Was sind Körperwahrnehmungsstörungen? Das Sprechen darüber hat in den letzten Jahren an Konjunktur gewonnen. Dabei weist das Störungsbild eine mehr als hundertjährige Geschichte auf, die uns auch etwas über den Umgang mit Medien verrät.

  • Marius Reisener ist Literaturwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn. Aktuell arbeitet er an einer Kulturgeschichte der Körperwahrnehmungsstörung 1900–2030

Ob auf Insta­gram oder TikTok (oder X…): Die Begeg­nung mit medial vermit­telten Körper­bil­dern ist unum­gäng­lich. Dabei sind uns diese Körper eigent­lich unan­ge­nehm: Stets sind sie schöner, schlanker oder musku­löser als unser eigener. Wir sind gefangen in einer ewigen Vergleichs­schleife, in der nicht nur der fremde Körper immer besser als unserer ist; auch der eigene wird uns fremd, erweist sich sogar als gestört. Dieses Verhältnis zeitigt Effekte, auf die auch die moderne Psycho­logie reagiert: Unter Schlag­worten wie Körper­wahr­neh­mungs­stö­rung, Körper­sche­ma­ta­stö­rung oder Body Dysmor­phic Disorder (BDD) listet sie Ensem­bles von Phäno­menen, die auf habi­tu­elle Einschrän­kungen, soziale Hemm­nisse und gestörte Abläufe im Alltag verweisen, sobald sich ein patho­lo­gi­sches Verhältnis der Patient:innen zu ihren Körpern heraus­ge­bildet habe. Doch was heißt das eigent­lich, und gibt es den Körper jemals nicht-gestört?

Die (Un)Möglichkeit von Körpern zu sprechen

Vom Körper zu spre­chen heißt, über das „genaue Gegen­teil einer Utopie“ zu spre­chen, wie sich mit Michel Foucault sagen ließe. Der eigene Körper und dessen Bilder drängen sich uns jeden Morgen beim Blick in den Spiegel förm­lich auf. Doch dieser Körper, jeder Körper, unter­liegt einer medialen Bedingt­heit, wie Foucault in seinem Radio­bei­trag „Der utopi­sche Körper“ vom Dezember 1966 nahelegt:

Ich weiß, was es heißt, von jemandem anderen ange­schaut und von Kopf bis Fuß gemus­tert zu werden. […] Ich weiß, was es heißt, nackt zu sein. Und zugleich ist dieser doch so sicht­bare Körper gleichsam in einer Unsicht­bar­keit gefangen, von der ich ihn niemals zu befreien vermag. Diesen Schädel, die Rück­seite meines Schä­dels, kann ich zwar mit den Fingern ertasten, aber sehen kann ich ihn nicht.

Foucault gilt der Körper deshalb als „ein Fantom, das nur der Spie­gel­welt mit ihren Trug­bil­dern ange­hört, und das auch nur in Bruch­stü­cken“ – und genau darin besteht die Pointe des Textes: Er demons­triert und voll­zieht als Text zugleich dasje­nige, was er im außer­li­te­ra­ri­schen Raum bestreitet: Er macht den Körper anschau­lich. Gleich­zeitig bleibt in dem gerade zitierten Radio­bei­trag das Para­digma der Wahr­neh­mung bzw. der medialen Vermitt­lung von Körpern weit­ge­hend im Hinter­grund. Eine Unter­su­chung dieses Verhält­nisses mag jedoch aufschluss­reich sein, und ganz beson­ders bietet sich für eine solche Unter­su­chung die Lite­ratur an.

Lite­ra­ri­sche Szenen

In lite­ra­ri­schen Szenen gestörter Körper­wahr­neh­mung verdichtet sich diese Konstel­la­tion – also die der medialen Vermit­telt­heit des Körpers. Dabei sagen Szenen dieser Art zwei­erlei aus: einer­seits etwas über die Möglich­keiten und Bedin­gungen, unter denen Körper über­haupt wahr­nehmbar werden, von welchen medialen Konflikten diese Szenen geprägt sind und welche Effekte diese auf den Körper und ‚sein‘ Subjekt haben. Ande­rer­seits öffnen diese Szenen aber auch einen Raum, der hinter den Dres­sur­re­gimes moderner Körper aufscheint: Lite­ra­ri­sche Szenen gestörter Körper­wahr­neh­mung zeigen ‚Risse‘, die bei jeder diskur­siven Vermes­sung des Körpers auftau­chen, und impli­zieren so den Eigen-Sinn moderner Subjekte.

Dass dieser Eigen-Sinn histo­risch jeweils unter­schied­lich gela­gert ist, weil er auch auf die Eigen­lo­giken ‚seiner‘ Medien reagiert, scheint plau­sibel: So weist der Körper ein anderes Störungs-Bild auf, wenn er sich in einem Spiegel um 1900 betrachtet, als wenn das Bild durch den Social-Media-Algorithmus von TikTok und Co. gejagt wird. Dass es dabei gerade das in die Jahre gekom­mene Medium der Lite­ratur sein soll, das sich für eine solche Refle­xi­ons­ar­beit eignet, mag nicht unmit­telbar einleuchten. Der Grund für diese Eignung liegt in dem Vermögen der Lite­ratur, „in ihrer histo­risch ausge­bil­deten formalen Kapa­zität nicht nur die Wirkung, sondern auch das struk­tu­relle Muster anderer Medien“ – und „tenden­ziell jedes anderen Mediums“ – zu umfassen, zu reflek­tieren und zu tran­szen­dieren, wie man mit den Worten Hubert Winkels aus seinem Buch Lese­lust und Bilder­macht von 1999 sagen könnte. Das kann Lite­ratur, weil sie sinn­lich abstrakt und konkret zugleich ist. Und da sie ihre soziale Leit­funk­tion einge­büßt hat, ist sie (noch­mals mit Winkel gespro­chen) „entbunden vom Trug des schönen Scheins ebenso wie von dem des reinen Funktionierens.“

Doch reagiert Lite­ratur nicht nur auf die Medien, von denen sie umgeben ist. In ihr gehen stets auch andere Wissens­formen auf, die den Diskurs bestimmen. Vor diesen Hinter­grund ist die Geschichte der Patho­logie von der Körper­wahr­neh­mungs­stö­rung aufschluss­reich. Vor allem im vergan­genen Jahr­zehnt ist sie zu einer diskur­siven Größe geworden, die ihren Platz in den sozialen Medien wie auch der psycho­lo­gi­schen Fach­li­te­ratur gefunden hat. Dabei kann sie eine Geschichte vorweisen, die bis ins späte 19. Jahr­hun­dert zurückreicht.

Störung – Phobie – Zwang

Im April 1891 veröf­fent­lichte der Turiner Psycho­loge Enrico Morselli im Bollet­tino della Regia Acca­demia Medica di Genova einen Artikel mit dem Titel „Sulla Dismorf­ofobia e sulla Tafefobia due forme non per anco descritte di Pazzia con idee fisse“. In dem Text prägte er die beiden titel­ge­benden Neolo­gismen, die noch immer Bestand­teil moderner psycho­lo­gi­scher Klas­si­fi­ka­tionen sind. Morselli verstand den Begriff der Phobie in seinem weiten, vorfreu­dia­ni­schen Sinn, der nicht zwischen Phobien und Zwangs­vor­stel­lungen unter­schied. Er betrach­tete die Dysmor­pho­phobie – von gr. dusmorjoz (verformt) und gr. φοβος (Angst, Furcht) – als eine Geis­tes­krank­heit mit fixen Ideen und ordnete sie einer Gruppe von psychi­schen Störungen zu, die Phobien, Zwangs­vor­stel­lungen, zwang­hafte Verhal­tens­weisen und wahn­hafte Gedanken glei­cher­maßen umfasste. Was die Ätio­logie, also die Ursa­chen, und was die Prognose betraf, so lehnte Morselli das Konzept der Dysmor­pho­phobie als dege­ne­ra­tive (vererbte) Krank­heit ab und vertrat die Auffas­sung, dass es zumin­dest in einigen Fällen ein erwor­bener und vorüber­ge­hender Zustand (und zwar der Neur­asthenie) sei.

In seinem Artikel von 1891, die auf einer Studie mit knapp 80 Proband:innen basierte, schreibt Morselli:

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Der Dysmor­pho­pho­biker ist in der Tat ein wirk­lich unglück­li­cher Mensch; inmitten seiner tägli­chen Ange­le­gen­heiten, beim Reden, beim Lesen, beim Essen, kurzum überall und jeder­zeit, wird er plötz­lich von dem Zweifel an einer Miss­bil­dung ergriffen, die sich an seinem Körper entwi­ckelt haben könnte, ohne dass er es weiß: er befürchtet, dass er eine gequetschte und abge­flachte Stirn, eine lächer­liche Nase, schlak­sige Beine usw. hat oder entwi­ckeln könnte, also betrachtet er sich wieder­holt im Spiegel, tastet seine Stirn ab, misst die Länge seiner Nase, unter­sucht die kleinsten Flecken in seiner Haut, die Propor­tionen seines Rumpfes und die Gerad­heit seiner Glied­maßen, und erst nach einiger Zeit kann er sich beru­higen und sich von dem schmerz­haften Zustand befreien, in den ihn der Angriff versetzt hat. Ist aber kein Spiegel zur Hand oder wird er durch irgend­einen Mecha­nismus oder durch Bewe­gungen der abson­der­lichsten Art daran gehin­dert, seine Zweifel auf irgend­eine Weise zu beru­higen, […] endet der Anfall nicht sehr schnell, sondern kann eine sehr schmerz­hafte Inten­sität errei­chen, bis hin zu Weinen und Verzweiflung.

Einige Jahr­zehnte lang war die medi­zi­ni­sche Lite­ratur über Dysmor­pho­phobie dürftig und verstreut. Nur in ein paar wenigen euro­päi­schen Veröf­fent­li­chungen tauchte der Begriff auf, oft in Verbin­dung mit Anek­doten: So beschrieb etwa im Jahr 1905 der italie­ni­sche Psych­iater Eugenio Tanzi in seiner Abhand­lung über psychi­sche Störungen drei junge Frauen, die unter Dysmor­pho­phobie litten. 1909 dann über­setzten Robertson und MacKenzie das Lehr­buch von Tanzi, womit der Begriff in die engli­sche Sprache impor­tiert wurde. Und 1915 erwähnte Emil Krae­pelin in aller Kürze einige Patient:innen, die von der Vorstel­lung besessen waren, sie hätten eine selt­same Nase, krumme Beine oder würden schlecht riechen – und so zum Objekt des Spottes werden. Auch wenn die Körper­wahr­neh­mungs­stö­rung in dieser Zeit keinen promi­nenten Platz im psycho­lo­gi­schen Diskurs hatte, konnte sie sich doch durch das Jahr­hun­dert hindurch ‚retten‘ und wurde zwischen­zeit­lich als Schön­heits­hy­po­chon­drie (W. Jahr­reis, 1930), Thersites-Komplex (H. Stutte, 1950er Jahre) oder Beach­tungs­wahn (U. H. Peters, 1974) neufor­mu­liert. Doch als Laurence Jerome die erste leicht verfüg­bare engli­sche Über­set­zung von Morsellis Aufsatz ein Jahr­hun­dert nach dem Original besorgte – sie erschien in der Zeit­schrift History of Psych­iatry (2001) –, war dies der Start­punkt für eine rasante Karriere.

Karriere eines Konzeptes

Gegen­wärtig ist das Phänomen omni­prä­sent, nun aber besser bekannt als Körper­wahr­neh­mungs­stö­rung, Körper­sche­ma­stö­rung oder Body Dysmor­phic Disorder (BDD). Die Aufnahme dieser Diagnosen in die Inter­na­tional Clas­si­fi­ca­tion of Dise­ases (ICD) oder das Diagno­stic and Statis­tical Manual of Mental Disor­ders (DSM), die dafür seit den 1980er Jahren eine eigen­stän­dige Störungs­ka­te­gorie geschaffen haben, legen einer­seits Zeugnis von ihrer Allge­gen­wart ab und sind ande­rer­seits auch die Ursache für die Bekannt­heit und schnelle Verbrei­tung des Wissens über diese Störung. Dabei wird seit den 1980er Jahren in den bezeich­neten Fällen insge­samt nicht mehr von „Krank­heiten“, sondern von „Störungen“ (disor­ders) gespro­chen. Eine Unter­su­chung der Rubri­zie­rungs­akte, also der unter­schied­li­chen Beschrei­bungen und Klas­si­fi­zie­rungen von Körperwahrnehmungsstörung(en), kann so etwas über die Zurich­tung moderner Körper aussagen, an denen auch die Psycho­logie teilhat.

Die Begriff­lich­keit der Störung verzichtet bewusst auf Ursa­chen­an­gaben und wirft dadurch die Frage nach der klaren Erkenn­bar­keit einzelner Störungs­bilder auf, wie die Kultur­his­to­riker Corne­lius Borck und Armin Schäfer in der Einlei­tung zu ihrem Buch Das psych­ia­tri­sche Aufschrei­be­system (2015) zeigen. Störungs­bilder werden jedoch oft nicht kritisch geprüft, sondern gegen­über einer als selbst­ver­ständ­lich ange­nom­menen, aber nicht näher defi­nierten Funk­tio­na­lität profiliert.

Für die Psycho­logie wird diese Diagnose insbe­son­dere im Rahmen von Indi­vi­du­ie­rungs­pro­zessen inter­es­sant und wert­voll. Dabei ließe sich eine solche Störung als Verlän­ge­rung einer iden­ti­täts­bil­denden Phase der Adoles­zenz lesen, in der insbe­son­dere geschlecht­liche Merk­male Aufmerk­sam­keit auf sich ziehen. „Weil es“, so der Psycho­loge Mathias Hirsch in seiner Mono­gra­phie Trau­ma­ti­sche Realität und psychi­sche Struktur (2022),

um die geschlecht­liche Iden­tität geht, haben dysmor­pho­pho­bi­sche Fanta­sien (Befürch­tungen also, Teile des Körpers seien unter­ent­wi­ckelt oder miss­ge­bildet) in aller Regel primäre oder sekun­däre Geschlechts­merk­male zum Ziel: Körper­formen, Scham­be­haa­rung, Stimm­bruch, Bart­wuchs, Mens­trua­tion und Sexu­al­funk­tionen werden ängst­lich beob­achtet und wahn­haft gestört gefunden. Die Brüste sind zu groß oder zu klein, der Penis – immer – zu klein.

Klar ist, dass es sich bei solchen und ähnli­chen Rubri­zie­rungs­akten um klas­si­fi­ka­to­ri­sche, funk­tio­nale und seman­tisch dyna­mi­sche Bestim­mungs­ver­suche handelt: Je nachdem, was mit der Funk­ti­ons­stö­rung gemeint war, wofür sie eine Erklä­rung liefern sollte und wie sich ihre Bestim­mung im Laufe der Geschichte verschoben hat, änderten sich auch, wo sie in den Manualen auftauchte, was ihre Symptome, Herkünfte sowie Behand­lungs­mög­lich­keiten sein könnten – und was über­haupt als ‚Störung‘ gilt.

Medical Philo­lo­gies – Medi­zi­ni­sche Philologien

Inzwi­schen inter­es­sieren sich die Medical Philo­lo­gies für den Zusam­men­hang von (mentalen) Krank­heiten und Lite­r­a­ri­zität. Zum einen geht es um die sozialen und kultu­rellen Voraus­set­zungen von Krank­heits­bil­dern, die dabei zwar wesent­lich auf die Eigen­lo­giken des medi­zi­ni­schen Diskurses ange­wiesen sind, aber deshalb nicht weniger ‚erzählen‘ oder ‚ästhe­ti­sieren‘. Zum anderen geht es um die Rolle von Gesundheits- bzw. Krank­heits­me­ta­phern im öffent­li­chen und lite­ra­ri­schen Raum glei­cher­maßen wie auch um Verar­bei­tungs­weisen von Patho­lo­gien im Raum des Ästhe­ti­schen. Neben den Bedin­gungen und Möglich­keiten der Medizin, von und über ihre Gegen­stände zu spre­chen, geht es somit auch um die Ein- und Ausschlüsse solcher Maßnahmen, die etwa die Lite­ratur reflek­tieren kann.

Das ‚Gemacht­sein‘ dieser und ähnli­cher Patho­lo­gien und ihrer Thera­pie­formen ist für die Medical Philo­lo­gies von beson­derem Inter­esse. Denn auch die moderne Psycho­logie entdeckt den Aspekt des ‚Ästhe­ti­schen‘ (inkl. der Produk­tion und Rezep­tion ästhe­ti­scher Arte­fakte) für sich und im Rahmen ihrer Ausein­an­der­set­zungen mit körper­dys­mor­pho­phoben Störungen. So entwerfen etwa die Verhaltenstherapeut:innen Emma Baldock und David Veale in ihrem Aufsatz „The Self as an Aesthetic Object“ von 2017 das Konzept eines Selbst, das sich als ästhe­ti­schen Gegen­stand verar­beitet („proces­sing of self as aesthetic object“). Der Vorschlag zielt darauf ab, die Selbst­wahr­neh­mung von BBD-Patient:innen im Modus des Ästhe­ti­schen zu fassen, um einer­seits die als solche empfun­denen nega­tiven Wirkungen ihrer Körper auf ihre Umwelt besser beschreiben zu können; ande­rer­seits geht es um die Mani­pu­lie­rung ihrer Körper (Schön­heits­ope­ra­tionen, Make-Up etc.) als ästhe­ti­sche Akte. Und den Psycholog:innen Antonia Larrain und Andrés Haye gilt das Selbst – wie schon der Titel des Papers „Self as an Aesthetic Effect“ (2019) verrät – als Ergebnis der ästhe­ti­schen Tätig­keit, die in unserem alltäg­li­chen, sprach­li­chen und sozialen Handeln liegt. Sie verstehen das Selbst dabei nicht nur als ein stän­diges Werden, sondern auch als eine ästhe­ti­sche Wirkung des Wunsches nach Einheit („unity“) inner­halb dieses Werdens.

Der Einbezug von Ästhetik – durch Arte­fakte inner­halb von und Form­vor­lagen in Indi­vi­dua­ti­ons­pro­zessen – mag in der Eigen­logik der Psycho­logie viel­ver­spre­chend sein. Er vernach­läs­sigt aber womög­lich die gegen­sei­tige Ange­wie­sen­heit von Körper und Wahr­neh­mung, die die Kultur­ge­schichte seit etwa 1900 verbürgt. Die Moderne nimmt ihren Anfang mitunter darin, den Ausgangs­punkt der Erkenntnis der Objekt­welt in das Subjekt zu verla­gern. Anders formu­liert: Wurde zuvor noch die Beschaf­fen­heit der Realität unter­sucht, wodurch sich anschlie­ßend Fragen an die Wahr­neh­mung arti­ku­lierten, stellt die Moderne das Subjekt an den Anfang dieses Prozesses – und damit auch die Sinnes­ver­mögen des Körpers. Dieser wird somit zum Ausgangs­punkt der Verhand­lung von Wahr­neh­mung wie auch des Zusam­men­hangs von Dingen, Leib und Selbst. Eine Erfor­schung der Körper­wahr­neh­mungs­stö­rung aus dem Blick­winkel der Medical Philo­lo­gies kann dieser Konfi­gu­ra­tion nach­gehen und auf das niemals abzu­schal­tende Verhältnis von Körpern und Medien aufmerksam machen. Und sie mag auch beim Umgang mit den unum­gäng­li­chen Körper­bil­dern helfen.

Der Beitrag enthält Passagen, die bereits in anderen Zusam­men­hängen erschienen und dort noch breiter kontex­tua­li­siert sind. Siehe dazu: Marius Reisener, „Körper|Wahrnehmung|Störung. Dysmor­pho­phobie in Lite­ratur und Psycho­logie 2000/1900“, in: ZiG 16, S. 211–233; ders., „Die Angst der Verfor­mung m/w. Dysmor­pho­phobie und Geschlech­ter­trans­gres­sion in Sybille Bergs ‚Amerika‘, in: Marcella Fassio (Hrsg.), Mental Health erzählen in Lite­ratur und Medizin (Reihe: Medical & Health Huma­ni­ties. Aesthe­tics, Analyses, Approa­ches), Berlin: de Gruyter 2025, S. 65–88.