Die Diskussion um rassistische Sprache in Klassikern wird hitzig geführt, vor allem wenn es um Kinderbücher geht. Doch der Kulturbetrieb muss beweglicher werden und endlich die Perspektiven derjenigen wertschätzen, die von rassistischer Sprache diskriminiert und ausgeschlossen werden.

  • Claudia Sackl

    Claudia Sackl, geb. 1992, ist Wissenschaftliche Assistentin am ISEK – Populäre Kulturen der Universität Zürich, lehrt am Institut für Germanistik der Universität Wien und schreibt unter anderem für „1001 Buch“. Sie hat Anglistik und Germanistik an der Universität Wien studiert und widmet sich in ihrem Doktoratsprojekt afrodiasporischen Literaturen in deutscher und englischer Sprache.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Kinder­buch­klas­siker post­ko­lo­nial lesen, oder: Warum Literatur(vermittlung) und Lektüre immer schon poli­tisch sind
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Nicht nur, aber insbe­son­dere im Bereich der Rassis­mus­kritik scheinen wir bestimmte Diskus­sionen immer wieder zu führen, scheinen außer Stande zu sein, an bestehendes Wissen anzu­schließen, weil wir dieses allzu häufig nicht entspre­chend tradieren bzw. aktiv „ent_innern“. Beson­ders deut­lich wird dies anhand der stetig wieder­keh­renden Debatten rund um diskri­mi­nie­rende Sprache in Kinder­buch­klas­si­kern, im Rahmen derer „wir“ (im Sinne der weißgeprägten Mehr­heits­ge­sell­schaft und der Massen­me­dien) immer wieder von Neuem dieselben grund­le­genden Fragen über die Grenzen des Sagbaren zu stellen scheinen, anstatt auf bereits formu­lierte Über­le­gungen aufzu­bauen. Daher sollen in diesem Beitrag auch nicht erneut die müßige (weil bereits viel­fach aufge­wor­fene, disku­tierte und beant­wor­tete) Frage, wie wir mit rassis­ti­schen Bezeich­nungen und Narra­tiven in Kinder­bü­chern umgehen sollen, gestellt und die verschie­denen Posi­tionen durch­ex­er­ziert werden. Viel­mehr soll danach gefragt werden, was wir womög­lich über­sehen, wenn wir in erster Linie über die „Tilgung“ von – verharm­lo­send als „schlimme Wörter“ bezeich­neten – gewalt­vollen Begriffen spre­chen, nicht aber über die Repro­duk­tion kolo­nia­lis­ti­scher und rassis­ti­scher Struk­turen in den Büchern, über die wir reden – und im weiteren Sinne inner­halb des Hand­lungs­sys­tems, in dem wir uns als Akteur:innen bewegen.

„künst­le­ri­sche frei­heit / alle worte in den mund nehmen / egal wo sie herkommen / und sie überall fallen lassen / ganz gleich wen es / trifft“ (May Ayim)

In regel­mä­ßigen Abständen wurden im deutsch­spra­chigen Raum Debatten über diskri­mi­nie­rende Sprache in Kinder­bü­chern geführt. Außer Acht gelassen wird in dem weit­ge­hend von weißen Stimmen domi­nierten Diskurs dabei oft, dass Schwarze Denker:innen wie etwa May Ayim bereits vor Jahr­zehnten auf rassis­ti­sche Sprach­ver­wen­dung in Kinder­buch­klas­si­kern einge­gangen sind. In dem von ihr, Katha­rina Ogun­toye und Dagmar Schulz 1986 heraus­ge­ge­benen Buch „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ – das als Stan­dard­werk der afro­deut­schen Bewe­gung gilt und bis heute eine zentrale Rolle im Bereich der Rassis­mus­kritik und den Black Studies im deutsch­spra­chigen Raum einnimmt –, hat die afro­deut­sche Autorin, Spoken-Word-Künstlerin und Forscherin analy­siert, inwie­fern viele bekannte Kinder­lieder und -bücher „Kolo­ni­al­kli­schees, offenen und subtilen Rassismus“ repro­du­zieren.

In der breiten deutsch­spra­chigen Öffent­lich­keit hingegen fand eine – teils hitzig geführte und medi­en­wirksam aufbe­rei­tete – Diskus­sion rassis­ti­scher Sprache in Kinder­buch­klas­si­kern erst um das Jahr 2013 anläss­lich der Neuaus­gabe von Otfried Preuß­lers Die kleine Hexe statt, in der im Origi­nal­text vorkom­mende Begriffe wie das N-Wort durch neutra­lere Begriffe ersetzt wurden. Neben einer Reihe von – mal mehr, mal weniger fundierten – jour­na­lis­ti­schen Beiträgen zur Debatte setzte man sich schließ­lich auch in der insti­tu­tio­na­li­sierten germa­nis­ti­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft bzw. -didaktik mit dem Thema ausein­ander. 2015 erschien etwa ein von Heidi Hahn, Beate Lauden­berg und Heidi Rösch heraus­ge­ge­bener Band mit dem Titel ‚Wörter raus!?‘ Zur Debatte um eine diskri­mi­nie­rungs­freie Sprache im Kinder­buch, der viel­fäl­tige Stimmen zum Thema und durchaus auch einander wider­spre­chende Posi­tionen versammelte.

2020 wurde die Debatte anläss­lich der welt­weiten Proteste gegen Poli­zei­ge­walt und Rassismen, infolge derer sich auch Medien, Veranstalter:innen und nicht zuletzt Verlage vermehrt rassis­mus­kri­ti­scher Diskurse bedienten bzw. versuchten, sich in anti-rassistische Diskurse einzu­ordnen, schließ­lich aber­mals aufge­rollt. Nicht nur in den Massen­me­dien wurden dabei „neue Refle­xionen im Bereich der Kinder­li­te­ratur entworfen“. Darauf aufbauend betont Joseph Kebe-Nguema, dass die Entfer­nung rassis­ti­scher Begriffe aus Texten wie Pippi Lang­strumpf oder Jim Knopf wenig an deren diskri­mi­nie­renden Narra­tiven ändere, sondern viel­mehr deren kolo­nia­lis­ti­sche Diskurse verschleiere. Dabei plädiert er für eine kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit dem kultur­ge­schicht­li­chen Kontext der Erzäh­lungen und mit den jewei­ligen national-historischen Verhält­nissen zu Rassismus und Rassifizierung.

Histo­risch kriti­sche Ausgaben kinder­li­te­ra­ri­scher Klas­siker, die auch aus post­ko­lo­nialer Perspek­tive ansetzen, gibt es im deutsch­spra­chigen Raum dennoch bislang keine. Dafür fand im November 2021 etwa die vom Arbeits­kreis für Jugend­li­te­ratur orga­ni­sierte Tagung „Cancel Lite­ra­ture“ statt, in der das Verhältnis zwischen Kinder- und Jugend­li­te­ratur und soge­nannter „Poli­tical Correct­ness“ sowie „Cancel Culture“ reflek­tiert wurde und bei der auch nicht-weiße Autor:innen und Forscher:innen wie Chantal-Fleur Sandjon, Andrea Karimé oder Joseph Kebe-Nguema spra­chen. Was in Kebe-Nguemas kriti­schem Kommentar zur Tagung dennoch deut­lich wird, ist die nach wie vor zu weiten Teilen fehlende Ausein­an­der­set­zung mit dem auch den (Kinder- und Jugend-)Literaturbetrieb domi­nie­renden Weiß­sein als „entnannter“, d. h. unsichtbar gemachter, Norm. Mit Blick auf den von ihm gelei­teten Work­shop berichtet Kebe-Nguema: „Als ich alle Betei­ligten – meine Gruppe bestand ausschließ­lich aus weiß­deut­schen Personen – fragte, ab wann sie damit begonnen hatten, sich mit dem eigenen Weiß­sein ausein­an­der­zu­setzen, stellte ich fest, dass dies für sie noch nie Thema war“. Er schluss­fol­gert schließ­lich poin­tiert: „Wie kann man sich anmaßen, zu bestimmen, wie rassis­tisch diskri­mi­nierte Personen mit nega­tiven Fremd­dar­stel­lungen umgehen sollen, wenn man sich nicht einmal bewusst ist, was es bedeutet in diesem Deutsch­land Wei ß gelesen zu werden?“

Die drei Ps (Personal, Programm, Publikum) sind die entschei­denden Stellen, an denen im Kultur­be­trieb gesell­schaft­li­cher Wandel ermög­licht oder blockiert werden kann. (Philipp Khabo Koep­sell)

Tatsäch­lich haben bereits Künstler:innen wie Philipp Khabo Koep­sell, Chantal-Fleur Sandjon, Sharon Dodua Otoo oder Stefanie-Lahya Aukongo bei der „Ersten Indaba Schwarzer Kultur­schaf­fender in Deutsch­land“ – einem zwei­tä­gigen Vernet­zungs­treffen, das anläss­lich des 130. Jahres­tages der Berliner Kongo Konfe­renz 2015 am Berliner Theater Ball­haus Nauny­straße statt­fand und unter der Heraus­gabe von Philipp Khabo Koep­sell in einer selbst­ver­legten Publi­ka­tion schrift­lich doku­men­tiert wurde – aufge­zeigt, dass Schwarze Menschen und Menschen of Colour häufig weder als poten­ti­elle Konsument:innen noch als signi­fi­kante Produzent:innen von Lite­ratur wahr­ge­nommen werden:

„Die (meist weißen) Entschei­dungs­träger haben bis dato fast ausschließ­lich ein weißes Ziel­pu­blikum defi­niert. Dies ist keine bewusste Entschei­dung, sondern viel­mehr das Ausblenden der demo­gra­phi­schen Dynamik und der inhä­rente Trug­schluss, Menschen mit soge­nanntem Migra­ti­ons­hin­ter­grund (hier sind meist nicht-weiße Menschen gemeint) hätten weder Inter­esse an Kultur noch seien sie ein ernst­zu­neh­mender kultur­pro­du­zie­renden [sic] Faktor. Dementspre­chend orien­tieren sich auch Form, Inhalt und Entwick­lung kultu­reller Produk­tionen am Para­digma einer weißen Mehrheitsgesellschaft.“

Wie diese Annahmen das Schaffen Schwarzer Künstler:innen prägen, einschränken und oft sogar verhin­dern, zeigen die Teilnehmer:innen der Indaba auf (das Wort stammt aus dem südafri­ka­ni­schen isiZulu und bedeutet Zusam­men­kunft, Versamm­lung oder Konfe­renz, aber auch Sach­ver­halt, Ange­le­gen­heit, Affäre), und zwar aus ihren Erfah­rungen mit Gatekeeper:innen an Kultur­in­sti­tu­tionen und Entscheidungsträger:innen in der Kultur­po­litik heraus. Diese machen deut­lich, dass sowohl Autor:innen als auch Leser:innen auf dem deutsch­spra­chigen Lite­ra­tur­markt nach wie vor vorwie­gend als weiß imagi­niert werden – und sich auch die Infra­struk­turen inner­halb des Lite­ra­tur­be­triebs an diesen Imagi­na­tionen ausrichten, bestimmten Akteur:innen Räume und Wege eröffnen, während sie anderen diese verschließen, und so bestehende Macht­ver­hält­nisse festigen.

Mit Blick auf die Kinder- und Jugend­li­te­ratur hat Élodie Malanda in einem Beitrag kürz­lich gezeigt, inwie­fern Texte von Schwarzen Autor:innen auf dem deutsch­spra­chigen Buch­markt inner­halb dieser etablierten Struk­turen auf mehr­fache Weise margi­na­li­siert werden. Zu den Mino­ri­sie­rung­pro­zessen, denen Schwarze Kinder- und Jugendbuchautor:innen und ihre Texte unter­worfen sind, gehört dabei nicht nur die Erzäh­lung, dass es sich bei ihren Publi­ka­tionen um Nischen­pro­dukte handele, sondern auch die Annahme, dass die Ausein­an­der­set­zung mit Rassismus, Kolo­nia­lismus und Post­ko­lo­nia­lität „Schwarze“ Themen seien, die nur wenige Leser:innen inter­es­sieren bzw. betreffen würden (sowie die damit zusam­men­hän­gende schon erwähnte Tatsache, dass nicht-weiße Personen oft nicht als poten­ti­elle Rezipient:innen wahr­ge­nommen werden).

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Auch die Debatte rund um rassis­ti­sche Begriffe und Narra­tive in Kinder­buch­klas­si­kern zeugt von dieser weit verbrei­teten Auffas­sung. M. Mustapha Diallo erläu­tert in seinem Beitrag für den Band Wörter raus!? hierzu: „In dieser Hinsicht offen­bart die bedin­gungs­lose Vertei­di­gung der lite­ra­ri­schen Authen­ti­zität nicht nur eine Igno­ranz sprach­li­cher Gewalt, sondern impli­ziert die Empfeh­lung an die Betrof­fenen, die Texte nicht zu lesen.“ Wenn rassis­ti­schen Worten und Erzäh­lungen ihr (re)traumatisierendes Poten­tial abge­spro­chen bzw. dieses ausge­blendet oder verharm­lost wird, werden also jene Personen, die in unserer Gesell­schaft ohnehin bereits margi­na­li­siert werden, als poten­ti­elle Leser:innen weiter ausge­schlossen. Weiß­sein wird dabei aber­mals als Norm repro­du­ziert und weiterhin unsichtbar gemacht. Die Perspek­tive weißer Akteur:innen wird weiterhin zentriert, wenn sie anstelle jener, die von rassis­ti­scher Diskri­mi­nie­rung betroffen sind, die Deutungs­ho­heit darüber bean­spru­chen, was als rassis­tisch gelten darf.

„Sprache […] muss nicht belei­digt die Piazza räumen, sie kann sich auch weiter­ent­wi­ckeln.“ (Leila Essa)

Dem häufig vorge­brachten Vorwurf, dass man sich nur in der Kinder­li­te­ratur anmaßen würde, den „heiligen Gral“ des Origi­nal­textes zu verän­dern (allzu oft werden hier auch Narra­tive der „Zensur“ heran­zi­tiert, die die Repro­duk­tion von Hass­rede mit dem Recht auf Meinungs­frei­heit gleich­setzen), kann ein aktu­elles Gegen­bei­spiel entge­gen­ge­setzt werden: In ihrem Roman Iden­titti (2020) verhan­delt Mithu Sanyal die Prozess­haf­tig­keit und Ambi­va­lenzen von kultu­rellen Iden­ti­täten in einer post­ko­lo­nialen Welt und greift an zwei Stellen auf rassis­ti­sche Begriffe zurück. Wie Leila Essa in einem Beitrag für ZEIT ONLINE schreibt, wurde Sanyal nach Erscheinen der ersten Auflage „von zwei Schwarzen Kolle­ginnen darauf hinge­wiesen, wie sehr die Wieder­gabe rassis­ti­schen Voka­bu­lars an zwei Text­stellen sie aus der Erzäh­lung geschleu­dert habe“. Anstatt sich daraufhin als Opfer einer vermeint­li­chen „Cancel Culture“ zu insze­nieren, änderte Sanyal die Stellen und fand so für die zweite Auflage ihres erfolg­rei­chen Buchs einen Weg, „margi­na­li­sierte Perspek­tiven auf den Text zu prio­ri­sieren“. Die Deutungs­ho­heit darüber, was als verlet­zend und rassis­tisch wahr­ge­nommen wird, über­lässt Sanyal dabei jenen Menschen, die von dem von ihr repro­du­zierten Begriff fremd­be­zeichnet werden – und wendet sich dabei zugleich gegen etablierte Vorstel­lungen vom lite­ra­ri­schen Text als ein einsam verfasstes, ein für alle Mal abge­schlos­senes Werk.

Darüber hinaus gilt es, mit Magda­lena Kißling fest­zu­halten, dass eine post­ko­lo­niale Lesart nicht nur in Bezug auf jene Texte ange­bracht ist, in welchen rassis­ti­sche Sprache und Stereo­type explizit verhan­delt werden. Viel­mehr muss auch die (Re-)Produktion von „weißer Norma­lität“ gerade in Büchern, die sich scheinbar nicht mit Rassi­fi­zie­rung und Rassismus beschäf­tigen, kritisch hinter­fragt werden. Denn wie Chris­tine Lötscher auf GdG mit Blick auf die Diskus­sionen rund um Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“ formu­liert hat, ist „[d]ie Frage, wie poli­tisch Lite­ratur sein muss oder darf, […] falsch gestellt. Sie ist immer schon politisch.“

In diesem Sinne ist auch die im Rahmen der Debatte über rassis­ti­sche Sprach­ver­wen­dung in Kinder­buch­klas­si­kern häufig formu­lierte Frage, wie poli­tisch Lite­ra­tur­ver­mitt­lung und Lektüre denn sein „dürfen“, müssen oder sollen, als falsch gestellt zu betrachten. Beide sind immer schon poli­tisch. Auch bzw. gerade das Ausblenden und das Nicht-Thematisieren rassi­fi­zie­render Struk­turen (Antje Lann Horn­scheidt und Adibeli Nduka-Agwu haben dafür den Begriff der „Entnen­nung“ geprägt) sind poli­ti­sche Entschei­dungen – und ein Privileg einer weißen Mehr­heits­ge­sell­schaft, die bisweilen sowohl die Produktions- als auch die Deutungs­ho­heit über Lite­ratur bean­sprucht. Es ist lange über­fällig, anderen, bisher weit­ge­hend benach­tei­ligten Stimmen – sowohl im Bereich der Lite­ratur als auch in Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und -kritik – eine größere Bühne zu bieten und Räume und Struk­turen zu schaffen, die einen gesell­schaft­li­chen Wandel auch mit Blick auf die Produk­tion und Rezep­tion von Kinderliteratur(-Klassikern) ermöglichen.

Dieser Beitrag ist erst­mals in der öster­rei­chi­schen Fach­zeit­schrift „1001 Buch“ erschienen: In der aktu­ellen Ausgabe des Maga­zins für Kinder- und Jugend­li­te­ratur „Alt, aber gut. Alt, aber gut?“ dreht sich alles um die Klas­siker der Kinderliteratur. 

Der Artikel wurde für „Geschichte der Gegen­wart“ gekürzt und leicht bearbeitet.