Gerd Koenen

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Gerd Koenen ist Historiker und freier Publizist mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, des Weltkommunismus und der Neuen Linken. Im Herbst 2017 erschien von ihm „Die Farbe Rot - Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ im Verlag C.H. Beck, München.

Welches Bild hatte Karl Marx vom Kommu­nismus? Und was hatten seine geschichts­phi­lo­so­phi­schen, sozi­al­theo­re­ti­schen und revo­lu­ti­ons­prak­ti­schen Ideen, und nament­lich das „Mani­fest der Kommu­nis­ti­schen Partei“ von 1848, mit der Geschichte des Kommu­nismus im 20. Jahr­hun­dert zu tun? Waren sie dafür der entschei­dende Ausgangs­punkt und Impuls gewesen? So gut wie alle kriti­schen Gesamt­dar­stel­lungen und Inter­pre­ta­tionen des Kommu­nismus als einer Welt­be­we­gung und Sozi­al­for­ma­tion des 20. Jahr­hun­derts haben das so gesehen – und sind damit den Selbst­be­ru­fungen der kommu­nis­ti­schen Macht­haber in vieler Hinsicht auf den Leim gegangen. So soll dem ameri­ka­ni­schen Russ­land­his­to­riker Martin Malia zufolge die von Marx verkün­dete „Botschaft der sozia­lis­ti­schen Utopie“ die eigent­liche Quelle für das „phan­tas­ti­sche, surreale sowje­ti­sche Aben­teuer“ gewesen sein. Und für den briti­schen Histo­riker Robert Service lagen die Ursprünge der fehl­ge­lau­fenen Geschichte des Kommu­nismus in dem uralten, von Marx revi­ta­li­sierten „Traum der Apoka­lypse, dem das Para­dies folgt“; diese „marxis­ti­sche DNA“ habe auch den Leni­nismus, den Stali­nismus oder den Maoismus geprägt und bestimmt.

Institut für Marxismus-Leni­nismus, Moskau 1931; Quelle: Wikipedia.org

Zitate dieser Art lassen sich beliebig vermehren und sind eine Art nie hinter­fragter Common-Sense. Dabei hat die bloße Vorstel­lung eines fast andert­halb Jahr­hun­derte über­dau­ernden ideo­lo­gisch-poli­ti­schen Konti­nuums namens „Marxismus“, das sich wie ein geschicht­li­ches Wesen oder Unwesen in einer Serie welt­weiter Revo­lu­tionen mate­ria­li­siert haben soll, bevor es 1989 durch einen „Widerruf der Geschichte“ (so der Histo­riker François Furet) sein vorläu­figes oder endgül­tiges Ende gefunden haben soll, etwas entschieden Esote­ri­sches. Die ganze Verle­gen­heit konzen­triert sich in natu­ra­lis­ti­schen, tatsäch­lich aber obsku­ranten Meta­phern wie der einer „marxis­ti­schen DNA“, die wie ein gene­ti­scher Code Sprache, Denken und Handeln der Kommu­nisten aller Länder und Kulturen durch sämt­liche Welt­krisen und Welt­kriege des 20. Jahr­hun­derts hindurch gesteuert haben soll.

Marx war kein „Visionär“

Auch ganz abge­sehen von diesen schiefen Meta­phern stellt sich jedoch vor allem die Frage, wann und wo der studierte Philo­soph, zeit­wei­lige Jour­na­list, poli­ti­sche Agitator und über­ra­gende Ökonom Karl Marx (1818–1883) nament­lich die Vorstel­lung des Kommu­nismus als ein utopi­sches Para­dies eigent­lich entwi­ckelt haben soll. Eher wäre das Para­dies für Marx vermut­lich dem Bild einer Hölle nahe­ge­kommen, so wie Hegel die wieder­keh­renden Träume von einem „Goldenen Zeit­alter“ schon abge­fer­tigt hatte: als bloßes, blödes Hindäm­mern in „idyl­li­scher Geis­tes­armut“ und stumpfer Glück­se­lig­keit – eine wahre Dystopie.

Von posi­tiven Utopien hielt Marx genauso wenig, und aus demselben Grund: Tatsäch­lich waren ja alle lite­ra­ri­schen Utopien der Neuzeit seit Thomas Morus’ „Utopia“ immer Utopien der Still­stel­lung gewesen, die ihren auf entle­gene Inseln verlegten, meist in „kommu­nis­ti­scher“ Güter­ge­mein­schaft lebenden Ideal­ge­sell­schaften den Stachel der Unruhe gezogen hatten. Und das mitten im Zeit­alter der Entde­ckungen und einer bürger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Umwäl­zung, mit deren Hymnus als einer revo­lu­tio­nären Entwick­lungs­dy­namik das „Kommu­nis­ti­sche Mani­fest“ von 1848 ja beginnt.

Tatsäch­lich diente die Kate­gorie des „Kommu­nismus“ Marx nur als kriti­scher Gegen­be­griff zu einer Produk­tions- und Eigen­tums­ord­nung, in der die „Reich­heit der mensch­li­chen Bedürf­nisse“ sich in einer Masse toter Gegen­stände (Waren) mate­ria­li­siert und das arbeits­teilig erar­bei­tete Gesamt­pro­dukt der Masse der Arbei­tenden in der Form des „Kapi­tals“ als eine fremde, über­le­gene Macht wieder gegen­über­tritt – wie der Staat, die Kirche und Gott selbst. Und soweit Marx sich in seinen frühen Notizen auf den Begriff des „Kommu­nismus“ als einer nicht-entfrem­deten, menschen-gemä­ßeren Lebens- und Produk­ti­ons­weise einließ, dann in kate­go­ri­scher Abgren­zung von allem, was er einen „rohen und gedan­ken­losen Kommu­nismus“ nannte – der „auf gewalt­same Weise von Talent etc. abstra­hieren“ müsse und letzt­lich auf „die Rück­kehr zur unna­tür­li­chen Einfach­heit des armen und bedürf­nis­losen Menschen“ hinaus­laufe.

Verei­ni­gungs­par­teitag zur “Sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­partei Deutsch­land”, Gotha 1875; Quelle: thueringer-allgemeine.de

Erst in seiner gleichsam zum internen Gebrauch verfassten „Kritik des Gothaer Programms“ von 1875, der program­ma­ti­schen Grund­lage der erst­mals verei­nigten Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei in Deutsch­land, finden sich einige Andeu­tungen, was „Sozia­lismus“ und „Kommu­nismus“ gemäß Marx positiv bedeuten könnten. Dabei überzog er alle utopi­schen Vorstel­lungen des Programms – dass mit der „Erhe­bung der Arbeits­mittel zum Gemeingut der Gesell­schaft“, und durch die „unver­kürzte Vertei­lung des Arbeits­er­trags“ sich ein Schla­raf­fen­land eröffnen werde – mit ätzendem Spott. Denn von einem sozia­li­sierten Gesamt­pro­dukt müssten, so Marx, eher noch größere und konstan­tere Ausgaben in Allge­mein­auf­gaben und Vorsor­ge­auf­wen­dungen fließen als bisher; nur was übrig­bliebe, könnte indi­vi­duell konsu­miert werden.

Genauso verfehlt erschien ihm die Erwar­tung, eine sozia­lis­ti­sche Gemein­wirt­schaft müsse eine „gerechte“, nämlich weit­ge­hend egali­täre Anglei­chung der Löhne und Gehälter bedeuten. Statt­dessen würde es sich um eine echte Leis­tungs­ge­sell­schaft nach dem Prinzip „Jeder nach seinen Fähig­keiten, jedem nach seiner Leis­tung“ handeln, wie es die bour­geoise Klas­sen­ge­sell­schaft gerade nicht war. In einer zweiten, höheren Stufe, wenn „die Arbeit … selbst das erste Lebens­be­dürfnis geworden“ sei und wenn „mit der allsei­tigen Entwick­lung der Indi­vi­duen auch ihre Produk­tiv­kräfte gewachsen und alle Spring­quellen des genos­sen­schaft­li­chen Reich­tums voller fließen“, mochte man sich auf die Fahne schreiben: „Jeder nach seinen Fähig­keiten, jedem nach seinen Bedürf­nissen!“ Ein Reich der Gleich­heit wäre das aber wieder nicht, im Gegen­teil: Denn dann mussten die unter­schied­li­chen Neigungen, Bedürf­nisse, Fähig­keiten und Lebens­ent­würfe der Indi­vi­duen erst recht zur freien Entfal­tung kommen. Hier wie über­haupt ging es, so Marx, um die „Entwick­lung der vollen Produk­tiv­kräfte der Einzelnen, daher auch der Gesell­schaft“ (in dieser Reihen­folge).

Deshalb bedeu­tete der nach vorn hin weit offene, in keiner Weise vorge­zeich­nete Weg zum „Sozia­lismus“ bzw. „Kommu­nismus“ zunächst einmal „nur“ eines: den Austritt aus der barba­ri­schen, von blanker Notdurft und physi­schem Zwang bestimmten „Vorge­schichte“ der mensch­li­chen Gattung als einem „Reich der Notwen­dig­keit“ – und die Eröff­nung ihrer eigent­li­chen Geschichte als einem „Reich der Frei­heit“, in der die Subjekte ihre Lebens­welt endlich mit Bewusst­sein würden gestalten können. Diese neue, nicht kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft wäre keine Idylle, sondern ein Kosmos noch gar nicht abseh­barer Heraus­for­de­rungen und Konflikte. Marx glaubte nur, dass diese Gegen­sätze und Reibungen, wie sie sich aus den unter­schied­li­chen Ambi­tionen, Tempe­ra­menten, Neigungen oder Meinungen der Einzelnen bzw. der viel­far­bigen, viel­spra­chigen, unter­schied­lich entwi­ckelten Menschen­gruppen ergeben würden, keinen unver­söhn­li­chen („antago­nis­ti­schen“) Charakter mehr besäßen. Sie müssten nicht mehr durch soziale, poli­ti­sche oder mili­tä­ri­sche Zwangs- und Gewalt­mittel entschieden werden, sondern könnten durch freie Über­ein­künfte und demo­kra­ti­sche Verfahren gere­gelt und in viel­sei­tigen Wett­be­werben ausge­tragen werden. In diesen würden sich die höheren Fähig­keiten, klügeren Konzepte, prak­ti­scheren Vorschläge und ästhe­ti­scheren Entwürfe schließ­lich durch­setzen können.

Bei allen wohl­be­grün­deten Einwänden, die sich gegen diese Gesell­schafts- und Geschichts­vor­stel­lung machen lassen: So beson­ders extra­va­gant kommt einem diese betont allge­meine, fast mit einem Bilder­verbot belegte Vorstel­lung vom „Kommu­nismus“ dann auch nicht vor. Vor allem aber hat sie weder in den poli­ti­schen Inter­ven­tionen noch in dem mit Marx’ Namen verbun­denen geschichts­phi­lo­so­phi­schen und sozi­al­theo­re­ti­schen System – dem „Marxismus“ – eine syste­ma­ti­sche oder program­ma­ti­sche Bedeu­tung gefunden. Marx konzen­trierte alle seine Energie auf die „Kritik der poli­ti­schen Ökonomie“ der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­tions- und Lebens­weise; die nur histo­risch tran­si­to­risch sein könne und an ihren urei­genen Wider­sprü­chen schei­tern müsse. Wann und wie, musste offen­bleiben.

Die Schicksale des „Marxismus“…

Der nach Marx’ Tod 1883 von Engels und anderen in eine fass­liche, teil­weise kate­che­ti­sche Form gebrachte „Marxismus“, auch „wissen­schaft­li­cher Sozia­lismus“ genannt (im Unter­schied zu einem bloß utopi­schen oder auch reak­tionär rück­wärts­ge­wandten Sozia­lismus), wurde nach und nach zum theo­re­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Rück­grat des gesamten euro­päi­schen Sozia­lismus. Er war die große, alle sozialen, demo­kra­ti­schen und lebens­kul­tu­rellen Fragen umfas­sende Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung dieses Zeit­al­ters, ohne die wir von einer „modernen“ Gesell­schaft in irgend­einem posi­tiven Sinne viel­leicht gar nicht spre­chen könnten.

Die 1889 gegrün­dete „Sozia­lis­ti­sche Inter­na­tio­nale“ blieb jedoch eine plura­lis­ti­sche Verei­ni­gung, so wie jede ihrer Mitglieds­par­teien es auch war; sie umfasste erklärte Refor­misten ebenso wie Radi­kale verschie­dener Couleur. Dazu gehörten vor allem diverse, vom Anar­chismus und Syndi­ka­lismus beein­flusste Ausleger in Südeu­ropa, von denen einige später im Welt­krieg zu „Faschisten“ mutierten, oder eben eine östliche Sonder­for­ma­tion wie der bolsche­wis­ti­sche Flügel der Russ­län­di­schen Sozi­al­de­mo­kratie.

In Stein gemeis­selt: Palast für Kultur und Wissen­schaft (Pałac Kultury i Nauki), Warschau 1955 (der Name Stalin wurde später wieder entfernt); Quelle: Wikimedia.org

Dessen Gründer und Anführer Lenin hatte in einer Serie freier doktri­närer Adap­tionen das Schlag­wort einer „prole­ta­ri­schen Diktatur“, das Marx im Fieber der nieder­ge­schla­genen 1848er Revo­lu­tion intern gele­gent­lich verwendet und laut Engels in seinem Requiem auf die im Blut erstickte Pariser Commune von 1871 als eine erste „Regie­rung der Arbei­ter­klasse“ implizit gemeint hatte, mit eher blan­quis­ti­schen, aus dem russi­schen Intel­li­gen­zija-Radi­ka­lismus stam­menden Avant­garde-Vorstel­lungen fusio­niert. Lenin erklärte die „Diktatur des Prole­ta­riats“ zum eigent­li­chen Kern eines „revo­lu­tio­nären Marxismus“ und gab ihm eine Ausdeu­tung, die darauf hinaus­lief, dass es eine Arbei­ter­klasse im poli­ti­schen Sinne ohne eine Partei von Berufs­re­vo­lu­tio­nären gar nicht gebe – und also auch keinen Wider­spruch zwischen einer Klassen- und Partei­dik­tatur.

Der Welt­krieg 1914–1918, der die Inter­na­tio­nale zerriss und ihre Frie­dens­re­so­lu­tionen zur Maku­latur machte, gab Lenins extremer, monoman auf die Errin­gung der unge­teilten Macht gerich­teten Politik eine Reali­täts­basis, die sie in den viru­lenten sozialen und poli­ti­schen Konflikten des Russ­län­di­schen Reiches nicht hätte finden können. Seine Losung der Verwand­lung des Welt­kriegs in einen univer­sellen und inter­na­tio­nalen Bürger­krieg trieb ihn bis zum Vorabend der russi­schen Febru­ar­re­vo­lu­tion in eine nahezu totale Isola­tion. Aber nach seiner Rück­kehr im April 1917 brachte ihn gerade diese ziel­stre­bige Intran­si­genz ange­sichts des chao­ti­schen Kollapses des Impe­riums in die Posi­tion eines vermeint­lich konse­quenten Kriegs­geg­ners und Stif­ters einer neuen, eisernen Sozi­al­ord­nung – die er im Feuer eines verhee­renden, mit den Mitteln eines bedin­gungs­losen Terrors geführten Bürger­kriegs auch tatsäch­lich errichten konnte.

Ein inte­graler Teil dieser Usur­pa­tion der Macht war die Umbe­nen­nung seiner Partei in „Kommu­nis­ti­sche Partei Russ­lands“ im März 1918, siebzig Jahre nach dem „Mani­fest“ von 1848 – obwohl auch Lenin bis dahin den Namen und Begriff des „Kommu­nismus“ kaum verwendet hatte. Jetzt erklärte er, dies sei „die wissen­schaft­lich einzig rich­tige Bezeich­nung“ seiner Partei und ihrer Ziele. Gleich­zeitig entstand auf Basis der leni­nis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pien und impro­vi­sierten Sozi­al­dok­trinen eine neue „Kommu­nis­ti­sche Inter­na­tio­nale“, die als eine demo­kra­tisch-zentra­lis­tisch verfasste, bolsche­wis­ti­sche Welt­partei firmierte – in schärfster Abgren­zung zur inter­na­tio­nalen Sozi­al­de­mo­kratie.

…bis nach China

Mao Tse-tung spricht zu Gefolgs­leuten, Jenan 1937; Quelle: elcotidiano.es

So einzig­artig und erfolglos dieses Unter­nehmen war, bildete es doch die Petri­schale, in der die Embryonen und Führer­fi­guren der Kommu­nis­ti­schen Parteien sich ausbil­deten, die am Ende des Zweiten Welt­kriegs zu den Grün­dern eines neuen „sozia­lis­ti­schen Welt­la­gers“ wurden. Einige von ihnen hatten sich, so wie Mao Tse-tung im Feld­lager in Jenan ab 1937/38, ein eigenes theo­re­ti­sches Funda­ment zu zimmern begonnen. Im Marxismus ursprüng­lich weit­ge­hend unbe­lesen, kannte Mao sich als ehema­liger roman­ti­scher Monar­chist und Natio­na­list in der klas­si­schen Lite­ratur seines Landes um so besser aus, aus der er auch als kommu­nis­ti­scher Partei­führer ausgiebig schöpfte.

So haben sich im Programm der bis heute an der Macht befind­li­chen Kommu­nis­ti­schen Partei Chinas Reste eines nomi­nellen Staats­so­zia­lismus ganz explizit mit älteren Gesell­schafts­vor­stel­lungen vermischt, etwa der „Da Tong“, der Großen Gemein­schaft als dem ideellen Flucht­punkt einer konfu­zia­ni­schen Staats­fa­mi­lien-Ideo­logie. Ange­sichts der hyper­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ausrich­tung der heutigen Volks­re­pu­blik auf die Welt­märkte und Devi­sen­er­löse sind diese Programm­er­klä­rungen ideell genauso bedeu­tungslos und steril geworden, wie der doktri­näre Konfu­zia­nismus es einst für den Despo­tismus der chine­si­schen Kaiser gewesen ist. So weit in den obli­ga­to­ri­schen Ideo­lo­gie­schu­lungen immer noch und nun sogar wieder verstärkt die Kate­chismen und Formeln eines doktri­nären „Marxismus“ herun­ter­ge­betet werden müssen, dann nur als reine Diszi­pli­nie­rungs- und Kondi­tio­nie­rungs­in­stru­mente. Um eine Eman­zi­pa­tion der arbei­tenden Menschen geht es dabei am aller­we­nigsten, umso mehr um die Größe und den eisernen Zusam­men­halt der Nation.

Was bleibt?

Ganz jenseits all dieser poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Adap­tionen und Muta­tionen liegt die epochale geis­tige Wirkung des Marx’schen Denk­modus, die sich über viele Etappen und Verzwei­gungen hinweg entfaltet hat, in den intel­lek­tu­ellen Debatten im Westen, weit mehr jeden­falls als im ehemals staat­li­chen Marxismus-Leni­nismus des Ostens. Weder die moderne Sozio­logie und Sozi­al­ge­schichte seit Max Weber noch die Ökonomie seit Schum­peter und Keynes, die sich auf den zeit­ge­nös­si­schen Kapi­ta­lismus als ein globales, dyna­mi­sches, alles umwäl­zendes und ratio­na­li­sie­rendes System einge­lassen haben, wären ohne den Marx’schen Anstoß denkbar gewesen. Der ganze Blick auf die Welt hat sich durch ihn wesent­lich verän­dert. Im Endergebnis, so der Marx-Biograph Francis Wheen, „haben weite Teile des west­li­chen Bürger­tums Marx’sches Gedan­kengut in ihren Ideen­haus­halt aufge­nommen, ohne es je bemerkt zu haben.“

Gerd Koenen

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Gerd Koenen ist Historiker und freier Publizist mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, des Weltkommunismus und der Neuen Linken. Im Herbst 2017 erschien von ihm „Die Farbe Rot - Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ im Verlag C.H. Beck, München.