In modernen Klassengesellschaften markieren Kleider, welche Stellung man im sozialen Gefüge einnimmt. Diskutiert wird zwar mehr über weibliche Bekleidung (nicht zuletzt dann, wenn Männer sie tragen möchten). In den Kämpfen um Macht und Anerkennung zentral ist aber bis heute der Männeranzug.

  • Anja Meyerrose

    Anja Meyerrose lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Sozialpsychologie und Jura in Hannover und lehrte an deutschen und schweizerischen Universitäten. 2016 publizierte sie im Böhlau-Verlag „Herren im Anzug: Eine transatlantische Geschichte von Klassengesellschaften im langen 19. Jahrhundert“.

Jogging­hose oder Kopf­tuch, Burka oder Bauchfrei, Stöckel­schuh oder Sanda­lette? Zur Beklei­dung im öffent­li­chen Raum wird heftig debat­tiert, einge­klagt und Recht gespro­chen. Zudem werden – häufiger für Mädchen und Frauen – Vorschriften gefor­dert, die die Klei­der­wahl einschränken. Doch auch der Herren­anzug sorgt für Diskus­si­ons­stoff, vor allem, wenn von Männern der herr­schenden Klasse kein Anzug getragen wird. Aktuell sehen wir zum Beispiel den ukrai­ni­schen Präsi­denten sehr auffällig gekleidet in Tarngrün.

Diese mili­tä­risch anmu­tende, doch auch weiche und gemüt­liche Klei­dung trägt er nicht nur zuhause, in der vom Krieg betrof­fenen Ukraine, sondern auch bei allen Auftritten, die er welt­weit mit anderen Politiker:innen hat. Damit wird ein Unter­schied erzeugt zu den bei diesen vorherr­schenden Anzügen (oder Kostümen bei einigen Frauen). Präsi­dent Selen­skyj scheint diese Klei­dung denn auch sehr bewusst zu tragen, wie spätes­tens dann deut­lich wird, als er einen Jour­na­listen in Kiew durch seinen Bunker zum Schrank führt, um einen Anzug heraus­zu­holen, den er dann anziehen möchte, wenn die Ukraine den Krieg gewonnen hat.

Ein Anzug ist ein Anzug?

Die klas­si­sche deutsch­spra­chige Geschichte der Männer­klei­dung verfasste der Sozio­loge René König 1967 mit seinem Buch Kleider und Leute. Zur Sozio­logie der Mode. Hier liest sich die Entwick­lung des Männer­an­zugs als unauf­halt­same Expan­si­ons­ge­schichte: Um sich von der Aris­to­kratie abzu­grenzen, schlüpfte die Bour­geoisie in den bürger­li­chen Anzug. Nach und nach über­nahmen auch die Arbeiter dieselbe Beklei­dung. König bezeichnet dies als Verbür­ger­li­chung der Lebens­weise und sieht es als Hinweis, dass Deutsch­land in der Entwick­lung hin zu einer modernen Gesell­schaft mit den anderen Indus­trie­na­tionen, vor allem England, aufge­holt hatte. Der Anzug wird zum Indiz für oder gegen die Verbür­ger­li­chung und damit für oder gegen den Aufstieg in eine bessere Gesell­schafts­schicht, für oder gegen die Anpas­sung an das Lebens­mo­dell einer vermeint­lich homo­genen Gruppe glei­cher und freier Bürger. Noch bis weit ins 20. Jahr­hun­dert werden vor allem die nicht im Anzug auftre­tenden Männer beachtet. Und auch die heutigen Debatten drehen sich um Indi­zien für oder gegen die Anpas­sung an das kapi­ta­lis­ti­sche Lebensmodell.

Die Beklei­dung und die mit ihr verbun­denen Prak­tiken sind in ihrer histo­ri­schen Entwick­lung zu begreifen. Wie wir heute Klei­dung wahr­nehmen, hat sich im 19. Jahr­hun­dert etabliert. Zu diesen histo­ri­schen Wahr­neh­mungs­mus­tern gehört etwa die Idee, dass die Frau­en­be­klei­dung immer wech­selnden Moden unter­worfen sei, während sich Männer­be­klei­dung, vor allem der Anzug, seit seiner Ausbrei­tung in Europa und den USA nicht wesent­lich verän­dert habe. Doch England, Frank­reich, die USA oder später das Wilhel­mi­ni­sche Kaiser­reich sind spezi­fi­sche, histo­risch gewach­sene Gesell­schaften. Auch die Begriffe, mit denen gesell­schaft­liche Phäno­mene wissen­schaft­lich gefasst werden, sind histo­risch in den verschie­denen Gesell­schaften unter­schied­lich geprägt. Das gilt ganz beson­ders für dieje­nigen Begriffe, mit denen die Gesell­schafts­struk­turen beschrieben und Menschen gesell­schaft­li­chen Gruppen zuge­ordnet werden. Es handelt sich dabei um national geprägte Wahr­neh­mungs­muster. Begriffe wie Bour­geoisie, Gentlemen, Upper Class, Bürgertum sind keines­wegs bedeu­tungs­gleich, sondern aufge­laden durch die unter­schied­li­chen geschicht­li­chen Entwick­lungen der Klas­sen­ge­sell­schaften in den jewei­ligen Ländern. Genau wie Indus­trial Worker oder Arbeiter, White Collar Worker oder Ange­stellte. Diese Begriffe können deshalb nicht einfach auf andere Gesell­schaften über­tragen werden, ohne ihre analy­ti­sche Kraft zu verlieren. Grös­serer Erkennt­nis­ge­winn ergibt sich darum, wenn die inneren gesell­schaft­li­chen Diffe­renzen sowie die Unter­schiede der zu unter­su­chenden Gesell­schaften analy­siert werden – Unter­schiede, die auf den jeweils spezi­fi­schen histo­ri­schen Entwick­lungen der Klas­sen­ge­sell­schaften beruhen und bis in unsere Zeit nachwirken.

Gerade beim Männer­anzug werden mit Vorliebe die Gemein­sam­keiten heraus­ge­stellt. Er habe sich, so ist immer wieder zu lesen, seit über 200 Jahren nur in Details verän­dert. Während Klei­dung sonst als modisch gilt, das heisst, dem stän­digen Wandel unter­worfen sei, scheint gerade der Männer­anzug, das einfluss­reichste Klei­dungs­stück der bürger­li­chen Gesell­schaft, aus der Geschichte gefallen, faktisch immer gleich­ge­blieben. Doch die Adap­tion des Anzugs in der fran­zö­si­schen, US-amerikanischen oder der deut­schen Gesell­schaft verlief ganz unter­schied­lich. Und so kann anhand der Antworten auf die Frage, wer wann wo welchen Anzug trug oder trägt, die Entwick­lung verschie­dener moderner Klas­sen­ge­sell­schaften analy­siert werden.

Im Anzug verschwinden die Unterschiede

Der Anzug als Teil der Männer­klei­dung entstand im 18. Jahr­hun­dert im wohl­ha­benden engli­schen Bürgertum. Hier konnten Männer ein betrieb­sames, an den eigenen Profiten inter­es­siertes Denken und Handeln entfalten, aus dem sich später die kapi­ta­lis­ti­sche Produk­ti­ons­weise entwi­ckelte. Diese Merchants fanden gesell­schaft­liche Aner­ken­nung und Aufnahme in die herr­schenden Klasse, weshalb auch ihre Beklei­dung aner­kannt wurde. Im kosmo­po­li­ti­schen Umfeld der erfolg­rei­chen Kapi­ta­listen von Manchester gab es das Bedürfnis nach einer einheit­li­chen Aussen­dar­stel­lung. Mit dieser Beklei­dung konnten kultu­relle (oder reli­giöse und ethni­sche) Unter­schiede inner­halb der bour­geoisen Klasse verschwinden und dieses Merkmal machte die Attrak­ti­vität der Anzüge aus.

Von England aus beein­flussten die verän­derten Beklei­dungs­ge­wohn­heiten Männer welt­weit. Beson­ders in den ameri­ka­ni­schen Kolo­nien wurden schon früh Anzüge zur vorherr­schenden Alltags­klei­dung nicht nur der Merchants, sondern aller Männer. In der ameri­ka­ni­schen Minder­hei­ten­ge­sell­schaft, in die Menschen aus vielen Teilen der Welt einwan­derten, war das bour­geoise Merkmal des Anzugs attraktiv, denn es half, kultu­relle, ethni­sche oder reli­giöse Unter­schiede der Einwan­derer zumin­dest äusser­lich auszu­blenden. Durch diese von Europa aus gesehen unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Bedürf­nisse wurde in den USA der Anzug zum Massen­pro­dukt und konnte schon vor der Mitte des 19. Jahr­hun­derts überall im Staats­ge­biet in sehr guter Qualität und günstig gekauft werden. Die Massen­pro­duk­tion von Beklei­dung begann mit dem Anzug. In Nord­ame­rika bildete er nicht mehr ein kenn­zeich­nendes Klei­dungs­stück einer bestimmten Gruppe, sondern die erstre­bens­werte Klei­dung aller Männer. Nur folge­richtig entwi­ckelte sich in den USA die erste Massen­pro­duk­tion von Männer­be­klei­dung. Diese funk­tio­nierte nach dem Prinzip der Auftei­lung in einzelne Arbeits­schritte wie am Fliess­band. Wichtig waren hier die Migrant:innen, die manchmal schon von den aus Europa einlau­fenden Schiffen im Hafen von New York ange­heuert wurden, um in einer Fabrik die benö­tigten Stoffe zu weben oder Nähar­beiten zu verrichten. So nähten die Neuan­kömm­linge in New York güns­tige Anzüge für die Männer im gesamten besie­delten Gebiet des dama­ligen Amerikas. Waren die Migranten dann etwas länger da, suchten sie Arbeit in besser bezahlten Indus­trie­zweigen oder versuchten ein Stück Land zu bekommen, um dort auch wieder das Geld zu verdienen, mit dem sie dann die Anzüge erwerben konnten, um sich zu adap­tieren. Klas­sen­über­grei­fend war dementspre­chend die Akzep­tanz für massen­fa­bri­zierte Anzüge gross.

Alte Eliten wollen neue Anzüge

In Europa hingegen stiess die stan­dar­di­sierte Produk­tion von Männer­klei­dung auf den Wider­stand der herr­schenden Klassen. Beson­ders in England, dem Mutter­land des Anzugs, wurden Anzüge als Massen­pro­dukte abge­lehnt. Mit der Auswei­tung der indus­tri­ellen Produk­tion nach der Mitte des 19. Jahr­hun­derts stiegen neue Männer in die herr­schende Klasse auf, in England insbe­son­dere die Manu­fac­turer. In einem Prozess, den man in Anleh­nung an den Histo­riker Eric Hobs­bawm und sein Konzept der „erfun­denen Tradi­tion“ als Inven­tion of Fashion Tradi­tion bezeichnen kann, erkannten und aner­kannten sich diese Männer der herr­schenden Klasse als Gentlemen in mass­ge­schnei­derten Anzügen. Der Anzug des engli­schen Gentleman musste hand­ver­ar­beitet sein, d. h. er bestand aus dem Produkt einer an sich veral­teten, ökono­misch nicht mehr notwen­digen Produk­ti­ons­weise. Damit inner­halb der durch die Aufnahme der Manu­fac­turer grösser gewor­denen herr­schenden Klasse weiterhin für die Elite erkennbar war, wer eigent­lich dazu­ge­hörte, musste der Träger der tailor made Anzüge zusätz­liche Regeln beherr­schen. Dazu gehörte, wann welcher Anzug zu welchem Anlass zu tragen war, wie man sich zu kleiden hatte und andere Distink­ti­ons­merk­male. Mit diesem infor­mellen Wissen konnte man sich zur engli­schen Ober­klasse zuge­hörig fühlen.

Auch in den USA gewannen die Manu­fac­turer durch die zuneh­mende Indus­tria­li­sie­rung an Einfluss. Anders als in England konnte die Abgren­zung einer herr­schenden Klasse über die Beklei­dung im mass­ge­schnei­derten Anzug und das damit verbun­dene infor­melle Wissen aber nicht funk­tio­nieren. Die Durch­set­zung von luxu­riöser hand­ge­fer­tigter Beklei­dung nach veral­teten Produk­ti­ons­weisen gelang nicht. Statt­dessen wurde in den USA die moderne Massen­pro­duk­tion für Männer­be­klei­dung zur flexi­blen Massen­pro­duk­tion weiter­ent­wi­ckelt. Jetzt wurden Anzüge über den Preis zu Status­sym­bolen. Der ameri­ka­ni­sche Ökonom und Sozio­loge Thor­stein Veblen sprach vom „demons­tra­tiven Konsum“ (conspi­cious consump­tion), der Aner­ken­nung verschaffe. Dies bedeu­tete: Je höher der Preis für den Anzug als Konsumgut, desto höher das Ansehen in der Gesell­schaft. Ein beson­deres Wissen in den Umgangs­formen oder über die Art und Weise, wann welche Anzüge zu tragen waren, war dazu nicht erforderlich.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Nicht zum Anzug­träger berufen

Deut­sche Histo­riker und Sozio­logen beginnen verglei­chende Unter­su­chungen zum Thema Bürger­lich­keit meis­tens am Ende des 19. Jahr­hun­derts. Das hängt damit zusammen, dass die Entwick­lung im Deut­schen Kaiser­reich ab 1871 mit derje­nigen in anderen Indus­trie­ge­sell­schaften vergleichbar scheint. Anders als in den USA und in England waren die Konflikte in der herr­schenden Klasse Deutsch­lands jedoch nicht Ausein­an­der­set­zungen zwischen Wirt­schafts­bür­gern (vergleichbar den engli­schen oder ameri­ka­ni­schen Manu­fac­tu­rern) und Händ­lern oder Kauf­leuten (vergleichbar den engli­schen und ameri­ka­ni­schen Merchants), sondern zwischen Wirt­schafts­bür­gern und dem Staat, den Beamten und der Aris­to­kratie. Der Blick auf die Männer­klei­dung zeigt dies deut­lich: Obwohl die Anzahl der Anzug­träger im Kaiser­reich stetig zunahm, war hier der Anzug nicht die kultu­rell am höchsten bewer­tete Männer­be­klei­dung. Zu dieser Beklei­dung entwi­ckelten sich viel­mehr Berufs­uni­formen; eine Klei­dung, mit der Arbeiter, Juden und andere Gruppen der deut­schen Gesell­schaft ausge­schlossen werden konnten. Wer bestimmte Berufe nicht ergreifen konnte, wer bestimmte Studi­en­gänge nicht studieren durfte, wer nicht Beamter oder Militär werden durfte, der konnte keine Berufs­uni­form bekommen. Zur herr­schenden Klasse gehörte er damit schon gar nicht. Das galt auch für die Gross­händler und Kauf­haus­be­sitzer, Tech­niker und Inge­nieure, die z. B. aus Gross­bri­tan­nien einge­wan­dert waren, um ihre Indus­trien aufzu­bauen. Sie alle waren von Berufs­uni­formen ausge­schlossen. Darum waren die Männer im Anzug in dieser Zeit in der Gesell­schaft des Wilhel­mi­ni­schen Kaiser­reichs nicht die ange­se­henste Gruppe. Die Popu­la­rität des Männer­an­zugs ist also nicht unbe­dingt ein Indiz für die Verbür­ger­li­chung einer Gesellschaft.

Welt­weite Gleich­zei­tig­keit – die Unter­schiede bleiben

Die Geschichte des Anzugs zeigt die unter­schied­liche Genese und Trans­for­ma­tion der engli­schen, ameri­ka­ni­schen, deut­schen, aber auch aller anderen Klas­sen­ge­sell­schaften. Die konkreten Fragen, wann wo welcher Anzug von wem getragen wurde und warum, sind alles andere als unbe­deu­tend. Wenn über Beklei­dung verhan­delt wird, wie die gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse sind, sein sollten und waren, dann ist es gut, wenn die Unter­schiede der Beklei­dung mitge­dacht werden. Oder umge­kehrt: Es wäre erstaun­lich, wenn Beklei­dung in den verschie­denen Gesell­schaften welt­weit gleich verstanden würde.

Was will also der ukrai­ni­sche Präsi­dent Selen­skyj dem Jour­na­listen mit seinem Anzug im Schrank für den Tag des Sieges zeigen? Wird die Botschaft von den Politker:innen der Euro­päi­schen Union, der Schweiz, den USA, Kanada oder Südame­rika immer gleich verstanden? Wie wird sie in China, in Russ­land, in Indien, auf den Phil­ip­pinen oder in Mali aufge­nommen? Kann er mit dem Anzug demons­trieren, dass die Ukraine Teil der zivilen Werte­ge­mein­schaft ist, wie sie sich selbst versteht, und bereit ist, ein Mitglied der EU zu werden? Was sagt dieser Umgang mit den verschie­denen Klei­dungs­stü­cken über eine ange­strebte Mitglied­schaft in der NATO aus? Die vom Präsi­denten der Ukraine – der selbst keine mili­tä­ri­sche Funk­tion ausübt – gewählte mili­tä­risch anmu­tende Klei­dung sugge­riert, dass deren Träger stark, männ­lich und potent ist. Selen­skyjs Klei­dung ist keine Mili­tär­klei­dung, dennoch würde der Wechsel zum Anzug wohl viele andere Staa­ten­len­kende beru­higen. Auch diese Symbolik scheint welt­weit gleich verständ­lich – und doch werden Klei­dungs­stücke immer auch unter­schied­lich gedeutet, weil ihre Wahr­neh­mung sich histo­risch unter­schied­lich entwi­ckelt hat. An der je spezi­fi­schen Debatte zur Männer­be­klei­dung lassen sich die Kämpfe um Macht- und Herr­schafts­ver­hält­nisse in den unter­schied­li­chen Gesell­schaften besser verstehen.