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  • Patrick Eiden-Offe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Dort leitet er Forschungsprojekt „Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik“. Im Sommersemester 2019 vertritt er die Professur für Neuere deutsche Literatur/Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der HU Berlin. Zuletzt erschien 2017 "Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats" bei Matthes & Seitz.

  • Ruben Hackler ist Doktorand an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich und befasst sich mit der Wissensgeschichte der Rechtsprechung im 19. und 20. Jahrhundert.

  • Gleb Albert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Histo­ri­schen Seminar der Univer­sität Zürich. Aus der Historischen Kommunismusforschung kommend, arbeitet er nun als Mitglied der Forscher­gruppe «Medien und Mimesis» an einem Projekt zur Geschichte der Softwarepiraterie. Er ist Mitherausgeber des International Newsletter of Communist Studies und Herausgeber von Geschichte der Gegenwart.

Ruben Hackler, Gleb Albert: Es wird zurzeit wieder viel über Klasse als Analy­se­instru­ment zum Verständnis der Gegen­wart disku­tiert. Das gilt für Schrift­stel­le­rInnen und linke Intel­lek­tu­elle wie Annie Ernaux, Didier Eribon oder Chantal Jaquet, die ihre niedere soziale Herkunft offen thema­ti­sieren. Zu denken ist hier aber auch an Konser­va­tive, die den Kampf um soziale Errun­gen­schaften gegen iden­ti­täts­po­li­ti­sche Anliegen ausspielen. Dabei scheint uns klärungs­be­dürftig: Woher kommt das Konzept der Klasse eigent­lich, wie ist es entstanden?  

Patrick Eiden-Offe: Diese Frage habe ich versucht, mit meinem Buch Die Poesie der Klasse zu adres­sieren. Der entschei­dende Punkt ist viel­leicht der letzte Teil des Unter­ti­tels: Die Erfin­dung des Prole­ta­riats. Es geht darum, wie sich im Vormärz, also zwischen 1820 und 1850, das allge­meine Bewusst­sein durch­setzt, in einer Klas­sen­ge­sell­schaft zu leben. Wenn man aber die heutigen Vorstel­lungen von Klasse und Prole­ta­riat mit denen aus dem Vormärz vergleicht, kommt es zu einem Verfrem­dungs­ef­fekt. Für uns ist das Prole­ta­riat mit dem Bild einer weißen, männ­li­chen Indus­trie­ar­bei­ter­klasse verbunden, aber bis zur Revo­lu­tion von 1848 wird darunter ein „bunt­sche­ckiger Haufen“ (Karl Marx) verstanden. Die „Erfin­dung des Prole­ta­riats“ im Vormärz ist ein aktiver und schöp­fe­ri­scher Prozess, kein bloß rezep­tives Auffinden. Und es ist eine Selbst­er­fin­dung – so wie Edward P. Thompson schon im Titel von The Making of the English Working Class darauf hinweist, dass die Arbei­ter­klasse eben immer nur „in the Making“ zu haben ist, nie als fest­ste­hende Größe. Klasse ist eine histo­ri­sche Prozess­ka­te­gorie.

Du beschreibst, wie dieser „bunt­sche­ckige Haufen“ im deutsch­spra­chigen Raum nach und nach zu einer Kollek­ti­vi­den­tität als „Prole­ta­rier“ findet – über Publi­zistik, theo­re­ti­sche Schriften, genauso wie über Lite­ratur und Poesie. Wer ist im Vormärz an dieser Iden­ti­täts­pro­duk­tion betei­ligt?

Indus­trie­ar­beiter gibt es auf dem Konti­nent noch kaum. Die Träger­schicht dessen, was bald als Arbei­ter­be­we­gung bekannt wird, sind vor allem Hand­werker. 1811 wird in Preußen der Zunft­zwang aufge­hoben und es bildet sich eine kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­weise heraus, aller­dings vorerst ohne Fabriken, sondern nur mit größeren Ateliers, in denen diese Hand­werker unter quasi-industriellen Bedin­gungen ihre Arbeit verrichten müssen. Diese neuen Produk­ti­ons­be­din­gungen wider­spre­chen ihrem idea­li­sierten Selbst­ver­ständnis als Hand­werker und dagegen orga­ni­sieren sie sich. Eine andere Gruppe, die sich zusam­mentut, sind präka­ri­sierte Intel­lek­tu­elle. Sie sind das Produkt der preu­ßi­schen Bildungs­ex­pan­sion, aufgrund derer es immer mehr Akade­miker gibt, die sich als freie Schrift­steller oder Jour­na­listen verdingen müssen und die dann anfangen, sich selbst aufseiten des Prole­ta­riats zu verorten. Eine dritte Gruppe sind Hand­lungs­ge­hilfen, die in subal­terner Posi­tion in größeren, trans­na­tional agie­renden Handels­un­ter­nehmen arbeiten: Schreiber, Hand­lungs­rei­sende, die mit den Hand­wer­kern gemeinsam haben, dass sie viel unter­wegs sind. Alle drei Gruppen sind hoch­mobil, sie bewegen sich durch ganz Europa und zum Teil darüber hinaus.   

Wie tauschen sich diese lebens­welt­lich doch recht unter­schied­li­chen Gruppen aus? Was sind die Foren, in denen sich ein gemein­sames Selbst­ver­ständnis heraus­bildet? 

Wilhelm Weit­ling (1808-1871 ), unda­tiert, Quelle: Wiki­media Commons

Die frühen Orga­ni­sa­tionen der Arbei­ter­be­we­gung, die Vereine und quasi-gewerkschaftlichen Zusam­men­schlüsse, haben von Beginn an Zeit­schriften, in denen darüber disku­tiert wird, wer zum Prole­ta­riat gehört, wie die gesell­schaft­liche Lage ist und wie sie sich verbes­sern ließe. Ein wich­tiger Zeitungs­ma­cher ist Wilhelm Weit­ling, ein reisender Schnei­der­ge­selle. Er gibt ab 1842 in der Schweiz den Hülferuf der deut­schen Jugend heraus. Dann exis­tiert eine ganze Reihe weiterer Zeit­schriften, deren Macher und Mache­rinnen aus dem bürger­li­chen Milieu kommen. Sie schließen sich aber bald mit den radi­ka­li­sierten Hand­wer­kern zusammen. Diese Zeit­schriften sind sowohl in der Produk­tion wie der Rezep­tion selbst schon eine poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­ons­form. Man könnte hier von der Geburt der Arbei­ter­be­we­gung aus dem Geist des Zeit­schrif­ten­le­se­kreises spre­chen.

Verstehen sie sich tatsäch­lich als eine gemein­same Klasse? 

Darüber wird zumin­dest eine ganz aufge­regte Debatte geführt. Auslöser ist das Pauperismus-Problem. In den Städten gibt es einen Verar­mungs­schub. Bei den wohl­ha­benden Bürgern löst diese Entwick­lung große Angst aus. Das „Prole­ta­riat“ wird zum buzzword und teilt die Gesell­schaft: Die Bürger fürchten sich vor ihm, andere hingegen iden­ti­fi­zieren sich damit. Dabei handelt es sich noch nicht um einen festen Begriff. Statt eine genaue begriff­liche Bestim­mung zu versu­chen, fertigt man immer wieder Listen an, in denen verzeichnet wird, wer dazu­ge­hört und wer nicht. Diese Listen finden sich überall: in den prole­ta­ri­schen Zeit­schriften selbst, aber auch in den lite­ra­ri­schen und jour­na­lis­ti­schen Angst­phan­ta­sien der Bour­geois. Diese Listen sind, wie alle Listen, fort­setzbar. Es tauchen darauf oft die folgenden Gruppen auf: verarmte Hand­werker und Bauern, die in die Städte geworfen werden, Haus­an­ge­stellte, Haus­ge­sinde, Bett­le­rinnen und Bettler, Vaga­bunden, Prosti­tu­ierte, Hand­lungs­ge­hilfen, einfache Soldaten, Akade­miker und Pastoren ohne Pfarrei. Irgend­wann werden auch Manufaktur- und Fabrik­ar­beiter genannt. Aus dieser hete­ro­genen Ansamm­lung wird in den bürger­li­chen Medien die Horror­figur der „gefähr­li­chen Klassen“ konstru­iert, gegen die man sich vertei­digen müsse. Gleich­zeitig gibt es dieje­nigen, die sagen: ‚Ich bin auch Prole­ta­rier‘. Der Bezug auf die Klasse erlaubt ihnen Soli­da­ri­sie­rung. 

Wenn Du über diese Listen sprichst, hat man den Eindruck, es gehe dabei eher um etwas Deskrip­tives. Also um eine Selbst­ver­stän­di­gung darüber, in welche Klassen die Gesell­schaft aufge­teilt ist. Wenn man sich den Begriff des Prole­ta­riats in den Sinn ruft, fällt einem aber auch dessen mobi­li­sie­rende Funk­tion ein. Wie stark ist dieses Motiv im Vormärz?

Wilhelm Weit­ling, „Welche Reformen wollen wir?“ (Der Urwähler, 1848), Quelle: Google Books

Das lässt sich anhand der Zeit­schriften verdeut­li­chen. Dass sie zur Kollek­tiv­bil­dung beitragen, kann man auch an den jeweils ersten Nummern erkennen, in denen die erwähnten Listen stehen. Darin findet sich immer wieder die Auffor­de­rung, vom Leser zum Mitar­beiter zu werden. Im „Hülferuf“ von Weit­ling dient die Liste dazu, jeder Person einzeln zu erklären, warum er oder sie einen guten Grund hat, die Zeit­schrift zu abon­nieren und mitzu­ma­chen. Weit­ling hat die Hete­ro­ge­nität des Prole­ta­riats nie geleugnet. Viel­mehr geht er davon aus, dass es Gemein­sam­keiten gibt, Konver­genz­punkte, an denen man sich orien­tieren könne. In der 1848er-Revolution hat er in Berlin noch einmal eine Zeit­schrift gegründet. Der erste Artikel hatte den Titel: „Welche Reform wollen wir?“ Man würde erwarten, dass poli­ti­sche Ziele benannt werden, doch der erste Satz lautet: „Wir? Verwi­ckelte Frage!“

Dennoch stellt sich die Frage, ob die Hete­ro­ge­nität nicht auch als Mangel wahr­ge­nommen wurde.

Doch, das auch. Ich habe eine Rezen­sion von Engels gefunden, in der ausge­rechnet er sagt, die Lite­raten würden nicht zum Prole­ta­riat gehören, sie seien die „käuf­lichste aller Klassen“. Marx wird später auf ähnliche Weise von ‚Lumpen­pro­le­ta­riern‘ spre­chen. Früh versucht man auch, sich von bestimmten Perso­nen­gruppen wie den unfreien Arbei­tern zu distan­zieren: Es sei doch ein wich­tiger Unter­schied, ob jemand seine Arbeits­zeit verkaufe oder mit Haut und Haar einem anderen gehöre. Die Listen werden also sehr schnell zum Gegen­stand von Spal­tungen oder zum Anlass für Entso­li­da­ri­sie­rungen. 

Du schreibst, dass die Losung „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ der Arbei­ter­be­we­gung im Vormärz „als grau­same Zumu­tung“ erscheinen würde. Heute verbindet man mit der Arbei­ter­be­we­gung eher eine Verherr­li­chung der Arbeit.

„Der Urwähler“ von Wilhelm Weit­ling, 1848, Quelle: Google Books.

Bei der frühen prole­ta­ri­schen Bewe­gung in Deutsch­land habe ich eine solche Verherr­li­chung kaum gefunden. Arbeit wird dort durchweg als Zwang charak­te­ri­siert, als gestoh­lene Zeit oder als „Marter“. Auch die Intel­lek­tu­ellen, die sich als Prole­ta­rier bezeichnen, sagen, das Schreiben sei eigent­lich schön, aber es werde einem dadurch mies­ge­macht, dass man es für Geld machen muss. Es gibt kaum eine Iden­ti­fi­ka­tion mit der Arbeit, so wie sie ist. Ausschlag­ge­bend ist dagegen die gemein­same Erfah­rung der Verar­mung. Und es gibt die Orien­tie­rung an gemein­samen Werten, die ich als „roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus“ bezeichne. Es wird beklagt, dass gemeinsam gestal­tete Akti­vi­täten wie Spazier­gänge, Diskus­sionen, das gemein­same Singen und Feiern, die als freie Zeit und nicht bloß als Frei­zeit verstanden werden, der kapi­ta­lis­ti­schen Effi­zi­enz­logik zum Opfer fallen. Der roman­ti­sche Anti­ka­pi­ta­lismus kämpft für etwas, was es früher vermeint­lich gegeben habe, was jetzt aber zerstört werde.

Derzeit wird verstärkt über das Verhältnis von Klassen- und Iden­ti­täts­po­litik disku­tiert. Doch wer mehr „Klas­sen­po­litik“ fordert, hat meist den Zeit­raum 1860–1960 vor Augen, die Zeit der indus­tri­ellen Gesell­schaft und der Indus­trie­ar­beiter. Wie würdest du das Verhältnis von Klassen- und Iden­ti­täts­po­litik im Vormärz beschreiben?

Es gibt Leute, die heute die Klas­sen­frage für sich wieder­ent­de­cken und dabei denken, damit seien nur die Arbeiter in der Fabrik gemeint. Plötz­lich tauchen wieder die alten Bilder auf und werden als die einzige Form von Klas­sen­po­litik präsen­tiert, um sie gegen Anti­se­xismus oder Anti­ras­sismus in Stel­lung zu bringen. Im Vormärz dagegen kann man eine univer­sa­lis­ti­sche Geste finden. Das Problem des Natio­na­lismus spielt in der Arbei­ter­be­we­gung noch keine Rolle, weil die Arbeiter hoch­mobil sind. Die Rassis­mus­frage taucht aber bereits in der Debatte um ‚die Iren‘ auf, denen vorge­worfen wird, die engli­schen Löhne kaputt­zu­ma­chen. Auch geht es immer darum, die Frauen anzu­spre­chen. Hat eine prole­ta­ri­sche Frau mehr mit einer bürger­li­chen Frau oder einem prole­ta­ri­schen Mann zu tun?

Wie kommt es, dass die Arbei­ter­be­we­gung im Vormärz so sensibel gegen­über verschie­denen Arten der Diskri­mi­nie­rung ist? Ist die Situa­tion tatsäch­lich so eindeutig? 

Die Entwick­lung der Arbeits­be­din­gungen hat die Geschlechter einander ange­nä­hert. Alle müssen perma­nent in der Fabrik schuften oder Schicht­dienst verrichten. Die Ziele, für die man kämpft, betreffen beide Geschlechter, wenn auch im unter­schied­li­chen Maße. Früh beginnt aller­dings auch der Kampf für die prole­ta­ri­sche Klein­fa­milie. Das heißt, die Frauen werden aktiv aus der Erwerbs­ar­beit hinaus­drängt. Die Prole­ta­rier entdeckten das Ideal der Klein­fa­milie  – als Argu­ment im Kampf für höhere Löhne, damit die Männer ‚wieder‛ ihre Frauen und Kinder ernähren können, als ob das vorher je der Fall gewesen wäre. Die Orien­tie­rung am alten Hand­werk, die bei den Arbei­tern auf der einen Seite zu einer Soli­da­ri­sie­rung im Kampf geführt hat, wirkt sich auf der anderen, geschlech­ter­po­li­ti­schen Seite eher spal­te­risch aus. Jeder Arbeiter will nun in seiner Klein­fa­mile ein kleiner Meis­ter­pa­tri­arch sein. Die Situa­tion ist also keines­wegs eindeutig.

Teil­weise bekommt man den Eindruck, dass die Hete­ro­ge­nität dieser Vormärz-Bewegung für Dich einen Vorbild­cha­rakter hat – wie auch ihr ‚roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus‘, die Beschwö­rung einer imagi­nierten vorka­pi­ta­lis­ti­schen Vergan­gen­heit.

Die Romantik war kompli­zierter, als oft ange­nommen wird. Der Begriff des „roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus“ stammt von Georg Lukács und ist von ihm als Vorwurf gedacht. Die Roman­tiker hätten bereits einen Anti­ka­pi­ta­lismus besessen, der sei aber bloß nost­al­gisch gemeint gewesen. Ich will dagegen zeigen, dass das Nost­al­gi­sche des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus über­haupt erst erlaubte, eine bestimmte Kritik zu entwi­ckeln. Zudem kann man fest­stellen, dass unsere Probleme gar nicht so verschieden von denen sind, die die Leute damals hatten. Wir erleben heute massen­haft Phäno­mene wie Deindus­tria­li­sie­rung, Auto­ma­ti­sie­rung und die Verla­ge­rung von Produk­ti­ons­stätten, aber das heißt nicht, dass die Klas­sen­ge­sell­schaft verschwindet.  Die aktu­elle Klas­sen­fi­gu­ra­tion ist viel­fältig und unüber­sicht­lich, aber nichts­des­to­trotz leben wir weiterhin in einer Klas­sen­ge­sell­schaft. Um diese Situa­tion fassbar zu machen, müssen wir Beschreibungs- und Imagi­na­ti­ons­formen entwi­ckeln – und dabei kann man auf das Bekannte zurück­greifen. Die Klas­sen­ge­sell­schaft des Vormärz ist uns viel näher als die der Zeit danach. Heute gilt die Gesell­schaft auch als viel­fältig, die Menschen werden als Indi­vi­duen ange­spro­chen. Wenn man die Indi­vi­dua­li­sie­rung in der Klas­sen­ge­sell­schaft nicht als das letzte Wort hinnehmen will, muss man sich wieder die Frage stellen: Wer ist dieses ‚Wir‘?  

Ist Klasse allein noch ausrei­chend, um Formen des Wider­stands zu beschreiben? Was wären andere Begriffe? Vor ein paar Jahren gab es die Diskus­sion über den Begriff des Preka­riats und den Versuch, ihn als Mobi­li­sie­rungs­faktor zu nutzen.

„Der Hülferuf der deut­schen Jugend“, September 1841, Quelle: Baye­ri­sche Staats­bi­blio­thek

Der Klas­sen­be­griff war lange verpönt, nun ist er wieder zurück. Und gleich­zeitig wird er sehr stark meta­pho­risch verwendet, wenn es etwa um kultu­relle Klassen gehen soll. Vorreiter war hier sicher die Rede von der ‚crea­tive class‘. Ich würde dagegen sagen, ähnlich wie Eribon und andere, dass es wichtig ist, immer wieder auch auf die sozio­öko­no­mi­sche Dimen­sion von ‚Klasse‘ zurück­zu­kommen. Die stra­te­gi­sche Frage ist, ob das Prole­ta­riat immer noch ein guter Name ist, um an die alten Kämpfe zu erin­nern, weil die damit verknüpften Bilder sehr stark sind. Viel­leicht gibt es taug­li­chere Begriffe. Der Begriff des Preka­riats war ein großer Wurf, weil er an das Prole­ta­riat denken ließ, aber gleich­zeitig markiert, dass es um etwas Neues geht, das in den alten Bildern nicht aufgeht.

Wenn man vom Prole­ta­riat spricht, geht es auch um ein utopi­sches Denken. Wenn man sich heute die sozialen Kämpfe um den Sozi­al­staat anschaut, bekommt man den Eindruck, dass es sich um Vertei­di­gungs­kämpfe handelt, auch um Kämpfe gegen falsche Alter­na­tiven wie den Rechts­po­pu­lismus, aber eine posi­tive Vision ist hier nur schwer zu erkennen.

In meinem Buch beschäf­tige ich mich kaum mit den utopi­schen Entwürfen des Vormärz. Es lässt sich aller­dings auch leicht sehen, dass sich das, was damals als Utopie entworfen worden war, zunächst nur als die nächste Brenn­stufe des Kapi­ta­lismus entpuppte. Dass etwa alle Arbeiter zusammen essen sollen, wurde mit der Fabrik­kan­tine einge­holt. Das zu entlarven, ist aber auch ein wenig lang­weilig. Aber es gibt im Vormärz immerhin ein verbind­li­ches Ziel: den Commu­nismus, mit C geschrieben. Zwar blieb unklar, was genau das sein sollte: Bei Marx findet man dazu vor allem parodis­ti­sche Über­le­gungen, es gibt aber auch verstreute Hinweise, wie die Produk­ti­ons­weise orga­ni­siert werden sollte. Doch die Ziel­an­gabe ‚Commu­nismus‘ ist verbind­lich, bei Marx wie bei Weit­ling. Uns ist sie erklär­li­cher­weise abhan­den­ge­kommen, weil zahl­reiche Regime im 20. Jahr­hun­dert diesen Namen endgültig ruiniert haben. Die Frage ist, ob man in einer Situa­tion wie der jetzigen, die von Vertei­di­gungs­kämpfen geprägt ist, über etwas Neues nach­denken sollte oder darf. Man muss etwa die Digi­ta­li­sie­rung nicht feiern, aber es ist nicht zu bestreiten, dass sie Poten­tiale für eine andere Form der gesell­schaft­li­chen Produk­tion, für eine andere Produk­ti­ons­weise enthält. Viel­leicht sollte man der von Hans-Jürgen Krahl so genannten „sozi­al­re­vo­lu­tio­nären Phan­tasie“ mal wieder etwas freieren Lauf lassen.

Was könnten die Lehren aus der Vormärz-Arbeiterbewegung für die Gegen­wart sein?

Die von dem Sozio­logen Ulrich Beck vertre­tene Behaup­tung, wir würden nicht mehr in einer Klassen-, sondern in der Indi­vi­dua­li­sie­rungs­ge­sell­schaft leben, ist zum Selbst­ver­ständnis im Alltag geworden. Ein Beispiel: Im Jobcenter wird man als einzelner Fall behan­delt, anstatt zu einem „Heer von Arbeits­losen“ zu zählen. Gleich­zeitig ist man immer auch ein Konkur­renz­in­di­vi­duum. Aber die von Beck beschrie­bene Situa­tion ist über­haupt kein Argu­ment dagegen, nach über­grei­fenden Zusam­men­hängen, nach Klas­sen­ver­hält­nissen zu fragen. Indi­vi­dua­li­sie­rung und Klas­sen­bil­dung sind zwei Seiten derselben Medaille. Das wussten die Leute im Vormärz bereits. Das Indi­vi­duum ist im Kapi­ta­lismus immer ein Konkurrenz-Individuum – die Konkur­renz indi­vi­dua­li­siert und ist gleich­zeitig auch eine Art nega­tives soziales Band. Wir sind alle darin gleich, gegen­ein­ander auf dem Markt um Ressourcen, um Arbeits­plätze, um Geld kämpfen zu müssen. Und diese Gleich­heit kann dann auch zum Ausgangs­punkt einer Klassen-Solidarität gemacht werden. So jeden­falls haben das im Vormärz Thomas Carlyle und Moses Hess beschrieben. Man sollte also Klas­sen­stand­punkte und die Forde­rung nach Diver­sität nicht gegen­ein­ander ausspielen. Als Orien­tie­rungs­punkt gilt viel­mehr, Ziele ins Auge zu fassen, für die man gemeinsam kämpfen kann. Das ist nicht nur ein abstraktes Postulat, sondern ergibt sich aus der heutigen Lage, in der wir divers sind. Dies kann man heute als „Klas­sen­be­wusst­sein“ bezeichnen. Ein solches Klas­sen­be­wusst­sein, das Diver­sität als konsti­tutiv ansieht, gilt es zu erlangen.

Damit hören die posi­tiven Lehren aus dem Vormärz bereits fast auf. Denn eine bestimmte Art von Klas­sen­po­litik führte auch dazu, Diver­sität auszu­blenden. Es kann heute nicht einfach darum gehen, sich wieder auf ‚den Malo­cher‘ zu beziehen, das sind Ratten­fän­ger­dis­kurse. Eine andere Sache, die man viel­leicht noch aus dieser Geschichte lernen kann: Klas­sen­be­wusst­sein ist immer kultu­rell gelebt, hat seinen Ort auch in Kunst und Lite­ratur. Auch darauf hat die ältere engli­sche Sozi­al­ge­schichte, haben Edward P. Thompson und Raymond Williams immer wieder hinge­wiesen. Die Tren­nung zwischen mate­ri­ellen und kultu­rellen Klas­sen­in­ter­essen ist ein Irrweg. Die Rede von der „Poesie der Klasse“ im Titel meines Buchs ist daher ernst gemeint.

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