Jogginghose oder Kopftuch, Burka oder Bauchfrei, Stöckelschuh oder Sandalette? Zur Bekleidung im öffentlichen Raum wird heftig debattiert, eingeklagt und Recht gesprochen. Zudem werden – häufiger für Mädchen und Frauen – Vorschriften gefordert, die die Kleiderwahl einschränken. Doch auch der Herrenanzug sorgt für Diskussionsstoff, vor allem, wenn von Männern der herrschenden Klasse kein Anzug getragen wird. Aktuell sehen wir zum Beispiel den ukrainischen Präsidenten sehr auffällig gekleidet in Tarngrün.
Diese militärisch anmutende, doch auch weiche und gemütliche Kleidung trägt er nicht nur zuhause, in der vom Krieg betroffenen Ukraine, sondern auch bei allen Auftritten, die er weltweit mit anderen Politiker:innen hat. Damit wird ein Unterschied erzeugt zu den bei diesen vorherrschenden Anzügen (oder Kostümen bei einigen Frauen). Präsident Selenskyj scheint diese Kleidung denn auch sehr bewusst zu tragen, wie spätestens dann deutlich wird, als er einen Journalisten in Kiew durch seinen Bunker zum Schrank führt, um einen Anzug herauszuholen, den er dann anziehen möchte, wenn die Ukraine den Krieg gewonnen hat.
Ein Anzug ist ein Anzug?
Die klassische deutschsprachige Geschichte der Männerkleidung verfasste der Soziologe René König 1967 mit seinem Buch Kleider und Leute. Zur Soziologie der Mode. Hier liest sich die Entwicklung des Männeranzugs als unaufhaltsame Expansionsgeschichte: Um sich von der Aristokratie abzugrenzen, schlüpfte die Bourgeoisie in den bürgerlichen Anzug. Nach und nach übernahmen auch die Arbeiter dieselbe Bekleidung. König bezeichnet dies als Verbürgerlichung der Lebensweise und sieht es als Hinweis, dass Deutschland in der Entwicklung hin zu einer modernen Gesellschaft mit den anderen Industrienationen, vor allem England, aufgeholt hatte. Der Anzug wird zum Indiz für oder gegen die Verbürgerlichung und damit für oder gegen den Aufstieg in eine bessere Gesellschaftsschicht, für oder gegen die Anpassung an das Lebensmodell einer vermeintlich homogenen Gruppe gleicher und freier Bürger. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert werden vor allem die nicht im Anzug auftretenden Männer beachtet. Und auch die heutigen Debatten drehen sich um Indizien für oder gegen die Anpassung an das kapitalistische Lebensmodell.
Die Bekleidung und die mit ihr verbundenen Praktiken sind in ihrer historischen Entwicklung zu begreifen. Wie wir heute Kleidung wahrnehmen, hat sich im 19. Jahrhundert etabliert. Zu diesen historischen Wahrnehmungsmustern gehört etwa die Idee, dass die Frauenbekleidung immer wechselnden Moden unterworfen sei, während sich Männerbekleidung, vor allem der Anzug, seit seiner Ausbreitung in Europa und den USA nicht wesentlich verändert habe. Doch England, Frankreich, die USA oder später das Wilhelminische Kaiserreich sind spezifische, historisch gewachsene Gesellschaften. Auch die Begriffe, mit denen gesellschaftliche Phänomene wissenschaftlich gefasst werden, sind historisch in den verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich geprägt. Das gilt ganz besonders für diejenigen Begriffe, mit denen die Gesellschaftsstrukturen beschrieben und Menschen gesellschaftlichen Gruppen zugeordnet werden. Es handelt sich dabei um national geprägte Wahrnehmungsmuster. Begriffe wie Bourgeoisie, Gentlemen, Upper Class, Bürgertum sind keineswegs bedeutungsgleich, sondern aufgeladen durch die unterschiedlichen geschichtlichen Entwicklungen der Klassengesellschaften in den jeweiligen Ländern. Genau wie Industrial Worker oder Arbeiter, White Collar Worker oder Angestellte. Diese Begriffe können deshalb nicht einfach auf andere Gesellschaften übertragen werden, ohne ihre analytische Kraft zu verlieren. Grösserer Erkenntnisgewinn ergibt sich darum, wenn die inneren gesellschaftlichen Differenzen sowie die Unterschiede der zu untersuchenden Gesellschaften analysiert werden – Unterschiede, die auf den jeweils spezifischen historischen Entwicklungen der Klassengesellschaften beruhen und bis in unsere Zeit nachwirken.
Gerade beim Männeranzug werden mit Vorliebe die Gemeinsamkeiten herausgestellt. Er habe sich, so ist immer wieder zu lesen, seit über 200 Jahren nur in Details verändert. Während Kleidung sonst als modisch gilt, das heisst, dem ständigen Wandel unterworfen sei, scheint gerade der Männeranzug, das einflussreichste Kleidungsstück der bürgerlichen Gesellschaft, aus der Geschichte gefallen, faktisch immer gleichgeblieben. Doch die Adaption des Anzugs in der französischen, US-amerikanischen oder der deutschen Gesellschaft verlief ganz unterschiedlich. Und so kann anhand der Antworten auf die Frage, wer wann wo welchen Anzug trug oder trägt, die Entwicklung verschiedener moderner Klassengesellschaften analysiert werden.
Im Anzug verschwinden die Unterschiede
Der Anzug als Teil der Männerkleidung entstand im 18. Jahrhundert im wohlhabenden englischen Bürgertum. Hier konnten Männer ein betriebsames, an den eigenen Profiten interessiertes Denken und Handeln entfalten, aus dem sich später die kapitalistische Produktionsweise entwickelte. Diese Merchants fanden gesellschaftliche Anerkennung und Aufnahme in die herrschenden Klasse, weshalb auch ihre Bekleidung anerkannt wurde. Im kosmopolitischen Umfeld der erfolgreichen Kapitalisten von Manchester gab es das Bedürfnis nach einer einheitlichen Aussendarstellung. Mit dieser Bekleidung konnten kulturelle (oder religiöse und ethnische) Unterschiede innerhalb der bourgeoisen Klasse verschwinden und dieses Merkmal machte die Attraktivität der Anzüge aus.
Von England aus beeinflussten die veränderten Bekleidungsgewohnheiten Männer weltweit. Besonders in den amerikanischen Kolonien wurden schon früh Anzüge zur vorherrschenden Alltagskleidung nicht nur der Merchants, sondern aller Männer. In der amerikanischen Minderheitengesellschaft, in die Menschen aus vielen Teilen der Welt einwanderten, war das bourgeoise Merkmal des Anzugs attraktiv, denn es half, kulturelle, ethnische oder religiöse Unterschiede der Einwanderer zumindest äusserlich auszublenden. Durch diese von Europa aus gesehen unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedürfnisse wurde in den USA der Anzug zum Massenprodukt und konnte schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts überall im Staatsgebiet in sehr guter Qualität und günstig gekauft werden. Die Massenproduktion von Bekleidung begann mit dem Anzug. In Nordamerika bildete er nicht mehr ein kennzeichnendes Kleidungsstück einer bestimmten Gruppe, sondern die erstrebenswerte Kleidung aller Männer. Nur folgerichtig entwickelte sich in den USA die erste Massenproduktion von Männerbekleidung. Diese funktionierte nach dem Prinzip der Aufteilung in einzelne Arbeitsschritte wie am Fliessband. Wichtig waren hier die Migrant:innen, die manchmal schon von den aus Europa einlaufenden Schiffen im Hafen von New York angeheuert wurden, um in einer Fabrik die benötigten Stoffe zu weben oder Näharbeiten zu verrichten. So nähten die Neuankömmlinge in New York günstige Anzüge für die Männer im gesamten besiedelten Gebiet des damaligen Amerikas. Waren die Migranten dann etwas länger da, suchten sie Arbeit in besser bezahlten Industriezweigen oder versuchten ein Stück Land zu bekommen, um dort auch wieder das Geld zu verdienen, mit dem sie dann die Anzüge erwerben konnten, um sich zu adaptieren. Klassenübergreifend war dementsprechend die Akzeptanz für massenfabrizierte Anzüge gross.
Alte Eliten wollen neue Anzüge
In Europa hingegen stiess die standardisierte Produktion von Männerkleidung auf den Widerstand der herrschenden Klassen. Besonders in England, dem Mutterland des Anzugs, wurden Anzüge als Massenprodukte abgelehnt. Mit der Ausweitung der industriellen Produktion nach der Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen neue Männer in die herrschende Klasse auf, in England insbesondere die Manufacturer. In einem Prozess, den man in Anlehnung an den Historiker Eric Hobsbawm und sein Konzept der „erfundenen Tradition“ als Invention of Fashion Tradition bezeichnen kann, erkannten und anerkannten sich diese Männer der herrschenden Klasse als Gentlemen in massgeschneiderten Anzügen. Der Anzug des englischen Gentleman musste handverarbeitet sein, d. h. er bestand aus dem Produkt einer an sich veralteten, ökonomisch nicht mehr notwendigen Produktionsweise. Damit innerhalb der durch die Aufnahme der Manufacturer grösser gewordenen herrschenden Klasse weiterhin für die Elite erkennbar war, wer eigentlich dazugehörte, musste der Träger der tailor made Anzüge zusätzliche Regeln beherrschen. Dazu gehörte, wann welcher Anzug zu welchem Anlass zu tragen war, wie man sich zu kleiden hatte und andere Distinktionsmerkmale. Mit diesem informellen Wissen konnte man sich zur englischen Oberklasse zugehörig fühlen.
Auch in den USA gewannen die Manufacturer durch die zunehmende Industrialisierung an Einfluss. Anders als in England konnte die Abgrenzung einer herrschenden Klasse über die Bekleidung im massgeschneiderten Anzug und das damit verbundene informelle Wissen aber nicht funktionieren. Die Durchsetzung von luxuriöser handgefertigter Bekleidung nach veralteten Produktionsweisen gelang nicht. Stattdessen wurde in den USA die moderne Massenproduktion für Männerbekleidung zur flexiblen Massenproduktion weiterentwickelt. Jetzt wurden Anzüge über den Preis zu Statussymbolen. Der amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen sprach vom „demonstrativen Konsum“ (conspicious consumption), der Anerkennung verschaffe. Dies bedeutete: Je höher der Preis für den Anzug als Konsumgut, desto höher das Ansehen in der Gesellschaft. Ein besonderes Wissen in den Umgangsformen oder über die Art und Weise, wann welche Anzüge zu tragen waren, war dazu nicht erforderlich.
Nicht zum Anzugträger berufen
Deutsche Historiker und Soziologen beginnen vergleichende Untersuchungen zum Thema Bürgerlichkeit meistens am Ende des 19. Jahrhunderts. Das hängt damit zusammen, dass die Entwicklung im Deutschen Kaiserreich ab 1871 mit derjenigen in anderen Industriegesellschaften vergleichbar scheint. Anders als in den USA und in England waren die Konflikte in der herrschenden Klasse Deutschlands jedoch nicht Auseinandersetzungen zwischen Wirtschaftsbürgern (vergleichbar den englischen oder amerikanischen Manufacturern) und Händlern oder Kaufleuten (vergleichbar den englischen und amerikanischen Merchants), sondern zwischen Wirtschaftsbürgern und dem Staat, den Beamten und der Aristokratie. Der Blick auf die Männerkleidung zeigt dies deutlich: Obwohl die Anzahl der Anzugträger im Kaiserreich stetig zunahm, war hier der Anzug nicht die kulturell am höchsten bewertete Männerbekleidung. Zu dieser Bekleidung entwickelten sich vielmehr Berufsuniformen; eine Kleidung, mit der Arbeiter, Juden und andere Gruppen der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen werden konnten. Wer bestimmte Berufe nicht ergreifen konnte, wer bestimmte Studiengänge nicht studieren durfte, wer nicht Beamter oder Militär werden durfte, der konnte keine Berufsuniform bekommen. Zur herrschenden Klasse gehörte er damit schon gar nicht. Das galt auch für die Grosshändler und Kaufhausbesitzer, Techniker und Ingenieure, die z. B. aus Grossbritannien eingewandert waren, um ihre Industrien aufzubauen. Sie alle waren von Berufsuniformen ausgeschlossen. Darum waren die Männer im Anzug in dieser Zeit in der Gesellschaft des Wilhelminischen Kaiserreichs nicht die angesehenste Gruppe. Die Popularität des Männeranzugs ist also nicht unbedingt ein Indiz für die Verbürgerlichung einer Gesellschaft.
Weltweite Gleichzeitigkeit – die Unterschiede bleiben
Die Geschichte des Anzugs zeigt die unterschiedliche Genese und Transformation der englischen, amerikanischen, deutschen, aber auch aller anderen Klassengesellschaften. Die konkreten Fragen, wann wo welcher Anzug von wem getragen wurde und warum, sind alles andere als unbedeutend. Wenn über Bekleidung verhandelt wird, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, sein sollten und waren, dann ist es gut, wenn die Unterschiede der Bekleidung mitgedacht werden. Oder umgekehrt: Es wäre erstaunlich, wenn Bekleidung in den verschiedenen Gesellschaften weltweit gleich verstanden würde.
Was will also der ukrainische Präsident Selenskyj dem Journalisten mit seinem Anzug im Schrank für den Tag des Sieges zeigen? Wird die Botschaft von den Politker:innen der Europäischen Union, der Schweiz, den USA, Kanada oder Südamerika immer gleich verstanden? Wie wird sie in China, in Russland, in Indien, auf den Philippinen oder in Mali aufgenommen? Kann er mit dem Anzug demonstrieren, dass die Ukraine Teil der zivilen Wertegemeinschaft ist, wie sie sich selbst versteht, und bereit ist, ein Mitglied der EU zu werden? Was sagt dieser Umgang mit den verschiedenen Kleidungsstücken über eine angestrebte Mitgliedschaft in der NATO aus? Die vom Präsidenten der Ukraine – der selbst keine militärische Funktion ausübt – gewählte militärisch anmutende Kleidung suggeriert, dass deren Träger stark, männlich und potent ist. Selenskyjs Kleidung ist keine Militärkleidung, dennoch würde der Wechsel zum Anzug wohl viele andere Staatenlenkende beruhigen. Auch diese Symbolik scheint weltweit gleich verständlich – und doch werden Kleidungsstücke immer auch unterschiedlich gedeutet, weil ihre Wahrnehmung sich historisch unterschiedlich entwickelt hat. An der je spezifischen Debatte zur Männerbekleidung lassen sich die Kämpfe um Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den unterschiedlichen Gesellschaften besser verstehen.