Politischer Protest im popkulturellen Mainstream – der Rapper Kendrick Lamar nutzte die Halftime Show des diesjährigen Super Bowl für einen sneak diss gegen Trump.

  • Katharina Gerund

    Katharina Gerund ist Professorin für Amerikanische Literatur und Kultur am Englischen Seminar der Universität Zürich. Sie forscht insbesondere zu US-amerikanischer Populärkultur, zu Gender und Race im transatlantischen Kontext sowie zu Militärkultur und Militarisierung.
  • Hana Vrdoljak

    Hana Vrdoljak promoviert und lehrt am Englischen Seminar der Universität Zürich. In ihrer Dissertation befasst sie sich mit verschiedenen Formen des Sentimentalen in der US-amerikanischen Hip-Hop-Kultur.

Der Super Bowl ist ein globales Medi­en­event und in den USA tradi­tio­nell das größte Fern­seh­ereignis des Jahres. Auch die Halbzeit-Show, bei der Super­stars wie Prince, Bruce Springsteen, Madonna, Lady Gaga oder Usher auftreten und die seit 2020 von Jay-Z produ­ziert wird, ist eine kultu­relle Insti­tu­tion und wird von ähnlich großer öffent­li­cher Aufmerk­sam­keit begleitet wie das National Foot­ball League (NFL)-Finale selbst. Nicht erst seit den Black Lives Matter-Protesten um Colin Kaeper­nick, den dama­ligen Quar­ter­back der San Fran­cisco 49ers, ist das Football-Stadion auch ein poli­ti­sierter Raum. Kaeper­nick kniete 2016 während der Natio­nal­hymne nieder, um gegen Rassismus zu protes­tieren, und seine Kollegen soli­da­ri­sierten sich. Donald Trump rief damals dazu auf, ihn und die Foot­ball­spieler, die ihn unter­stützten, zu entlassen. 

Donald Trump und Kendrick Lamar beim Superbowl

Mit Trump war dieses Jahr erst­mals ein amtie­render US-Präsident unter den Zuschau­enden im Stadion. Seit 2021 war die anti­ras­sis­ti­sche Botschaft „End Racism“ – als Reak­tion auf die Ermor­dung George Floyds – auch auf dem Spiel­feld des Super Bowls sichtbar. Dieses Jahr wurde sie in Anti­zi­pa­tion von Trumps Besuch in voraus­ei­lendem Gehorsam durch „Choose Love“ ersetzt. Der Battle zwischen Trumps Anti-DEI-Politik und dem (symbo­li­schen) anti-rassistischen Enga­ge­ment in der NFL schien damit bereits vor Spiel­be­ginn ein Stück weit entschieden. Doch dann kam nicht nur Jon Batiste und performte die Natio­nal­hymne u.a. mit einer drei­fa­chen Wieder­ho­lung der Phrase „land of the free“, sondern es folgte in der Halb­zeit­pause Kendrick Lamar mit einer gera­dezu histo­ri­schen Einlage. Der Rapper nutzte die Bühne des Super Bowl LIX für popu­lär­kul­tu­rellen Protest, der sich an der Form des Battle-Rap orien­tierte – verpackt in ambi­va­lenten Inter­pre­ta­ti­ons­an­ge­boten und patrio­ti­scher Symbolik. 

Erst einmal zuvor – im Jahr 2022 – wurde Hip-Hop mit einer kollek­tiven, von Nost­algie getra­genen Perfor­mance namhafter Rap-Größen bei dem Mega-Event präsen­tiert: Der Auftritt von Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige und Kendrick Lamar beim Super Bowl LVI markierte, dass das popu­läre Musik­genre endgültig im ameri­ka­ni­schen Main­stream ange­kommen war. Lamar reprä­sen­tierte schon hier die Zukunft des Hip-Hop und eine neue Gene­ra­tion. Mit seinen sozi­al­kri­ti­schen Texten bekam er 2018 als erster Rap-Musiker den Pulit­zer­preis und machte sich als öffent­li­cher Intel­lek­tu­eller einen Namen. 2025 nahm er sich nun dem Format der Halftime Show an, das neben einem „Best-of“ der erfolg­reichsten Songs typi­scher­weise auch eine spek­ta­ku­läre Bühnen­show, (Überraschungs-)Gäste sowie patrio­ti­sche Symbolik und, aller­dings eher selten, starke poli­ti­sche Botschaften beinhaltet. Ausnahmen waren z.B. der Auftritt von Lady Gaga, der als „queer mile­stone“ gilt oder die Perfor­mance von Shakira und Jennifer Lopez, bei der die puerto-ricanische Flagge gezeigt wurde. Die Geschichte des Hip-Hop hingegen ist ohne Protest und Wider­stand sowie eine oft explizit sozi­al­kri­ti­sche Dimen­sion nicht zu denken. Kendrick Lamars „Alright“ (2015) etwa avan­cierte zu einer Protest­hymne der Black Lives Matter-Bewegung. 

Lamars Seiten­hiebe in der ersten Amts­zeit: „Donald Trump is a chump“

Lamars mehr­fach ausge­zeich­netes Oeuvre umfasst ein breites thema­ti­sches Spek­trum, das sich mit afro­ame­ri­ka­ni­schen Lebens­welten ausein­an­der­setzt und oft auto­bio­gra­fi­sche Züge aufweist. Obgleich seine gesamte Disko­grafie als conscious rap – also als poli­tisch „wache“ Rapmusik – bezeichnet werden kann, lassen sich in seinem Werk struk­tu­relle Verän­de­rungen fest­stellen. Das über­ra­schend veröf­fent­lichte Album GNX (2024) hat, anders als seine Vorgänger, kein elabo­riertes Storytelling-Konzept. Bereits während Trumps erster Amts­zeit hatte sich Lamar von dem expe­ri­men­tellen und abstrakten Charakter früherer Werke ein Stück weit verab­schiedet und teilte in seinen Texten gezielte Seiten­hiebe auf den Präsi­denten aus (z.B. „Donald Trump is a chump,“ The Heart Part 4, 2017). Auf DAMN. (2017) domi­nieren vergleichs­weise eingän­gige Beats und die Kritik an Trump und seiner MAGA-Bewegung nimmt noch mehr Raum ein. In „LUST.“ wird ein deut­li­cher Bezug zu Trumps erstem Wahl­sieg herge­stellt („We all woke up, tryna tune to the daily news / Looking for confir­ma­tion, hoping elec­tion wasn’t true“) und in „DNA.“ konfron­tiert Lamar im Modus des Battle-Rap die konser­va­tiven Pundits der Fox News Talk­runde „The Five“. Diese hatten einen seiner polizei- und rassis­mus­kri­ti­schen Live-Auftritte ins Visier genommen und dabei auch die Hip-Hop-Kultur allge­mein diffa­miert. Ein Sound­bite aus der Sendung, in der Geraldo Rivera behaup­tete, Rapmusik habe der Schwarzen Jugend in den letzten Jahren mehr geschadet als Rassismus, wird als Sample aufge­griffen und Lamars Antwort ist unmiss­ver­ständ­lich: „You mother­fu­ckers can’t tell me nothin’“. Die sorg­fältig kura­tierte Song­aus­wahl der Halftime Show, die auf einige andere große Hits verzich­tete, beinhal­tete einen Ausschnitt aus „DNA.“, zwar ohne den Einspieler, aber deswegen – insbe­son­dere in Anwe­sen­heit des amtie­renden Präsi­denten – nicht mit weniger poli­ti­scher Schlagkraft.

Den viralen Hit „Not Like Us“ (2024), der sich gegen den kana­di­schen Rapkünstler Drake richtet, gab Lamar eben­falls zum Besten, nachdem im Vorfeld viel disku­tiert worden war, ob er diesen kontro­versen Titel über­haupt spielen würde. Der vorder­grün­dige Beef mit Drake diente nicht nur als probates Mittel der Aufmerk­sam­keits­len­kung, sondern fungierte auch als Cover für Lamars popu­lär­kul­tu­rellen Protest gegen Trumps Politik. Der mit fünf Grammys ausge­zeich­nete Diss-Track ist Teil einer bis 2013 zurück­rei­chenden Fehde zwischen den beiden Rappern, die im Früh­jahr 2024 so eska­lierte, dass sie über den Hip-Hop-Kosmos hinaus große Aufmerk­sam­keit auf sich zog und Drake im Januar 2025 recht­liche Schritte gegen die Universal Music Group (das Label seines Rivalen, bei dem auch er unter Vertrag steht) einlei­tete. Lamar spielte während seines Auftritts mit den Erwar­tungen seines Publi­kums, beispiels­weise durch kürzere Beat- und Text­pas­sagen seiner Anti-Drake-Tracks oder in Form einer Call-and-Response-Interaktion mit den Tänze­rinnen: „I wanna perform their favo­rite song, but you know they love to sue…“ – „What song?“ – „Yeah, that song.“ Als er „Not Like Us“ letzt­lich – begleitet von einem diabo­li­schen Lächeln, das prompt zum popu­lären Meme wurde – performte und dazu noch mit Tennis­le­gende Serena Williams eine Ex-Freundin von Drake auf der Bühne tanzte, schien der Höhe­punkt seiner Darbie­tung erreicht. Drake war aber eben nicht Kendrick Lamars einziger Gegner an diesem Abend: Im Grunde lässt sich seine Halftime Show als ein rund 13-minütiger „sneak diss“ lesen, der sich gegen den Präsi­denten und seine poli­ti­sche Agenda richtete.

Lamars ,versteckter‘ Diss gegen Trumps Amerika

„You’ve picked the right time, but the wrong guy,“ verkündet Lamar direkt nach seiner ersten Rap-Einlage. Zuvor hatte Samuel L. Jackson als Uncle Sam das „great American game“ ange­kün­digt – was sich auf das Medi­en­spek­takel des Super Bowl beziehen lässt, abstrakter aber auch auf das kapi­ta­lis­ti­sche und poli­ti­sche System der USA. Die ikoni­sche Perso­ni­fi­zie­rung der USA, die bereits in früheren Songs und Videos von Lamar auftaucht, kommen­tiert das Bühnen­ge­schehen im Laufe der Show aus der Perspek­tive eines Weißen Main­streams. Jack­sons Perfor­mance spielt u.a. auf Spike Lees Medi­en­sa­tire Bamboozled (2000) an, die imagi­nierte, wie die rassis­ti­sche Tradi­tion der Minstrel-Show ins Fern­seh­zeit­alter gebracht wird – ein Vorhaben, das im Film ein tragi­sches und gewalt­volles Ende nimmt. Medi­en­kritik zieht sich durch die gesamte Halftime Show, zu deren Beginn Gil Scott-Herons Song „The Revo­lu­tion Will Not Be Tele­vised“ (1971) refe­ren­ziert wird, der zum Slogan des Schwarzen Befrei­ungs­kampfes wurde, und an deren Ende Lamar mit „TV Off“ (2024) das Publikum auffor­dert, den Fern­seher abzu­schalten. Sie zeigt sich zudem in der Video­spiel­logik des Auftritts, der mit einem in den Publi­kums­reihen aufschei­nenden „Start Here“ beginnt, auf der Bühne die Elemente eines Control­lers zeigt und mit „Game Over“ endet. 

Nachdem Uncle Sam Lamar provo­kativ von der Seiten­linie fragt, ob er über­haupt wisse, wie man das Spiel spielt (er sei bisher „too loud, too ghetto“), formen die Tanzenden in rot, weiß und blau die ameri­ka­ni­sche Flagge mit dem Künstler in der Mitte. Er posi­tio­niert sich hier glei­cher­maßen im Zentrum der Nation und markiert deren Teilung. Die Tanzenden sind einer­seits einheit­lich gekleidet – in Kostümen, die sowohl Asso­zia­tionen zu der südko­rea­ni­schen Erfolgs­serie Squid Game (2021-) als auch zu Jordan Peeles Horror­film US (2019) wecken und damit die kapitalismus- und rassis­mus­kri­ti­sche Linie der Show unter­malen. Ande­rer­seits verweisen die unter­schied­li­chen Kopf- und Gesichts­be­de­ckungen auf Diver­sität. Damit wird das natio­nale Motto der USA „E pluribus unum“ evoziert, das hier jedoch auf seine Ausschlüsse und Gleich­heits­de­fi­zite hin hinter­fragt wird. So etwa dadurch, dass die Tanzenden in der Flag­gen­for­ma­tion als Protest­geste die Faust in die Luft recken und damit den schwarzen Befrei­ungs­kampf von Black Power bis zu Black Lives Matter aufrufen.

Im Lead-Up zu „Not Like Us“ adres­siert Lamar explizit die „cultural divide“ in den USA und, mit „40 acres and a mule“ (die den ehemals Versklavten nach dem Bürger­krieg in Aussicht gestellt wurden), nicht nur die lange Geschichte des syste­mi­schen Rassismus, sondern auch Spike Lees Produk­ti­ons­firma glei­chen Namens. Durch die Figur des Uncle Sam werden in der Show weiße Erwar­tungs­hal­tungen, die kultu­relle Anpas­sung einfor­dern und von stereo­typen Vorstel­lungen Schwarzer Kultur geprägt sind, thema­ti­siert: Bei der Perfor­mance von „DNA.“ wird „Warning Wrong Way“ einge­blendet. Als Lamar dagegen gemeinsam mit SZA „All the Stars“ anklingen lässt, einen eingän­gigen Song, der auf dem Sound­track des Marvel-Erfolgsfilms Black Panther (2018) zu finden ist, sagt Uncle Sam: „that’s what America wants“. Kendrick Lamars Auftritt ist hoch­po­li­tisch, medi­en­kri­tisch und in der Auswahl der Songs unan­ge­passt. Er bricht stra­te­gisch mit einigen (impli­ziten) Regeln der Halftime Show. 

Nicht nur als Neben­ef­fekt plat­ziert Lamar damit den Battle-Rap im kultu­rellen Main­stream und nutzt diese umstrit­tene Kunst­form als zeit­ge­mäßes Protest­mittel: Auch wenn der US-Präsident, im Gegen­satz zu Drake, während des Auftritts weder nament­lich genannt noch direkt ange­spro­chen wird, ist unmiss­ver­ständ­lich klar, gegen wen sich die zahl­rei­chen verbalen und visu­ellen Punch­lines richten, die sich (mal mehr, mal weniger subtil) mit der aktu­ellen Lage der Nation befassen. Der Beef mit Drake dient einer­seits dazu, den „sneak diss“ auf die USA unter Trump wirkungs­voll zu arti­ku­lieren und wird ande­rer­seits zum popu­lär­kul­tu­rellen Werk­zeug des Widerstands. 

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Letz­teres zeigte sich wohl am eindrück­lichsten daran, dass im Nach­gang des Super Bowls insbe­son­dere auf TikTok zahl­reiche Clips gepostet wurden, in denen Mitglieder benach­tei­ligter Gruppen – darunter Schwarze Menschen, Native Ameri­cans und Latinx-Personen – stolz ihr reiches kultu­relles Erbe zu den Klängen (der Super Bowl Perfor­mance) von „Not Like Us“ präsen­tierten. Mit seinem Auftritt – immerhin die meist­ge­se­hene Halftime Show aller Zeiten – hat Kendrick Lamar vorge­führt, wie poli­ti­scher Protest mit den Mitteln der Popu­lär­kultur, insbe­son­dere des Battle-Rap, im Zeit­alter von Trump aussehen kann.