kontrol­liertes“, „ratio­nales“ und „geord­netes“ Verhalten sowie eine „soziale Grenzen“ über­win­dende „Soli­da­rität“. Die Vorstel­lung eines wahr­schein­li­chen „anti­so­zialen Verhal­tens“, wie sie Infor­ma­ti­ons­me­dien und Popkultur (insbe­son­dere in disaster movies) damals verbrei­teten, bezeich­neten sie als brand­ge­fähr­liche „Kata­stro­phen­my­then“. Sie schrieben, dass die Beto­nung von Panik-Momenten bei der Darstel­lung fakti­scher und poten­ti­eller Kata­stro­phen den Adressat*innen ein solches Verhalten gera­dezu nahe­lege. Genau damit würden sie dazu beitragen, dass es tatsäch­lich auch so kommen müsse. Die Kata­stro­phen­my­then schienen indi­rekt genau das herbei­zu­führen, was sie vermeint­lich ‚nur‛ beschrieben – etwa wenn Kata­stro­phen­schutz­be­amte aus Angst vor Chaos und Panik nicht oder erst zu spät vor Kata­stro­phen warnten – und die daraus resul­tie­rende Plötz­lich­keit der Kata­strophe dann tatsäch­lich Panik gene­rierte. Ein Teufels­kreis.

„Ausnah­me­zu­stände“ und „game-over“-Einstellung

Die Effekte von allum­fas­senden und ständig präsenten Bedro­hungs­sze­na­rien haben nicht nur die Katastrophenforscher*innen des Kalten Krieges beschäf­tigt. Sie sind auch ein zentraler Forschungs­ge­gen­stand der jüngeren kultur­wis­sen­schaft­li­chen Ausein­an­der­set­zung mit Kata­stro­phen, die seit Anfang des 21. Jahr­hun­derts stark zuge­nommen hat. Hier kommen etwa die Möglich­keiten in den Blick, die staat­liche, supra-staatliche und nicht-staatliche Akteure haben, um in eine Situa­tion zu inter­ve­nieren, sobald diese als „Kata­strophe“ dekla­riert wird. Dabei geht es auch um die Frage, ob und wie in demo­kra­ti­schen Gesell­schaften mit der Ausru­fung von „Ausnah­me­zu­ständen“ Maßnahmen (z.B. Ausgangs­sperren, pein­liche Befra­gungen etc.) legi­ti­miert werden können, die mit demo­kra­ti­schen Prin­zi­pien nur bedingt vereinbar sind. Auch jenseits von Ausnahmezustands-Analysen setzen sich die kriti­schen disaster- oder secu­rity studies damit ausein­ander, wie das perma­nente Spre­chen über (künf­tige) Kata­stro­phen auch im Alltag dazu beiträgt, Kontroll­an­sprüche und Regu­lie­rungs­tech­niken zu legi­ti­mieren.

Verschie­dene neuere Forschungs­stränge beschäf­tigen sich eben­falls intensiv mit den Gefahren des „Kata­stro­phen­spre­chens“. Zu denken wäre hier etwa an die Kritik, die Autor*innen wie Donna Haraway an jenem Spre­chen von der Kata­strophe üben, das in den letzten rund zwanzig Jahren mit der Verbrei­tung des Anthropozän-Konzepts um sich gegriffen hat. Dieses Spre­chen zeichne sich, so Haraway, nicht nur durch die Zemen­tie­rung eines anthro­po­zen­tri­schen Welt­bildes aus, sondern auch dadurch, dass die Betei­li­gung unter­schied­li­cher Menschen­gruppen an der Zerstö­rung des Planeten verschleiert wird. Laut Haraway und anderen Kriti­ke­rinnen legt das Anthropozän-Konzept nicht selten nahe, dass „unsere“ bevor­ste­hende Auslö­schung, die „wir“ verur­sacht haben, gar nicht mehr aufhaltbar sei. Dadurch beför­dere es eine zyni­sche „’game over-atti­tude“.

Konti­nuität statt Knall: Das andere Kata­stro­phen­spre­chen

Es wäre falsch (und mehr­heit­lich auch nicht in deren Sinn), aus der kultur­wis­sen­schaft­li­chen Kritik am Spre­chen über Kata­stro­phen den Schluss zu ziehen, dass wir aufhören sollten, über kata­stro­phale Reali­täten zu spre­chen – als ob es solche Reali­täten nicht geben würde! Viel­mehr geht es darum, anders über Kata­stro­phen zu spre­chen. Dafür ist es unab­dingbar, sich damit ausein­an­der­zu­setzen, wie sich das Verständnis des Begriffes der Kata­strophe entwi­ckelt und verän­dert hat.

Tornado in Campo, Colo­rado, USA, Foto: Jason Persoff; Quelle: wired.com

Die im Kalten Krieg entstan­denen „disaster rese­arch groups“ fanden mit ihren Thesen zur Wirk­mäch­tig­keit von (falschen) Katastrophen-darstellungen anfäng­lich zwar relativ wenig Beach­tung. Aber insge­samt waren sie mit ihren Arbeiten äußerst einfluss­reich. Zum einen insis­tierten sie in den frühen 1960er Jahren als Politik-Berater*innen darauf, dass sich der ameri­ka­ni­sche Kata­stro­phen­schutz von seiner Fixie­rung auf den nuklearen Angriff lösen müsse. Auf diese Weise trugen sie zur Entwick­lung eines „all hazards mindset“ und einer Aufmerk­sam­keits­ver­schie­bung insbe­son­dere hin zu Natur­ka­ta­stro­phen bei. Zum anderen setzten sie mit ihren Forschungs­re­sul­taten wich­tige Impulse. Die Idee, dass Menschen – auch oder gerade bei wenig staat­li­cher Inter­ven­tion – mit Kata­stro­phen gut zurecht­kommen und an ihnen „wachsen“ können, hat die Weiter­ent­wick­lung und Etablie­rung des Resilienz-Konzepts beför­dert, das heute im Kata­stro­phen­schutz, aber auch über ihn hinaus, zentral geworden ist.

Dabei ist auch noch unser heutiges Spre­chen über Kata­stro­phen von jener 1961 mit Blick auf Nukle­ar­ex­plo­sionen vorge­schla­genen Defi­ni­tion von Charles Fritz geprägt, wonach Kata­stro­phen als „in Raum und Zeit konzen­trierte Ereig­nisse“ zu verstehen sind, die das „Funk­tio­nieren von Gesell­schaften unter­bre­chen“. Tatsäch­lich hält ein Groß­teil der heutigen wissen­schaft­li­chen und prak­ti­schen Ausein­an­der­set­zung an diesem Verständnis von Kata­stro­phen als „disrup­tiven“ Ereig­nissen fest. Auch wenn in diesem Zusam­men­hang von „Prozessen“ und „Struk­turen“ die Rede ist, die zu Kata­stro­phen führen können, werden diese oft nur in ihrer Tendenz, eben kata­stro­phale Ereig­nisse hervor­zu­bringen, zum Thema gemacht: Die Kata­strophe als „disrup­tives“ Ereignis verstellt jedoch den Blick auf die lang­wie­rigen Prozesse und Struk­turen, die ihr zugrunde liegen.

Dies gilt auch für Ausein­an­der­set­zungen mit dem Klima­wandel. Als disrup­tives Ereignis verstanden, führt dieser Sicht­weise gemäß die „kata­stro­phale“ Erder­wär­mung zu Natur­ka­ta­stro­phen wie Wirbel­stürmen und letzt­end­lich zur Doomsday-artig (und damit ereig­nis­haft) insze­nierten Auslö­schung der Welt – wenn nicht mit großem Knall, so doch mit einem klaren Ende. Ein Katastrophen-Sprechen, das zu sehr diesem Knall verhaftet bleibt, vermag es nicht, sich „kata­stro­phalen“ Reali­täten struk­tu­reller Natur adäquat zu nähern, die sich oft durch einen schlei­chenden Verlauf und Charakter auszeichnen. So haben etwa Forschungen im Feld der envi­ron­mental huma­nities oder der science and tech­no­logy studies, die das Reiz­wort „Kata­strophe“ nicht in ihrer Bezeich­nung führen, gezeigt, dass extreme Wetter­kon­stel­la­tionen, aber auch die Verschmut­zung und Vergif­tung von Ökosys­temen, sich in langen Prozessen entfalten, deren Geschwin­dig­keit vari­iert, ohne sich in einzelnen Momenten – in „Kata­stro­phen“ – spek­ta­kulär zu offen­baren. Aus einer solchen Perspek­tive zeigt sich auch, dass es oft komplexe soziale Ungleich­heits­struk­turen sind, entlang derer das Auftreten „kata­stro­phaler“ Prozesse verteilt ist – wie beispiels­weise Müll­de­po­nien öfter in armen Ländern ihre toxi­sche Wirkung frei entfalten, von der dann Frauen und mino­ri­ties tenden­ziell beson­ders stark betroffen sind. Als Kata­strophe erweist sich, so gesehen und in Anleh­nung an ein Wort von Walter Benjamin, dass solche Struk­turen eben nicht unter­bro­chen werden, sondern die Dinge so bleiben, wie sie sind.

 

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