Der Super Bowl ist ein globales Medienevent und in den USA traditionell das größte Fernsehereignis des Jahres. Auch die Halbzeit-Show, bei der Superstars wie Prince, Bruce Springsteen, Madonna, Lady Gaga oder Usher auftreten und die seit 2020 von Jay-Z produziert wird, ist eine kulturelle Institution und wird von ähnlich großer öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet wie das National Football League (NFL)-Finale selbst. Nicht erst seit den Black Lives Matter-Protesten um Colin Kaepernick, den damaligen Quarterback der San Francisco 49ers, ist das Football-Stadion auch ein politisierter Raum. Kaepernick kniete 2016 während der Nationalhymne nieder, um gegen Rassismus zu protestieren, und seine Kollegen solidarisierten sich. Donald Trump rief damals dazu auf, ihn und die Footballspieler, die ihn unterstützten, zu entlassen.
Donald Trump und Kendrick Lamar beim Superbowl
Mit Trump war dieses Jahr erstmals ein amtierender US-Präsident unter den Zuschauenden im Stadion. Seit 2021 war die antirassistische Botschaft „End Racism“ – als Reaktion auf die Ermordung George Floyds – auch auf dem Spielfeld des Super Bowls sichtbar. Dieses Jahr wurde sie in Antizipation von Trumps Besuch in vorauseilendem Gehorsam durch „Choose Love“ ersetzt. Der Battle zwischen Trumps Anti-DEI-Politik und dem (symbolischen) anti-rassistischen Engagement in der NFL schien damit bereits vor Spielbeginn ein Stück weit entschieden. Doch dann kam nicht nur Jon Batiste und performte die Nationalhymne u.a. mit einer dreifachen Wiederholung der Phrase „land of the free“, sondern es folgte in der Halbzeitpause Kendrick Lamar mit einer geradezu historischen Einlage. Der Rapper nutzte die Bühne des Super Bowl LIX für populärkulturellen Protest, der sich an der Form des Battle-Rap orientierte – verpackt in ambivalenten Interpretationsangeboten und patriotischer Symbolik.
Erst einmal zuvor – im Jahr 2022 – wurde Hip-Hop mit einer kollektiven, von Nostalgie getragenen Performance namhafter Rap-Größen bei dem Mega-Event präsentiert: Der Auftritt von Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige und Kendrick Lamar beim Super Bowl LVI markierte, dass das populäre Musikgenre endgültig im amerikanischen Mainstream angekommen war. Lamar repräsentierte schon hier die Zukunft des Hip-Hop und eine neue Generation. Mit seinen sozialkritischen Texten bekam er 2018 als erster Rap-Musiker den Pulitzerpreis und machte sich als öffentlicher Intellektueller einen Namen. 2025 nahm er sich nun dem Format der Halftime Show an, das neben einem „Best-of“ der erfolgreichsten Songs typischerweise auch eine spektakuläre Bühnenshow, (Überraschungs-)Gäste sowie patriotische Symbolik und, allerdings eher selten, starke politische Botschaften beinhaltet. Ausnahmen waren z.B. der Auftritt von Lady Gaga, der als „queer milestone“ gilt oder die Performance von Shakira und Jennifer Lopez, bei der die puerto-ricanische Flagge gezeigt wurde. Die Geschichte des Hip-Hop hingegen ist ohne Protest und Widerstand sowie eine oft explizit sozialkritische Dimension nicht zu denken. Kendrick Lamars „Alright“ (2015) etwa avancierte zu einer Protesthymne der Black Lives Matter-Bewegung.
Lamars Seitenhiebe in der ersten Amtszeit: „Donald Trump is a chump“
Lamars mehrfach ausgezeichnetes Oeuvre umfasst ein breites thematisches Spektrum, das sich mit afroamerikanischen Lebenswelten auseinandersetzt und oft autobiografische Züge aufweist. Obgleich seine gesamte Diskografie als conscious rap – also als politisch „wache“ Rapmusik – bezeichnet werden kann, lassen sich in seinem Werk strukturelle Veränderungen feststellen. Das überraschend veröffentlichte Album GNX (2024) hat, anders als seine Vorgänger, kein elaboriertes Storytelling-Konzept. Bereits während Trumps erster Amtszeit hatte sich Lamar von dem experimentellen und abstrakten Charakter früherer Werke ein Stück weit verabschiedet und teilte in seinen Texten gezielte Seitenhiebe auf den Präsidenten aus (z.B. „Donald Trump is a chump,“ The Heart Part 4, 2017). Auf DAMN. (2017) dominieren vergleichsweise eingängige Beats und die Kritik an Trump und seiner MAGA-Bewegung nimmt noch mehr Raum ein. In „LUST.“ wird ein deutlicher Bezug zu Trumps erstem Wahlsieg hergestellt („We all woke up, tryna tune to the daily news / Looking for confirmation, hoping election wasn’t true“) und in „DNA.“ konfrontiert Lamar im Modus des Battle-Rap die konservativen Pundits der Fox News Talkrunde „The Five“. Diese hatten einen seiner polizei- und rassismuskritischen Live-Auftritte ins Visier genommen und dabei auch die Hip-Hop-Kultur allgemein diffamiert. Ein Soundbite aus der Sendung, in der Geraldo Rivera behauptete, Rapmusik habe der Schwarzen Jugend in den letzten Jahren mehr geschadet als Rassismus, wird als Sample aufgegriffen und Lamars Antwort ist unmissverständlich: „You motherfuckers can’t tell me nothin’“. Die sorgfältig kuratierte Songauswahl der Halftime Show, die auf einige andere große Hits verzichtete, beinhaltete einen Ausschnitt aus „DNA.“, zwar ohne den Einspieler, aber deswegen – insbesondere in Anwesenheit des amtierenden Präsidenten – nicht mit weniger politischer Schlagkraft.
Den viralen Hit „Not Like Us“ (2024), der sich gegen den kanadischen Rapkünstler Drake richtet, gab Lamar ebenfalls zum Besten, nachdem im Vorfeld viel diskutiert worden war, ob er diesen kontroversen Titel überhaupt spielen würde. Der vordergründige Beef mit Drake diente nicht nur als probates Mittel der Aufmerksamkeitslenkung, sondern fungierte auch als Cover für Lamars populärkulturellen Protest gegen Trumps Politik. Der mit fünf Grammys ausgezeichnete Diss-Track ist Teil einer bis 2013 zurückreichenden Fehde zwischen den beiden Rappern, die im Frühjahr 2024 so eskalierte, dass sie über den Hip-Hop-Kosmos hinaus große Aufmerksamkeit auf sich zog und Drake im Januar 2025 rechtliche Schritte gegen die Universal Music Group (das Label seines Rivalen, bei dem auch er unter Vertrag steht) einleitete. Lamar spielte während seines Auftritts mit den Erwartungen seines Publikums, beispielsweise durch kürzere Beat- und Textpassagen seiner Anti-Drake-Tracks oder in Form einer Call-and-Response-Interaktion mit den Tänzerinnen: „I wanna perform their favorite song, but you know they love to sue…“ – „What song?“ – „Yeah, that song.“ Als er „Not Like Us“ letztlich – begleitet von einem diabolischen Lächeln, das prompt zum populären Meme wurde – performte und dazu noch mit Tennislegende Serena Williams eine Ex-Freundin von Drake auf der Bühne tanzte, schien der Höhepunkt seiner Darbietung erreicht. Drake war aber eben nicht Kendrick Lamars einziger Gegner an diesem Abend: Im Grunde lässt sich seine Halftime Show als ein rund 13-minütiger „sneak diss“ lesen, der sich gegen den Präsidenten und seine politische Agenda richtete.
Lamars ,versteckter‘ Diss gegen Trumps Amerika
„You’ve picked the right time, but the wrong guy,“ verkündet Lamar direkt nach seiner ersten Rap-Einlage. Zuvor hatte Samuel L. Jackson als Uncle Sam das „great American game“ angekündigt – was sich auf das Medienspektakel des Super Bowl beziehen lässt, abstrakter aber auch auf das kapitalistische und politische System der USA. Die ikonische Personifizierung der USA, die bereits in früheren Songs und Videos von Lamar auftaucht, kommentiert das Bühnengeschehen im Laufe der Show aus der Perspektive eines Weißen Mainstreams. Jacksons Performance spielt u.a. auf Spike Lees Mediensatire Bamboozled (2000) an, die imaginierte, wie die rassistische Tradition der Minstrel-Show ins Fernsehzeitalter gebracht wird – ein Vorhaben, das im Film ein tragisches und gewaltvolles Ende nimmt. Medienkritik zieht sich durch die gesamte Halftime Show, zu deren Beginn Gil Scott-Herons Song „The Revolution Will Not Be Televised“ (1971) referenziert wird, der zum Slogan des Schwarzen Befreiungskampfes wurde, und an deren Ende Lamar mit „TV Off“ (2024) das Publikum auffordert, den Fernseher abzuschalten. Sie zeigt sich zudem in der Videospiellogik des Auftritts, der mit einem in den Publikumsreihen aufscheinenden „Start Here“ beginnt, auf der Bühne die Elemente eines Controllers zeigt und mit „Game Over“ endet.
Nachdem Uncle Sam Lamar provokativ von der Seitenlinie fragt, ob er überhaupt wisse, wie man das Spiel spielt (er sei bisher „too loud, too ghetto“), formen die Tanzenden in rot, weiß und blau die amerikanische Flagge mit dem Künstler in der Mitte. Er positioniert sich hier gleichermaßen im Zentrum der Nation und markiert deren Teilung. Die Tanzenden sind einerseits einheitlich gekleidet – in Kostümen, die sowohl Assoziationen zu der südkoreanischen Erfolgsserie Squid Game (2021-) als auch zu Jordan Peeles Horrorfilm US (2019) wecken und damit die kapitalismus- und rassismuskritische Linie der Show untermalen. Andererseits verweisen die unterschiedlichen Kopf- und Gesichtsbedeckungen auf Diversität. Damit wird das nationale Motto der USA „E pluribus unum“ evoziert, das hier jedoch auf seine Ausschlüsse und Gleichheitsdefizite hin hinterfragt wird. So etwa dadurch, dass die Tanzenden in der Flaggenformation als Protestgeste die Faust in die Luft recken und damit den schwarzen Befreiungskampf von Black Power bis zu Black Lives Matter aufrufen.
Im Lead-Up zu „Not Like Us“ adressiert Lamar explizit die „cultural divide“ in den USA und, mit „40 acres and a mule“ (die den ehemals Versklavten nach dem Bürgerkrieg in Aussicht gestellt wurden), nicht nur die lange Geschichte des systemischen Rassismus, sondern auch Spike Lees Produktionsfirma gleichen Namens. Durch die Figur des Uncle Sam werden in der Show weiße Erwartungshaltungen, die kulturelle Anpassung einfordern und von stereotypen Vorstellungen Schwarzer Kultur geprägt sind, thematisiert: Bei der Performance von „DNA.“ wird „Warning Wrong Way“ eingeblendet. Als Lamar dagegen gemeinsam mit SZA „All the Stars“ anklingen lässt, einen eingängigen Song, der auf dem Soundtrack des Marvel-Erfolgsfilms Black Panther (2018) zu finden ist, sagt Uncle Sam: „that’s what America wants“. Kendrick Lamars Auftritt ist hochpolitisch, medienkritisch und in der Auswahl der Songs unangepasst. Er bricht strategisch mit einigen (impliziten) Regeln der Halftime Show.
Nicht nur als Nebeneffekt platziert Lamar damit den Battle-Rap im kulturellen Mainstream und nutzt diese umstrittene Kunstform als zeitgemäßes Protestmittel: Auch wenn der US-Präsident, im Gegensatz zu Drake, während des Auftritts weder namentlich genannt noch direkt angesprochen wird, ist unmissverständlich klar, gegen wen sich die zahlreichen verbalen und visuellen Punchlines richten, die sich (mal mehr, mal weniger subtil) mit der aktuellen Lage der Nation befassen. Der Beef mit Drake dient einerseits dazu, den „sneak diss“ auf die USA unter Trump wirkungsvoll zu artikulieren und wird andererseits zum populärkulturellen Werkzeug des Widerstands.
Letzteres zeigte sich wohl am eindrücklichsten daran, dass im Nachgang des Super Bowls insbesondere auf TikTok zahlreiche Clips gepostet wurden, in denen Mitglieder benachteiligter Gruppen – darunter Schwarze Menschen, Native Americans und Latinx-Personen – stolz ihr reiches kulturelles Erbe zu den Klängen (der Super Bowl Performance) von „Not Like Us“ präsentierten. Mit seinem Auftritt – immerhin die meistgesehene Halftime Show aller Zeiten – hat Kendrick Lamar vorgeführt, wie politischer Protest mit den Mitteln der Populärkultur, insbesondere des Battle-Rap, im Zeitalter von Trump aussehen kann.