Das Leben der Autorin, Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) war geprägt von wechselnden lesbischen Beziehungen, wiederkehrender Morphiumsucht und Konflikten mit ihrer reichen, nationalkonservativen Familie. Diese spielte in der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle: Ihr Großvater Ulrich Wille war ein – äußerst deutschlandfreundlicher – General der Schweiz im Ersten Weltkrieg, ihr Cousin James Schwarzenbach dirigierte in den 1960er und 70er Jahren eine wirkmächtige fremdenfeindliche Bewegung. Annemarie Schwarzenbach hingegen engagierte sich antifaschistisch und setzte sich zeitlebens für deutsche Emigrant:innen ein.
Nicht zuletzt als positive Figur innerhalb der zusehends kritisch rezipierten Schweizer Geschichte erlebt Schwarzenbach ihren dritten Popularisierungsschub: Nach ihrer Wiederentdeckung in den 1990er Jahren und vielen Publikationen zum 100. Geburtstag ist sie heute mit einer großen Ausstellung (Zentrum Paul Klee 2021), zwei neueren Comics und einer entstehenden Streaming-Serie endgültig in der Öffentlichkeit angekommen – als queere Literaturikone und sozialkritische Stimme ihrer Zeit.
Schwarzenbach als postkoloniale Denkerin avant la lettre?
Während die kolonialen Verstrickungen der Schweiz in den letzten Jahren etwa durch die Forschung von Patricia Purtschert ins öffentliche Bewusstsein treten, erscheint Schwarzenbach auch in dieser Hinsicht als positive Gegenfigur. So wird sie im Internet als postkoloniale Autorin avant la lettre präsentiert oder figuriert in preisgekrönter Literatur als Vorbild postkolonialen Denkens: In Mathias Énards Roman Kompass (Original: Boussole, prix de Goncourt 2015, dt. 2016) ist Annemarie Schwarzenbach Vor- und Doppelgängerin der Hauptfigur Sarah, einer jungen Islamwissenschaftlerin. Diese begibt sich auf die Spuren Schwarzenbachs, während sie um ein eigenes Verständnis der ,orientalischen‘ Kulturen und deren Beziehung zu Europa ringt. Sarah weist die Sicht Edward Saids zurück, der im orientalistischen Diskurs eine Form kolonialer Aneignung ausmachte. Stattdessen plädiert sie dafür, den Nahen Osten als eine Kontaktzone im Sinne von Homi Bhabhas third space zu verstehen, in dem sich Westen und Osten trotz asymmetrischen Machtbeziehungen auch befruchtet haben.
Schwarzenbach wird in Kompass eine Illustrationsfigur für Bhabhas Theorie: In der Kontaktzone des Orients habe sie Ursprünge und Mischformen eigener und fremder Kultur und letztlich eine Rettung des eigenen Ich zu finden versucht. Énards Nachvollzug dieser inneren und äußeren Reise ist zwar richtig, überspringt jedoch, wie Schwarzenbach den third space ‚Orient‘ zunächst in Text und Bild als Kontaktraum dargestellt hat – und wie sich dabei auch imperialistische und rassistische Narrative mit ihrem humanistisch-befreienden Engagement vermengten.
Der „Limes“ als Raum liebender Kolonisation
Schwarzenbach interpretierte Weltgeschichte als Entstehungsgeschichte des modernen Europas und damit der eigenen Identität. So schreibt sie bereits vor ihren Reisen an ihren Freund Claude Bourdet 1932: „Sie wissen, dass ich den Nationalismus nicht liebe, wohl aber die gemeinsame europ. Kultur. Wo findet man sie heute noch ausser in ihren Grundlagen? Und es sind sehr gewaltige und hinreissende Zeugnisse von Mykenaie u. Knossos bis zu Ur, Kisch oder Tell Halaf.“ Solche „Grundlagen“ der europäischen Identität widmet Schwarzenbach archäologische Bemühungen im poetischen wie konkreten Sinn – sie arbeitet in Persien und Afghanistan auf Ausgrabungen, schreibt unzählige (Foto)Reportagen über ihre Erlebnisse und verarbeitet sie in Reportagebüchern, Erzählungen und Romanen. Dabei stellt sie ihre Reiserouten gerne in Analogie zu den Kriegszügen Alexander des Grossen dar, der für sie ebenso Held wie „Symbol“ einer „liebenden Eroberung“ war.
Diese affirmative Haltung gegenüber der antiken Kolonisation verdichtet sich im ambivalenten Begriff des Limes, wie sie ihn kurz vor ihrem Tod 1942 am Beispiel der marokkanischen Ruinenstadt Volubilis verwendet, „eine[r] Grenzstadt am äußersten Limes des römischen Reiches“. Limes steht hier nicht bloß für eine Grenzbefestigung, sondern potenziell für eine dominierende undliebende Umarmung des Fremden. In einem ihrer Artikel für die Basler National-Zeitung schreibt sie 1942 über Volubilis:
Die römischen Bürger hatten hier am Rande Mauritaniens [sic] keine Aufgaben der Eroberung mehr, sie mußten nur kolonisieren, sichern, und das Gut der Zivilisation verwalten. Sogar die Städter mischten sich mit den schönen Frauen der Berber. Wie viel mehr mochten ringsum römische Kolonisten gemeinsam mit berberischen Bauern, Nomaden und Hirten das fruchtbare Ackerland bestellen und die Herden teilen!

Bahngleise und die Ruinen von Volubilis (Caracalla-Bogen), Marokko
SLA, Nachlass Schwarzenbach, A-5-26/167.
Kolonisation sei ein humanistisches Bestreben, wenn es die Kolonisierten in die friedliche ,zivilisatorische‘ Entwicklung einbinde. Schwarzenbach steht ,Zivilisationsbemühungen‘ teilweise auch in der Moderne positiv gegenüber – etwa, wenn sie in einer Fotoreportage von 1934 die Gründung einer türkischen Agrarschule durch deutsche Wissenschaftler rühmt. Volubilis, das sie 1942 als Ideal der Völkerverständigung imaginiert, ist jedoch mehr als eine antike Utopie. Es ist ein Gegenbild zum Faschismus und Imperialismus des Zweiten Weltkriegs, wo Eroberung nicht in Zivilisierung mündet. Sophie Decock, Walter Fähnders und Uta Schaffers haben dies in ihrem Nachwort zu Schwarzenbachs Afrikanischen Schriften (2012) erstmals herausgearbeitet. Auf einer Fotografie Schwarzenbachs wird der Gegensatz bildhaft: Vor dem Triumphbogen Volubilis’ winden sich verbogene, bereits überwucherte Bahngleise; das Moderne versagt vor dem antiken Zeugnis. Das ambivalente Modell des Limes kann, wie wir sehen werden, gleichsam entgleisen.
Naher Osten, 1933–1936: Typologische Völkerkunde
Schwarzenbachs historisch fundiertes Interesse für eine Vermischung der Kulturen schließt eine stereotype Beschreibung des als ,orientalisch‘ wahrgenommenen Fremden nicht aus. Rassistische Argumente werden angedeutet, aber auch abgelehnt. So beschreibt sie in einem Artikel, dass Armenier in Persien ihren „Rassentypus rein bewahrt“ hätten, ihre kulturellen Besonderheiten jedoch nicht allein aufgrund von „Blut und Boden“ erklärbar seien. Stereotype dienen sowohl dem Lob als auch dem Tadel des ,Exotischen‘: Der ,orientalische Mensch‘ erscheint bewundernswert duldsam, aber in seinen Traditionen verhaftet – im Extremfall zum eigenen Unglück, wie eine libanesische Familie zeige. Scheinbar unfähig, wintertaugliche Gebäude zu bauen, „warteten“ sie frierend auf den Frühling „und lernten nichts. Und so seit Jahrhunderten.“
Wie bereits die – oft imperialistisch grundierte – Ethnologie des 19. Jahrhunderts kartiert Schwarzenbach Volksmentalitäten: In Kontrast zu archaisch-ritterlichen Arabern erscheinen die Perser am äußersten Rande des Nahen Ostens besonders schicksalsergeben. Ihre Kultur sei die älteste, aber durch ihren Niedergang in einer melancholischen Starre gefangen. Die türkische Bevölkerung dagegen, dem Westen am nächsten, raffe sich dank Atatürk und Europa auf.

Marga d’Andurain, „[e]ine moderne Zenobia“
Nachweis: Annemarie Schwarzenbach, Eine moderne Zenobia, Zürcher Illustrierte Nr. 47, 20.11.1936, S. 1451. ETH Zürich.
Stereotypien gehorchen auch Geschlechterrollen. Musliminnen bleiben, „schwarz wie Nachtvögel“, unsichtbar. Beachtung finden emanzipierte europäische Frauen: „Madame d’Andurin“ (Marga d’Andurain, 1893–1948 verkörpert als französische Abenteurerin mit eigenem Nomadenstamm prototypisch die Vision einer liebenden Kolonisierung des Limes. Nicht zufällig lobt sie Schwarzenbach als „[e]ine moderne Zenobia, als Nachfolgerin der Römerin, die in Palmyra über ein eigenes Reich herrschte.“
Amerika und Afghanistan, 1936–1941: soziales Engagement
Schon während ihren ersten Reisen im Nahen Osten rückt Schwarzenbach zusehends vom Klassifizierenden ab und findet zu dokumentarischen Beschreibungen. Diese Verschiebung akzentuiert sich auf ihren Reisen durch Amerika 1936–1938. Galten die USA lange als Land der zu kolonisierenden frontier, so ist spätestens in den 1930er Jahren Ernüchterung eingetreten, wie Schwarzenbach konstatiert. Am Rand der Zivilisation befinden sich amerikanische Arbeiter:innen nicht länger aufgrund eines geographischen Limes, sondern aufgrund von Ausbeutung und Umweltzerstörung.
Augenscheinlich wird dies in den Darstellungen der schwarzen Bevölkerung. Zu Anfang gehorcht diese noch dem Bild des kindlich Primitiven: „die N[*] rückten nach, und bewohnten mit ihren Kinderscharen sorglos und schlampig die kleinen, niedrigen, stilvollen Zimmer“; Am Abend „sitzen die Schwarzen auf ihren Türschwellen und singen”. Der „schwermütige[] Gesang“ rückt sie in die Nähe duldsam-melancholischer ‚Orientalen‛, jedoch fehlt deren (verlorene) Hochkultur. Erst eine vertiefte Auseinandersetzung sensibilisiert Schwarzenbach dafür, dass der vermeintliche Fatalismus auf fehlende Bildung und rechtliche Benachteiligung zurückzuführen ist. In einer späteren Reportage konstatiert sie: „Diese fürchterliche Demoralisation war nicht ihre Schuld.“

3. Afghanistanreise 1939, „Nomaden als Achtstunden-Arbeiter“
Nachweis: Annemarie Schwarzenbach, Nomaden als Achtstunden-Arbeiter, Zürcher Illustriert Nr. 15, 12.4.1940, S. 396. ETH Zürich.
Die neue Einsicht begleitet Schwarzenbach auf ihrer nächsten Reise, die sie 1939 bis nach Afghanistan führt. Die kolonialen Modernisierungen im „Limes“ nimmt sie nun als Proletarisierung wahr. Ausgebeutete „Nomaden als Achtstundenarbeiter“, die einen Staudamm errichten, erfahren keinen ‚westlichen Humanismus‛. Zugleich gewinnt sie Einblicke in das traditionelle afghanische Leben, insbesondere dasjenige der Frauen. Nach dem Treffen mit einer Konvertitin, die unter ihrer neuen Familie leidet, prangert Schwarzenbach in einem Artikel mit dem Titel „Die Frauen von Kabul“ vom April 1940 die Unterdrückung aller afghanischen Frauen an:
[E]s genügt, die dumpfe Knechtschaft von nahem gesehen zu haben […] und man wird die Entmutigung abschütteln wie einen bösen Traum und wieder der Vernunft das Wort reden, die uns auffordert, an die schlichten Ziele eines menschenwürdigen Daseins zu glauben und sich dafür einzusetzen.
Schwarzenbachs Modell eines fruchtbaren Limes wird 1939 auf die Probe gestellt: Völker werden nicht mehr – wie einst durch Alexander den Grossen – ,liebend erobert‘, sondern missbraucht; der ,Orient‘ zeugt nicht nur von vergangener Hochkultur, sondern unterdrückt die weibliche Bevölkerung. Wie in ihrem späteren Text über Volubilis ersichtlich wird, hat Schwarzenbach das Ideal des Limes nach 1939 trotzdem nicht fallengelassen. Die kritischen Afghanistan-Texte drücken ihre Enttäuschung über seine verfehlte Umsetzung aus: Wenn sich Technisierung und Tradition als gleichermaßen unterdrückende Mechanismen gegenüberstehen, ist der zivilisatorische Limes nur mehr in der Antike zu finden.
Afrika, 1941–1942: Rassismus jenseits des Limes

4. Ami Vivien, ‚Schweizer Pionierin’ im belgischen Kongo
SLA, Nachlass Schwarzenbach, A-5-25/080.
1941 bricht Schwarzenbach in den belgischen und französischen Kongo auf, um dort journalistisch gegen den Faschismus zu kämpfen. Ihr Engagement richtet sich gegen das ferne Deutschland und nicht gegen die lokale Ausbeutung. In Reportagen rückt die heroische „Pionierarbeit“ von Schweizer:innen ins Zentrum: Ami Vivien, eine starke Frau wie schon Zenobia und d’Andurain, zieht ihre Bewunderung auf sich. ,Arbeitsscheue‘ Schwarze sind dagegen in Schwarzenbachs Sicht eine Beschwernis, welche die koloniale Tat größer macht: „Der Pflanzer muß mit einem Boden rechnen, der noch nie bebaut worden ist, mit N[*] als Arbeitskräften, die nie regelmäßige Arbeit gekannt haben und nicht daran interessiert sind […].“
Eine in der Antike angeblich fruchtbare, im Nahen Osten fragwürdig gewordene Kontaktzone erscheint im innersten Afrika unmöglich. In Amerika begegnete die Autorin Schwarzen diesseits der Grenze; sie bedurften keiner kolonialen, sondern rechtlicher Maßnahmen. Umgekehrt verortet sie Kongoles:innen jenseits des Limes. Eine zivilisatorische Verständigung erscheint zwecklos, wie sie in einem Brief an die amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers andeutet:
Of course they don’t understand us, nor should we pretend to understand them, I have seen and heard amazing things about them living in the jungle which would kill us soon. […] I saw yesterday an old ugly man who came to take his boy away from the plantation back to the village, as the boy is dying of pneumonia, and they want to save him by magic, – he will certainly die on the way. (Molanda am 29.07.1941)
Das Bewundernswerte an den ‚hässlichen‛ Kongoles:innen ist ihre Resilienz gegenüber oder gar ihre Identität mit einer tödlichen Natur, ihre Kultur hingegen ist abergläubisch und primitv. Anders als notleidende Nomad:innen oder Afroamerikaner:innen erscheinen sie keines Engagements würdig. Liebend kolonisiert werden kann hier nur noch der Boden, nicht die Bevölkerung, die sie mit – für ihr Werk aussergewöhnlich eindeutigen – rassistischen Stereotypen beschreibt.
Schwarzenbach als Kämpferin für all diejenigen zu verstehen, die ihr Schicksal als Marginalisierte teilten, wäre ein Missverständnis. Sie war kein Vorbild des Postkolonialismus, wie Énards Roman suggeriert, und doch bewies sie zeitlebens großes sozialkritisches Engagement. Die Autorin erweist sich als ambivalente politische Denkerin, tief in zeitgenössischen Diskursen verhaftet.
Sollte Schwarzenbach aufgrund dieser Analyseergebnisse ihren heutigen Status als (populär)kulturell wichtige Figur verlieren? Aus Sicht der postkolonialen Studien, die nicht am Diskursverbot, sondern an der vertieften Diskursanalyse interessiert sind, ist das Gegenteil der Fall: Es ist zu hoffen, dass die Auseinandersetzung mit Schwarzenbach sich nicht nur weiter intensiviert, sondern auch differenziert. Die Schlaglichter, die hier auf ihr Werk geworfen wurden, laden zur Diskussion und Revision ein – insbesondere auf der Grundlage einer digitalen, öffentlich zugänglichen Gesamtedition ihrer Werke und Briefe, die zur Zeit geplant wird.
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