In der Debatte um Holocaust-Erinnerungspolitik fehlt oftmals die Rückbindung an konkrete Orte. Diese liegen zu bedeutenden Teilen auf polnischem Territorium und sind damit Teil polnischer Erinnerungspolitik. Ein Blick auf polnische Debatten und ein Plädoyer für einen Dialog auf Augenhöhe.

  • Christhardt Henschel ist Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er hat zu Thema „Jeder Bürger Soldat. Militär, Juden und Zweite Polnische Republik zwischen Geschichte und Gegenwart“ an der Universität Leipzig promoviert. Seine Arbeitsgebiete sind: Geschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert; jüdische Geschichte Ostmitteleuropas; Militärgeschichte.

Warschau ist eine Metro­pole, in deren urbane DNS die Folgen der deut­schen Besat­zung im Zweiten Welt­krieg unaus­lösch­lich einge­schrieben sind. Bei Kriegs­be­ginn hatte die Stadt offi­ziell rund 1,3 Millionen Bewohner, darunter mehr als 360.000 Juden; 1946 lagen die amtli­chen Zahlen noch bei knapp 480.000 bzw. 18.000. Neben hundert­tau­senden Menschen verschwanden während der Besat­zung ganze Stadt­viertel. Der von den Deut­schen hinter­las­sene Trüm­mer­berg wird auf 18-20 Millionen Kubik­meter geschätzt. Der Warschauer Künstler Tymek Borowski visua­lierte dies, indem er 2015 in ein Foto der städ­ti­schen Skyline einen massiven Schutt­mo­no­lith dieses Volu­mens montierte, der alle Wolken­kratzer des Konti­nents in Höhe und Breite über­ragen würde. Aus welchen Vier­teln der in getrennte Wohn­be­zirke für Juden, Nicht­juden – und die deut­schen Besatzer – einge­teilten Stadt die einzelnen Trüm­mer­teile jeweils stammen, ist auf dem Bild selbst­ver­ständ­lich nicht erkennbar. 

Tymek Borowski, Gruz nad Wars­zawą (2015), Quelle:
warszawa.wyborcza.pl

Drei Jahr­zehnte nach Unter­zeich­nung des deutsch-polnischen Nach­bar­schafts­ver­trags frage ich mich, was die erneut in Deutsch­land geführte Debatte über Umgangs­weisen mit der Geschichte des Holo­causts am Ort des Gesche­hens bedeutet. Sind derlei Diskus­sionen ein Nach­weis deut­scher Selbst­be­zo­gen­heit und Dialog­ver­wei­ge­rung? Oder hat man in Polen im Gegen­satz zum Land der Täter Wesen und Dimen­sion der Schoah nie wirk­lich verstanden, weil hiesige Historiker:innen und geschichts­po­li­ti­sche Akteur:innen sich zentralen und unum­stöß­li­chen Erkennt­nissen verweigern?

Geschichts­po­litik als Image-Politik

Aus Warschauer Perspek­tive erscheint es offen­sicht­lich, dass die Schoah nicht losge­löst von der Unter­drü­ckung der nicht­jü­di­schen Bevöl­ke­rung zu denken ist. Der Antis­la­wismus bzw. Anti­po­lo­nismus gilt vielen Polen als nicht minder konsti­tutiv für die NS-Ideologie, wie der Anti­se­mi­tismus. Emble­ma­tisch steht dafür die für alle sicht­bare syste­ma­ti­sche Auslö­schung des jüdi­schen und polni­schen Warschaus nach den Aufständen 1943 und 1944 sowie der kriegs­be­dingt nicht reali­sierte Plan, an seiner Stelle eine „neue deut­sche Stadt“ zu errichten.

Die alle paar Jahre in Deutsch­land auffla­ckernden Debatten um die Singu­la­rität des Holo­caust stoßen vor diesem Hinter­grund in der polni­schen Haupt­stadt oft auf Schul­ter­zu­cken. Für manche bestä­tigt sich, was man schon längst wusste: Die deut­sche Öffent­lich­keit inter­es­siert sich zwar für die Schoah, für die Millionen nicht­jü­di­schen Toten finden sich höchs­tens ein paar Worte an Jahres­tagen. Indes – die meisten Inter­es­sierten sind aktuell so sehr in den inner­pol­ni­schen Deutungs­kämpfen enga­giert, dass für die Beschäf­ti­gung mit den Diskursen im Nach­bar­land nur wenig Raum bleibt. Vertreter einer kriti­schen Geschichts­schrei­bung setzen sich im heutigen Polen beharr­lich gegen Einfluss­nahmen vonseiten der Politik zur Wehr, sehen sie sich aber mit einer immer mäch­tiger werdenden Front unter­schied­lichster staat­li­cher, halb­staat­li­cher und zivil­ge­sell­schaft­li­cher Gegen­spieler konfron­tiert. Denn die poli­tisch Verant­wort­li­chen bemühen sich seit mitt­ler­weile sechs Jahren um nichts weniger als eine allge­mein­ver­bind­liche Inter­pre­ta­tion der jüngeren Natio­nal­ge­schichte: Demnach sei Polen das einzige Land gewesen, das die euro­päi­schen Werte gegen die tota­li­tären Regime in den Nach­bar­län­dern Deutsch­land und Sowjet­union bedin­gungslos und konse­quent vertei­digt und so die Grund­lage für ein freies, geeintes und demo­kra­ti­sches Europa geschaffen habe. Mit dieser beliebig ausbau­fä­higen Argu­men­ta­ti­ons­kette betreiben die Warschauer Geschichtspolitiker:innen nichts anderes als die Exoti­sie­rung, ja Singu­la­ri­sie­rung der polni­schen Geschichte. Wollte man sich nach 1989 Polen eigent­lich als Teil West­eu­ropas verstanden wissen, insze­niert man nunmehr Natio­nal­ge­schichte als euro­päi­schen Sonder­fall, der in einer eigen­tüm­li­chen Dialektik zugleich die Quint­essenz der euro­päi­schen Geschichte verkör­pern soll.

In dieser histo­ri­schen Lesart verschwimmen nicht nur die Unter­schiede zwischen NS-Besatzung und stali­nis­ti­scher Herr­schaft. Auch der Holo­caust wird zu einer bloßen Begleit­erschei­nung einer deut­schen Expansions- und Rasse­po­litik herab­ge­stuft, die sich vorrangig gegen die Exis­tenz Polens und des polni­schen Volkes rich­tete. Den Juden bleibt hier nur ein Platz am erin­ne­rungs­kul­tu­rellen Katzen­tisch: Als wehr­lose Opfer der deut­schen Vernich­tungs­ma­schi­nerie, als Objekte der Hilfe selbst­loser Judenretter:innen, als Kolla­bo­ra­teure mit dem sowje­ti­schen Okku­panten in Ostpolen – oder aber als tapfere Warschauer Ghettokämpfer:innen, die inspi­riert vom Kamp­fesmut und Hero­ismus ihrer polni­schen Brüder und ausge­stattet mit deren Waffen starben, um ihrem ansonsten sinn­losen Tod doch noch einen patrio­ti­schen Sinn abzugewinnen.

Tadeusz Rolke “ZACISZE” (2010), Rolke stellt ein aus der Lite­ratur bekanntes Bild nach, das er foto­gra­phisch fest­hält. Quelle: fototapeta.pl

Zu einer wahren Obses­sion hiesiger geschichts­po­li­ti­scher Akteure wurde in den letzten Jahren die Frage der Verstri­ckung von Polinnen und Polen in den Holo­caust. Die derzei­tige Koali­ti­ons­re­gie­rung und ihr nahe­ste­hende NGOs durch­forsten welt­weit Pres­se­ar­tikel nach unan­ge­mes­senen Formu­lie­rungen, gründen neue Museen und Insti­tu­tionen, erfinden recht­liche Rege­lungen und unter­nehmen juris­ti­sche Schritte gegen in ihren Augen unan­ge­mes­sene Darstel­lungen. Dabei leugnen sie keines­wegs die Kolla­bo­ra­tion einzelner Polen mit den Deut­schen bei der Juden­ver­fol­gung. Nur in der Frage ihres Ausmaßes und vor allem ihrer natio­nal­ge­schicht­li­chen Rele­vanz kommen sie zu völlig anderen Bewer­tungen als polni­sche Histo­riker in den letzten Jahren. Denn letzt­lich geht es bei dieser Geschichts­po­litik vorrangig um zwei­erlei: Die Gleich­set­zung der deut­schen Verbre­chen an der polni­schen Zivil­be­völ­ke­rung als Genozid mit dem Holo­caust und die Schaf­fung eines posi­tiven inter­na­tio­nalen Marken­images „polni­sche Geschichte im 20. Jahr­hun­dert“. Gemessen wird der Erfolg dieser Politik an der erreichten Posi­tion Polens in der inter­na­tio­nalen Opfer­hier­ar­chie, die wiederum als Indi­kator für die soft power des eigenen Landes gesehen wird. Dies gilt dann als Herstel­lung histo­ri­scher Gerech­tig­keit, hatten doch die Polen im Gegen­satz zu den Juden jahr­zehn­te­lang keine Möglich­keit, ihr Geschichts­nar­rativ auf einer inter­na­tio­nalen Bühne erfolg­reich zu präsen­tieren. Deutsch­land, so die Wahr­neh­mung, konnte seine Täter­schaft unter­dessen zumin­dest teil­weise auf die besetzten Gesell­schaften abwälzen und in einen eigenen Opfer­status ummünzen. Die gefühlte Domi­nanz des Holo­caust in der globalen Erin­ne­rungs­kultur wird also nicht nur als verkür­zend und unge­recht, sondern vor allem als Beleg für die hervor­ra­gende geschichts­po­li­ti­sche Arbeit israe­li­scher und jüdi­scher Insti­tu­tionen gesehen.

Inkom­pa­tible Wahr­neh­mungen und Fallen im wissen­schaft­li­chen Austausch

Es ist leicht, diese Posi­tionen und die sich dahinter verber­genden Absichten zu dekon­stru­ieren. Doch ist es über­haupt möglich und ange­messen, für die deut­sche Perspek­tive auf den Zweiten Welt­krieg in Polen zu werben und das Land dazu bringen zu wollen, wie Deutsch­land dem Gedenken an den Holo­caust erin­ne­rungs­kul­tu­relle Prio­rität einzu­räumen? Wie dem auch sei, die Versu­chung ist jeden­falls groß, etwa die reni­tenten Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen von der Weichsel mit einem Verweis auf die eigenen Aufar­bei­tungs­er­run­gen­schaften abzu­bü­geln. Ganz zu schweigen vom nur schwach ausge­prägten Willen deut­scher Museen und Biblio­theken, die Prove­nienz ihrer in Kriegs­zeiten erwor­benen Bestände zu erfor­schen. Denn um die polni­sche Geschichts­po­litik krachend schei­tern zu lassen, bedarf es keiner Anstren­gung von außen, dies besorgen die Handelnden in Warschau selbst. Damit hat die seit 2015 amtie­rende Warschauer Regie­rung deut­sche Akteure in eine komfor­table Situa­tion gebracht und vertraute Hier­ar­chien wieder­her­ge­stellt: Hier die Vertreter einer aufge­klärten, demo­kra­ti­schen und euro­päi­sierten Gedenk­kultur, dort die aus der Zeit gefal­lenen natio­na­lis­ti­schen Nervensägen.

Zbigniew Libera, “Kolarze” (Radfahrer) von 2003, Foto aus der Serie “Posi­tive”. Libera reenacted ein berühmtes histo­ri­sches Foto, das den Über­fall auf Polen aus deut­scher Perspek­tive harmlos und beschö­ni­gend darstellt.

Dabei haben die deut­schen Poli­tiker und Medi­en­ma­cher durchaus ihre Lern­fä­hig­keit unter Beweis gestellt: In Verlaut­ba­rungen, Gedenk­reden, Pres­se­ar­ti­keln und Filmen wird das große Ganze der deut­schen Besat­zung meist korrekt darge­stellt. Die Warschauer Aufstände von 1943 und 1944 werden nicht mehr verwech­selt. Sogar ein Polen­denkmal wird in der deut­schen Haupt­stadt errichtet. Dennoch hat es nicht selten den Anschein, es handele sich dabei um erzwun­gene Pflicht­übungen, während die Ausein­an­der­set­zung mit dem Holo­caust ganz selbst­ver­ständ­lich zum poli­ti­schen und kultu­rellen Alltag gehört. Ist es nicht so, dass nicht wenige in Deutsch­land die nur selten offen verba­li­sierte Erwar­tung hegen, es sei endlich an der Zeit, dass Polen eine kollek­tive Mitver­ant­wor­tung an der Ermor­dung der Juden einräumt? Ist dieses Sitzen auf dem hohen Ross der eigenen Aufar­bei­tung nicht der eigent­liche Brems­stein, der einen besseren Austausch über Krieg, Besat­zung und Holo­caust verhin­dert? Diesen Eindruck kann man mitunter gewinnen, wenn in Deutsch­land etwa über Anti­se­mi­tismus und Kolla­bo­ra­tion in Polen disku­tiert wird. Zugleich heben viele den mora­li­schen Zeige­finger, wenn nicht­jü­di­sche Opfer­gruppen stärker in den Fokus der öffent­li­chen Aufmerk­sam­keit drängen. Die Benen­nung der natio­nalen oder ethni­schen Zuge­hö­rig­keit öffnet, wird reich­lich inkon­se­quent argu­men­tiert, ihrer neuer­li­chen Hier­ar­chi­sie­rung nach natio­nalen oder ethni­schen Krite­rien Tür und Tor. 

Und hier das Original, auf das sich Libera bezieht: Polen, Schlag­baum, deut­sche Soldaten, Bundes­ar­chiv, Bild 146-1979-056-18A / Sönnke, Hans / CC-BY-SA, Quelle: Wikipedia

Genau in dieser polnisch-deutschen Inkon­gruenz gegen­sei­tiger Wahr­neh­mungen und Erwar­tungen liegt der sprich­wört­liche Hund begraben: Für Berlin hat Warschau mehr denn je seine poli­ti­sche Rele­vanz einge­büßt und der Rückzug Polens in die europa- und geschichts­po­li­ti­sche Schmoll­ecke macht es für die deut­sche Seite allzu leicht, in dieser Posi­tion zu verharren. So kann man Verant­wor­tung postu­lieren, ohne wirk­liche Demut zeigen zu müssen. Für Warschau wiederum ist Berlin ein Ort pater­na­lis­ti­scher Besser­wisser, deren exklu­sives Eintreten für die Veran­ke­rung des Holo­causts in eine post­na­tio­nale euro­päi­sche Erin­ne­rungs­kultur nur den Versuch darstellt, durch die Hintertür die eigene Verant­wor­tung für den Zweiten Welt­krieg poli­tisch korrekt zu externalisieren.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Mit etwas boshafter Zuspit­zung ließe sich von kommu­ni­zie­renden Röhren der Singu­la­ri­täten spre­chen: In dem Maße, wie die eine Seite ihr Gefäß mit Ausschließ­lich­keiten befüllt, steigt der Pegel auf der anderen Seite. Frei­lich ist diese Meta­pher schief, denn der Wunsch polni­scher Akteur:innen nach stär­kerer Berück­sich­ti­gung hat viel mehr Gründe als die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur. Das Bild hilft aber, Befind­lich­keiten und Reak­ti­ons­me­cha­nismen auf beiden Seiten zu verdeutlichen.

An einer struk­tu­rellen Asym­me­trie krankt auch der wissen­schaft­liche Dialog zwischen beiden Ländern. Zwar geben sich zahl­reiche Insti­tu­tionen redlich Mühe, polni­sche Wissenschaftler:innen in Deutsch­land zur Sprache kommen zu lassen. Nicht wenige deut­sche Historiker:innen lernen Polnisch und besu­chen polni­sche Archive. Doch fällt hier erneut eine Unwucht in der Wahr­neh­mung auf. Auch sie ist nicht in Publi­ka­tionen nach­lesbar und tritt nur inof­fi­ziell zu Tage. Denn so gern man sich mit Historiker:innen aus den polni­schen akade­mi­schen Zentren austauscht, so süffi­sant kommen­tieren manche deut­sche Kolleg:innen hinter vorge­hal­tener Hand deren Verharren in natio­nalen Denk­mus­tern und deren metho­di­sche und inhalt­liche Rück­stän­dig­keit. Dabei ist es gerade das mitunter formel­hafte Insis­tieren auf der Singu­la­rität des Holo­caust, wie auch die kaum reflek­tierte rheto­ri­sche Figur des „polni­schen Anti­se­mi­tismus“ (anstelle der Formu­lie­rung „Anti­se­mi­tismus in Polen“) als analy­ti­sches Multi­funk­ti­ons­werk­zeug, die es kriti­schen Historiker:innen aus Polen schwer­ma­chen, im deut­schen Diskurs zu bestehen. Denn in dem Moment, wo sie auf Kontexte, Latenzen und paral­lele Prozesse verweisen (und mögli­cher­weise den Begriff „Tota­li­ta­rismus“ verwenden), begeben sie sich selbst ins diskur­sive Abseits. Sie verlieren dabei ihren Nimbus als kriti­sche Geister und laufen Gefahr, auf den Status eines wenig rele­vanten Provinz­his­to­ri­kers zurecht­ge­stutzt zu werden.

Der Standort bestimmt die Perspektive

Man nimmt dem Holo­caust nichts von seiner Bedeu­tung als singu­läres Mensch­heits­ver­bre­chen, wenn man ihn nicht nur in die deut­sche Geschichte, sondern auch in die Geschichte seines Haupt­schau­platzes einbettet. Historiker:innen haben in den letzten Jahren in verschie­denen Studien gezeigt, dass dies sogar unab­dingbar ist. Der Holo­caust ereig­nete sich nämlich nicht in ahis­to­ri­schen Räumen, sondern an konkreten Orten mit einer eigenen Historie, inmitten einer besetzten Bevöl­ke­rung mit einer eigenen Kultur-, Sozial- und Menta­li­täts­ge­schichte. Der Blick von Deut­schen auf die ostmit­tel­eu­ro­päi­sche Geschichts­re­gion war im 19. und 20. Jahr­hun­dert nicht selten ein kolo­nialer, auch dies ist ein wich­tiger, längst beschrie­bener histo­ri­scher Kontext der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Besat­zung. Wie im derzeit viel­dis­ku­tierten Falle der Kolo­ni­al­ver­bre­chen in Afrika gilt es, dies mit der Geschichte des deut­schen Anti­se­mi­tismus und Juden­mords in Bezie­hung zu setzen und nicht beide Ereig­nisse mit einem Gleich­heits­zei­chen zu versehen oder direkte Kausa­li­täten zu konstru­ieren, die es nicht gab.  

Hinzu kommt: Unsere heutige Deutung des Holo­caust als präze­denz­loser Zivi­li­sa­ti­ons­bruch und als dunkle Seite von Moder­ni­sie­rung und Aufklä­rung ist stark von der Sicht Intel­lek­tu­eller bestimmt, die nach 1945 auf der nicht­kom­mu­nis­ti­schen Seite des Eisernen Vorhangs lebten. Prägend war für sie das Schicksal von meist deut­schen oder west­eu­ro­päi­schen Juden, deren Ermor­dung von einer reibungslos funk­tio­nie­renden Büro­kratie und Orga­ni­sa­tion des Tötens ermög­licht wurde, die direkt auf der Rampe von Ausch­witz endete. Die bäuer­li­chen lokalen Gesell­schaften im Gene­ral­gou­ver­ne­ment, deren Tradie­rung vormo­derner Gewalt bis ins 20. Jh. nur in Ansätzen erforscht ist, unter­schieden sich in sozio­lo­gi­scher und lebens­welt­li­cher Hinsicht von den urbanen Zentren im Westen. Anti­se­mi­ti­sche Gewalt war für sie auch eine Erfah­rung aus dem Ersten Welt­krieg, dem Polnisch-Sowjetischen Krieg und der Zwischen­kriegs­zeit. Außerdem zeigte die deut­sche Besat­zung hier ein anderes Gesicht als in West­eu­ropa: Die Gewalt gegen Juden wie Nicht­juden begann mit dem Einmarsch der Wehr­macht und nahm unver­züg­lich nie geahnte Ausmaße an. Sie trug anfangs oft nichts Syste­ma­ti­sches, Koor­di­niertes oder gar Modernes in sich, das gilt auch für den begin­nenden Holo­caust. Dem indus­tri­ellen Morden in Sobibór, Bełżec und Treb­linka ging vor den Augen der Land­be­völ­ke­rung eine Entgren­zung der Gewalt der Besatzer gegen Juden voraus, in deren Sog sich auch Einhei­mi­sche begaben. Dies setzte sich fort, als die Vernich­tungs­lager längst einge­ebnet waren und Deut­sche mit der Unter­stüt­zung lokaler Helfer nach versteckten Juden „jagten“. Aus dieser Mischung unter­schied­li­cher Erfah­rungen in der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit entstanden die heutigen nur bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung inkom­pa­ti­blen Erzäh­lungen über Besat­zung und Judenmord.

Mit einer undog­ma­ti­schen Debatte über Verlauf, Kausa­li­täten und Kontexte der Besat­zungs­ver­bre­chen und des Holo­caust kann man also wenig verlieren, aber viel gewinnen. Für das polni­sche Beispiel bedeutet dies vor allem: Zuhören. Polen hat viele Geschichten des 20. Jahr­hun­derts zu erzählen, und Deutsch­land sowie die jüdi­schen Bürger Polens spielen darin eine zentrale Rolle. Bedenken wir, dass nicht jeder Konflikt zwischen Polen und Juden auf einen gene­tisch veran­lagten Anti­se­mi­tismus der ersteren zurück­zu­führen ist, wie auch nicht jedes Plädoyer für eine histo­ri­sche Einord­nung etwa von Kolla­bo­ra­tion ein Versuch natio­na­lis­ti­scher Verdrän­gung darstellt. Wir Deut­schen müssen auch keine Aufar­bei­tungs­mis­sio­nare entsenden, denn Polen disku­tiert seit 40 Jahren mit offenem Visier die eigene Rolle im Zweiten Welt­krieg und Holo­caust. Unser Inter­esse muss ange­sichts des derzei­tigen poli­ti­schen Drucks vorrangig jenen Akteuren gelten, die als Autor:innen, Lehrer:innen, Wissenschaftler:innen und Kultur­schaf­fende sich jeden Tag dem derzei­tigen natio­na­lis­ti­schen Roll­back der offi­zi­ellen Geschichts­po­litik entge­gen­stellen. 

Aus Warschauer Perspek­tive fehlt unserer Singu­la­ri­täts­de­batte damit vor allem eins: Ihre Rück­bin­dung an den Ort der Vernich­tung und die dortigen Gesell­schaften. Will man die heutige deut­sche Sicht auf den Holo­caust auch in Polen vermit­teln, muss man glaub­haft machen, dass man die anderen Aspekte der Besat­zung ebenso ernst nimmt, indem man sich als verläss­li­cher Teil­nehmer an den kontro­versen Diskursen betei­ligt und eigene Gewiss­heiten nicht als allei­nige mora­li­sche Richt­schnur versteht. Und man sollte akzep­tieren, dass Vergleich und Kontex­tua­li­sie­rung die Geburts­helfer eines jeden Diskurses sind, der die Schoah nicht als Genozid unter vielen inter­pre­tiert. Es ist, als würde man in die eingangs erwähnte Foto­mon­tage hinein­zoomen: Man erkennt dann nämlich, dass der Warschauer Trüm­mer­mo­no­lith aus äußerst unter­schied­li­chen Bestand­teilen zusam­men­ge­setzt ist, die bei aller Diffe­renz doch auf viel­fäl­tigste Weise aufein­ander bezogen sind.

 

 

  • Christhardt Henschel ist Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er hat zu Thema „Jeder Bürger Soldat. Militär, Juden und Zweite Polnische Republik zwischen Geschichte und Gegenwart“ an der Universität Leipzig promoviert. Seine Arbeitsgebiete sind: Geschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert; jüdische Geschichte Ostmitteleuropas; Militärgeschichte.